Indiana Tribüne, Volume 2, Number 39, Indianapolis, Marion County, 8 May 1880 — Page 6
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I n d i a n a T r i b ü n e."
bgrunü. -o-Novelle von S. von der Horst. 0 (Fortsetzung.) Leise lachend, wanderte er fürbaß, und die sonderbare Jagd nach einem der ele aantesten Cavaliere der ganzen Stadt wurde emsia fortaesekt. Es warur die feinsten Kaffeehäuser und Conditoreien, die der Fremde aussuchte, und sobald er mit abgezogenem Hute, demüthig bittend, nach dem Herrn Baron sich erkundigte, war er momentan aan wieder der schüchterne Alte vom Mur des PostHauses :derMann, " . I dem mitleidige Nellnerinen eineErsrlschung darboten, weil er so hohläugig, so verfallen Ueberall, wohin er kam, kannte man den Baron von UHlfeld, aber Niemand wußte. wo er wohnte. Erst in einer Conditorei ......., k Q vi. n.v.xkJ.H zweiten ganges Illyen uic uuriiutuvcii einander an und kicherten, als fiin Name a,nanntmrke. " .Der !" saate die Eine im schnippischen Tone und mit coauettirendem Blick aus ,Zn.n Mast. der seitwärts am Tische saß ; ja, da fragen Sie nur hier diesen Herrn er wird's wohl w'ffen, der vielen Briefe weaen. die er an den guten Baron zu schreiben hat Und wieder kicherten die beidenNymphen leise mit einander. Der bezeichnete Herr erhob denBlick vom Journal, in welchem er gelesen, und blinI ,klte ,u dem Mädcken b nüber. .Du bist eine kleine Teufelin, Lisa sagte er; man muß sich vor Dir in Acht nehmen. Du schwarzäugige Hexe. Na, was war es. Schelmin Das Mädcken lackte noch immer, NicktS. Serr Commislionsratb ; dieser alte Mann mochte nur gern wissen, wo der Baron v. UHlfeld wohnt, und da sagte ich ihm, Sie kennen die Adresse. Der Fremde hatte schon längst aufmerk sam in das Gesicht des Anderen gesehen und war unw.llkürlich zurückgetreten, als Jener sprach. Jetzt trafen sich die Blicke der Beiden. Eine Pause deS tiefsten StillschweiaenS folgte dieser Bewegung. Das frische, kräftige Gesicht des Commissiovs. rathes spielte langsam aus seiner natürli chen Färbung in ein fahles Grau hinüber,
Am
und die Augen, eben noch lächelnd blin- Der Geschniegelte verschwand durch die zelnd, schienen erstarrt im plötzlichenSchre. grünen Portieren und floh schleunigst auch cken. Er sah aus, als habe eine kalte aus dem Vorzimmer, als plötzlich hinter . '.... r. . c i n
schattenhafte Hand diese lebensvollen Züge mittelst einer einzigen Berührung zuStein verwandelt. Der kleine Alte sah seelenruhig in das Auae des Anderen. Er lächelte. Sie wollen die Güte haben, mir die Adreffe des Herrn Baron mitzutheilen?sagte er in äußerst verbindlichem Tone. .Wirklich, ich würde Ihnen sehr dankbar sein, Herr Commijsionsrath !" Das Zeitungsblatt sie! aus denFingern, welche es bisher gehalten die beiden Mädchen sahen einander voll Erstaunen an der Commissionsrath rührte sich nicht. Der Fremde trat näher an ihn heran und legte die Hand auf seine Schulter. Ich möchte nicht unbescheiden sein, ver. ehrtester Herr Sie haben vielleicht über wichtige Angelegenheiten nachzudenken sagte er im süßlichsten Tone, aber wenn ein alter Mann bitten dürste " Der Commissionsrath schüttelte mit ha stiger Bewegung die Hand von seiner Ach sei. Das, was die bleichen Lippen in die sem Augenblick murmelten, klang wie ein unversöhnlicher Fluch, nicht wie eine jener landläufigen, bedeutungslos gewordenen Ausrufungen des Zornes, sondern wie eine Berwünschungsformel, ein Appell an düstere, unheimliche Mächte, denen er die Seele des Alten zu überliefern schien. Hastig, mit bebendenLippen zog er aus der Brusttasche das Portefeuille und entnahm ihm eine goldgeränderte'Karte, die er dem Fremden zuwarf,Alles ohne einen einzigen Laut. Dann ergriff er seinen Hut und ging fort, ohne den genoffenen Wein zu bezah len. ohne einen Gruß, einen Blick auf die zurückbleibenden Mädchen. ' Wahrhaftig rief die dunkeläugige Li sa, dabei könnte es einem graulich werden. Brr, der sah ja aus wie ei?r Verrückter ' ,Und als er durch den Saal ging, stieß er gegen alle Stühle kicherte die Zweite. Wahrhaftig, mem Herr, Sle müffen den bösen Blick haben ; der arme Commis. sionsrath war ja ganz behext Der kleine Alte sah so harmlos drein, wie ein Kind, das gedeckt wird.
Ich?" lächelte er, Gott bewahre uns in Gnaden. Aber von so schönen Lippen schmeckt selbst ein zweifelhaftes Compliment wie Nectar und Ambrosia. Empfehle mich den Damen bestens !" Er zog denHut und wollte sich entfernen, als ihm die Kellnerin lachend zurief : Kannten Sie denn eigentlich den Commissionsrath ? Es wäre nur, um denDicken
gelegentlich ein wenig zu hänseln." Der kleine Alte drehte sich nochmals um. Bewahre," sagte er, bewahre ; habe den vortrefflichen Herrn nie im Leben gesehen. Empfehle mich gehorsamst." Er schritt zur Thür hinaus, nachdem er, ein Glas Liqueur bezahlt, aber nicht berührt ha'te, und untersuchte draußen auf rm i r m i t. ' fr oer lrane jene xant, ote lym oer vom missionörath gegeben. W.-Strafe Nr. 22 las er Monsieur le baron Maximilian de Uhlleld. Er lachte laut auf, so daß die Vorüber, gehenden voll Erstaunen den Alten in dAn Jsihrn Rrft nnni nslfin friTA' i. O..v , u-"a ungewöhnlicher Heiterkeit hingeben sahen. Er bemerkte es und schien sich dessen zu freuen. .Der Wolf wetzt seine Zähne und das nennt Ihr Lachen !" rief er in fremder Sprache. Aber das Wild möchte auch einmal Jäger sein so war's von Anbe gmn der Dinge, ha, ha, ha! lZr fragte einen Jungen nach der W. Straße und ging dann mit großen Schrit ten in der bezeichneten Richtung fort. Erst als er die Nr. 22 sah, machte er Halt und erkundigte sich im ersten Stockwerk, ob der r. er f. k k fr o . . . yerr aron zu Vau,e ie,. :uie ANiworl war bejahend. Dann wurde ein Vorzimmer geöffnet und grüne Portieren rauschten zur Seite; er stand einem eleganten, nachlässig auf das Sopha hingestreckten Cavalier unmit telbar gegenüber. Nun V rief dieser, sich etwas ungnädig auf einen Ellenbogen erhebend, was soll's?" Zugleich verscheuchte eine Bewegung der ecyken ven Vlener. Baron v. Uhlseld war ein feiner Menschenkenner; er glaubte durch die schlechten Lumpen des Alten deutlich den pfändungslustigen Gläubiger hervorschimmern zu sehen, und wozu sollte dzs der gallonirte Tagdieb erfahren ? Vmaus I die lässig erhobene Hand ge bot es. lym zmliazen oen aaiien oes vamaues das schlaue Gesicht des Fremden erschien, Lächelnd wand'e sich dieser zu dem doppelt erstaunten Edelmann zurück. Jetzt sind wir allein,. Herr Baron! flüsterte er. Der Edelmann blickte stirnrunzend em por. Zum Teufels rief er, wer sind Sle Wer hat Ihnen das Recht gege den, bei mir ohne Meldung einzudrin-gen?"-Der kleine Alte lächelte gutmüthig. ,Ern blanker Thaler, Herr Baron !" ver setzte er, den drückte ich unversehens in die Hand Ihres Bedienten, und da vergaß es der Tölpcl, nach meinemNamen zu fragen Soll ich jetzt Ihnen selbst mittheilen, wer ich bm V Der Baron lachte. Ein unverschämter Patron jedenfalls antwortete er, halb und halb belustigt. Also, wenn ich bitten darf?" Seine Handbewegung vollendete den Satz und der Alte trat dicht an dasSopha heran, ganz dicht, daß fast der spitze Kinnbart das Gesicht des Liegenden berührte, G raunte er kaum hörbar. Der elegante Cavalier fuhr auf, als habe ihn eine Natter gestochen. Seine Hände griffen wie besinnungslos in die leere Luft. Was ist Das?" hauchte er. Wer sind Sie ? Wer V Da nahm der lächelnde Fremde von seinem HalS eine Blechkapsel, die er tief verborgen unter allen Kleidern auf der Haut trug und glng mit leiten Katzenschritten zum offenstehenden Fenster, durch das von unten her der Straßenlärm herausklang und welches den Blicken aller Vorüberge benden vollständig ausgesetzt war. Er nickte gutmüthig dem fast vernichtenden Edelmann zu. Weit davon ist gut öor'm Schuß!raunte er. Uebrigens können Sie meinen Reisepaß auch von hier aus bequem studiren, werthester Herr Baron Das Schloß der Blechkapsel öffnete sich und ein seltsamer Keaenstand kam um Vorschein. Weiße kostbare Seide, in zahl. losen verschlungenen Linien, mit Ponceau-
Fäen überall durchzogen und verwebt
vundert Thaler las der Baron, wenn Sie uns Ein erstickter Schrei quoll über seine Lippen. Taumelnd erhob er sich und ging au den Anderen zu. Sein Gesicht war farblos wie das einer Leiche. Um Gotteswillen flüsterte er, lasten Sie uns unterhandeln Der kleine Alte lächelte noch immer ganz freundlich. Ich wußte eö ja !" sagte er. AchteSKapitel ES war am späten Abend dieses Tages und erstickend lag über der ganzen Natur jene Schwüle, welche fast noch heißer und beklemmender genannt werden kann, als die Sonnenstrahlen selbst. KeinWindhauch biwegte die trägen, schweren Luftwaffen, kein Laut durchdrang die Stille der herab sinkenden Nacht. Alle Fenster standen wett geöffnet, und um die verhangene Lampe herum schwirrte es von ganzen Schaaren langgeflügelter Jnsecten. Frau Leonore, im weißen losen Nachtge wände, saß neben dem Bette, auf besten weichen Pfühlen sich ihr Gemahl unruhig hin und her warf. Von Zeit zu Zei i p t r' . i , relcyle ue lym imonave ooer ruate an dem Kopfkiffen, dann wieder legte sie ihre weiße, kühle Hand in die seine, wenn er ächzend leise ihren Namen rief. In den kurzen Pausen deö unruhigen Schlafes, welcher zuweilen seine Augen schloß. lehnte sich die junge Frau gegen daSSam metpolsterdes Armseffels und träumte. ohne zu schlummern, einen Traum, der ihre Seele mit Entzücken erfüllen mußte, der ein stolzes, glückliches Lächeln auf ihre Lippen zauberte. Sie zog in solchen Au genblicken aus den Falten des weißen Ge wandcs einen Brief hervor und las engbe schriebene Seiten glühende Verstcher ungen einer Liebe, treu bis zum Tode, nie endend, wieder Begriff der Ewigkeit. Sie küßte aufathmend, fast seufzend das Blatt, und Thräne nach Thräne siel herab auf die feinen Schriftzüge, obwohl das Auge blitzte und der Mund lächelte. Keine Rührung, kein weiches, beseligendes Em vfinden erpreßte die klaren Perlen ; sie lö sten sich unbewußt, nur ein inneres erdrü ckendes Zuviel langsam und wohlthätig mildernd. Leonore schmiegte den schlanken Körper in die tiesrothen Sammetpolster, ihr Auge glitt wie liebkosend über den eigenen mar morweißen Arm und die schwarzen frei herabfallenden Haarflechten. Ein Lächeln, zärtlich und stolz zugleich, trennte ihre Lippen. Hinter den Vorhängen des BetteS lag schwer athmend der Greis. Wirre Bilder mochten seine Sinne umgaukeln, erschre ckende Phantasien ihn quälen : er hob die Hand, wie um sie zu verscheuchen. Nora ! Nora ! wo bist Du V Der Brief verschwand und die junge Frau blickte hinter die Gardine. Hier, Rudolph. Wie fühlst Du Dich jetzt, Lieber V Sie beugte sich über ihn, und er sah im Schein der Lampe noch jene Thränen, welche die Wimpern der schönen Frau U netzten. Sein erloschenes Auge flammte höher empor. Du weinst, Nora flüsterte er. Um mich ? Du weinst in dem Gedanken an meinen Tod?" Ein Schauder überrieselte den Nacken des reizenden Weibes, und jetzt glich das erkünstelte Lächeln, womit sie antwortete, fast einer Grimaffe. Dein Leiden schmerzt mich, Rudolph! natürlich thut es das, aber ich denke nicht an den Tod. Der Arzt sagt, duß keine Gefahr vorhanden sei Der Greis lächelte tlübe. .Seine.heißen Finger umklammerten fest das Handgelenk der jungen Frau. Nora flüsterte er nach einer Pause, es hilft nichts, daß man sich gewaltsam täuscht, die Wirklichkeit vernichtet alle Träume. Nora ich glaube daß der Tod j sehr nahe ist, und möchte noch Vieles mit Dir besprechen, bevor er sein Werk vollendet hat. Willst Du mich jetzt hören. Theu erste?" ioic junge Frau sah unruhig den Kran en an. Wozu Rudolph ?" fragte sie hastig. Du wirst noch Jahre lang leben und kannst Dir durch Aufregung nur schaden. Komm, trinke ein wenig, mein Freund." Der Greis schob die dargereichte Limonade zurück. Jetzt nicht, Nora sagte er. Höre
mich an, mein Weib, dadurch reichst Du
mir die beste Medicin Die junge Frau nahm ihren Platz am Bette wieder ein und der Kranke fuhr fort, mit leiser, fieberhafter Stimme zu spre chen. . . Nora, war eS nicht, seit mir Wilhelm im Traum erschien und vor meiner Annä herung entfloh daß stch die Krankheit so sehr verschlimmerte? Freilich bin ich. ein alter Mann, und es geht zuweilen sehr rasch auch bei jungen Leuten sogar; aber dennoch wundert mich das Zusammentref fen, quält es, mich, je länger desto stärker. Ich glaube, Wilhelm Geist war eine Botschaft für mich. Ueber das blaß gewordene Gestcht du schönen Frau flog ein düsterer, böser Schatten. Thorheit versetzte sie, fast rauh, Thorheit. . Du solltest schlafen, Rudolph, das wäre Dir besser, als so fruchtloseGrü beleien Der Kranke nahm von dem Einwand keine Notiz. Noch vor zwei Monaten fast ganz gesund fuhr er fort rüstig und im Besitz aller meiner Kräfte jetzt dem Tode nahe. Das bringt auf ernste Gedanken, Nora, das sührt zu einer bangen gewiffenhaften Selbstvrüfung Die junge Frau unterdrückte einen AuS ruf, der fast unwillkürlich ihren Lippen entschlüpften zu wollen schien. . Sie sah wortlos in's Leere.' Wilhelm ist todt fuhr der Alte fort, er starb mit bösen, harten Worten, .Haß und Groll im Herzen ich kann ihn nicht mehr versöhnen, so gern ich's thäte. Aber die Anderen, die beiden Andern ! Soll ich dahingehen, ohne mit ihnen meinen Frieden gemacht zu haben V Frau Leonore zuckte die Achseln. Ich that von jeher meine Pflicht versetzte sie, aber immer vergebens, und mir däucht. Rudolph, die Beleidigte war ich Der Kranke begann wieder in einem er neuten Fieberansall ruhelos den Kopf von einer Seite zur andern zu werfen. Nora flüsterte er, so oft ihm das un aufhaltsame Auseinanderschlagen seiner Zähne gestattete, verständlich zu sprechen, Nora, wenn Du es wüßtest, sehen könntest allnächtlich steht Wilhelm neben meinem Bette ; wenn ich kaum die Augen geschlos fen habe, so erscheint er mir. Q Erbarmen, Nora, laß mich wieder gut machen. was noch gebeffert werden kann laß Wilhelms Seele im Grabe Ruhe finden und mich selbst sterben ohne die Qualen, welche mir sein Blick bereitet ! Nora, er siebt mich an dort dort hinter dem Vorhang am Ofen ! Blicke hinter Dich, sag' ihm. daß er von mir lasten soll Er hielt sich in ausbrechenderTodesangst mit beidenßänden an den beidenSchultern der jungen Frau, welche unter dem plötz lichen Angriff auf ihre Kniee sank und schaudernd das Gestcht in die Bettgardi nen verbarg. Sie regte kein Glied. Er rüttelte sie ungestüm. Wie Feuer brannten seine heiße Hände durch ihr Nachtgewand. Nora. blicke hin, stehst Du ihn ? Wie sein Blick mich versengt! Jetzt hebt er den Arm, er will sprechen Nora,. bitte ihn um Erbarmen sich hin Aber immer tiefer sank das dunkleHaupt herab, immer enger schmiegte sich die tok tblasse Frau an den Kranken. Für die Schätze der ganzen Welt hätte Leonore nicht hinter sich geblickt. Jetzt redet er mich an flüsterte völlig verwirrt der Kränke, horch,Nora. er svlicht liebe, freundliche Worte; er ermahnt mich, ruhig zu sein, zu schlafen. Nora, Wil, Helm droht mir nicht, horch, er sagt, daß ich seinen Bruder aufsuchen soll und den Fluch vom Haupte des Unschuldigen nehmen, er bittet V Ein Lächeln voll erlösenden Friedens glitt über die Lippen des Kranken, seine Hände sanken schlaff herab und die Augen schloffen sich. Auf den heftigen Anfall olgte eine Pause des erquickenden Schla es. Länger als eine Stunde verging, und Frau Leonore regte sich nicht. Sie wachte vollständig, sie fühlte jeden ihrer aufgeschreckten, jagenden Pulsschläge, sie schau derte in der glühend heißen Sommernacht vor Kälte, aber um keinen Preis hätte sie gewagt, sich zu erheben. Das war eine lange, zur Ewigkeit aus gedehnte Stunde, das waren finstere, ge waltsame Entschlüsse, welche während der selben zur Reife gediehen. Als der Krane die Augen öffnete, sah er sein Weib noch in der gleichen Lage auf auf dem Teppich knieen. Jetzt, im Vollbe
sitze allerGeisteskräfle, erhob er zärtlich das
gesenkte Haupt der schönen Frau. Meine Leonore, mein liebes, liebes Herz sieh mich an ! Wie blaß Du bist, wie ich Dich quäle. Mein Liebling. Geh' jetzt, schlafe, ruhe aus. hörst Du ? Mir ist besser, als vorhin, und wenn ich die Glocke neben meinem Bette habe, so genügt das vollständig Leonore erhob stch von ihren Knieen, ohne jedoch den Blick von dem Bette zu verwenden. Alle Bewegungen der sonst so geschmeidigen, schlankenFrau waren schwer und langsam. Rudolph fragte sie mit unsicherer , Stimme, sind jetzt jene furchtbaren Visi onen vorüber ? Sahst Du ihn nicht mehr?" Der Greis schüttelte den Kopf. .' Ich habe ruhig geschlafen, Nora. Ach, Du glaubst nicht, wie leicht mir um's Herz ist, wie glücklich es macht, stch zu versöhnen. Komm zu mir, mein Weib, laß Dtch bitten sieh, ich besitze mehr als zwei Milll onen. Du bist schwerreich, auch mit dem dritten Theil dieses Geldes ich will das Testament nochmals ändern und meinen Sohn öffentlich auffordern lassen, in alle seine Rechte wieder einzutreten; ich will dem Verstoßenen auch Genugthuung geben außer demErbtheil, welches ihm zukommt Frau Leonore beugte sich über den Greis herab. Der Schatten, welcher durch diese Bewegung entstand, verhüllte ihm den Ausdruck des Gestchts. Rudolph antwortete sie völlig gelas sen, Du hast das ja bereits vor einiger Zeit gethan, als mich das Eodicill ver pflichtete, meinen Stiefsohn in den Genuß seines Erbes gelangen zu lassen. Natürlich war schon diese Maßregel ganz überflüssig, da ich nie daran denken würde, eine Ve fügung, die vor langen Jahren im ersten Zorn errichtet wurde, nun nach ihrem vollen Umfang aufrecht zu erhalten, aber eö steht Dir ja völlig frei. Deinen Wil len notariell beglaubigen zu lassen. Ich werde morgen die nöthigen Schritte vor nehmen Der Kranee streichelte und küßte die schöne Hand, welche er zwischen der sein! gen hielt. Nora bat er, sprich nicht in so kaltem Tone. Es kann für Dich keine Beleidig, ung. sein, wenn Sie unterbrach ihn hastig. Thorheit, Rudolph. Ich denke nicht daran. Aber über alle diese Dinge ver . gessen wir Deine Medicin komm, es ist ' fast elf Uhr, Du mußt Dich fügen Sie nahm vom Tisch das Glas und träufelte in einen Löffel die braungelbe Flüssigkeit, welche dem Kranken verordnet war. Dann suchte sie, nachdem er getrun ken, ihren Platz im Sessel wieder auf. Sonderbar flüsterte der Greis, wie mich diese Arznei ermattet; so oft ich sie bekomme, wird der Schlaf bleiern die Glieder schwer und das Gedächtniß umnc belt ! Es mag Opium darin sein Frau Leonore hörte ihn kaum. Sie hatte' zagend und langsam den Bl'ck zum Ofen erhoben, wo die breite, grüne Gardine eine Art von . Wandschrank verhüllte, in welchem täglich gebrauchte Garderobestücke ausbewahrt wurden. Nur mit Widerwillen in banger, trotziger Scheu, sah sie dorthin, wo der Greis die Erscheinung zu bemerken geglaubt; ihre Lippen waren.sest zusam mengepreßt, die Augen starr und die Hand halb erhoben, wie zur Abwehr aber nichts zeigte sich, gar nichts. Nur der Damast hing schwer herab es war Alles unverändert. Ein Etwas, wie Verachtung und Haß, entstellte momentan die schönen Züge der jungen Frau. Dann sah ste wieder reg ungslos vor sich hin, wie ehedem, nur nicht mit solch' zufriedenemLächeln, solch' strah lendem Blick, sondern düster und kalt, wie Jemand, der einen unabänderlichen Ent schluß in stch zur Reife gebracht hat. Zu weilen sprach der Kranke einige leiseWorte, und dann beruhigte sie ihn freundlich, bis er wieder fest eingeschlafen war. Als seine tieferen regelmäßigen Athem züge den ruhigen Schlummer verkündeten, erhob sich Leonore geräuschlos vom Sessel und glitt schattengleich bis zu jener grünen Damast Gardine, hinter welcher der Schrank stand. Nur einen Zipfel des Stosses hob sie empor und' griff dann in das Dunkel hinein, ohne vorher sich zu orientiren, wie es schien, ihrerSache völlig gewiß. (Fortsetzung folgt.)
