Indiana Tribüne, Volume 2, Number 44, Indianapolis, Marion County, 12 June 1880 — Page 6

6 I n d i a n a T r i b ü n c."

m Ibgrnnü.

-o-Novelle von S. von der Horst. (Fortsetzung.) Am späten Nachmittag wurden dieThü ren geöffnet und schwere Tritte kamen die Treppen herauf. Emil war unbemerkt aus dem Zimmer geschlüpft. Der Kranke sah fragend zu seiner Schwägerin hinüber. Wilhelmine," flüsterte er mit unsicherer Stimme, was ge schieht da unten ? Es ist, als trüge man schwere Lasten." Die Alte machte sich am Nebenzimmer zu schaffen. Nichts, Rudolph antwortete sie freundlich. Kümmere Dich nicht darum, es wird gleich vorüber sein." Aber jetzt, gerade durch diese Worte, wußte er Alles. Schwägerin rief er hastig, Du hast die Leiche reklamirt?" Wilhelmine nickte. Natürlich,Rudolph," sagte sie weich. Ich glaubte in Deinem Sinne zu handeln und ganz gewiö in dem Sinne unserer Todten. Wenn Leonore von hier aus beerdigt wird, so ist der öffentlichen Meinung die Spitze abgebrochen, und überhaupt man soll nickt zürnen noch über das Grab hinaus, Schwager." Der Kranke streckte die Hand aus. Komm her, Wilhclmine," sagte er. Du hast den Gram einer Mutter an Wilhelms Leiche erlitten und kannst doch verzeihen. Ich danke Dir, Du treues Herz." Er nahm die Hand der Alten zwischen seine beiden, und Wllhelmine schluchzte leise, während unten im großenEmpsangs saal die Leiche auf das vorher schon zuge richtete Bett gelegt wurde, und die Seelen der alten Leute unwillkürlich zurückdachten an den Einzug der schönen Braut in dieses Haus, an die Nacht, wo das Hochzeitsmahl da unten seine fürstliche Pracht eni faltete und Wilhelms Leiche mit der Ku gelspur auf der Stirn so ganz allein unter Blumen und seidenen Teppichen dalag. Jetzt waren alle diese scharfen Contraste ausgeglichen, und versöhnt für immer. Minna saß in dem kleinen Giebelstüb chen, das sie wieder bewohnte und hielt in ihrer Hand einen Brief, dessen Adresse sie unverwandt ansah. Das hatte Robert von Holten geschrieben. Sollte sie cs lesen? Das Papier knisterte, weil die Finger, welche es hielten, so heftig bebten. Sie durste aus hundert Gründen den Inhalt nicht kennen lernen, aber so oft ihr die ser Gedanke kam, ergriff sie nur um so fester den Brief, als könne ihr derselbe entrissen werden. Und überdies, Robert hatte seinen Diener geschickt um das Billet persönlich abgeben zu lassen, es mußte etwas bestimmt Nothwendiges sein, das er ihr mittheilen wollte. Jäher Purpur überflog plötzlich ihre Wangen. Wenn er hier fortginge, wenn die vergeblichen Versuche, mit ihr zu spre chen, nur einem Abschied galten, den er jetzt brieflich aussprach? Das Couvert flog zu Boden, die Finger hatten es gelöst, fast unbewußt, unter dem zwingenden Eindruck dieser Vorstellung. Das Wort Abschieö" birgt so furchtbare. geheime Schrecken. Acht engbeschrie bene Seiten, und als Anrede die Bezeich nung früherer Tage, das Wort, welches sie nicht lesen durfte, weil sein Geist einer Anderer, gehörte. Einzig Geliebte ! Ich habe versucht, mit Dir einen Augen blick zu sprechen, aber das Schicksal wollte cs nicht, und jetzt scheint mir auch, daß es nicht ganz gerecht war, von Dir solches Opfer zu verlangen. Lies das Nächste hende, mein Liebling, und dann beurtheile freundlich den Erregten, dessen mächtige Erschütterung ihn über alle Schranken der Besonnenheit hinaus mit sich fortriß. Ich wollte Dich ja nicht beleidigen, mein Herz, aber Du mußtest cs glauben, das vergib mir. Du weißt von meiner Verlobung mit Fräulein Philipp, w:ißt, daß mich der Gedanke an einen schimpflichen Abschied aus dem Dienst fast wahnsinnig machte. Wir haben ja üb:r alles Dieses so häufig mit einander gesprochen. Und dann, mein Herz, laß michDir's gestehen, dann kränkte mich Dein gänzliches Schweigen, erschien wir wie Verachtung, und als die schlimme Stunde kam, da schloß ich die Augen und sügte mich den Handschellen, welche mir längst schon offen entgegenge-

tragen wurden. Ich gab mein Wort und war verlobt. Ueber das Elend, welches nun folgte, über die Verzweiflung, welche sich tiefer und tiefer in meine Seele eingrub, laß mich schweigen, Minna. Ich nannte mich selbst einen Feigling, aber gleichwohl fehlte mir der Muth zum entscheidenden Schritt. Ich schloß die Augen, sobald sich mir das Bild der Zukunft in erschreckenden Farben aufdrängte; ich schlich Dir überall hin nach und wagte niemals. Dich anzureden. Dir zu sagen, wie unglücklich ich sei. Es war das Leben eines Verdammten, welches ich führte. Da plötzlich nahie unerwartet die Ret tung. Minna, ich bin frei, bin erwacht, o, ich möchte die ganze Welt umarmen ! Aber laß mich Dir Alles in geordneter Reihenfolge erzählen. Ich ging gestern Abend, wie gewöhnlich, in das Haus des Commissionsrathes und wandte mich zu dem kleinen Musikzimmer, wo mich Vater und Tochter meistens zu empfangen pflegten. Schon im Vorzimmer hörte ich lebhaft sprechen, und unter schied mehrfach meinen eigenen Namen, so daß ich einen Augenblick stehen blieb, um nicht in einen Familienzwist hineinzugerathen. An ein geistiges Verhältniß war ja nie zu denken gewesen, meine Stellung daher ziemlich peinlich. Die Beiden drinnen im Cabinet schienen so erregt, daß sie nach Art Halbgebildeter Alles um sich herum vergaßen und laut sprachen, ja sogar zankten. Wie Du gleich thust !" hörte ich Amaliens scharfe Stimme, wer sollte es Robert sagen?" Der Commissionsrath lief fortwährend auf und ab. Er selbst !" rief er ; der ist dreist wie Lucifer. Und erfährt es der Holten, so verläßt er Dich, daß ist sicher. Er heirathet Dich ja doch nur der söge nannten Ehre" willen, weil er nicht insam cassirt werden will !" ' Amaliens seidenes Kleid fegte mit hestigem Rauschen über den Teppich. Hat er Dir das gesagt, Vater! Aber freilich mit dem Commissionsrath Philipp von der Ehre zu sprechen, das wäre eine Beleidigung und Robert ist ein gebildeter Mann, er wird das nicht thun." Mir trat das Blut heiß in's Gesicht. Ich näherte mich der Portiere und sah in das Zimmer hinein. Der Commissionsrath war leichenblaß, sein Anzug derangirt, seineGesticulationen den völlig Verzweifelten verrathend. Er rannte von einer Seite zur anderen und schien kaum zu verstehen, was Amalie

sagte. Amalie lag im Seffel und verfolgte mit blitzenden Augen jede Bewegung des 33a ters. Ihr Gesicht drückte Furcht undZorn zugleich aus. Alles dahin," ächzte der Commissions raeh. Gott, du gerechter, welch' ein Geld wird das kosten, ich sage Dir, der Held ist ein Blutsauger, ein wahrer Teufel. Nun er mich plötzlich wiedergefunden, und noch dazu als reichen Mann, nun wird er sich wie ein Bampyr an mich tzängen, wird sich Tausende geben laffen, um nicht unser unglückseliges Cebeimn'ß dem Holten aus zuschwatzen. Verflucht soll er sein !" Amalie hob die Hand und fächelte mit ihrem Taschentuch. Laß die Rohheiten, Vater. Man wird ganz nervös davon. Wo trafst Du den Doktor?' Der Commissionsrath blieb stehen und sein listiges Gesicht sah bittend zu der Tochter hinüber. Hilf mir. Malchen, mein kluges Mäd chen," murmelte er. Sollst auch eine Hochzeit haben, wie eine Prinzessin, wenn Du mir den Quäler vom Halse schaffst." Die Tochter sah in spöttisch an. Hab' ich Dich nicht damals schon herausgeredet, Vater? Wärest Du mit zwei Monaten Gefängniß davongekommen ohne meine Klugheit Aber deshalb mußt Du auch jetzt thun, was ich will, das weißt Du, hingehen und Dich denunciren kann ich ja immer noch. Herzloses Kind," murmelte der ßom' misstonsrath, schlechtes Kind, das den eigenen Vater bedroht. Und warst Du nicht der Lockvogel ? Waren es nicht Deine Küste, die den Prinzen aus den Leim locktcn V Amalie sah coquettirend in den Spiegel. Der arme Prinz," seuszte sie lächelnd, er war so hübsch, er kam so willig zum Stelldichein und trank so gutmüthig das Opium aus Helds Sudelküche. Wahrhaf. tig. Du warst ein Stümper, Vater, daß Dir der untergeschobene Wechsel nicht bes ser gelang, und daß der Prinz am anderen

Morgen behauptete, er habe nur Eintau send Thaler verspielt, anstatt der Zehn tausend."

Der Commissionsrath erhob wüthend die geballten Fäuste. Dahlberg".' mur melte er, Dahlberg allein ist der Verrä ther, ber schurkische Spion, welcher es be schwor, daß der zweite Wechsel falsch sei, der mich in das Gefängniß brachte. Ich wollte, ich könnte ihn zerreißen, mit Füßen zertreten !" Amalie lachte spöttisch. Die neuntau r - v evc - ... v xi irnu yirnc waren aoer oocu leiaji oer dient," sagte sie im vertraulichen Tone, Du hast nicht bekannnt, hast nach der Strafzeit immer noch Deine hübsche, kluge Tochter gehabt, die es verstand, daö Prinz liche Herz zu rühren, und die jeden Arg wohn gegen den unnatürlich festen Schlaf durch ihre Küsse zu ersticken wußte. Ach, die armen Küsse jetzt willst Du sie gar als Verbrechen auf die Anglagebank brin gen Du zärtlicher Vater." Der Commissionsrath stellte seine rast lose Wanderung ein und setzte sich neben das lachende Mädchen. Ja", sagte er, Du bist klug. Du bist mein Stolz, mein Augapfel, ich weiß es. Aber jetzt hilf mir ! . Doktor Held hat mich gesehen, mit mir gesprochen, mich er sannt!" Amalie zuckte die Achseln. So gib ihm die neuntausend Thaler, welche Dir damals sein Opiat verdienen half. Ha! ha ! ha ! der galante Prinz kam nicht über den ersten Trost hinaus, und nachher schnarchten Seine Hoheit wie ein Bar!" Der Commissionsrath schnellte vom Sitz empor, als habe ihn ein Schuß ge troffen. Neuntausend Thaler, Amalie? Um Gotteswillen !" Die Tochter spöttelte ihm nach : Um Gottesmillen ! Kann denn der arme Herr Commissionsrath die Bagatelle nicht meh aufbringen V Aber was würde es nützen ? Der Schuft fordert immer mehr, bis er mich ruinirt hat. Ich kenne ihn." Die magere Hand AmalienS legte sich auf den Arm des Alten. Inzwischen aber bin ich verheirathet, Vater," sagte sie bedeutsam. Der Commissionsrath seuszte. Frei lich !" murmelte er, freilich, das ist zu bedenken. Aber ich will ihm erst.tausend Thaler bieten, will ihm sagen, daß ich Ver laste gehabt habe, es ist ja die Wahrheit. Muß ich nicht Deinem Bräutigam die sechstausend Thaler, welche er Dahlberg schuldet, baar in die Hand zahlen ? Daß das Geld den Schuft, den Juden vergiften möge!" Amalie wandte sich mit schlauem Bim zeln an den Alten. Weißt Du, Vater, die sechstausend Thaler sind gerettet, glaube ich. Damit hat es seine eigene Bewandtniß." Der Commissionsrath beugte sich neu gierig vor. Was V fragte er schmunzelnd. Was?' Ich will Dir sagen, was ich selbst weiß, Vater. Es muß sich Jemand bei Dahl. berg für diese Summe verbürgt haben, und Robert glaubt, daß 'ich selbst es ge than. 'Natürlich war ich klugizenug, ihm den Irrthum nicht zu rauben." Der Commissionsrath umarmte wonnig entzückt daö lächelnde Mädchen. Bist mein Juwel!" rief er, meine Perle ! Na, da wollen wir denn dieser Nachricht wegen die anderen Geschäfte auf die leichte Achsel nehmen. Tausend Thaler werde ich bieten." ' Amalie sprang auf und trat dicht vor den Vater hin. Wie Dich der Geiz verblendet l" zischte sie. Du Kurzsichtiger ! bist für den Schacher geboren, weiter trägt Dein Blick nicht. Gib ihm tausend Thaler, und er grollt Dir, nennt Dich schäbig,, gib ihm die ganze Summe, und er träumt von Millionen, er läßt uns in Ruhe, bis nach der Hochzeit. Dann aber mag er kommen und Alles ausplaudern, verheirathet ist verheirathet, und bin ich einmal Frau von Holten, so ist das M rige gleichgiltig." Der Commissionsrath nickte, obwohl ein tiefer Seufzer seine Brust hob. Wahr!" keuchte er, wahr. Wir müssen Alles daran setzen, die Fessel zu schmieden, daß sie unzerreißbar wird. Ich will thun, wie Du mir räthst, mein Goldkind." Amalie lachte und ging zur Thur. mir gerade entgegen. Robert muß gleich kommen, Vater, ich möchte nur ein wenig ftouge auflegen. So alte Erinnerungen machen blaß der Prinz war meine erste Liebe." Sie hob die Portiere empor und stand

im nächsten Moment mir gegenüber, Auge in Auge, aus nächster Nähe. Sekundenlang sah sie mich an, dann schrie sie laut auf vor Entsetzen. Es war sast ein Kreischen, das sich gewaltsamBahn zu brechen schien. Ich wich nicht um Zollbreite, ich rührte kein Glied, sah nur, wie Amalie Schritt für Schritt langsam zurücktrat. Der Commissionsrath sprach einige un verständliche Worte; was, das weiß ich nicht. Und dann entstand eine unheimliche Stille. Während mich, Amalie, zitternd wie Espenlaub, unverwandt ansah, trat ich zum Tisch und preiste den Verlobung?ring vom Finger. Er fiel auf die Platte, ohne daß eine Silbe gesprochen worden wäre, und dann entfernte ich mich, Al les, wie in einer Art von Traum, ganz stumm, ganz, als sei ich allein im Zimmer. Was hätte auch gesagt werden können? Jetzt endlich war ich gelöst aus den Banden, welche mich so lange umstrickt, jetzt hatte ich mich selbst wiedergesunden und dankte dem Schicksal sür den grellen Blitz, welcher mir noch früh genug den Abgrund zeigte, an dem ich stand. Minna, ich begreife es in diesem Augenblick nicht mehr, wie ich so ganz den Wahn einer eingebildeten Ehre mit wirklicher erdrü ckender Schmach verwechseln konnte! Von dem Hause des Commissionsrathes ging ich ohne Weiteres zu Dahlberg. ES schien mir nicht länger zweiselhast, daß Du es gewesen, die dort für mich handelte ; aber dennoch hätte ich den Wuchererumarmen mögen, als er mir's zugestand. O du liebes, thörichtes Herz, also Du glaubtest, daß es Neigung sei, welche mich zu Malchen Philipp hinzog ? Du woll test mir den Weg bahnen über Dein tige nes zuckendes Herz dabin, zu ihr, der nie ein Gedanke meiner Seele gehörte ? Minna, cs war der Sturm meines Inneres, der mich nach jener Erklärnng Dahlbergs in den Garten derDiakonissen. Anstalt trieb ; es war der Wunsch, Dir zu danken, der mir so alle Ueberlegung raubte. Ich weiß es jetzt, mein Herz, bis Du verzeihen kannst, bis die Vergangenheit neu erstehen darf aus kurzem Schlumner, müssen Monate, vielleicht Jahre vergeien. Ich habe schon heute den mir übersandten Wechsel des Commerzienrathes Protestiren lassen und binnen drei Tagen kann ich hoffen, cassirt zu sein. Ja, Minna, ich hoffe es, ich ersehne es, weil daraus für mich die Freiheit und das Glück erwachsen werden. Ich gehe nach Amerika, Geliebte, und was mir dort der Kops nicht bewilligen sollte, das bringen im schlimmsten Jall die Fäusts. Ich fühle in mir einen Muth, den ich nie zuvor kannte ; ich habe alle diese Nichtse und soi-disants Ehrensachen von mir abgestreift gleich Spinngeweben. Daß der Mann aus festen Füßen stehe, ist seine Ehre ; daß er von Nichts sich beherrschen und beeinflussen läßt, als nur von der eigenen inneren Stimme des Gewiffens, das ist, was ihn aufrecht halten wird in jetem Kampfe. Minna, vergib mir, was ich that und woraus mich eine fo tiefe Beschämung er retten mußte ! Leb' wohl, mein liebes Herz, bis ich mir in der neuen Welt eine Stellung errungen, Me mich befähigt. Dir zu sagen : Jetzt, Minna, darfst Du mir Deine Achtung zurückgeben." Ich will Dich vorher nicht sehen und Dir nicht nochmals schreiben, aber ich flehe Dich an, bleibe im Geiste bei mir ! Dein Robert von Holten." (Fortsetzung folgt.)

D e s cinwirths TöSjtcrlcin. Original.'rzahlung toon Rich. Wachmann. Es war ein reines, edles Gewächs, was der ehrbare Pctcr Scharfsenberg auf der Steingaffe droben in Cattenburg seinen Gästen kredenzte. Und wie es sich Meister Peter sür eine große Sünde angerechnet hätte, den guten Ruf, welchen der schon von seinen. Vätern in dem altersgrauen Hause betriebene Weinschank genoß, durch gewinnsüchtige Fälschungen zu gefährden, so erklärlich war cs andererseits auch, daß

die ehrsamen Väter Cattenburgs den guten alten Brauch ausrecht erhielten und nach des Tages Last und Hitze zu einem Schop pen kühlen Weines sich zusammen fanden in dem alten Schiffh use. Diesen Namen hatte Peter Scharffenbergs Stammsitz schon seit undenklichen Zeiten geführt, und weil sich Niemand erinnern konnte, durch welche Veranlassung das alte Bauwerk wohl diese Benennung erhalten haben mochte so glaubte man vielleicht nicht mit Unrecht daß die schlanke schiffsähn liche Form des hohen Giebels, der aus reichlich starkem Balkenwerk errichtet, düster aus die enge Straße herabschaute und mit einem noch über zwei Schuh betragenden Vorsprung den steinernen Unterbau überragte, die Ursache gewesen sei. Bevor wir unserenFuß überdie Schwelle jenes alt ehrwürdigen Raumes setzen, in welchem mit redlichem Eifer dem heile ren Bachus schon unzählige Trankopser gewidmet wurden, erlauben wir uns erst noch einen beobachtenden Blick in ein an deres Local des Schiffhauses zu wersen. Ueber den im Erdgeschoße befindlichen Schankzimmer liegt die Wohnung Peter Scharffenbergs und man sieht es der gan zen Einrichtung sogleich auf den ersten Blick an, daß ihr eine gewiffe Wohlhaben heit zu Grunde gelegen. Wir sagen g?le gen, nicht als ob dies heute, wo unsere Er zählung (und diese führt zurück auf daS Jahr 1816) den sreudlichen Leser mit diesem Hause bekannt macht, nicht mehr der Fall wäre, sondern weil die, unserem Auge sich darbietenden Gegenstände noch aus jener Zeit stammen, in welcher einst Mei ster Peter seine Zierde, die sittsame Frau Kath'rine als glückliche Braut in sein Haus geführt. Die Wände des holzgetä selten Zimmers bekleiden geuebte Tapeten und die Meubles sind von Nußbaum mit vergoldeten metallenen Griffen und Beschlügen an den Schubladen, die in- einem hoh?n, vom selben Holze gefertigten, Ge häuse befindliche Wanduhr schmückte ein si!bernes,.reich gravirtes Zifferblatt. Es sind verschlungene Namenszüge darauf mit einem alten Familienwappen darüber. Bei jedem Stundenschlag hebt sich das Wappenschild empor und aus der Oeffnung kommt eine kleine Engelfigur hervor welche in den erhobenen Händchen eine Ban diere hält, auf der die Worte Memento mori" sichtbar sind. Ueber dem Sopha, deffen gestickter Ueberzug mit seltsamen phantastischen Figuren aus der Thierwelt verziert ist, hängen zwei, nicht allzugroße Oelgemälde, die Porträts von Peter. Scharffensteins Eltern in breiten Barock" Goldrahmen. Der gleichmäßige, fast schwerfällige Takt des Uhrwerkes, es ist dies ein sehr altes Kanstwerk, schallt so klar vernehmlich durch das Zimmer, kein Geräusch ist bemerklich, als ob keine Men schenseele anwesend sei, und doch erklangen hier vor wenig Augenblicken noch Worte von den Lippen einer Mutter, die gar schmerzlich das Herz jenes Menschenkindes zusammenschnürten, dem sie gesagt worden waren. An dem Tische, auf welchem ein silberner Armleuchter sein matt zitterndes Ker zenlicht verbreitete, saß Frau Kath'rine Scharfsenberg. Obgleich ihre Hände mit dem Nähen blendend weißer Linnen beschäftigt waren, warf sie doch ab und zu einen Blick aus die ihr gegenübersitzende Jungfrau. Es waren Blicke seltsamer Mi schung von ernster Strcng: und wehmä' thiger Theilnahme und es dürfte nicht leicht sein, aus dem Angesicht Frau Kath'rinens herauszulesen, welches von Beiden, ob Strenge oder Wehmuth, bei dem Kampfe in ihrem. Innern vielleicht vorHerr schend sei und noch die Oberhand Giroin nen werde. Der wogende Busen, die schmerzliche Physiognomie des schönen Antlitzes, die krampfhaft zusammengesaltet in den Schooß gestreckten Hände, das kummervoll erhobene Auenpaar, das starr nach dem Fenster gerichtet war, durch des scn runde Scheiben, die milden Ltchtstrah len des aufgehenden Mondes hcrcinschim merten, bekundeten die tiefe Erregung der jo von der Mutter beobachteten Tochtc?. Ein schwerer Seufzer entrang sich aus der schmerzbewegten Brust dc? schöben Jungfrau und leise wiegte sie das schöne von blondem Haare umrahmte Haupt. Frau Kath'rine l'cß ihre Arbeit in den Schooß sinken, als sie den klagenden Ton vernahm und bekümmert schaute sie aus in das Gesicht ihres Kindes. (Fortsetzung folgt.)