Indiana Tribüne, Volume 2, Number 50, Indianapolis, Marion County, 24 July 1880 — Page 6
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I n & i a n a T r i b ü n e."
Des
Wcmlvirths Töchtcrlcin. Originalerzählung von Nich. Bachmann. lFortsetzung.) Hinweg sag ich Euch, Euer gleißender Blick tödtet mich. - Ihr treibt ein frevel baftes Spiel-. Leni bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und sank erschöpst zurück in die Kissen. .Sie redet im Fieber", stich Steffens verlegen hervor und sah mit trauerndem Blick auf Kathrine, die der Jammer über wältigte. Schmerzersüllt faßte sie Leni an den Armen und klagend rief sie aus : Leni, Leni, mein Kind, wie habe ich's um Dich verdient, daß Gott solch schweres Schicksal über uns kommen Mt?" Leni antwortete nicht. Ihr Busen hob sich in tieferErregung und nur ein schmerz Zichcs Stöhnen klang von ihren Lippen Die Enttäuschung hat Leni zu tief er schüttelt. Ich will einenArzt rufen lasien, nahm Steffens das Wort und befahl der bestürzt dastehenden Magd, sogleich einen ihm befreundeten Arzt herbeizuholen. Lab es nur sein", ries Leni bestimmt und ihre Gestalt richtete sich stolz empor. dab ffrau Kathrine betroffen zurückwich. .Herr Steffens", begann Leni mit zu ckenden Mundwinkeln und der Ausdruck ihrerWorte klang so scharf und durchdrin aend. wie ihre Blicke die dunklen unHeim lichen Augen in Steffens blassem Gesicht zu durchbohren schienen. Sie hielt die Hand aus's Herz : Es ist vorüber und ich danke Euch für Eure Besorgnis Aber, noch ein Wort Herr Steffens undJhr werdet mir hoffent lich eine Antwort, wie ich solche wünschen muß, nicht vorenthalten wollen." O tausend Dank für Euer Vertrauen, unendlich geliebte Leni. Fraget was Euch beliebt, ich will mein Herz offenbaren und kein Gedanke fei darin verborgen vor dem Weibe, das ich sterblich liebe, und mehr noch als mein eigenes Leben", versetzte Steffens schmeichelnd und trat ausLeni zu, ihre Hand zu erfaffen. Leni wich zurück und sagte : Wenn ihr mich liebt, so liebt, Herr Steffens, wie Ihr vorgebt und ich Euch nun sagte : von dem Augenbiicke an, wo Ihr mir das Geständnis macht, daß Mar tin unschuldig, daß Ihr nur ein verdam menswerthes Spiel mit dem Unglücklichen getrieben, um ihn zu vernichten, damit Ihr desto sicherer mich für Euch gewinnen möch tet ; wenn ich nur nach solchem Eurem Zu geständniß Euch meiner Gegenliebe verst cherte und dann erklärte. Euer Weib wer V u ... .n.,. C mm irT. i . Cj . h , R lf J UCIl zu IUUUC1I,VCU WU3 UllUiVUJ Ihr auf diese Frage zu antworten V Peter Scharffenberg war unbemerkt in das Zimmer getreten und hatte Lenins Worte mit angehört. Herr Steffens sah betroffen zu Boden, dann, als er Schars senberg erblickte, begann er mit erkünstel tem Lächeln : Lern, fast könnte die verzehrende Gluth meiner Liebe zu Euch mich zum Lügner werden laffen, wie Ihr es wünscht, um mich Eurer Hand zu versichern und somit der glücklichste Mann aus der Erde zu sein. Allein, könntet-Ihr wohl einem so ehrlosen Wicht EuerHerz schenken, der einer solchen Handlung sähig wäre, wie Ihr in einem unglücklichen Wahne für vollendete That fache zu halten geneigt scheint? Und Herr Peter Scharffenberg", suhr Steffens zu diesem gewendet fort, solltet Ihr aus den Worten Eurer Tochter nicht selbst ermeffen können, daß ihr der Sinn berückt wurde von jenem unheilvollen Fremdling, dem Leni allzugeneigtes Ohr geschenkt, indeß sie mich, der Eure Tochter unsäglich liebt, als einen Bösewicht betrachtet, dem sie die Hand zu reichen verspricht, wenn ich mich selbst als ehrlos erklärte." Vater Scharffenberg, kann Leni eine andere Absicht haben, a'.s den Dieb, der mich, der Leni selbst bestohlen, denn für sie ist ja das beraubte Armband bestimmt in Schutz zu nehmen, damit er der gerech ten Strafe entrinnen könnte? Entscheidet selbst, ob ich Euer Haus, wo mir solch ein Schimpf angethan wurde, jemals wieder betreten würde, wenn ich Leni nicht in ties ster Seele liebte, ..ja ohne sie nicht leben möchte, nicht lwen könnte ?" Peter Scharffenberg reichte Herrn Stef fens d:e Hand: Ihr seid ein wackeres Herz und von Eurem Edelsinn hoff ich. daß Ihr durch Geheimhaltung Unbill, die euch jetzt wiedersahren, meinen guten Namen nicht
schändet. Und Du Leni", rief der Alte
in größtem Zorne, sollst wiffen, daß dies
mein unbeugsamer Wille ist, entweder Du wirst das Weib des ehrbaren Herrn Stessens, oder Du bist mein Kind gewesen und meidest al5 eine in SündenVer dorbene das Haus Deines Vaters " Die Stimme Scharffenbergs erbebte bei den letz'en Worten, und als wäre er über sich selbst erschrocken, blickte er scheu auf seine Gattin, die sprachlos die Hände rang. Leni wankte stumm nach einem Sessel erschöpft sank sie zusammen. Ihr Auge blieb thränenleer, starr blickte sie vor sich hin. Eine eisige Bläffe lagerte sich über ihr Antlitz, das der Schmerz durchzuckte. Vater Scharffenberg", nahm Steffens besänstigend das Wort, ich bitt' Euch, übereilt Euch nicht um meinetwillen. Ich bin überzeugt, Leni wird dann, wenn sie gehört, daß der sreche Mensch seine Frevelthat vor Gericht bekannt und den verdienten Lohn im Gefängniß erhält, dak sie dann nur noch mit Erröthen an jenen Unheilvollen denken und dankbar meine, heute noch verschmähte Liebe lohnen wird. Lassen wir Leni jetzt allein, die plötzliche Aufregung hat das weiche Gemüth zu hef tig erschüttert. Die Zeit heilt alleWunden und ich zweifle nicht an meinem Glücke". Steffens ergriff den Alten beim Arme und halb widerwillig folgte Peter Scharf' senberg dem Kaufherrn hinunter in das Schankzimmer. . ' Frau Kathrine weinte leise' über das Unglück, welches sie. mit ihrem einzigen Kinde erleben mußte. Sie wagte nicht. an die Schuld Martins zu glauben, aber sie konnte sich's auch nicht erklären, wie diese Verwickelung gelöst werden sollte, und Steffens' seltsames betroffenes Wesen, das ihr mehr einer Werbung um denVater als der.Tochter scheinen wollte, flößte ihr Bedenken ein. Sie sah sich rathlos in diesen schweren Schicksalsschlägen, dle un verschuldet über sie hereingebrochen. Als sie eine Zeit lang allein waren, erhob sich Leni von ihrem Platze; ermüdet von der Last dieses traurigen Ereignisses sank sie zu Fützen ihrer Mutter auf die Knie und barg ihr Angesicht in den mütterlichen Schooß. Frau Kathrine legte ihre Hand auf die Schulter der Tochter. Leni", sagte sie leis und im traulichen Tone, wie konntest Du nur mit solcher Bcstimmtheit den vornehmen Kaufherrn beschuldigen ? Und was wolltest Du thun, wenn er Dir zu Lied' ein salsches Geständniß gemacht hätte ?" Mutter, könnt Ihr Eurem Kinde, das Euch solchen Kummer macht, vergeben?" frug Leni mit bebender Stimme und ihr Auze sah bittend zur schwer duldenden Mutter empor. .Gott ! Mein Kind, frag' nicht, ob ich vergeben könnt'. Ach Leni, kann denn ein Mutterherz anders, als vergeben?" Mutter," begann Leni wieder und ihre Stimme verrieth die wiederkehrende Beru higng, Euer Wille ist mir heilig und ich will, wenn Martin der Miffethaten überführt wird, dem Wunsch meines Vaters gehorchen. Aber, lieben, Mutter, lieben kann ich diesen Mann nicht. Mit erstorben?n Herzen an seiner Seite stehend, muß ich ihn sürchten, bis ich kalt auf die Bahre gebettet werde. Mutler, wenn aberMar tin unschuldig und das ist er sicherlich. denn sein Herz ist edel und ohne Falsch, - dann werdet Ihr mich nicht mehr zwingen wollen, mich einem Menschen anzuver trauen, der sich durch Schandthaten seinen Weg zu meinem Herzen zu bahnen suchte und durch Betrug die Ehrlichkeit in's Elend zu treiben sich herzlos genug erwie sen". Dann freilich", sagte Frau Kathrine, ,wenn Steffens solch schlimmes Spiel ge trieben, würde Dein Vater zweifelsohne sein Wort zurücknehmen. Aber Leni, glaubst Du an eine Möglichkeit noch, da Meister Spölling selbst sich gegen , Martin geäußert und die Wahrheit der Behaupt ungen Steffens bestätigt hat?" O es ist unmöglich, daß Martin solche Freoelthat an fremdem Eigenthum began gen. Seine Unschuld muß an's Licht der Sonnen kommen", versetzteLeni Zuversicht lich. Dann wird es wieder still, denn die barsche Stimme Peter Scharffenbergs lieb sich vernehmen, und er trat wieder herein in das Zimmer. Unter rohen Scheltreden war Martin nach dem Amte einem alten ehemaligen herrschaftlichen Schlöffe transportir worden. Beim Scheine einerLaterne hatte man ihn in einen ties gelegen Kerker ge bracht. Schaurig hallten die Tritte in dem
alten keuchten Gewölbe wieder, zu welchem hinab der greise Amtskerkermeister mit dem raffelnden Schlüsselbunde folgte und die Thür des dumpfen Kerkers öffnete, in dem sich nichts als ein halbvermoderteö Stroh lager und ein Wasserkrug befand. An den Wänden hingen starke eiserne Ringe, und hie und da rostige Ketten. Kein Lichtstrahl konnte sich Bahn durch die dicken, seuchten Mauern brechen, innerhalb deren düsteren Räumen vielleicht schon un zählige Jammerlaute und Verwünschungen erklungen waren. Bis zum ersten Verhör muß ich Euch schon anschließen", begann der alte Gefangenenwärter, später möget Ihr vielleicht frei umher gehen können". Viel
leicht auch nicht", lachte hämisch einer der Amtsbüttel. Martin antwortete nickt. Er leistete der Aufforderung desKerkermeisters stumm Folge. Vor Grauen schloß Martin die Augen. Die rostigen Ketten raffelten und er sah sich unweit des spärlichen Strohlagers an die Wand gekettet. Die Männer entfernen sich plaudernd, dumpf hallte es in dem Gewölbe, als die Thür krachend zugeschla gen wurde. ElneZeit lang starrte Martin n das undurchdringliche Dunkel, das ihn umfing, und wirr kreuzten sich die Gedan ken in keinem Hirn. Plötzlich fuhr er em por die Ketten hielten ihn zurück und wie aus einemTraum erwachend, erinnerte er sich seiner Lage, deren ganzeVchrecklichkeit ihm jetzt erst klar zum Bewußtsein kam. Wilde Verzweiflung packte ihn furchtbar, und seiner Unschuld bewußt, rief er laut nach Gerechtigkeit. Kein Mensch hörte ihn und nur wie bitterer Hohn erklang das Echo seiner Worte in dem Gewölbe wieder. Das Bewußtsein unter der Erde in ei nem niedrigen Gewölbe unter den Banden der Ketten an die Mauer geschmiedet, von der Außenwelt abgeschlossen, in ewiger Finsterniß lebendig zu sein drückte ihn fast zu Boden. Ihm, der in offener Feld schlacht furchtlos dem Tode in's Auge ge blickt, unzählige Male dem Schrecken der Vernichtung getrotzt, ihm ward entsetzlich zu Muthe. Wüthend zog er seine Fesseln von der Mauer zurück, um im nächsten Augenblicke seiner Ohnmacht noch mehr bewußt zu werden. Furchtbar quälte ihm der Gedanke, daß man ihn des Diebstahls sür sähig gehalten. Er, der sein Alles, das Leben selbst, für Andere leicht gewagt, er solle sich amEigenthume seines erbittert sten Feindes bereichern wollen ? Ein wildes gelles Lachen stieß er hervor. Nach stun denlanger Pein sank er ermattet nieder! der Schlaf schloß ihm mildthätig die Augen. ' . Wie ein Lauffeuer hatte sich die Kunde von dem Verbrechen, das Martin began gen, im Städtchen verbreitet, und es war ganz gewiß, der sonderbare Fremdling, welcher die Gunst der schönen und reichen Scharffenberg Leni genoß, er mußte aus dem, von Steffens sür Leni gekausten, Armband, die schönsten Brillanten ausge brechen haben. Während einerseits die abenteuerlichsten Gerüchte über diesen Vor fall coursirten, gab es doch auch noch eine Anzahl Leute, die dergleichen Nachrichten höchst bedächtig aufnahmen, und die, wenn sie sich auch nicht sogleich genügende Er klärungen geben konnten, doch ganz ent schieden die Schuld Martins bezweifelten. Daß zu den Letzteren Peter Scharffenberg nicht gehörte, dafür hatte Herr Steffens gesorgt und es bedürfte nicht sonderlicher Mühe, den mürrischen Alten zur höchsten Erbitterung über Martin zu bringen, der, ein ehrlos verdorbener Wicht, es gewagt hatte, die Augen aufzuheben zur Tochter des reichen Schlffhauswirthes. Nach einer schlaflosen Nacht, deren Leni sich nicht allein beklagen durfte, wenn sie an Martin und ihre Mutter dachte, verließ sie in früher Morgenstunde ernst und stumm das väter liche Haus und lenkte ihre eiligen Schritte nach Meister Spöllings Wohnung. Sie wollte es selbst aus dem Munde des redli chen Alten vernehmen, was ihr undenkbar schien. Vielleicht, hoffte sie, glaubt er selbst nicht an die Schuld und kann möglicher weise Ausschluß geben, ob irgend ein Be trug vorliegt. Der gute Meister Spöl ling hatte viel gelitten. Die Entdeckung vom vergangenen Abend, nach rrelcher Martin zweifelsohne einen gemeinen Raub begangen hatte ihn furchtbar alt?rirt. die bittere Enttäuschung, die ihm von jener Person geworden, derer ein unbegrenztes Vertrauen geschenkt, bekümmerte ihn schwer und er schien über Nacht um Jahre älter geworden zu sein. Es ist schon so, wi: Ihr gehört, liebes Fräulein", begann der alte Goldschmied niedergeschlagen. Als ich das Armband
übernommen, waren nur ächte Steine darin und hier, Ihr könnt es selbst beurthei len", fuhr er fort und holte das Etui, mit dem fraglichen Juwel herbei, hier die größten Brillanten sind jetzt ausgewechselt und durch falsche Steine ersetzt." Leni stand vernichtet : Ihr haltet Martin wirklich einer solchenThat sähig V frug sie mit geheimem Schauder. Kein anderer Mensch hat in den letzten Tagen meine Werkstatt betreten. Vor gestern Abend, noch spät, vollzog Martin die Gravirung, die Ihr auf der Innenseite wahrnehmt. Er hat das Etui in seiner Verwahrung gehabt, und gestern, ehe er das Haus verließ, übergab er mir dasselbe ungeöffnet. Nichts ahnend, stellte ich es unter Verschluß, ohne es zuvor zu besichti gen. Martin war noch nicht lange scrt, als Herr Steffens vorüberkam und gele gentlich nachfragte, ob seine Arbeit fertig sei. Ich bestätige dies, und indem ich jetzt erst auch nur die Schristzüge oberflächlich betrachte, übergebe ich Herrn Steffens das Armband. Dieser ist mit der Arbeit auch zufrieden, und während er nach dem Preise kragte, hält er das Gestein gegen das Licht, sich an den reinen Strahlen erfreuen zu können". Meister Spölling", ruft er erschrocken, was ist das, sollen das die ächten Brillan ten sein?" Ei welche Frage, Herr, . was sonst V entgegnete ich. Aber Herr Steffens gab mir das Armband zurück. Da, überzeugt Euch selbst", sagte er; Meister, was ist
hier vorgegangen ; könnt 3)r das erklä ren ?" Zu meinem Schrecken mußte ich die Wahrnehmung, des Mannes bestätigen. Die Steine waren entwendet, gefälscht worden". Und Martin sollte diesen Umtausch in diebischer Absicht vollbracht haben? Ist denn nicht eine Täuschung, ein Irrthum möglich ?" ries Leni, traurig mit demKopfe schüttelnd. Nichts von alledem. Weiß der Himmel, wie schwer dieVersuchung über ihn gekom men, der er nicht zu widerfahren vermochte. Ich kann es anders mir nicht erklären. Ich bin in meinem Geschäft alt geworden und nie ist mir ein ähnlicherFall vorgekommen. Es ist mir zu schrecklich, jetzt gegen einen Menschen zeugen zu müffen, dem ich mein ganzes Vertrauen geschenkt hatte". Lebt wohl, Meister Spölling", hauchte Leni und mit erstickter Stimme süate sie MrtJf (llH 1l ftl1ltl1l Vfr. t V1T) laitM n ' IIVU yiHJU . VilUUUl UIU, JJlUlllll ll Ull schuldig". Traurig wankte, sie fort. Mit trübem Lächeln schaute ihr der alte Meister nach : Armes Kind", murmelte er; die Liebe zweifelt so gern an der Schuld, doch die Gerechtigkeit läßt sich damit nicht bezwin gen." Leni hätte vor Schmerz in den Boden versinken mögen. Sie konnte trotz allen Mittheilungen des ulten Spölling nicht daran glauben, daß Martin einer kleinen Unredlichkeit sich schuldig machet, noch weniger einen so schweren Diebstahl begc hen könne. Unter unsäglichen Qualen verbrachte sie den Tag. Ihre Gedanken waren bei dem unglücklichen Gefangenen. Der Brillantendiebstahl bildete das Tagesgespräch im Schiffhause und Peter Scharffenbergs mürrisches Wesen, das dadurch bis zur Unerträglichst gesteigert wurde, sowieFrau Kathrinens stiller Ernst, hinter welchem sie ihren Kümmer verbarg, ließen Leni ihr Unglück tief empsinden. Mit danger Sehnsucht sah sie dem forn menden Abend entgegen. Sie wollte es versuchen, ob sich nicht Gelegenheit finden laffen würde, den hinter Kerkermauern be grabenen Geliebten zu sehen, zu sprechen. Vielleicht ließ sich durch mündlichen Aus tausch wenigstens eine Aussicht .auf Ent hüllungen dieses heimtückisch angelegten Verbrechens gewinnen. Es war ein finsterer Novemberabend; ein dichter Nebel begimstigte das Unter nehmen Lenins. Auf dem alten Schloß thurme des Amtsgefängniffes schlug die Glocke neun Uhr, als Len: auf dem um diese Zeit wenig begangenen Fußpfad auf dem Amtshofe,' und bei dem alten Gefan gencnwärter Einlaß begehrte. Leni hatte sich in ein Tuch gehüllt und verbarg unter demselben einen Krug feuri gen Weins und ein Körbchen mit Fleisch und Brod. Der ohnehin durch sein langjährigesAmt nicht gerade grausam gewor dene Alte, eine herkulische Greisengestalt, ließ sich das Herz durch die eindringlichen Bitten Leni's bald erweichen. Ein blankes Geldstück, das er in seine Hand gedrückt sühlte, lähmte jeden Widerstand und er wollte es lieber nicht annehmen. Kannte
er doch Leni schon vom zartesten Kindcsal ter an als das einzige Töchterlein, des reichen Schiffhauswirthes, bei dessen Vater er schon manchmal einen Schoppen geleert hatte. Wenn Ihr mir größte Verschwiegenheit gelobt, will ich's schon einmal wagen. Euch hinunter zu ihm zu sühren. Der Amt mann ist um die jetzige Zeit nicht im Wege, und es wird mich unterdeffen Niemand vermissen", versetzte der Alte und langte nach dem Schlüsselbunde. Kein Wort soll über meine Lippen kommen", versichcrte Leni nochmals. Der alte Kerkermeister steckte ein Licht in die Laterne. Diese verbarg er unter dem übergehangcnen Mantel, und indem er Leni sür diesen Gang die größte Schweig samkeit auserlegte, winkte er ihr, ihm zu folgen. Erst als sie über den weiten, mit hohen Gebäuden umgebenen Hof hinüber geschritten und die äußere Eingangsthüre, die nach den Haftgewölben führte, binter sich hatten, hielt der silberhaarige Führer die Laterne frei, damit die Treppe erleuch tet war. Ein heimlicher Schauer packte Leni, als sie die dicken, feuchten Mauern gewahrte, zwischen denen ihre leisen Tritte raffelnd ertönten. Ich habe ihm heute ein srisches Stroh. lager gegeben, wenn's auch nicht befohlen wurde, denn ich meine, daß in dem wackeren Burschen doch kein so schlechtes Herz sitzt, als wie's der Steffens glauben machen will." Ein dankbarer Blick war Leni'SAntwort auf diese Worte des gutmüthigen Alten, der sie theilnehmend betrachtete. Er war der Erste, welcher ihre Gedanken theilteund an Martins Unschuld glaubte. Sie waren vor einer eisenbeschlagenen Thüre stehen geblieben. Der Schlüssel knarrte in dem unmäßig großen Schlöffe.' Der Gefangenenwärter zog die Thüre ein we nig aus: Da nehmt das Licht und geht allein ich will hier außen verweilen". JmScheine eines langgezogenen Lichtstreifens, der durch die angelehnte Thür schräg über den,, mit großen Platten belegten Fußboden lies ging der Alte einige Schritte zurück und kauerte sich auf den Sockel einer das Ge wölbe stützenden Säule nieder. Leni, mein Engel", hörte er den Gefangenen ausrufen, daß es sich ihm wun derbar im Herzen regte und eine Thräne den Blick verschleierte, dann lagen sich die
Beiden stumm in den Armen. Erst nach und nach drang ein leises Geflüster an sein Ohr. Sie redeten lange und traulich mit einander und hielten sich innig umschlungen. Dem Alten wollte es scheinen, als sei aus dem dumpfen Kerker eine heilige Kapelle geworden, in der fromme Herzen ein inbrünstiges Gebet zum Himmel schick ten. Der gedämpfte Ton von Martins beruhigenden Worten klang nicht wie die verzweiselte Klage eines Schuldbewußten, der die strafende Gerechtigkeit zu sürchten hat. Er kannte das genau; hatte er doch seine oanze Lebenszeit in der Umgebung unglücklicher Gefangenen zugebracht und aus ihrem Benehmen, aus ihren Blicken und Worten urlheilen gelernt. Endlich mahnte er zum Ausbruch. Es ist bereits, eine halbe Stunde ver-strichen-, sagte er erinnernd durch die Thürspal'e. Nach einigen Augenblicken erschien Leni mit dem Lichte. Auf Wiedersehen Martin", rief sie noch einmal mit gefeuchteten Auge zurück, dann schob sich der,iegel vor und mit gewohnter Sicherheit in rni Handgriffen, brachte der alte Gefangennwärter den Verschluß in Ordnung. Geräuschlos, wie sie gekommen, entfernten sich die beiden nächtlichen Man derer und stiegen in die Oberfläche empor. Also reinen Mund halten", murmelte der thcilnehmende Grns, als Leni sich dankbar verabschiedete. E'n seltsames Gekühl drängle sich ihr auf, M$ sie den alterthüm lichen Bau verließ un den Berg herab ging. Sie dachte darüb'r nach, wie es doch immer recht betrübende Umstände gewesen, unter denen sie bisher Martin an seinen jeweiligen Aufenthalte finden mußte. Sie wurde nur noch fester des G'aubens, daß Steffens' finstere Pläne eZ seien, die den Geliebten irs Verderben stürze-, wollten. Gewiß, er hat im Feuer unte.-gen sol len, ein Wunder nur erhielt ihn amebe n; sollte er jetzt schmachvoll im Kerker uti kommen ? Nimmermehr, wer weiß, niVs noch der Himmel sügt", sagte Leni nad). denklich zu sich im Selbstgespräch, dhn eilte sie flüchtige: Schrittes der elterlichen Wohnung zu. (Fortsetzung folgt.) '
