Indiana Tribüne, Volume 2, Number 47, Indianapolis, Marion County, 3 July 1880 — Page 6
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I n d i a n a r i b n n
D e s Wcwtvirths Töchtcrlcin. Originalerzählung von Nich. Bachmann.
(Fortsetzung.) Ein wilder Lärm erfüllte inzwischen die Stadt. Das Sturmgeläute beulte durch die stille Nachtlust, Wachter ließen den schaurigen Ruf ihrer Allarmhörner ertönen und ein entsetzlich wirres Durcheinander von Hilfe- und Schreckensrufen, laut commandirender Männerstimmen, der herbeieilendenRettungsmannschaften, wie das schreckliche Gerassel schwersälligerSpritzen. karren verursachten ein unbeschreibliches Getöse, zu dem sich noch das Prasseln des von der lodernden Gluth erfaßten Holz Werkes gesellte. Beim Anblick des brennenden Hauses war Martins erster Gedanke, nachzusehen, ob die Thüre desselben verschlossen sei. Jammernde Ruse drangen aus dem In neren. Kaum gewahrte Martin, daß in Folge des plötzlichen Schreckens ein Be. tvotfner einen falschen Schlüssel genommen und dieser durch kräftiges Umdrehen im Schlosse verbogen worden, letzteres also nicht zu öffnen sei, so warf er sich mit sol chem Ungestüm gegen die , den Ausgang versperrende Thüre, daß sie krachend auseinander barst und das Schloß nur noch lose an einem einzigen Nagel hing. Herr, meines Lebens, welch ein Unglück!" rief Peter Scharffenberg jammernd und seine Kniee zitterten, wie er die halb angekleideten Nachbarn, mit den in der Eile erfaßten wenigen Habseligkeitcn in den Händen, herausstürzen sah. Laßt Eure Klagen, gebt mir schnell ein Licht, eine Axt", rief ihmMartin entschloß sen entgegen, als er von den Flüchtenden vernommen, daß oben noch Leute schlielen- . j Unterdessen kamen nun auch bereitwll lige Mannschaften zu Hilfe, und räumten in wilder Hast die Parterrelokalitäten aus. Die Gäste Peter Schaiffcnbergs waren eilends nach Hause gelaufen, und nur wenige, unter' ihnen Herr Steffens, hatten sich als müssige Zuschauer auf die Straße postirt. Sie standen an der Spitze einer neugierigen Menge und kritisirten die Hilssversuche der in Thätigkeit getretenen Rettungsmannschaften. Mit geschwärtz tem Gesicht trat jetzt Martin aus dem brennenden Gebäude auf die Straße. In seinen Armen trug er ein altes Mütterchen, unter ihrem Rücken in der einen Hand die Laterne und die Axt. Laute Jubelruse begrüßten den kühnen Jüngling, der, sich durch die Menge drängend, seine Bürde in Sicherheit zu bringen suchte, und sie dann leise niederlegend der Obhut der Umste henden empfahl. Mit scheelem Lächeln gewahrte Steffens daßMartin es war, vereine solcheBravour an den Tag legte, wofür er den Beifall der Menge erntete. Plötzlich tauchte oben aus einemGiebelzimmer des brennenden Stock Werks eine menschliche Gestalt hervor, und rang verzweifelnd um Hi'fe flehend die Arme. O weh, da ist jede Rettung wohl un möglich", murmelten all die Umstehenden mitleidig. Herr Steffens wendete sich schnell herum nach Martin, welcher sich ungeduldig durch die gaffende Menge wie der hindurch zuarbeiten suchte, um nach dem Brandplatze zu gelangen, und eben seine Stimme erschallen ließ. Hier junger Mann, meine Börse", rief Steffens und hielt in der erhoben Rechten Martin seinen gefüllten Beutel über die Köpfe der Umstehenden hinweg entgegen. Morgen das Doppelte, wenn Ihr den unglücklichen Menschen da oben noch rti tet." Das ist aber jetzt ganz unmöglich", ließen sich einige vernehmen, während An dere ein lautes Bravodem hochherziger scheinenden Herrn Steffens entgegen jubel.ten, ehe Martin nur noch geantwortet. Kaum hatte er aber die in höchster Gefahr 'ch-oebende Gestalt entdeckt, stieß er mit ge waltigem Arme die ihm im Wege Stehen den vor sich her und ohne Steffens eines Blickes, geschweigeeinerAntwoit zu würd! gen, eilte er zum Entsetzen aller Anwesen den in das brennende, schon mit dem Ein stürze drohende Haus. Zi beiden Seiten des Gebäudes befanden sich niedrige, ein stöckigeHäuschen, von denen das eine unbe wohnt, als Lagerraum diente. Durch das rüstigeEingreifen der dieSpritzen bedienenden Mannschaften war dem weiterer Um sichgreifen des verheerenden Elementes au-
genscheinlich vorgebeugt, und die Gefahr, wenn nicht noch besondere Umstände sich ereigneten, auf das einzige Haus be schränkt. Mit Stauen erregender Todesverach tung hatte sich Martin noch einmal in daö brennende Haus gewagt. Einen Blick hinauf nach Leni's Zimmer werfend und mit ihrem Namen aus den Lippen war erden Augen der neugierig harrenden Menge entschwunden. Nicht wie die Gaffer vermutheten, sich einen ho hen Lohn zu verdienen, sondern das Leben eines Menschen zu retten und sollte er das Wagniß mit dem eigenen Leben büßen. Die in seinem Naturell begründete Uner schrockenheit in der Gesahr. und der ihm innewohnende Drang, dem bedrohten Nebenmenschen beizustehen, war durch die heutigen trüben Erfahrungen zur heraus fordernden Verwegenheit gesteigert wor den. , . Das Ueberraschende dieser urplötzlich hereingebrochenen, schreckencrregenden Ka tastrophe erzeugte in ihm gerade die entgegengesetzte Wirkung, als wie sie ein so schreckliches Ereigniß sonst im Menschen bewirkt. Mitten unter einer aufgeregten, wirr durcheinander schreienden, vielfach planlos handelnden Menge, war er der Einzige, der mit seltener Ruhe und Entschlossenheit dem entfesselten Elemente zu trotzen wagte. Od Martin glücklich wiederkehren würde? Niemand wagte jetz noch daran zu glau den. Alle waren aber darüber einig, daß er entweder schleunigst und unvcrrichteter Sache den Rückzug antreten müsse, oder unter den Trümmern des zusammcnstür' zenden oberen Stockwerkes begraben werde. Mit verhülltem Mund und Nase war Martin die Treppe hinaufgestürmt und in fast kriechender Stellung über den, mit erstickendem Qualm angefüllten Bodenraum bis an jene Stelle gelangt, wo bereits die Diele brannte, und die züngelnden Flam men die Thürbekleitung inAngriff gcnom men hatten, hinter der er jenen Unglückli' chen vermuthete. Hier und da stürzten Theile der verkohlenden Decke herab, und der entsetzlich helße Rauch des brennen den Holzwerckes, die erstickende Gluth, machten das Athmen fast zur Unmöglich keit. Sein rechter Fuß blach durch die schon vom Feuer zerstörte Diele, mit star kerHand erhielt er sich noch an demDrücker jener Thüre, die er zum Unglück auch noch verschloffen fand. Herzzerreißendes Jammergeschrei drang ihm aus der Kammer entgegen. Unter den wuchtigen Hieben der mitgenommenen Axt bahnte n sich den Weg in das Schlaf gemach, dessen eine hölzerne Wand schon in hellen Flammen stand, die gierig durch das dicht daneben gelegene Fenster leckte. Tief am Boden, in einer Ecke gekauert, fand er ein fast ersticktes Mädchen. Rasch hob er es empor, vorsichtig drückte er sich außen auf dem Boden dicht an der Wand vorüber, den verderblich drohenden Durch bruch zu vermeiden. Die Treppe hatte er glücklich erreicht, aber diese brannte bereits, hinter ihm beginnt der Fußboden zu sinken. Krachend stürzen schon einige Bretter hinab, glü hende Funken umwirbeln ihn. Martin sieh! sich unrettbar verloren ; die Sinne wollen ihn schon schwindendes wird dunkel vor seinen Augen, er wankt, plötzlich. rafft er sich noch einmal zusammen. Mag es kommen, wie es mill, entweder im nächsten Augenblick in die sengende Gluth versin ken, oder hinab in das offene Feuergrab springen. Mit Sturmeseile flieht er über die Stn fen hinunter, die stöhnend unter seinen Füßen krachen. Seine Kleider singen be reits an zu glimmen, vurch die Flammen des hohen Geländers. Noch einmal ein solch wildes Stürmen über die untere Treppe und er eilt mit seiner Last durch die gewonnene Flur. Wankenden Schrit tes gelangt er aus die Straße. Mit schau rigem Getöse stürzt das Sparrenwerk zu Zammen, und schlägt durch die Stockmerke. Ein Feuermeer wirbelt durch die, auf einen Moment verfinsterte Luft, dann wird eö wieder hell und prasselnd bricht sich der Wasserstrahl der Spritzen an den wild em por gethürmten Ballen. Langsam schreitet Martin über die hell erleuchtete Gasse, das bewußtlose Mädchen in den Armen. Ein unbeschreiblicher Jubel scholl ihm entgegen, aber unbeirrt suchte er außer Bereich der Gefahr zu kommen, und legte dann das schmerverletzteMädchen nieder auf ein von dem gereNelenMobiliar entnommenes Bett. Kaltblütig zieht Martin den Rock vom Leibe und drückt die glimmenden Stellen
aus. Seine Hände sind mit Brandwun den bedeckt, das' geschwärtzte Geficht ent stellt, denn Kopfhaar, Augenbrauen sind versengt ; er beachtet es nicht, nur um die zitternden Beine zu stützen, lehnt er sich ein wenig mit dem Rücken gegen die Wand und läßt die Lunge tief Athem schöpfen. Auf die neugierigen Fragen der sich heran Drängenden erwidert er kein Wort; Herr Steffens trat jetzt zu ihm heran : Ihr seid ein beherzter Mann, da nehmt und laßt Euch morgen bei mir sehen. Ich will Euren Edelmuth belohnen", sagte er und suchte seine Börse Martin in die Hand zu drücken. Ein schmerzliches Lächeln zuckte über deffen Gesicht, mit Besorgniß wendete er sich herum nach dem geretteten Mädchen, das unter der Pflege theilnehmender Men schen ins Bewußtsein zurückgerufen war, und dankbar die Augen zu ihm ausschlug. Ich danke Herr", versetzte Martin und schob Steffens Hand zurück, was ich ge than, hielt ich für meine Pflicht, und nicht für schnödes Geld schlug ich mein Leben in die Schanze. Wollt Ihr bei diesemUnglück mit Eurem Geld Hilfe leisten, so laßt Euch diese Aermste Eurer Huld empfohlen sein." Dabei deutete er auf cas Madchen, deffen lich'e Flechten auf der Flucht über die brennende Treppe fast ganz versengt wa ren und nun, wie zu Pulver gerieben, von ihren Schultern stiebten. . Dazu erkläre ich mich außerdem gern bereit", erwiderte Steffens eindringlich, doch was veranlaßt Euch, mich so kurzer Hand abzuweisen ? Ihr habt bei Eurer Kühnheit doch ganz beträchtlichen Schaden davon getragen. Eure Kleider sind ja fast buchstäblich am Leibe' verbrannt, und soll dies nehmt's nur eine kleine Beisteuer für den Ersatz sein." Nichts mehr davon, Herr Steffens; durch das Gelingen meiner Rettungsversuche bin ich überreich belohnt und was mein versengt Gewandt betrifft, so hab' ich noch gesunde Arme, die werden bald ersetzen, was ich bei dieser Gelegenheit verlor". Ehe Steffens noch einen Laut erwidern konnte, war Martin aus seiner Nähe verschwunden. Ein seltsamer Mensch !" sagte einer der Umstehender. Steffens antwortete nicht. Mit sinste ren, unheimliche.: Blicken verfolgte er die Thätigkeit derRettungsmannschaften, ohne selbst Lust zu zeigen, sich bei diesen An strengungen zu betheiligen. Die oberen Partieen der Hausfronte des Brandobjektes drohte herabzustürzen, da die Verbindung des Gebälkes von den Flammen zerstört war. Mit vieler Mühe versuchte man mittelst großer Hacken und Stangen die wankende Wand hinein auf den Feuerheerd zu stoßen, damit bei ei' nem sonst leicht möglichen Einsturz auf die enge Straße das gegenüberliegendeSchiff Haus nicht in Gefahr kommen sollte. Martin stand nicht müßig. Mit fabe! hafter Gewalt hatte er bereits einem riesi gen Hacken in die Höhe gerichtet und nach einigen furchtbaren Stößen vereinter Kräfte wankte der größte Theil des Ober baves, dann begrub er im Sturze die hellen Flammen mit Schutt und qualmenden Staub. Einen Moment später fielen die übrigen Reste im jähen Bogen herab auf dieStraße, glücklicherweise ohneJemand zu verletzen. Allein die hohe Ecksäule bäumte sich quek über die Straße und schlug laut klirrend die Fenster oben in Peter Scharf fenbergs Wohnzimmer in Trümmer. Durch den am oberen Ende brennenden Balken wurde das Feuer auf das Schiff Haus übertragen. Neue Schrecken und Entsetzen verbreitete sich unter dem Volke. Mit Windeseile jagte Martin die Stiegen hinauf. Einige Eimer Wasser zur Hand, trat er in das Zimmer, wo Leni und Frau Kathrine fast leblos vor Schrecken, sich in die nächst der Thür gelegene Ecke geflüchtet hatten. Den Balken zu löschen, die bereits bren nenden Gardinen hinab aus die Straße schleudern, und dann unter Anwendung ullerLeibeskräste die Säule, an der unten unzählige Hände rückwälts zogen, zum Fenster wieder hinaus zu schieben, war das Werk eines Augenblicks und die Gefahr schon vorüber, noch ehe Peter Scharffen berg, der, am ganzen Leibe zitternd, Mar tin in das Zimmer gefolgt war, auf einen Seffel niedersank. Ein schrecklicher Tag", stöhnte er und blickte starr ausWeib und Kind, die sprach los vor ihm saßen. Gewiß, Meister Scharffenberg. Ihr habt recht gesprochen, es ist dies ein schreck licher Tag. Werde ihn niemals ver gessen in meinem Leben", entgegnete Mar tin und schritt zögernd nach der Thür.
Herrgott noch einmal", versetzte Peter Scharffenberg, Ihr könnt doch von gro ßem Glücke reden. Habt zweien Menschen das Leben gerettet und seid unversehrt davon gekommen. Und mir auch das Un glück fern gehalten, daß ich Euch Dank schulde!" Ach redet doch nicht von einem Glück, Herr, denn was das Alles sagen, wenn mir dabei das Liebste auf der Welt ent rissen wird !" ließ sich Martin mit traun ger Stimme vernehmen. Wehmüthig schaute er in Leni's bleiches Gesicht. Er trat näher an sie heran, crsaßte schüchtern ihre schlaff hernicdcrhängende Hand und führte sie zum Munde, einen heißen Kuß darauf pressend. Gute Nacht!" stieß er mühsam hervor mit matter Stimme erwiderte Leni den Gruß dann wankte er trauernd nach der Thüre, unter welcher Herr Steffens er schienen war und unbemerkt die Scene be obachtet hatte. Peter Scharffenberg saß noch stumm und regungslos. Drunten an der Brandstätte tobt; noch der Lärm, der bei derartigen Ereigniffen einegrauenhaste Beigabe jener Zeit war bevor man noch die Institute gut geschult ter Feuerwehren kannte, wie sie sich uns heute bei der Bekämpsung des entfesselten Elementes zeigen. Nach weiterem Verlauf einer Stunde war jegliche Gefahr t ewäl tigt und die Schaden der Nacht hüllten den rauchenden 'Trümmerhaufen in ein friedliches Dunkel, aus welchem nur dann und wann weiße Wasserdämpfe wie trau erndc Gespenster darüber hinzogen. . . . Auch Martin trat seinen Heimweg an; zu Hause angekommen, sank er völlig erschöpft auf sein Lager. Der Meister hatte seine Heimkehr bemerkt, und hinter der vcrschloffenen Thür seines Schlafgemaches noch Martin 'befragt, ob Nichts mehr zu befürchten sei. Der Meister war während des aufregenden Lärmes nicht aus seinem Hause gekommen, und von den Heldentha ten seines von ihm geschätzten Gehilsen hatte er noch nichts gehört. Martin selbst erwähnte die glücklichen Rettungen mit keiner Silbe. Die Sonne stand schon hoch amHimmel, als am andern Morgen der Meister Gold schmied, Spölling mit Namen, noch immer allein in seiner Werkstatt thätig war. Durch seine Freunde und Nachbarn war ihm bereits früh am Tage der RuhmMar tins bekannt, und bis in die kleinsten Details die hochherzigen Handlungen des jungen Mannes geschildert worden. Er freute sich darüber, war fast stolz darauf, daß der Held des Tages zu seinem Haus und Tischgenossen zählte und gern übersah er es, daß Martin, wahrscheinlich in Folge der nächtlichen vielen und großen Anstrengungen bei der Rettung, heute noch die späteren Morgenstunden zur Ruhe und Pflege seines ermatteten Körpers benützte. Wiederholt hatte er schon Freunde und Bekannte, sowie die von Martin geretteten Personen, die ihm ihren Dank aussprechen wollten, mit der Entschuldigung zurückgewiesen, sie möchten den jungen Mann nach solcher Arbeit nun auch erst gehörig aus schlafen laffen. Als aber dieMittagsstunde herannahte und Martin noch immer nichts von sich hören ließ, da wurde es dem Mei ster Spölling bedenklich, und er ging hin aus, sich zu überzeugen, ob seinem wackeren Gehilsen nicht gar ein Uebel zugestoßen sei.Leise öffnete Spölling die unverschlos sene Thür des kleinen Stübchens, welches schon seit vielen, vielen Jahren den jemei ligen Gehilsen als Schlaslocal diente. Wie erschrack aber der gute Meister Spölling, als er den Schlafenden erblickte. Das kecke schwarze Bärtchen, die Augen wimpern, die Brauen waren verschwunden
und selbst das buschige Kopshaar hatte arg gelitten. Die auf der Decke ausge breiteten Hände zeigten nicht unbedeutende Wunden und die Arme zuckten unruhig, als wollten sie noch die Bewegungen der nächtlichen Arbeit wiederholen. Aber das war kein ruhiger, kräftigender Schlummer, wie erMartin von einem solchen umfangen wähnte. DaS rothglühende Gesicht, wie der kurz gestoßene Athem, öfters unterbrochen durch ein knirschendes Stöhnen, ver riethen das Vorhandensein eines starken Fiebers. Leise legte Meister Spölling die Hand auf Martins Stirn und die leicht wahrzunehmendeHitze derselben bestätigten seine Vermuthung. Mehrfache Ermun terungsversuche erwiesen sich als vergeb liche. Martin sprach nur einige Worte sehr laut, doch wirr und ohne Zusammen hang, dann verlor sich sein Geist wieder in wilden Phantasieen und der vorige schlaf ähnliche Zustand trat wieder ein.
Kopsschüttelnd entfernte sich der alte Meister, er bedauerte, nicht schon früher nachgesehen zu haben und schickte sosort zu einem, in gutem Ruf stehenden Arzte. Dieser ließ denn auch nicht lange aus sich warten. Nach einiger Beobachtung des Kranken constatirte er unter bedenklichem Achselzucken ein schweres Fieber, deffen Ausgang leider nicht immer ein ersreuli cher sei. Er verordnete einige Medica mente, ertheilte Rathschläge über die Pflege und Beobachtung des Kranken und ver sprach, bald wieder kommen zu wollen. Der Zustand Martins erweckte die regste Theilnahme Meister Spöllings, er nahm eine in der Nachbarschaft mohnende Ver wandte zu sich, welcher er speziell diePflege des Patienten anvertraute. Die nicht unersahrene Frau widmete sich dieser Auf gäbe auch mit der größten Hingebung, hatte sie doch selbst einci Sohn, der draußen in der weiten Welt seinGlück versuchte. Und sie glaubte, ine sie hier einen braven Fremdling ihren Beistand angedeihen ließ, so könne es doch auch ihrem Kinde in der Noth von mitleidigen Menschen wieder vergolt-n werden. Bald war das Schicksal Martins in der Stadt bekannt geworden, und man be dauerteden jungenMann,dessewunderbaren Entschloffenheit und ritterlicher Opsermuth so viel von sich reden machte, allgemein. Daß auch im Schiffhause viel davon ge sprochen wurde, und Leni bald davon er fuhr, daß Peter Scharffenberg sich einiger Beschämung nicht erwehren konnte, über sein Gebühren, das er Martin gegenüber beobachtet hatte, als der erste Schreckens ruf aus Lenis Mund erklungen war, daß Frau Kathrine ihrerBewunderung für den seltenen Menschen wiederholt Ausdruck verlieh, und daß Leni schwer bekümmert war um das Leben des geliebten Mannes und deshalb heimlich viel weinte, konnte Niemand Wunder nehmen. Und so ge schah es, daß der Schiffhauswirtb nichts zu erwidern wagte, wenn Frau Kathrine öfters in das 'allgemeine Lob einstimmte; suhlte er sich doch selbst zu Danke tarpflichtet, denn ohne Martins Gegenwart hätte der, auf seinHaus übertrageneBrand jedenfalls weitere Ausdehnung gewonnen. Aber auch über Lenins verweinte Augen verlangte Peter Scharffenberg keine Aus kunft. Im Gegentheil vermied Peter Scharf fenberg es absichtlich, das ihm unerfreu liche Verhältniß seiner Tochter zu Martin auch nur.mit einem Worte in Erwähnur zu bringen. Er war klug genug, in den ersten Tag. . der Begeisterung für den heldenmüthigen Jüngling, nicht der allgemeinen Stimm ung entgegenzutreten. Nichts destoweni ger gab er aber seinen einmal gefaßten Entschluß nicht auf, sondern rechnete viel mehr auf die Resultate der alles vernar benden Zeit. In dieser seiner Meinung wurde er noch bestärkt, als er soeben ge wahrte, daß Herr Steffens es nicht ver schmähte, auf den Aberglauben der Menge zu speculiren, in der schnöden Absicht, nicht nur die Verdienste Martins zu schmälern, sondern ihn sogar zu verdächtigen. Nicht ohne allerdings geheim gehaltene Be weggründe hatte er mit besonderer Ostentation an der Brandstätte Martin seine Börse aufzunöthigen versucht. Ihm war es weniger darum zu thun gewesen, eine Belohnung auszahlen zu können, als vielmehr Martin durch Herausforderung in die Gefahr zu stürzen und nachdem der Kühne glücklich daraus hervorgegangen war, Martins hartnäckige Zurückweisung einer Belohnung zu provociren, die er doch nach allem Vorhergegangenen mit Be stimmtheit voraussetzen konnte. Der Edelmuth des gehaßten Rivalen sollte ihm zum Gelingen seines Planes nicht wenig förderlich sein. Nicht dadurch, daß er die Gesahr, in welchesichMartin begeben hatte.geringschä tzig beurtheilte es würde ihm dies bei einer so allgemein bekannt gewordenen Thatsache auch nicht' gelungen sein sondern, daß er sie als ganz ungeheuerlich hinstellte, wußte Steffens die wahre Absicht geschickt zu verbergen, und mit der ihm ei genen Hinterlist ließ er, vorsichtig Fühlung nehmend, anfänglich nur Muthmaßungen laut werden, die er, sobald er bemerkte da für geeignetes Feld gefunden zu haben, ohne Zögern zu Behauptungen empor thürmte, deren Beweisführung cr sogleich unternahm, und bei dem Aberglauben der Bevölkerung nur zu leicht den unverdienten Glauben fand. (Fortsetzung folgt.)
