Indiana Tribüne, Volume 2, Number 42, Indianapolis, Marion County, 29 May 1880 — Page 6

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I n d i a n a .T r i b ü n e."

bgrunü. -WNovelle van S. von der Horst. (Fortsetzung.) Kind, Kind rief dieAlte, .Dir träumt! Allein, um Mitternacht?" Minna lächelte herzlich. .Laß einen der Wärter mit mir gehen, wenn Dich das beruhigt, Tante ; aber um Gotteswillen, halte mich nicht zurück!" Die Alte wiegte ' zweifelnd den Kopf. Mein Gott, Kind ich kann solche Erlaub niß nicht geben," seufzte sie. .Wenn es die Oberin erfährt, so wird sie Dich und mich zur Rechenschaft ziehen." Minna überlegte nur kurz, bevor sie ihre Lippen bis zu dem Ohr der Diakonissin herabbeugte. .Tante Johanna", flüsterte sie dann, .und wenn es gälte, einen zwei ten Mord zu verhüten?. Wenn vielleicht Dein Machtgebot die Tochter verhindern würde, ihren sterbenden Vater noch ein letztes Mal zu sehen?" Sie schluchzte laut bei diesem schrecklichen Gedanken, und die Alte blickte, starr vor Entsetzen, zu ihr empor. .Kind, Kind, Du sprichst im Fieber !" .Nein Tante, nein, um der Liebe Got teö Willen, laß mich gehen Schwester Johanna erhob sich und ging hinaus, um einen der Wärter zu rufen und sich von der Pförtnerin den HauS fchlüsiel zu'erbitten. Dann brachte sie Hut und Tuch ihrer jungen Genossin mit in in das Zimmer, wo Minna wartete. .Kleide dich an, Kind," sagte sie köpf schüttelnd, .ich glaube doch überhaupt nicht, daß aus Dir jemals eine rechte Dia konisiin wird ; Du hängst heimlich noch immer an den trügerischen Freuden des Leben, obwohl sie nur Schmerz und Her zeleid zurücklagen sollen, wie Diejeniben sagen, welche sie kennen, ich selbst weiß eö Nicht." Das junge Mädchen küßte, unter Thrä nen lächelnd, die welken Lippen der Alten. Tante Johanna, Du sprichst die Wahrheit", flüsterte sie, .noch ist das Sehnen nicht bekämpft, es wird sogar nie ganz schweigen lernen, und doch beneide ich Dich, Du Hochbegnadete, deren Inneres ein schattenloser Sonnentag ist. Wahrlich, Du bist glücklich!" DieAlte hielt sie an beiden Händen fest. .Bleib', Minna," bat sie innig, geh' nicht wieder binauS in den Kampf des Daseins. Sieh' dorthin, in jene Ferne, wo das erste Moreendämmern die Grabkreuze erhellt, dort schlasen die Schwestern dieser Anstalt, ruhen aus von dem Tagewerk des Frie dens und des Segens, nachdem sie, be schützt durch die weltabscheidenden Mauern des Asvls, lange Jahre voll ungetrübten Glückes gleich einem einzigen heiteren Sonnentage an sich vorüberziehen sahen, da werde ich selbst so bald schon ruhen. Minna, bleib' bei mir, Kind, ich habe nach keine Schwester so gern gehabt, wie Dich, verlasse mich nicht !" Minna lehnte gerührt ihren Kopf an die Brust der alten Diakonisiin. .Ich bin in zwei Stunden wieder hier, Tante Johan na", lächelte sie. .Ich' werde in diesem Hause mein Dasein beschließen und dort unter den Kreuzen schlummern, gleich Dir. Mich zieht nur Vergangenes hinaus in das Leben, aber nicht die Hoffnung auf Künstiges." Die Alte schüttelte den Kopf. .Du kommst nie wieder, Minna, sobald Du erst einmal fortgehst", seufzte sie. .Eine Ah. nung sagt mir's." .O Tante Johanna", lächelte das Mädchen, .Du die Practische, Vernünftige, glaubst an Ahnungen ?" .Es war ein Traum !" nickte weinend die Alte. .Ich hatte ihn in der ersten Nacht, welche Du in der Anstalt zubrachtest. Da sah ich ein weites, blaues Meer und ein Schiff, das in der hellen Sonne glänzte. Du standest auf dem Verdeck und winktest mir ein Lebewohl! Ich weiß, daß mir's war, als müsse mein Herz brechen, wie ich Dich so immer weiter fortziehen sah; vor Schluchzen erwachte ich endlich. Sieh, und jetzt fehlt nur das Schiff, sonst ist schon Alles zur Wahrheit geworden. Da draußen dämmert grau, wie ein wellenrei ches Meer, der Morgen, und Du gehst, Du wirst nicht zurückkommen." Minna küßte wieder da weiße, gutmüthig Gesicht. .In zwei Stunden, Tante. Ich muß gehen, das glaub' mir ; aber ich kehre zu Dir zurück." Sie eilte aus den Corridor hinaus, wo schon der Wärter bueit stand, und Beide

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betraten den Garten, um sich auf den Weg

zu machen. Während der Mann hinter sich und seiner Begleiterin dieThüre schloß. sah Minna verstohlen zu jenem Gebüsch hinüber, von wo am Abend vorher Robert von Holten so sehnsüchtig die Arme nach ihr ausgebreitet. Aber fast hätte ein Schrei der Ueberraschung dem Wärter Alles ver rathen, als sie im Dämmergrau des jun gen Tages an der gleichen Stelle denLieu tenant wiedersah. Er war blaß wie die weißen Rosen der Laube, aber dennoch trug sein Gesicht einen Ausdruck, den Minna nie vorher gesehen; eö war ein Etwas, eine Verwandlung, der sie keinen Namen zu geben wußte, die aber gleichwohl so deutlich hervortrat, daß sie daS Mädchen frappirte. Wieder breitete Robert die Arme nach ihr auS, aber dies mal stumm, weil der Wärter jeden Ausruf hätte hören müsien. .Was wollte er? Hatte er von dem grausamen, herzlosen Besuche seiner Braut gehört, und eS that ihm web, die einst Ge liebte so gekränkt zu wissen?" Minna wandte erschrockenden Blick. Er war treulos, der Einen, wie der Anderen. Sie trat dicht neben den verdrießlich schweigenden Warter und ging mit ihm durch die Gartenpforte hinaus, ohne noch ein einziges Mal zurückzublicken. Robert sollte nicht glauben, ihr seine Nähe auf drängen zu dürfen, er sollte sehen, daß er vergessen sei. Und Minna wiederholte sich aus diesem langen Wege durch die morgendlichen einsamen Straßen der Stadt immer wieder das eine Wort : .Vergessen ! Berges' sen !"- Er sollte eS glauben, aber dennoch wußte sie, daß ihr eigenes Herz nicht stark genug sei, jemals von ihm zu lassen, daß es sein Bild festhalten werde bis an jene Stunde, wo es, so ganz still und ruhig geworden, dort unter den Kreuzen gebettet lag, die so hell im Dämmerlicht hinüberschienen. .Wie kühles ist!" flüsterte sie schau, dernd. .Sehr", versetzte grollend der Wärter, .und besonders, wenn man nicht einmal sein Bischen Nachtruhe ungestört haben kann." Minna begütigte den Erzürnten durch das Versprechen eines Trinkgeldes und zeigte ibm dann die Hausthür, deren Klin gel er ziehen sollte. Was würden vielleicht jetzt binnen wenigen Minuten ihre Augen sehen müssen? Halb schwindelnd legte sie sich gegen die Wand des Hauses. Und jetzt kehrten sie zurück zu dem Mo ment, wo Leonore ohnmächtig auf den Teppich sank, währeud unten auf der Straße die Thürglocke in Bewegung gesetzt wurde. Als die schöne' Frau aus ihrer momentanen Bewußtlosigkeit erwachte, fand sie sich auf demSopha liegend und hörte, daß der Kranke zu einer dritten Person in lautem, erstauntem Tone sprach. Sie glitt tastend mit der Rechten über den nebenstehenden Tisch und wie ein Stich flog es durch ihren Kopf, daß das Flacon nicht mehr dort stand. Es war ihr genommen, wirklich genommen. Schaudernd,' lautlos sank sie in sich zu sammen. Der Kranke hatte die Bewegung gesehen und rief mit leisem, zärtlichen Tone ihren Namen. .Komm' zu mir, mein armes Herz ; ich bitte Dich, Nora komm', Minna besucht uns." Ein sonderbares Gefühl beschlich die schöne Sünderin. Wußte der Kranke von nichts? Sie richtete sich hastig auf. .O verzeih' mir, Rudolph, aber Du schliefst so ruhig ich legte mich aus einen Augenblick hin.und muß Dein Rufen über hört haben. Minna setzte sie verwirrt hinzu, .woher kommst Du so spät in der Nacht? Dein Vater befindet sich besser." Sie war während dieser Worte an das Bett getreten und sah scheuen Blickes um her. Das Arzneiglas stand an derselben Stelle. Niemand zeigte sich ihrem for schenken Auge. Minna sah ihr festen Blickes entgegen. Die zarte Gestalt des Mädchens schien zu wachsen unter dem Eindruck des Augenblickes. .Ich komme von einem Todtenbette," sagte sie langsam und während ihr Auge mit zürnender Verachtung die Stiefmutter überglüthe; .der Baron von Uhlfeld hat in dieser Nacht einen Mord begangen!" Leonore stieß einen Schreibe Entsetzens aus. Ihre Hand streckte sich drohend der Tochter entgegen. .DaS ist eine Lüge eine schmachvollem Lüge !" zischte sie.

.Nora !" rief der Kranke, .Minna ! Mein Gott, was bedeutet daS Alles ? WaS geht eS uns an, wer ermordet wurde? Minna, sprich deutlich, waS wolltest Du sagen?" .Vater", rief das junge Mädchen. .Va ter, vergib eS mir, daß ich anDein Liebstes die Hand legen muß, daß eS Dein Kind ist, welches so schreckliche Botschaft bringt, aber sieh die bleiche, bebende Sünderin dort ich kann nicht anders, ich muß sprechen. Deine Frau ist " .Rudolph", rief wie außer sich Leonore, .welche von uns soll diesZimmer verlassen, sie oder ich ? Einer Wahnwitzigen Rede zu stehen, fühle ich mich nicht berufen !" Die Blicke des gequälten Manneö flogen von der Einen zur Anderen, aber feine Eifersucht war einmal erweckt und er wollte jetzt AlleS wissen. .Noch einen Augenblick, Nora", bat er. .Sprich, Minna, was ist meine Frau?" Dieser Aufforderung folgte eine momentane Pause. Vorhin war das junge Mädchen im Begriff gewesen, hastig und leidenschaftlich die Anklage , gegen ihre Stiefmutter zu vollenden; jetzt, da sie, ruhig befragt, daS gewichtige Wort aussprechen sollte, fehlte ihr der Muth. Schon war sie im Begriff, zu sagen: .Deine Frau ist die Geliebte eines Anderen!" da ertönte durch die peinliche Stille eine ganz fremde Stimme, von der Niemand wußte, woher sie kam. .Die Dame ist eine Mörderin !" Wieder quoll ein Schrei über die Lippen der schönen Frau, aber dennoch schien alle ihre Besonnenbeit, wie durch einen Zau berschlag zurückgekehrt, seit sie jetzt gedan kenschnell zum Ofen hinübersah und dort einen jungen Mann erblickte, der mit ver schränkten Armen, blaß, aber vollkommen ruhig vor der Gardine stand. DaS war ein Mensch von gleich und Blut, wie sie selbst nicht jener Schatten, den sie mit fast wahnwitziger Leidenschaft fürchtete. Ein Plan, dämonisch wie die Schönheit der reizenden Frau, durchirrte ihre Seele und gewann feste Gestalt, be vor noch die nächsten Worte gesprochen wurden. .Wer sind Sie ? Minna, wen hast Du Dir erlaubt, hierher zu führen?" Aber das junge Mädchen zeigte ein so sprachloses Erstaunen, daß letztere Frage in sich zusammenfiel. Sie wußte es nicht, wer der Fremde sei. Der Kranke richtete sich mit Mühe vom Kissen auf und sah hinüber zu derRichtung aus welcher jene Stimme gekommen. Im ersten Augenblick sprach er kein Wort. Da näherte sich der Unbekannte dem Bette und nahm schweigend die fieberheiße Hand des Greises zwischen die seinigen. ES schien, als verhinderte ihn die mächtige Bewegung seines Inneren, jetzt schon zu sprechen. Sein Auge glänzte feucht, als er nach längerer Pause, während welcher der Kranke schwerathmend zurückgesunken war, demselben ein Wort zuflüsterte, ein einziges Wort, das halb wie hervorbre chender Jubel klang, halb wie eine erschüt ternde Klage: .Vater !" Der Alte bedeckte mit der Hand die Augen und wehrte dem Fremden nicht, als dieser sich herabbeugte, um ihn zärtlich zu küssen. Auch Minna näherte sich der Gruppe jener Beiden und nur Leonore stand unbeachtet im Hintergrunde des Zimmers. Ihr Auge flammte und um den Mund zuckte höhnischer Triumpf. .Rudolph," fragte sie, .wirst Du die Güte haben, mir zu sagen, wer dieser Herr ist, welcher sich unzweifelhaft heimlich hier eingeschlichen hat, um zu gelegener Zeit seine Spekulationen in'ö Werk zu setzen? Ich werde ihn verhaften lassen, das ist das Kürzeste." Sie wollte zur Thür eilen, aber . der Fremde vertrat ihr den Weg. .Ich will mich Ihnen sogleich vorstellen," sagte er in trockenem Tone, .und zwar als Ihren Stiessohn, Emil Riemer. Hierher kam ich heimlich und mittelst Einschleichens, wie Sie sehr richtig bemerken, um meinenVater vor Ihren Spekulationen zu beschützen, genau im richtigen Moment, wie Sie zugeben müssen, da ich so glücklich war, Jh nen dies Fläschchen, welches eine Arsenik lösung enthält, aus der Hand zu nehmen.

bevor das höllische Werk vollendet war." .Hier Vater", fügte er hinzu, dem halb Ohnmächtigen das Flacon zeigend, '.hier ist das Gist, und Du mußt eö zu vergessen suchen, daß die Mörderin bisher Deinem Herzen nahe stand. Sie betrog Dich Aber dies in den Armen eine unserer stadtbe knnten Roue'ö, eben deS BaronS von Uhlfeld, der in dieser Nacht seinen Mitschuldigen ermordet hat."

Das AlleS wurde mit ruhigem,- festem Tone gesprochen, und Minna bestätigte eS durch mehrfaches Kopfnicken. DieBlicke des Mädchens hingen voll inniger Freude

an dem Gesicht deS unbekannter, so plötz lich erschienenen Bruders. Sie hatte ihn vor elf Jahren zuletzt gesehen, als er bin ter dem Sarge Wilhelm'S ihren Augen entschwand ; aber dennoch erkannte sie ihn, zweifelte keinen Augenblick, deß er es sei. Frau Leonore trat zu dem Bett deS Kranken und beugte sich über ihn. .Mein Rudolph", flüsterte sie im Tone bittender Zärtlichkeit, .Du armer, Du urglücklicher Vater, das ist zu viel! Deine Kinder kom men mitten in der Nacht auf Verabredung hierher, weil sie nissen, daß Tu hilflos kiank darnieder liegst, und weil sie hofften, mich schlafend zu finden. O Mein Gott, sie wollen den eigenen Vater vergiften! Aber ich bibri Dir, mein Rudolph, ich wache für Dich, und jene schändlichen Pläne werden zunichte, weil Du ein Weib besitzest, das sich nicht irre mache läßt, nicht von Deiner Seite geht, und o auch die wahsinnigen Beschuldigungen eines GiftMischers sie zur Verbrecherin 'stempeln möchten!" Sie küßte die Stirn des Krankkn, wäh rend ein Strom von Thränen Mi ihren Augen brach. Mein armer Kudolph, das wirst Du nicht überleben", schluchzte sie, .der Gram um Deine entarteten Kinder ttriib Dich lösten." Und diese Worte verfehlten ihre Wirk, ung nicht. Was wir zehn Jahrelang als da Liebste, Theuerste im Herzen ietragen haben, was uns mehr galt, als dak eigene Leben, daö opfern wir nicht der ersten besten Anklage. Der Kranke hob matt die gesenktenLider und wirre Blicke streiften die Umzebung. .Wie Ihr mich martert " flüsterte er. .Nora, gib mir Deine Hand, wo bist Du ? Jener dort ist wirklich mein Shn, ich erkenne ihn. Sollte er zurückgekommen sein, um mich zu ermorden ? O,der Gedanke ist gräßlich." Leonore schluchzte noch immer. .Sieh' das Flacon in seiner Hand, Rudrlph ! Sobald er sich entdeckt wußte, suchte er die Schuld des schrecklichen Verbrechens auf mich zu wälzen, auf mich Unse ige, die die ich immer Deinen Kindern verhaßt war." Bei diesen Worten ihrer Stiefmutter trat Minna leise zu ihrem Bruder und legte die Hand auf seinen Arm. .Emil", flüsterte Minna schüchtert errö thend, .willst Du nicht diese sch-eckliche Anklage widerlegen ?" Er sah sie freundlich an und brüste ihre kleine Hand. .Gewiß, Minna, sei Du ganz getrost !" antworte er ruhig. Der Kranke winkte ihm. .Emil', flü sterte er, mühsam das Fieber bekänpfend, .schaffe Beweise! Beweise!" Leonorens schwarze Augen '.funkelten im unversöhnlichsten Haß. .Ja, ja," sagte auch sie, .ich wäre begierig, worrit Sie mir beweisen wollten, daß ich jemals dies Flacon in der Hand gehalten. Ihnen allein gehört es, Sie haben es hierher gebracht, um Ihren Vater zu vergiften !" Der junge Mann würdigte sie seiner Silbe, aber Minna sah, wie blaß er wu de. .Ja, Vater," antwortete er, .Du solst Beweise haben. Der Baron von Uhlfeld ist der Geliebte Deiner Frau, ich veiß eS mit vollkommener Sicherheit. Er hat vin einem Doktor Held aus Stockholm ein langsam tödtendes Gist für sie verschrieb: und erhalten, ich selbst war es, der ihm am Postfchalter daS Kästchen mit diesem Flacon einhändigte. Doktor Held kam heute hierher, vermuthlich um seinen Mitschuldigen in stärkere Eontribution zu setzen, er ist von dem Baron meuchliggS vor wenigen Stunden ermordet wordm. Ein Freund von mir war zufällig Zkuge dieses Verbrechens und ich kam hierher, Vater, um für Dich gethan zu haben, was in meinen Kräften stand ; da hast Du da Flacon, und nun entscheide selbst, vaS Deine Frau betrifft. Mich wirst Du icht wiedersehen, wenn es Dir nach wie vor er wünscht ist, daß sich unsere Wege kreuze. Ich gehe am Liebsten jetzt gleich." Leonore sprang hastig auf. Eine letzte wahnwitzige Hoffnung erfaßte sie. .Nicht von der Stelle mein Herr, bevor wir wissen, wer Ihnen gesagt hat, daß ein Baron von Uhlfeld, den ich nicht kennen Gift aus Stockholm verschrieb. Gestehen Sie!" Riemer athmete schwerer, er schnn die Antwort im Augenblicke nicht finden zu können, sondern schüttelte nur den Kops. .Run Emil !" rief der Kranke, .so sprich

doch ! Wodurch erfuhrst Du, was in je nem Briefestand ?" Frau Leouore lachte spöttisch. . .Sieh den feigen Verbrecher, Rudolph, wie er zittert ! wie ihm grauet, alö Aatermör der vor die Gerichte gestellt zu w'.rden !" ' .Emil !" rief außer sich daS Mädchen, .Emil! um Gotteswillen, rette Dich!" Riemer fuhr mit derHand über dieStirn. Er sah aus wie eine Leiche. Ja," sagte er langsam, .ich will spre chen, für Dich, Vater, damit Du nicht glauben müßtest. Dein Sohn habe Dich ermorden wollen. So höre denn: ich sah Geld in diesem Briefe und ich stahl dies Geld, weil mich die Verzweiflung er faßt batte. Mein kleines Kind rang mit dem Tode. Vater, die Bräune " Er murmelte die Worte fast unverständlich, seine Hand griff nach einem Stütz Punkt; es schien, als erliege er, der kräftige Mann, dem Eindruck dieses vernichtenden, entehrenden Bekenntniffes. Da legten sich weiche Arme um seinen Nacken und eine thränenerstickle Stimme sprach ihm Trost ein : .Emil, mein armer, lieber Bruder, o, wie mußt Du gelitten haben!"' Sein Gesicht neigte sich tief heröb in das Haar des Mädchens. Schwester und Bruder hielten sich eng verschlungen in diesem schwersten Augenblicke ihres Daseins. Leonorens Stimme klang heiser und unnatürlich, als sie jetzt lachte. . .Ein hüscher Ansang !" spöttelte ße. .Der Herr repräscntirt sich alö Dieb! Wahrhaftig, das ist neu !" .Wehe, wehe !" murmelte der Kranke. .Mein Sohn ein Dieb !" Riemer machte sich mit sanfter Gewalt frei und trat dann zum Bette. .Ich habe Dir nun Alles gestanden, Vater, ich habe mein und meiner ganzen Familie Schicksal in Deine Hände gelegt sagte er tiefaufathmend. .Wenn Du willst, so denuncire mich der Postdirektion, ich kann eS nicvt ändern. Aber hüte Dich vor Deiner Frau, Vater ! Ich nahm fremdes Geld um meines sterbenden Kindes willen, sie aber war es, die das Geld dahingab, um Gist zu kaufen, das Dich aus ihrem Wege entfernen sollte. Hier sind die beiden Briefe, welche sie an den schwedischen Arzt richtete." Er zog aus der Tasche zwei Streiken weißer Seide und hielt sie entfaltet dem Kranken entgegen. Deutlich lesbar stan den auf dem einen, von rothen Fäden ge zeichnet, die Worte : .Hundert Thaler für ein Gist, das langsam und sicher tödtet, ohne Spuren seines Daseins zu hinterlas sen." Leonore sah kaum die verhängnisvollen Blätter, als sie aufsprang und mit blitzesschneller Bewegung dieselben an sich zu reißen versuchte. .Rudolph," schrie sie, wie außer sich, .glaub' ihm nicht, das ist ein höllischer Betrug. Er, nur er ist der Gift mifcher !" Die Hand des Kranken erfaßte langsam

den Seidenstoff, welchen Riemer vor den Anstrengungen der schönen Frau zu schü tzen gewußt hatte. Er stieß einen Schrei. des Entsetzens aus. , .Nora! Nora! Ein Stück von Deinem Gesellschastskleide !" ächzte er. .Lüge !" bebte es über die bleichen Lip pen der Verbrecherin. Lüge! Oder nein doch, es können Hunderte diesen Stoff besitzen." Die Hand desKranken sank schwer herab. .Niemand besitzt ihn", flüsterte er, .Nie. mand. Ich ließ das Stück für Dich allein nach eigener Zeichnung weben. Ich be zahlte Tausende, um Dir ein Kleid zu schenken, wie es keine Dame der Stadt auszuweisen hat. Aber Leonore gab selbst jetzt den Kampf noch nicht auf, obwohl ihre Stimme iinkenntlich klang und die ganze Gestalt zit terte. .Rudolph, Rudolph kann mir denn nickt die Näberin dies Stückcken entwendet haben?" rief sie. .O gewiß, so wird es lern. Der Kranke sah sie an, traurig und lange, wie man Abschied nimmt von einem geliebten, theuren Wesen, besten Züge man nie im Leben wieder erblicken wird. .Nora," flüsterte er, .Unglückliche, Du hast Dir Dcin Urtheil selbst gesprochen. WaS ich für die erhabene geheiligte Auf Opferung der Tochter und Schwester ansah, was ich gewahren ließ, ohne es jemals sehen zu wollen, das war ein Verbrechen obne Gleichen. Ich wußte ja, daß Du Deine Kleider immer selbst anfertigtest und daß Deine Mutter unter fingirten Namen die Bezahlung für diese Arbeiten empfing; aber ich hielt Dein Gebeimniß heilig, weil mir die Armuth der alten Frau bekannt war ! Nora. bast Du den Muth, Deine Mutter zur Giftmischerin zu stem peln V (Fortsetzung solgt.)