Indiana Tribüne, Volume 2, Number 52, Indianapolis, Marion County, 7 August 1880 — Page 6
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I n d i a n a T r i b ü n c."
D e s Wcinlvirths Töchtcrlcin. Onginalerzählung von Nich. Bachmann.
(Fortsetzung.) Veralte Meister Spölling war hinaus gegangen. Ihm war sein alterndes Herz weich geworden, und die verzweifelnden Qualen, denen die beiden Liebenden preis gegeben waren, schnitten ihm tief in die Seele. Er hotte sich hinaus in sein Ge schaftslokal geflüchtet und schritt gedanken schwer umher. TiefKewegt reichte er Leni die Hand zum Abschied, als sie, von Mar tin geleitet, den Rückweg zum elterlichen Hause antrat. Ihr Kops glühte heiß und die kalte Abendlust that ihr wohl. Bei -aller Aufregung, welche ihr das Blut ra scher durch die Adern strömen ließ, fühlte sie ihre Glieder schwer und ermüdet. Martin wollte verabredetermaßen sich heute im Schiffhause nicht sehen lassen. Nach einem wehmüthigen Abschied und innigem Druck der Hände trennten sich Martin und Leni am Thore vor Peter Schalffenbergs Äohnung. Es war schon dunkel geworden. Durch die dunstgeschwängerte Atmosphäre hin.durch erschien derMond als ein kaum sicht barer röthlicher Flecken, und kein blinkend Sternchen ließ sich, so viel dasAuge suchen mochte, entdecken. Und in eben so trüber Stimmung, so ganz ohne den geringsten Hoffnungsschimmer an eine beffere Zukunst, schritt Martin durch die finsteren Gaffen langsam nach Hause. Welche Hoffnungen waren ihm in dieser Stadt geworden und welch' bittere Enttäuschun gen, hotte ihm des Schicksals Grausamkeit dafür beschicken ! Höhnisch grinsten ihn die wasserspeienden Drachenköpfe des Marktbrunnens an und das über denselben sich erhebende Standbild des SchutzPatrons, mit seiner ausgestreckten Rechten, schien ihm mit drohender Geberde den UrtheilssvruchLandesverwiesen" noch einmal zuzurufen, der ihm und Leni so ünendlichen Kummer bereitete. Ihm war's so leid und bang, als habe er Leni heute zum letzten Male gesehen; er wußte nicht, warum sich dieser häßliche Gedanke immer von Neuem wieder aufdrängte. Doch seine düstere Ahnung betrog ihn nicht. Als Martin am anderen Morgen seine Habseligleiten ordnete und sein Felleisen packte, trat Meister Spölling herzu und meinte, es nehme einen bösen Anfang mit dem Siege, den sich Herr Steffens errungen zu haben glaube. Leni sei schwer erkrankt, ein schlimmes Fieber habe die Aermste arg gcpackk. Der eben vorübergehende Arzt hatte dies dem alten Meister mitgetheilt. Das sins die Folgen solcher Schurkenstreiche", schloß er mit einem unzufriedenen Kopfschütteln. Martin antioortcte nicht, ein fast trotzig klingendes Gemurmek, ein drohender B'.ick nach jener Richtung, in welcher die Wohnung Steffens' lag, galt dem gefuhlvollenAlten als eine vielsagend? Antwort. Hä:le Martin nur die Mach: gehabt, dem übn ihn verbängtcn Urtheil Trotz zu bieten, damit er Zeit und.Gele genheit gewinnen könnte. Beweise für seine Vermuthungen gegen Shffens auszubrin- . gen ; er war überzeugt, der Mörder seines Glückes, der Urheber von Leni's schwerer Krankheit, er müßte furchtbar büßen, was er verschuldet. So aber blieb ihm nichts übrig, als dem Spruch des Gerichtes zufolge noch heute das Land zu verlaffen, damit die Niedertracht des blaffen Jntriguanten ihre Siege seiern könne. . Knir schend und seinem Unstern grollend, hatte Martin seine Vorbereitungen zur baldigen Abreise getroffen. . Nach einem gemeinsamen Mahle, das heute nach festtaglichem Brauch auf Spöl lings Tafel kam denn der alte Meister roollte den ebenso liebgewonnenen, als schwer geprüften Martin nicht ohne Ab schiedsschmaus von sich gehen laffen wobei manch ernstes, wie auch vertrau!!' ches Wort gewechselt wurde, übergab ihm der Alte das vomGerichte mit demLandesVerweisungsurtheil vermerkte Wanderbuch, welches ein Büttel vom Amte dem Meister zugestellt hakte, mit der Aufforderung, sei ner Pflicht eingedenk zu sein und demAusgewiesenen keinen Aufenthalt in seinem Hause mehr zu gewähren. Der Mahnung de-Gerichts bedarf es nicht", versetzte mürrisch Meister Spölling. und als der Amtsbote fort war, wendete er sich zu Martin; er drückte dem nun bald Scheidenden ein seidenes Beutelchen in die Hand: Da nimm doch einen Reisersennig von
mir aus Deinen Weg, wollte der Allmäch tige, daß Du nimmer zu gehen hättest. Jetzt hilft's nicht, der Mensch muß stets in's Unvermeidliche sich sügen, wer weiß, wie's einmal beffer kommen mag. Be hüt' Dich Gott Laß von Dir hören. Gelt?" fügte er noch hinzu und wehrte Martin ab, ihm zu danken. Wie Vater und Sohn, so verabschiedete sich Martin von seinem alten rechtschaffenen Meister. Noch ein letztes Lebewohl, ein letzter Druck der Hand und dann wanderte der durch Richterspruch fremd gewordene Bursche die Straße hinunter und bog in die wenig aufwärts führende Steingasse ein. Wie ganz anders, als seither, so ernst und unbekannt, schauten die alten, mit ihren Giebeln auf die Straße herabblickenden Ge bäude aus ihn herab. Als ob er sie noch niemals wahrgenommen, und doch waren es die seinem Auge gewöhnten Bilder, die er während seines Aufenthaltes alltäglich gesehen. Martin war vor dem Schiffhause angelangt. Forschend hatte er hinauf nach den Fenstern jenes Zimmers geblickt, in welchem er die treue Leni vermuthete. Fast zögernd trat er in die Flur des alten Ge bäudes. Sollte er, hinein in das Schank zimmer gehen, wo Peter Schaiffenberg weilte? Unsch'üffig blieb er vor der Thüre stehen. Es sei-, murmelte er für sich und einen Moment später stand er dem Sckiffhauswirth gegenüber, der ganz allein imSchoppenstüble war. Mit mürrischem Blick maß ihn der Alte vom Kopfe bis zu den Füßen. Seht da, ich glaubte Euch längst außerhalb der Mauern unserer guten Stadt, was wollt Ihr noch? Solltet Ihr nicht froh sein, daß Euch Herr Steffens laufen ließ? Jetzt treibt JhrEuch noch allerwegen umher? Bei mir gibt's nichts zu holen, und Euren Abschied? Erbarm's der liebe Gott der wird nimmer Leid's", mit diesen Worten in gehässigstemTone ward Martin von Peter Scharffenberg empfangen. Martin schien nicht überrascht zusein; er hatte es anders wohl nicht erwartet. Eure Red'", versetzte er, will ich Euch nicht verargen, ich fürchte aber,, es möchte die Zeit noch kommen, wo Ihr gar anderer Meinung werden, und es Euch doch noch recht Leid's fein wird, nicht nur fo gejpro chen, nein, Meister Scharffenberg, wo es Euch bekümmern dürste, so gehandelt zu haben, als wie Ihr es bis heut an mir und Eurem Kinde meinetwegen gethan. Die Zeit wird's lehren, und braucht's von meiner Seite keines Wortes mehr.. Wenn Ihr aber zu mir sagt: bei mir gibt's nichts zu holen", so meine ich, daß Ihr Meister Scharffenberg, diese Worte zur rechten - Stund' dem vornehmen Herrn Skiffcns in die Ohren rufen möchtet, damit Ihr Euch nicht erst, wenn es zu spät ist. zu beklagen braucht, wie ich ob der mir zugefügten Kränkungen an Ehr' und Leib. Ich wußt's wohl, daß Ihr so reden würdet, ich konnt' mirs sagen, ehe ich zu Euch hereingekommen, und doch ich mochte nicht von hicr fortgehen, ohne Euch mein Lebe wohl gesagt zu haben. Ihr meint zwar, mein Abschied könnte Euch nimmer grämen ; aber Vater Sä alffcnbcrg. glaubt mh's, nicht allen Menschenkindern unter Eurem Dache ist solch ein Sinn deschieden, und einzig dcshalbi komme ich in letzter Stunde noch einmal in Euer Haus". Ei, mir wär's doch weit angenehmer gewesen, Ihr wäret in Eurem ganzen Leben nicht da herein gekommen", fiel Peter Schaiffenberg ärgerlich ein, und unruhig durchmaß er in weiten Schritten das Zimmcr. Was der Vergangenheit angehört, läßt sich nicht ungeschehen machen", erwiderte Martin und mit Wärme fuhr er fort, aber das Vergangene soll in die Zukunft als Führer dienen. Vater Scharffenberg, Ihr fad hart gewesen gegen Eure Tochter und das ist's, u.n was ich Euch bitte, es nicht mehr sein zu wollen. Ich gehe jetzt sort, und nimmer kann.Euch meine Gegenwart den Anlaß bieten. Eurer gutenLeni mag sie der Himmel Euch erhalten Zwang anzuthun zu einem Bunde, der Euch wobl jetzt gesällt, in kurzer Zeit aber schon furchtbar reuen möchte. Schützt Euer Kind, wie's solch ein Kleinod auf dieser Welt verdient. Lebt l.ohl, Meister Scharffenberg, grüßt, wenn's Euch gefällig sein möchte, die gute Leni noch einmal von mir und seid Ihr ein milder Vater, ich bitte Euch darum. Einen Gruß der Ehre Eures Hauses, Frau Kathrine, und nun Adieu !" Martin streckte die Hand entgegen, Peter Scharffenblrg zauderte. Er dälte es am liebsten gesehen, wenn der s.llsame Mensch, der ihm mit so ungeahnter Ncdcgkwandt
heit entgegentrat und zu Herzen sprach, gar nicht gekommen wäre. Der eigenthümliche Klang seiner Worte, die Fürsprache, die er für Leni bei ihm geführt, und zu ei ner Zeit, in welcher ihm doch völlig klar sein mußte, daß er nie mehr auf die Ver-, wirklichung ehemals gehegter Hosfuungen rechnen konnte, der offenherzige Blick und die trotz aller Anfeindung ruhig ernste Haltung des jungen Mannes, die Erinne rung an die schnelle und geschickte Hilfeleistung bei jenem Brande, der sein eigenes Haus in Gesahc brachte, dies Alles wirkte auf den Alten und überwog aus einen Moment seinen langgehegten Groll. , . Fahrt wohl", klang es, doch noch immer etwas barsch, von seinen Lippen und mit strenger Miene schlug er in die dargebotene Rechte. Gott seiDank, daß er hinaus ist", sagte Peter Scharffenberg halblaut vor sich hin, als er Martin am Fenster draußen vorüherziehen sah. Sinnend schritt er im Schankzimmer. auf und ab, dann ging er hinaus und trat unter den gewölbten, mit seinen Wappen verzierten Thürbogen, als müßte er sich überzeugen, ob Martin nicht vielleicht gar noch aus der Gaffe stehen geblieben sei, und Grüße winkend, hinaus nach dem Fenster sehe, an welchem mögii cherweise Frau Kathrine sitzen konnte. Martin war nicht mehr zu sehen. Besriedigt wendete er sich herum und ging die Stiege hinauf. Oben saß Frau Kathrine am Krankenlager ihres einzigen Kindes. Ihr gekümmerter Blick ruhte auf Leni, und als Peter Scharffenberg die Thüre öffnend herein trat, linkte sie ihm leise aufzutreten. Vorsichtig nahte sich der Schiffauswirth und mit einem beobachtenden Blick auf die bewußtlos Schlummernde, sagte er Frau Kathrinen fast unhörbar et'.vas iu's Ohr. Sie nickte nachdenklich, ohne zu ihm auf zuschauen. Nach einem Weilchen entfernte sich der strenge Hausherr wieder und als er die Treppe heruntergekommen, trat Herr Stef scns in's Haus. Nach einem strengen Winter war der Frühling mit seinen Blüthen und frischen Maien in das Land gekommen und r.eube lebt athmeten alle Wesen wieder aus. Die Sonne lächelte aus heit'rem Blau auf die verjüngte Erde nieder, ihre mild warmen Strahlen drängten sich herein durch das halbgeöffnete Fenster, an welchem des Wcinwirths Töchtcrlcin, die sanfte Leni, in einem Lehnstnhl gebettet saß und sich an dem Duste der Maienglöckchen lable, von welchen l,olden Frühlingskindern sie ein Sträußchen vor sich hatte. Wie blaß, ermattet und abgemaaert saß sie da, die noch vor Jahresfrist in jugcndlicherSchönhettsfülle strahlte. Sie hatte schwere Tage überstanden. Erst in der jüngsten Woche war der Arzt der Ueberzeugung geworden, daß nunmehr die Krisis vorüber und eine leise Wendung zur Besserung eingei::en sei. Freilich konnte dies nur langsam vor sich gehen, ttrrn Leni war der Auflösung nahe und Frau Kathrine mehr als einmal der betrübenden Meinung gewesen, daß sie, am Lager der Tochter wachend, die letzten Züge des einzigen theuren Klndes gehört habe. In dieser trüben Zeit hatte Martin aus weiter Ferne mehr als einmal seine Briefe an Meister Spölling gelangen lassen, und sich nach der ihm unrergcßljchen Leni mit herzgewinnender Vertraulichkeit erkundigt. Als der Meister das letzte dieser Schreiben seines braven Gehilsen beantworten wollte, ging er zuvor in's Schiffhaus und desrug sich heimlich bei Frau Kathrine, was er wohl heute über Leni's Befinden sagen könne. Einem leichtfertigen Burschen", schloß Meister Spölling, fiele es gewiß nach sieben Monate schon längst nicht mehr ein, nach einer Jungfer zu fragen, die er frü her einmal gern gehabt. Aber Ihr wißt's doch selber, Frau Scharffenberg, was sür ein kreuzbraver Mensch der Martin ist, und ich glaube es ihm schuldig zu sein, einen rechten Bescheid zu geben". An jenem Tage hatteFrau Kathrine den alten würdigen Meister Spölling ihr schwer bekümmertes Mutterherz ausgeschüttet und ihm erzählt, wie sie gar wohl wiffe, daß an Leni's Siechthum nichts weiter die Schuld. trage, als jene Herzensnei gungen, die nur durch das Dazwischentreten de3 Herrn Steffens zu so sehr unglück lichen geworden seien, daß sie jetzt selber gar noch dem traurigsten Loos, welches jemals einer Mutter begegnen könne, ent gegenzugehen habe. Das ute Kind", weinte FrauKath.rne. glaubt schon selbst nicht mehr auf ein
Aufkommen und erst verganaenen Sonn tag, als das Kirchengeläut' so recht seier lich herübertönte und Leni mit müdem Blick sür sich denken mochte, nicht lange mehr und das Geläut' gilt mir", da sagte sie mit motter Stimme, was ich ihr noch zu Lieb' thun sollt. Wenn Er noch einmal schreibt, daß Ihr wißt, wohin ihn alleweil das Schicksal getrieben, schickt Ihm das goldene Ninglein, das ich in meinem Schmuckkästlein aufgehoben habe, cs ist mit rother Seide umwickelt, und Mütterlein, laßt Ihm meinen letzten Gruß wissen". Frau Kathrine war frcmm und treu und sie hätte sich der Sünde gefürchtet, wenn sie dem todlkranken Töchterlein nicht diesen Wunsch hätte erfüllen sollen. Mit verweintem Aug' und einem schweren Seufzer hatte sie dem Meister Spölling das Ninglein eine sich selbst umwindende Schlange mit gelbem Stein, worin ein kleines Herz gegraben war gegeben. Der alte Spölling erfüllte dann seinen Auftrag und hatte Martin in seinemBriefe bemerkt, daß Leni gewiß schon nicht mehr unter den Lebenden weile, wenn er den letzten Gruß von ihr lesen würde. Wie ganz anders sollte es aber kommen ! Seit jenen kritischen Tagen waren drei Monate in das Meer der Ewigkeit geflos sen und heute erquickte sich Leni an den warmen Strahlen der Sonne und dem Duste der würzigen Frühlingsblumen. Frau Kathrine saß ihr zur Seite, mit liebevollem Lächeln betrachtete sie das blasse Töchterlein. Leni sprach nur wenig, ihre Stimme war noch äußerst matt, aber wo ihre Gedanken weilten, während sie sinnig die kleinen Maienglöckchen betrachtete, konnte sich's die Mutler vielleicht denken ? O gewiß, nur hütete sie sich, die alte Wunde miede? aufzureißen, daß sie ein Wörtchen, welches daran erinnerte, ver lauten lassen sollte. Hatte doch selbst der wohlmeinende Arzt dem Peter Scharffen berg gerathen, zuvörderst noch eine Zeit lang nicht von Herrn Steffens zu reden, wenn Leni es hören könnte, und dieBesuche des Kaufhercn mußten ebenfalls auf Wunsch des Arztes unterbleiben, bis Leni völlig genesen sei. Seit Spölling's letz tem Briefe hatte Martin nichts mehr von sich hören lassen und Frau Kathrine war recht zufrieden, sie hätte es sonst doch vcrheimlichen müssen, wenn sie nicht verantwörtlicher Weise neue kaum beseitigte Ge fahren herauf beschwören wollte. Sagte doch die vorsichtige Mutter lieber eine Un Wahrheit, wie Leni darnach frug, wenn heute das Grabgeläute gelte, welches jetzt vom Kirchlein herüberklang, als daß sie den Namen Steffens ausgesprochen hätte, dessen Vater heute zur ewigen Nuhe bestattet wurde und dem PelerScharffenberg das letzte Geleit gab. Auch die kleine Frä'nzi folgte demSarge. Ihr war der Verstarbene immer freundli-, cher erschienen, als der jungcHerrSteffens, dessen stolzes kaltes Wesen sie stets mit ge. heimem Grauen erfüllte, das dadurch nicht verringert wurde, daß ihr die seltsame Geschichte jenes verhängnißvollen Armbandes nicht unbekannt geblieben, in welcher Martin, ihr Retter aus Todesgefahr, so schmerzliche Erfahrungen gesammelt hatte. .Mit dem heuligen Tage ereignete es sich aber, daß Fränzi Herrn Steffens mit Ab scheu und Entsetzen betrachtete und sie wußte nicht, ob sie vor. Kirchhofe wieder in das vornehme HauS düsteren Schweigens zurückkehren, oder entfliehen, und einen rechtschaffenen Menschen ihr Geheimniß anvertrauen sollte. Durch den Todesfall des alten KaufHerrn hatte Steffens viele Papiere und Briefschaften zu ordnen gehabt und in dem Privatzimmer d.es jungen Herrn gab es nun den durch solche Beschästigung erzeugten Staub und Schmutz zu läubern. Ein Wandschrank, deffen Inhalt meistens aus ausbewahrtenCorrespondenzenbestand, war geräumt worden, und sollte nunmehr einem anderen Zwecke dienen. Fränzi mußte denselben vorher reinfegen. Auf dem obersten Brett fand sie noch einige liegengebliebene und zu einem Packetchen zusammengebundene Briefe, in einem bunten, äußerlich leicht kennbaren Umschlag verwahrt. Sie war allein im Zimmer und somit ihrer NeuqierdeGelegenheit geboten, diese zu befriedigen. Mit leichter Mühe entfernte sie den vielversprechenden Umschlag. Als sie sich getäuscht fand, und schon im Begriffe war, das Packetchen her über auf den Tisch zu legen, entfiel ihr ei ner der eingelegten Briefe. Fränzi hob das Blatt auf. Kaum hatte sie den von sehr leserlicher Hand geschriebenen Bries gelesen, so faltete sie mit zitternder Hand das Papier wieder zusammen. Fränzi
glaubte ein furchtbares Geheimniß entdeckt zu haben, und einen Augenblick stand sie rathloS vor dem Schranke ; dann warf sie das Packetchen wieder an seinen vorigen Platz und ging, die Thüre des Zimmers zu öffnen. Als su sich überzeugt, daß sie von Niemanden, wie sie fürchtete, durch'S Schlüsselloch beobachtet werde, nahm daS Mädchen die liegengebliebenen Briefe zu sich und verbarg diese in ihrer Tasche. Ihr ganzes Sinnen war nun mit dem Gegen stände ihrer Entdeckung beschäftigt, und während sie nun einmal hätte laut ausjubeln mögen, drückte sie den nächstenAugen blick die Last ihres Geheimniffcs, dieFurcht vor Herrn Steffens und die Besorgniß für ihre Zukunst fast zu Boden. Sie trug die Briefe noch bei sich, als sie dem Zuge desGrabgeleites sich angeschlos sen hatte. Wenn Fränzi noch urteilt schieden war, was sie mit ihrem Geheimniß beginnen sollte, so brachten die Worte deS Geistlichen am offenen Grabe ihren bereits in Erwägung gezogenen Entschluß zur Reife. Auf dem Rückwege vom Kirchhofe eilte Fränzi zu Meister Spölling. Fast athemlos langte sie in deffen Wohnung an. Ha stig zog sie die Briefe aus ihrer Tasche hervor, und übergab sie dem verwundert dareinblickenden Alten mit den Worten : Da Meister Spölling lest einmal, doch halt l" unterbrach sie sich schnell und zog die Hand wieder zurück, versprecht mir erst, daß Ihr mich schützen wollt, denn ich fürchte die Rache des Herrn Steffens und ich mag auf keine Stunde mehr in deffen ! Haus zurück. Wunderliches Mädchen", versetzte Met, ster Spölling, ich muß doch erst wiffen, um was es sich handelt". Ei Du mein Gott, um. nichts andres, als um das Armband, Meister, um die Brillanten, die Euer braver Herr Martin, der mich aus dem Feuer geholt, bei Euch vom Armbande des Herrn Steffens gestohlen haben soll; es steht Alles haarklein in den Briefen. Ich wär' doch unglücklich, wenn's n'cht so sein sollte, und ich's nicht richtig aufgefaßt hätte", erwiderte Fränzi hastig, und blickte demMeister fragend in's Glicht. Wenn sich Deine Worte bestätigen, mein Kind, so kannst Du außer Sorge sein. Niemand soll Dir ein Leid zufügen können", beruhigte Spölling das erregte Mädchen, und nahm die Briefe in (Empfang. ' Fränzi suchte aus dem Mienenpiel des Lejeneen die Bestätigung des von ihr Ge sagten zu errathen. Aengstlich harrenden Älickes stand sie vor ihm, ihr Herz klopfte hörbar, dann, als Spölling kopfschüttelnd und mit dumpfer Stimme murmelte : Es ist doch ein infamer, gottvergeffenerBetrü ger". frug Fränzi hastig : Nicht wahr, lieber Meister Spölling, eS ist so. wie. ich Euch sagte?" Ja, meine Tochter. Du hast Dich nicht geint. Schon dieser eine Brief reicht aus, den Schurken, der meinen ehrlichenMartin auf die Folter lieferte, zu entlarven". Spölltng überzeugte sich noch von dem Inhalte der übrigen Briefe, dann legte er alles wieder zusammen, und ließ sich von Fränzi ausführlich die Umstände berichten, unter welchen sie in den Besitz derselb n gelangt war. Du bleibst vorläufig in meiner Beau sung", begann Meister Spölling mit vä terlichem Wohlwollen, nachdem Fränzi Alles erzählt hatte. Man wird Dich heute bei mir nicht suchen, und morgen, je nun, dann werden wi.r wohl sehen, wie sich die Sache ordnen läßt". Die überra schende Bestätigung längst gehegter Ber muthungen regte den alten Spölling au ßerordentlich auf, und er hatte Mühe, sich
die, zunächst einzuleitenden Schritte reiflich zu uoerieaen. Das ehemals Unerklärliche lag nun vor ihm enträthselt. Kein .Zweifel konnte mehr obwalten, der vornehme Herr Slef fens hatte einen ruchtosen Streich began gen, deffen bedauernswerthes Opfer Mar tin geworden war. Aus den, durchFränzr's Übermittelung, jetzt in Spölling's Hände gerathenen Briefen war cs zur Evidenz ersichtlich, daß von Herrn Steffens auf einer Reise wie dieser ja damals auch angegeben in Cöln ein Armband ange kauft worden war. Allein er hatte gegen Hinterlegung des Werthes für diese Ge genstände zwei einander ganz ähnliche Exemplare von denen sich das Eine nur dadurch unterschied, daß an Stelle der vier größt-n Brillanten unächte, diesen aber täuschend ähnliche Steine eingesetzt waren und deshalb einen bedeutend niedrigere:: Preis erzielte unter der Bedingung entnommen, nur ein Armband fest zukaufen und das andere nach der zu Haus stattgefundenen Wahl wieder, heimzuschi cken, wogegen Herrn Steffens der dafür erlegte Preis zurückerstattet werden muß!e. Die äußere .Umhüllung, die Etuis dieser beiden Armbänder, war ohnehin eine ganz gleichmäßige und ein Unterschied darin selbst vom aufmerksamsten Beobachter nicht zu bemerken gewesen. Nur dadurch war es Steffens möglich geworden, den alten Meister Spölling zu täuschen. , (Fortsetzung folgt.)
