Indiana Tribüne, Volume 2, Number 41, Indianapolis, Marion County, 22 May 1880 — Page 6
6 I n d i a n a Tr ib ü'n e."
Am Abgrunil. -- Novelle von S. von der Horfi. o (Fortsetzung.) Der Wagen setzte sich in Bewegung und durch das Geräusch der Räder tönte das klägliche Aechzen des Verwundeten. Die Schmerzen mochten durch das Rütteln auf dem Pflaster mit verdoppelter Stärke wie der erwacht sein. Volten redete ihn mehrere Male an, aber es erfolgte keine Antwort. Er dankte dem Himmel, als endlich die Diakonissen An stalt erreicht war und er für denAugenblick die Sache in andere Hände legen konnte. Seine Gedanken beschäftigten sich nur mit Riemer. Er lieb den Wagen sogleich umwenden und fuhr zum Hause seines Freundes, den er seltsamer Weise noch wachend antraf. Frau Marie und die Kinder schliefen längst, aber Riemer selbst saß am offenen Fenster und sah in die Sommernacht hin ans, nnx über einen einzigen Gedanken grübelnd, den der Anklage gegen den Bestohlenen. Morgen vielleicht war er schon ein entehrter Mann, die Seinigen Bettler. Als so unerwartet Volten an die Thür klopfte, schrack er auf und sah ihn so ver wirrt, so ängstlich an, wie damals, als ihm sein Freund den Dienst abnahm und er durchaus eine Kassen Revision verlangte. August was führt Dich hierher ? Was weißt Du ? forschte er hastig. Volten umfaßte mit festem Druck seine sieberhaste Hand. Komm, Emil, höre mich ruhig an. Da ist die Stunde, in welcher Du mir Dein volles Vertrauen schenken fülltest, wo wir berathen müssen, waS uns zu thun obliegt." Riemer fuhr mit der Hand durch das Haar. .Setze Dich sagte er hoffnungs los. Du bringst mir eine böse Botschaft, ich weiß es, aber das schadet nicht, einmal mußte es ja kommen." Volten überhörte absichtlich die verwor rene Rede. Er erzählte in möglichst ruhi gem Tone Alles, was geschehen war, und zeigte zum Beweise seiner Worte auch die kleine Blechkapsel, an deren Band der Schlüssel noch unberührt hing. Das werde ich morgen den Behörden überliefern," setzte er hinzu. Riemer streckte unwillkürlich die Hand aus. Was wahr wohl in diesem kleineu Behälter ? Er mußte es wissen um jeden Preis. Lieb sich die Entdeckung von seinem Haupte abwenden, so war das ja bester. Er schien mit sich zu kämpfen, ehe er jetzt sprach.. Sein Gesicht war blab wie der Tod. August," sagte er endlich, als drängten sich die Worte unaufhaltsam über seine Livpen, ich muß wisien. was in dieser Kapsel enthalten ist, und Du Du darsst es nicht gesehen haben, wenn ich etwa in die Lage komme, ein Papier oder einen Taffetstreifen an mich zu nehmen. Ich fordere es von Deiner Freundschaft." Seine Hand lag schwer auf der Achsel deö Freundes und seine Augen blitzten unheimlich. August, bei Allem, was dem redlichen Menschen heilig ist, bitte ichDich, sprich zu Niemand von Dem, was ich jetzt thun will !" wiederholte er. . Bolten wandte sich erschüttert ab. Nimm die Kavsel, Emil sagte er, und liefere sie später beim Untersuchungsgericht ein. Du kannst sie nachträglich gefunden ha den." Riemers Hand legte sich um den Nacken des Anderen. Und Du willst nicht irre an mir werden, August?" fragteer mit unsicherer Stimme. Du glaubst mir, wenn ich Dir sage, dab mich in der letzten Zeit ein wahrhaft marterndes, schreckliches Verhängnis ereilt hat? schlimmer als Du auch nur ahnen kannst!" Bolten drückte die fieberhafte Hand, welche an seiner Wange lag. Emil," sagte er, geh' und nimm die Kapsel. Ich will Dir zu Gefallen von derselben nichts wisien, armer Schelm." August, August, - Du sollst mich nicht verachten." Das war fast geschrieen, fast berausge schluchzt, es klang wie die äußerste Ver zweiflung eines Herzens, welches dieBürde, unter der es erliegt, nicht länger zu tragen im Stande ist. Riemer legte den Arm fest um Boltenö Nacken und bib hörbar die Zahne überein ander. Polten klopfte ihm gutmüthig auf die Achsel. Höre mich," versetzte er im ern
sten Tone, und glaub' mir jedes Wort, Emil. Und wenn Du gestohlen hättest, so würde ich Dich nur beklagen, aber nicht verachten." Riemers blaffeS Gesicht überzog sich mit Purpurröthe. August, Du, der ehrlichste, beste Mann unter der Sonne, Du könntest den Gefallenen noch Freund nennen V Erschüttert wandte sich Bolten ab. Diese Worte sagten ibm Alles. Aber auch ein anderer Gedanke durchzuckte plötzlich seine Seele. Sag' mir Eins, Emil, war es eine Sendung unter der Chiffre G. G. ?" Riemer nickte stumm. Nun Emil", fuhr Bolten mit fast feierlichem Tone fort, so will ich Dir ein trö flendes Wort sagen, armer Junge. Weißt Du noch, was wir als Knaben in der Schule auswendig lernen mußten ? Gottes Wege sind wunderbar !" Emil, soll ich Dir sagen, wo Diejenige wohnt, welche auf das verschriebene Gift vielleicht wochenlang warten mußte, weil der Sündensold nicht an seine richtige Adresse ge langte ?" Erstaunt, von unausgesprochener Ahn ung durchzuckt, sah Riemer in das Gesicht seines Freundes. Du kennst den Namen, August? Aber wenn auch, wenn auch, es nützt zu nichts, daß ich erfahre, wem im Grunde das dem schwedischen Arzt ersetzte Geld gehört, das meine war es in keinem Fall." Bolten nickte freundlich tröstend. Ich weiß auch van keinem Namen, Emil, nur von einer Adreffe, und dieje könnte Dir immerhin von Jntereffe sein. Die Em pfängerin der Arsenik Lösung wohnt in der Dienenstraße Nr. 12." Bolten ! Um Gotteswillen !" Es ist so, Freund. Du selbst magst jetzt ermessen, was Dir zu thun obliegt, ich (ür meinen Theil glaubte mit dieser Nachricht indessen nicht zögern zu dürfen." Riemer starrte wie abwesend vor sich auf den Boden. Hier ein Beleidigter, den meine Klage treffen soll, dort eine Feindin, von der es bekannt- ist, daß ich sie hasse. O August, das ist der Fluch der bösen That, daß sie, fortzeuzend, Böses muß ge bären." Bolten legte die Hand mit festem Druck auf des Andern Arm. , Zertritt jetzt der Schlange, den Kopf, Emil", sagte er. Sprich die volle Wahr heit, überall, wo es gilt. Vergangenes zu sühnen und auszugleichen. Kaufe Dir inneren und äußeren Frieden zurück." Riemer nickte. Ich will jetzt gleich zur Dienenstraße geben", antwortete er. Gott weiß, was sich dort vorbereitet, da Du sagst, daß ähnliche Anspielungen gemacht werden. Und vielleicht habe ich ja morgen dazu keine Zeit mehr." Er sagte seiner im Nebenzimmer längst schon wachenden Frau einige erklärende Worte, und dann gingen beide Männer abermals in die Nacht hinaus. Emil", bat Bolten in eindränglichem, fast beschwörendem Tone, nimm jetzt die Gelegenheit wahr, um " Stille! Sprich nicht so, .August. Auch da harrt meiner das entehrende Be kenntniß; sollte ich Rechte erwerben wollen, wo Wahnsinn, Wahnsinn, ich bin ein Verlorener, Gefallener sprich nicht mit mir, August, ich ertrage es nicht." Mehrere Wärter hatten den Verwunde ten in das Spital getragen. Er wurde durch einen Arzt untersucht und sein Zustand von vornherein für hoffnungslos erklärt. Nachdem der Verband angelegt, entfernten sich die Wärter und der Arzt, so daß jetzt in dem großen Zimmer, wo mehrere Kranke bei einander lagen, nur die Diakonissin blieb, welche je zuweilen einen Nundgang machte,' oder auf den Ruf eines Leidenden aus dem Nebenzimmer herbeieilte. An ihrer Seite ging, ängstlich und zagend, eine Probeschwester, welch? an der Stätte des Elendes ihre Studien machte. Es war Minna, die noch mit den bitteren Eindrücken des Tages kämpstc, die immer noch das lächelnde Gesicht ihrer Todfeindin vor sich zu sehen glaubte. Sie ging von Bett zu Bett und hörte die Unterweisungen der älteren Schwester nur mit halbem Ohr. Was fast schon in ihrem Herzen ent schlummert gewesen, das war ja heute durch Malchens Besuch wieder zum volleu Sturm erwacht, das tobte und kämpfte jetzt mit unwiderstehlicher Macht, und kein Entschluß keine Willensanstrengung ver mochte die Seele zurückzuführen in die Situationen der Gegenwart.
Die alte Diakoniffin bemerkte es nicht. An ihrem ergrauten Scheitel waren die Jahre der Resignation und des klagelosen Duldens nicht müßig vorübergegangen, sie hatten ausgelöscht, was vielleicht einst im Lenz auch dieses stillgeworoene Herz in Jubel und Weh seine Schläge verdoppeln ließ. Herr Doktor", fragte sie den Arzt, ehe er fortging, sind für den Neuangekomme nen noch besondere Vorschriften zu befolgen?" Der Assistenzarzt legte sein junges Gesicht in die ernsthastesten Falten. Dem hilst keine Arznei mehr, Tante", sagte er, freundlich die Achsel der Alten klopfend. Es wirk noch etwas Wundfieber eintreten, aber gegen Morgen ist's vorbei." Die Diakonissin faltete ihre Hände. Wie schrecklich!" seufzte sie. So von Mörderhand am Wege getödtet !" Gute Nacht, Tante," sagte der Arzt und grüßte zugleich nus'S Verbindlichste die junge Probeschwe'ter, ohne jedoch von dieser bemerkt zu werden. Minna sah aus dem Fenster in den halbdunkeln Garten hinaus und dachte an eine Scene, welche doch erst kürzlich stattgefunden. Ihr Zimmer lag über diesem Saale im ersten Stock der Anstalt, und als sie um elf Uhr Abends die Fenster desselben schloß, erschien zwischen den Gebüschen des Gartens eine männliche Gestalt, und Minna sah, daß.sie die Arme ausbreitete. Wie betäubt blickte sie hinab. Der dort unten auf dem Kieswege stand, unbekümmert um Hunderte von Augen, die ihn möglicher Weise bemerken konnten, war Robert von Holten. Minna," flüsterte er, komm zu mir. ich muß Lich nothwendig sprechen. Nur auf einige Minuten, mein Herz, ich flehe Dich an." Da war sie erwacht, da fiel ihr ein, daß er der Bräutigam einer Anderen sei, xotU cher sie um einStelldichein zu bitten wagte und das Fenster schloß sich im Fluge, das Rouleaux sank herab, ehe sie Zeit behielt, ruhig nachzudenken. Ihr Herz schlug zum Zerspringen, aber gleichwohl sah sie nicht mehr aus dem Fenster. Sollte sie eS sein, die erröthen müßte, wenn ihr Malchen Philipp begegnete? O Gott, nein.! Nein! Aber doch dachte sie an den Ton voll Zärtlichkeit, mit welchem er gebeten, doch wiederholte sie sich in jeder Minute das Mein Herz, ich flehe Dich an!" Auch diese geheiligten Mauern boten ihr also keinen Schutz gegen das eigene ruhelose Herz, welches immer noch an den Verlorenen dachte, immer noch nach der Vergangenheit sich sehnte, obgleich zwischen ihr und dem Heute eine so tiefe, unauö füllbare Kluft lag. Gerade unter diesem Fenster hatte er gestanden, und Minna wandte ihre Blicke allmählich ganz von dem Kranken ad und dem Garten zu, sie träumte wachend. Die alte Diakonissin hatte sich an das Bett des Verwundeten gesetzt. Das ist der Fünfundzwanzigste welcher ermordet in dies Haus gebracht wurde, seit ich hierher kam", murmelte sie. Laß sehen, wie lange ist das schon ? Ja, ja, zur Zeit der Fliederblüthe werden es fünf zig Jahre, jetzt weiß ichs, die Blumen erinnern mich jedes Mal an den Tag." Minna hatte die leisen Worte gehört, den halberstickten Seufzer, welcher sie begleitete; unwillkürlich wandte sie sich sra gend zu der Alten. Tante Johanna, was führte Dich in dies Haus V flüsterte sie, den Arm um den Nacken der Greisin legend, war es die Liebe V Die alte Diakoniffin, die weitaus älteste Insassin der Anstalt, schien bei dieser Frage fast zu erschrecken. Sie sah voll Erstaunen in das junge glühende Antlitz des Mädchens. Die Liebe, Kind? Was für sonderbare Worte Du sprichst ! Nein, nein, ich wußte von keiner Liebe. Vater und Mut ter starben zu gleicher Zeit an der Cholera, als sie zum ersten Male durch die deutschen Lande zog, und ich war ein Kind von sechszehn Jahren. Da brachten mich die Vormünder hierher." Minna sah zweifelnd, voll Erstaunen in das magere, von weißem Haar um rahmte Antlitz der Alten. Tante Jobanna, und das ganze Leben wäre dahingegangen ohne Liebe, ohne Glück, verfloffen in diesen Mauern? O, es ist nicht möglich!" Die alte Diakonissin lächelte. Mir ging es allzeit wohl und gut," versetzte sie
, r . ... , nickend. Ich habe Sorge und Leid rit mal kennen gelernt, .Dank sei es Gottes Gnade, die mich von . jeher behütite. Vierhundertundzwei Schwestern sind in dies Haus gekommen, seit, ich hier wele, und einhundertundneunzig davon schlagen lange schon den letzten Schlaf, ich lin hochbegnadet vor allen diesen." Und während sie die leisenWorte sprach, legte Tante Johanna das kalte Waser kunstgerecht auf die Stirn des Verwundeten, besten Lippen jetzt hin und wieder zu murmeln begannen, besten Augen sich öffneten und in dem seelenlosen Blick des Deliriums die Umgebung überflogen. Der Fünfundzwanzigste", murmelte die Alte. Nun ist das ' Viertelhundert voll und ich will in meinem Notizbuch $b schluß machen. Bis zum Fünfzigsten bringe ich es nicht mehr !" Minna wandte sich wieder zum Fenster. War es wirklich zu beklagen, dies Dasein ohne Stürme, dies ruhige Herz und diese auf ein unbegrenztes Feld concentrirten Interessen? Diese fünfzig Jahr? glrtten vorüber, wie an dem Wazm des Reisenden die ebene, baumlose Landstraße vorübergleitet, ohne ein Merkmal, ohne Felsklüste und Dor nen, aber auch ohne ein lachendes, blumi ges Dorf am Wege, wo treue Herzen ihn erwarteten und offene Arme ihm entgegen eilten, nur die Marktsteine am Rande zeigten sich hier und da dem prüfenden Auge, jeder einzelne mit immer höherer Nummer, immer näher hindeutend auf das letzte Ziel. Und wenn es endlich kam, dann breitete sich sein Schatten über ein lächelndes Ant litz still und sturmlos, noch im weißen Lei chenkleide, wie seit all' den langen Jahren schon. Minna lehnte den Kopf gegen das Jen sterkreuz und warme Thränen fielen in die Blüthen, welche heute ein junges Mädchen gebracht, besten Liebster hier krank lag, hoffnungslos krank der Schwindsucht verfallen. Die Probeschwester hatte es gesehen, wie draußen im Corridor die arme Braut den Kopf an die kalte Wand lehnte und so bitterlich, herzzerreißend schluchzte; sie hob leise das Bouquet empor und drückte es an ihre Stirn. Welche, dustige Rosen, in deren Kelchen die Thränen wie Perlen glänzten und ein krankes, todt müdes Herz ! Schwester.Johanna war zum Klingel zuge gegangen, um einen Wärter herbei zurufen. Der Verwundete warf sich im Bett von einer Seite zur anderen, es mußte daher für alle Fälle eine kräftigere Hand in der Nähe sein. Nachdem der Mann instruirt worden, winkte ste dem jungen Mädchen und zog es mit sich ins Nebenzimmer. Harms ist ein zuverlässiger Wärter," sagte sie, wir können daher recht gut ein wenig schlasen. Ich fühle doch, daß das Alter naht; mir fallen die Augen zu, ehe ich mich dessen versehe." Minna fand kaum die nöthige Faffung für eine ruhige Antwort. Warum kam auch Robert hierher ? Wie konnte er es wagen, sie so zu beleidigen? Ihre Hände bedeckten daö Gesicht und Tante Johanna mochte glauben, daß das Kind ermüdet eingeschlafen sei, denn sie sprach nicht weiter, sondern lehnte sich in den Segel zurück und sehr bald verkünde ten ihre tieferen Athemzüge den festen Schlummer der Erschöpfung. Minna saß regungslos mit weitgeöffne ten Augen. . Was ste sah und wobei ihre Seele weilte, das gehörte nicht hinein in die Welt dieser Räume. Drinnen im Saal sprach und gesticulirte derVerwundete so heftig, daß fortwährend einzelne Ausrufe oder ganze Sätze hin überdrangen bis zu dem kleinen Zimmer und bis zu den Ohren des träumenden Mädchens. Zuerst gab Minna nicht wei ter darauf Acht, weil ja der Wärter zugegen war und sie selbst daher nicht eher zu erscheinen brauchte, bis wieder ein Medi cament verabreicht werden mußte, end lich aber wurden jene verworrenen Reden so laut, daß es nicht länger möglich war, sie zu überhören. - Feuer !" ächz!e der Sterbende ; Feuer in meiner Brust ! Nehmt die Blechkapsel fort, der rothe Faden zieht sich von der Brust bis in's Hirn hinauf ! Ich ver brenne!" Der Wärter legte frisches EiS auf die Stirn des Unglücklichen und dieser lächelte trotz seiner Bewußtlostgkeit, mit zusriede nem Ausdruck. . Das war gut," sagte er. Uhlseld wo sind Sie?" Bei dem Klänge dieses NamenS' zuckte Minna plötzlich empor. Uhlfeld !
Baron von Uhlfeld) Sprach der Ver wundete von diesem Manne?" Sie stand auf und glitt geräuschlos in den,Saal. Da sah ste den Wärter be müht, den Sterbenden mit beiden Armen festzuhalten. Weiße Seide", rief dieser, daß es schau, erlich durch die stille Sommernacht tönte, weiße kostbare Seide war es. Man wird sehr leicht den Verkäuser ermitteln können und die Dame, welche den theuren Stoff besttzt. Da stand es ja mit deutlichen Worten und Du hast es nicht einmal ge leugnet. Schändlicher! Ich weiß, daß Du das Flacon von der Post holtest. Ja, ja, Baron von Uhlfeld, hüte Dich vor dem Widersacher, Du zwiefacher Mörder! Man wird sehr leicht erfahren, wer Deine Geliebte ist, und dann wanderst Du in'3 Zuchthaus!" Minna erschrack so sehr, daß ste stch an dem vor dem Bette stehenden Tisch fest halten mußte, um nicht zu schwanken. Welcher Name würde vielleicht im nächsten Augenblick hier grnannt werden ? Sie berührte d:n Arm des Sterbenden, wie um ihn in einen andereren Gedanken gang hinüberzulelten. Was hat Ihnen der Baron von Uhlfeld zu Leide gethan, armer Mann ?" fragte sie mit erkünstelter Ruhe. Der Wärter zuckte die Achseln. Da5 nützt Ihnen nichts, Fräulein", sagte er. Der hört kein Wort mehr!" Aber der Verwundete mußte dennoch die Flage verstanden haben. WaS er mir gethan bat?" knirschte er. Da ! Da ! Es war ein Meffer, o, der falsche, heimtückische Schurke, er hat mich ermorden wollen. Den Namen seiner Geliebten kenne ich nicht, aber sie ist eine reiche Dame, und der alte Mann soll aus dem Wege geräumt werden, ha, ha, ha ! Sein Geld ist etwas Schönes, sehr Schö nes, aber er selbst muß in's Gras beißen !" Minna athmete auf, obgleich ste bei den Worten des Sterbenden unwillkürlich schauderte. Also einen Namen konnte er nennen, und doch war dies die Haupt sache. Woher wisten Sie das Alles ?" fragte ste weiter. Der Verwundete lachte. Da, wo es so sehr brennt," flüsterte er, wo die rothen Schlangen kriechen, der Baron wollte es so gern besitzen, darum erstach er den fremden Gebirgswolf. Ich weiß nicht, wer daö war ich kenne den Unglücklichen nicht, ein Wolf oder ein Mensch ! Aber es stand auf der weißen Seide, das ist gewiß !" Minna vermochte vor Bestürzung kaum zu sprechen. Ein Verbrechen!" rang eS sich von ih ren Lippen. Und wann sollte eS bcgan gen werden, armer Mann ?" Der Verwundete wurde augenblicklich schwächer und schwächer. Wann?" wiederholte er. Wann höhlt der Tropfen den Stein? Wann schließt die Spinne ihr Netz? Aus Mo schen besteht es und aus Stunden und rothe Schlangen kriechen durch daS.Heez blut, Uhlfeld, sei verflucht. Du bist falsch, falsch. Du hast mir Feuer zu trin ken gegeben, damit ich Deine Geliebte nicht kennen lern? !" Er wandte sich im Todeskrampf unter . der Hand des Wärters ; seine Ausrufun gen wurden immer unverständlicher und nur das Eine kehrte in hundertfältiger Variation der verwirrten Seele zurück: ein Fluch gegen seinen Mörder. Minna sah, daß sie nichts mehr erfahren konnte; aber eine unbezwingliche Unruhe hatte sich ihrer bemächtigt. Jene nacht liehe Scene im Salon, das Rendezvous, welches sie belauscht, stand mahnend vor ihrer Seele, jetzt konnte sie nicht länger schweigen, nicht müßig die Hände in den Schooß legen, während vielleicht Entsetz liches geschah. Gerade diese Nacht barg die Gefahr, gerade im Augenblick mußte eS dem Baron von Uhlfeld daran liegen, möglichst schnell die Gegend zu verlaffen; siedende Hitze überlief den Körper deS Mädchens. Nein, sie mußte handeln, um sich nicht schon morgen vielleicht m furchtbarer Reue zu verzehren. An den Seffel der schlummernden Alten tretend, weckte sie diese und bat sie, sich auf zwei Stunden entfernen zu dürfen. Du mußt mich nicht fragen, Tante Jo hanna," sagte sie mit gepreßtem Tone; aber späterhin erzähle ich Dir vielleicht einmal Alles. Bitte, laß mich jetzt ge hen." (Fortsetzung folgt.)
