Indiana Tribüne, Volume 2, Number 32, Indianapolis, Marion County, 20 March 1880 — Page 6
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bgrunll. -- Novelle vnn S. von der Horst. O (Fortsetzung.) .Nora, wie bast Du eS entdeckt, daß das Kind an dem verlorenen Patron hängt, dem Holten ? Das ist schon eine alteGe schichte, ich glaubte sie längst vergessen, todt, wie so vieles Andere . Die schöne Frau sah schnellen Blickes empor. Sie lebt, Rudolph, ich sage eS Dir, sie lebt." Bei unserer lebten Soiree habe ich eS selbst gehört, dab Beide im blauen Ca binet mit einander sprachen. Weibt Du's noch, Minnas flüsterte er, .wie ich Dich rettete, als Du auf dem Teich im Garten mit mir Schlittschuh liesst und unter Dir daS Eis brach? Minna, wie glänzte da malZ die Sonne, und wie selig flogen wir miteinander über die weite Fläche Hand in Hand, zwei glückliche Kinder. O die goldene, verlorene Zeit !" .Da sah sie spähend ringS umher, ob auch kein Lauscher zugegen sei, und dann legte sie die Hand auf seinen Arm. JRo bert", hörte ich sie flüstern, .warum verlo ren ? Es ist Nichts verloren, als Das, was wir muthlos aufgeben. Bin ich eine Andere geworden seitdem, Robert ? Scheint nicht die Sonne noch heute, wie an jenem Tage, wo Du das zwölfjährige Kind aus dem nassen Grabe emporzogst und es zum Leben erwecktest, das schon damals ohne Dich " .Er unterbrach sie jählings, plötzlich. Ich sah Todtenblässe aus seinen Zügen, alö er jetzt sprach: .Nicht weiter, Minna, nicht weiter. Ja, die Sonne blieb so hell und glänzend, wie vor Zeiten, und Du bist das süße, engelreine Wesen noch heute, wie damals, abrr ich ich Unseliger vergiß mich, Minna, ich bin nicht werth, von einem Engel ge licht zu werden V Da lächelte die Thörin, durch Thränen zwar, aber dennoch glücklich, als habe er eine entzückende Botschaft gebracht." .Und wärest Du hierhergekommen, Rodert, wenn es wirklich Dein Wunsch sein könnte, von mir vergesien zu werden 1" ..Er wandte sich ab. Seine Lippen beb ten. ..Wunsch V murmelte er leise, ..o Gott, ist Wunsch und Absicht der gleiche Begriff ? Minna, Du bist eö, die ich liebe, aber dennoch .Hier traten andere Gäste in daS Cabi net, und die Unterhaltung der Beiden war gestört. Minna kam während des ganzen Abends nicht mehr in den Salon und auch der Lieutenant verschwand sehr bald. Als ich sie am anderen Tage eaminiren woll te, wurde mir die Antwort, welche Du kennst Der alte Herr hatte mit augenscheinlichem Interesse diese Erzählung versolgt. .Das ist Alles, was Du weifet, Nora?fragteer, nachdem seine Frau aufgehört, zu sprechen. .Scheint es Dir etwa noch nicht deutlich genug, das bestehende Verhältniß zu errathen. Rudolph V .Mehr ein zerrissenes, Nora, ein gewe seneö, daS sich löste. Erinnerst Du Dich nicht mehr, daß Minna so ganz bestimmt sagte: Wir Beide werden Dich nie um Deine Einwilligung bitten, Vater !" Ein spöttische Lächeln überflog das Gesicht dttDanu. .Sie weiß ohne Zweifel, dab an keine Heirath zu denken ist, so lange Du lebst, Nudolph ! Woher sollte der Vermögens, lose Lieutenant die Mittel nehmen ?" .DaS ist wahr, ja, das ist wahr. Und so spricht mein einziges Kind ! Sie soll sich aber täuschen, die Undankbare; wüßte ich nur, wohin mit dem erwachsenen Mäd chen, dann " .Aber," unterbrach er sich, .was würden wohl die Leute sagen? Er ist ein Rabenva ter, ein Tyrann, der alle seine Kinder in daS Verderben Mt ich kann Minna nicht zwingen, Diakonissin zu werden." Frau Leonore zuckte die Achseln. Sie hielt ihre Karten so, dab dem alten Herrn daS blasse Gesicht verborgen blieb, .tzoeur, mein bester Rudolph, Coeur", sagte sie et waS ungeduldig. Du irrst in der Farbe. Aber laö doch den Gedanken an Minna ganz fallen, verdirb Dir deswegen keine Stunde. Sich der Welt als zärtlicher Vater zu zeigen, das ist Dir ja leicht ge nug bezahle des Herrn Lieutenants Schulden und gib dem Pärchen einen splendiden Jahresgehalt, damit ist Alles, "gethan." Die spöttischen Worte verfehlten ihre
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Wirkung nicht. Nora." rief er, Du verschweigst mir noch Etwas ; Du muöt mehr misten, als mir Deine Worte andeuten. Wie kamst Du zum Beispiel gerade gestern aus Minna'S Liebesverhältnis?, als ichDich fragte, ob Du ausgegangen seiest V Weil Deine Tochter sehr häusig in der Dämmerung allein ausgeht, Rudolph; weil es vielleicht nicht ganz ohne Absicht geschah, wenn sie sich einen Shawl kauste, der dem meinigen vollständig gleicht." .Ah und sie sagt Dir nicht, wohin sie geht, Nora?-fragte er. .Nein, mcin Freund. Ihre Augen sind erröthet wie vom Weinen, ihr Gesicht ist blaß jedenfalls gewähren die allabendlichen Rendezvous nur äußerst wenig Glück. das sieht man." Der alte Herr verbarg das Gesicht in die Hand. Nora," sagte er nach längerer Pause, .glaubst Du an Träume? Aber sprich die Wahrheit : glaubst Du, da& es ein Unglück bedeutet, wenn uns Todte er scheinen?" DaS Gesicht der schönen Frau wurde aschfahl. Langsam glitten, den bebenden Fingern entschlüpst. die Karten über ihr Atlaskleid herab und fielen auf den Tep pich, nur eine der Pique-Bube blieb an der Tischkante hängen und lag gerade vor ihren Blicken, sie gewissermaßen ansehend. Leonore streifte das Blatt herab und die goldenen Armbänder klirrten leise, so stark war ihr Schreck. .Was sprichst Du da, Rudolph V hauch, te sie, wie in scheuer Furcht vor dem cigenen Worte ; .es war doch nicht . . . ." Der Alte nickte. Er rückte näher heran an die schöne, bleiche Frau und klammerte seine beiden welken Hände um ihren Arm. .Ja, Nora, ja, er war's zum ersten Male seit all' der Zeit und er sprach Worte, schreckliche Worte. Nora, was bedeutet die Erscheinung V Sie schüttelte ungeduldig die brennenden Hände ab. Man sah deutlich den ganzen unterdrückten, inneren Aufruhr ihres We sens. .Was sagte er Dir.Nudolph, sprich, was sagte er Dur?" Der Alte versuchte eS mehrere Male, hörbar zu sprechen, bevor ein verständlicher Laut den trockenen Lippen entfloh. .Armes Kind," hörte ich ihn deutlich sagen, .Dein letztes, Vater wie willst Du die Härte verantworten, die kalte traurige Lieblosigkeit gegen Dein Fleisch und Blut r Frau Leonore athmete tief auf. .Und weiter sprach er Nichts. Rudolph V fragte sie hastig. .Sonst Nichts ?" .Nein aber es braucht auch keines
Wortes mehr, däucht mir. Ich war im Traum so erschrocken, dab ich mich ihm nähern, ihm bitten wollte, Frieden mit mir zu machen ; aber er wich zurück, je weiter ich ging, er entfloh vor meiner Berührung und als ich hastig lies, als ich fast seine Hand schon ergriff, da zerfloß daS Bild wie Nebel. Wilhem ist nicht versöhnter klagt mich an, fort und fort?" Der jungen Frau schauderte. .Keinen Namen !" flüsterte sie. .Wer ruft die Todten?" Der GreiS seufzte. .Möchte ich eS können, Nora ; so seltsam ergriffen und durchschauert, wie von diesemTraume, war ich noch niemals, das magst Du mir glauben. Gestern noch hätte ich Minna ohne Bedenken in die Diakonisien Anstalt geschickt, um den Ungehorsam gegen Dich zu bestrasen, heute wage ich es nicht mehr." Die Dame biß auf ihre Lippen, wahrscheinlich, um eine Antwort zu ersticken, die fast schon ausgesprochen worden wäre, ehe sie Zeit erhielt, sich zu beherrschen. Sie mischte mechanisch die Karten. Der GreiS an ihrer Seite mochte die Verstimmung bemerken, welche seineWorte hervorriefen. .Minna soll trotzdem von hier fort," beeilte er sich binzuzusetzen. .Ein Besuch bei Verwandten wird vorerst die Sache einleiten." Frau Leonore schwieg immer noch. Sie dachte offenbar an Anderes, an Dinge, die ihr persönlich näher lagen. Kälter und kälter wurde daS schöne Antlitz, sie schien den Zwang des Kartenspiels nicht länger ertragen zu können. .Entschuldige mich, Rudolph," seufzte sie, .mein Kopf schmerzt ich möchte einen Augenblick hinabgehen in den Garten." ' .Siehst Du," nickte er, .auch auf Dich macht eS einen stärkeren Eindruck als Du gestehen willst. Nora, wenn ich gegen meine Kinder zu strenge gewesen wäre ! auch gegen meinen Sohn es ist etwas Schauerliches um einen Vaterfluch." Frau Leonore erhob sich mit schneller Bewegung. .Latz das, Rudolph ! lab eö. Vergib den Spuk !"
Ersah mit leerem Blick nach, als sie auS dem Zimmer ging. .Könnte ich es !" murmelteer. .Könnteiches! Aber WilHelm drohte nicht, er war nur traurig, nur voll Wehmuth, und er entfloh, als ich ihm näher trat. Das vergibt sich niemals wie der." Frau Leonore schlob indesien die Thüre ihres ZimmerS und nahm dann aus dem innersten Geheimfach des Sekretärs ein Kästchen hervor, das lange nicht geöffnet worden zu sein schien, weil der Schlüffel sich durchaus nicht drehen lieb. Ungedulbig sprengten es die weißen Hände mittelst einer Scheere. Nur ein einziger Gegenstand lag aus dem Boden des Behälters eine Karte. Es war dies der Pique-Bube, und rund um die Figur liefen Inschriften und Zeichnungen von Männerhand. Frau Leonore hielt festen Blickes die Karte gegen das Licht. Ein Ausdruck bitternsten Hasses entstellte ihre Züge, als sie jetzt den Kops der Figur ansah. Wer die schöne, sonst so ruhige Frau in diesemAugenblick beobachtet hätte, der würde . sich abgewandt haben, wie von kalter Hand berührt. .Und war es ein Spuk," flüsterte sie, .willst Du mein Feind, mein Verfolger bleiben, noch im Grabe so mub ich mich Deiner erwehren." .3i hierher. Wilhelm, wenn Du kannst, sie genau so bannt man die Todten." Sie nahm aus ihrem Anzug eine Nadel und durchbohrte damit die Karte an der Stelle deö Herzens. Leises Spottlachen tönte durch den Mai'Abend. .Keine Macht trennt mich von dem, was ich erreichen will um jeden Preis auch Du nicht, Wilhelm." Das kleine Giebelzimmer war an diesem Abend leer.
Minna war fortgegangen, sobald die Dämmerung herabsauk, obwohl Frau Leonore nicht erfahren konnte, wohin. Ihr vertrautes Kammermädchen wubte nur. dab das Fräulein einen Brief empfangen bald nach der ersten Soiree, und dab sie seitdem so häufig ausging ; mehr lieb sich nicht herausbringen. , Von dem Inhalt des Brieses hatte sich freilich die sorgsame Stiefmutter Kenntnib verschafft. Ein Nachschlüssel bahnte den Weg zu des Mädchens Schreibtisch, und das richtige Papier war bald gefunden kenntlich an so vielen, vielen- Thränenspuren. Versicherungen einer nie endenden Zärtlichkeit,.einer leidenschaftlichen Liebe füllten die ersten Seiten ; es schien, als müsse der Schreiber sein ganzes Herz ausschütten, bevor er zu den traurigenSchlusie deö Briefes gelangte. .Und doch ist dies ein letztes Lebewohl, mein geliebtes Mädchen; doch, obwohl Dir meine Seele gehören wird bis in alle Ewigkeit, müssen wir scheiden, Minna. Du wirst mich niemals vergesien können ; das Band, welches uns umschlingt, ist unzerreibbar, ob es auch äußerlich zerschnitten scheint, daS weiß ich, und meine Verzweif lung darüber wird nie enden .Vor Einem aber kann ich Dich bewah. ren, Minna," hieb eö in dem Briefe weiter, .und das ist die Schande die trage ich allein. .Weibt Du, was dem Offizier bevorsteht, den seine Gläubiger zu dem Bekenntnib treiben, dab er Schulden machte, ohne die Aussicht aus eine Lösung dieser Verbindlichkeiten ? So nahe dem Moment, wo ich Hauvtmann werden würde, Minna ! Fasie Alles zusammen, was Du erlitten durch Deine Liebe zu mir, und es ist Nichts gegenDaö, waS mir mein Gewisien vorwirft. Lab Dir dies Be kenntnib genügen ; verlange nicht, dab ich Dir'S Aug' in Auge widerhole mir fehlt dazu die Kraft. Noch weiß ich nicht, wie das Alles enden wird ; aber EinS ist gewib dab mir uns trennen müssen aus immer dar. Meine Zukunft ist ein zerschellte Wrack soll ich das Liebste, waS mir ge hört, mit hineinziehen in die Brandung? So tief will ich nicht fallen, ob mir gleich die Versuchung in so schrecklicher Lage wie ein Sirenenlied in'sHerz hineinklingt. Darum dürfen wir einander nicht wiedersehen. Du Theure; darum frage nie mehr nach mir, wende Dich ab, wo Dein Blick mich erfubt. So nur kann uns daS Letzte erhalten bleiben eine wehmüthig selige Erinnerung an das Einst; wollten wir eS hinüberziehen in daS Heute,Minna, die Brandung würde mit ihrem Toben jene süben, heiligen Stimmen in unseren Herzen überschreien und tödten. So leb' denn wohl, Geliebte, leb' wohl dieser Brief ist auf Erden der letzte
Grub von mir zu Dir, aber unsere Liebe selbst ist mig.. ' , Dein Roberto. Holten." Frau Leonore war weib geworden , wie das Blatt in ihrer Hand, als . sie, diesen Brief las. Vergeblich versuchte , sie ein spöttisches Lächeln, die zuckenden Lippen weigerten sich des Dienstes. .Wahnsinn," flüsterte die schöne Frau, .Wahnsinn!Aber denr.pch wagte sie eS nicht, von diesem Schreiben dem alten Manne zu sagen dennoch verrieth kein Wort dem betro genen Madchen, dab sein Geheimniß profanirt sei. Es gibt Helligthümer. die sich selbst beschützen vor der Berührung des Niederen. Unreinen; eö gibt Altäre, an die sich des Räubers Keckheit nicht hinanwagt! Leonore legte das Blatt zurück in den Schreibtisch, verschlob denselben und sprach zu Niemanden. über Das, was sie gesehen. Nur von dem Ziel der abendlichen Ausflüge suchte sie sich zu unterrichten, und diese hinterbrachte sie, um einer etwaigen Bitte des Mädchens bei dem Vater von vorn herein allen Boden zu entziehen. Minna war im Familienzimmer nicht wieder erschienen, seit sie der Alte gehen hieb; Niemand bekümmerte sich um das verlorene Mädchen, das es seit jüngster Kindheit gewohnt worden, in sich allein alle seine kleineren und gröberen Angele genheiten zum Austrag zu bringen. . Sie kam und ging, ohne mehr als geduldet zu werden. Der Vater wubte es ja, dab seine Tochter die Stiefmutter nie geliebt, und das war Grund genug, ihr sein Herz zu verschließen. Minna hat Aehnliches, wie den Brief ihres Jugendgeliebten, nach dem letzten Gespräch mit ihm hald und halb erwartet ; sie kannte ja alle seineVerbältnisie, wubte, wie ihn die Lockungen der Grobstadt zum ersten Schritt verleitet, und wie ihm dann später das Herausreiben aus diesen Fesieln nicht mehr möglich gewesen. Ein Bruchtheil desien, was er den Wucherern schuldete, war wirklich durch seine Hände gegangen und im flüchtigen, tollen Rausche verschleudert worden; als er dann erwachte und den gefahrdrohenden Abgründ erkannte, da hielten ihn die Wech selblanquets mit seiner Unterschrift gleich unzerreißbaren Ketten von allen Seiten fest. Er liehNeues, um daS Alte hinzuhalten; er fifob die Catastrophe hinaus und lebte wie ein AScet, gründlich curirt von der Seelenangst, welche er erlitten, aber ohne dieMöglichkeit, sich jemals von den mensch lichen Hyänen, den Wucherern loszukausen. Da kam der Krieg und brachte in diese Verhältnisse eine Stockung hinein. Robert v. Holten avancirte zum Premierlieute nant erster Klasie, er mußte bei nächster Vacanz die Hauptmanns Epauletten er halten, die früheren Ketten umschlan gen ihn sester denn je. Nachdem sein Vater gestorben, ohne ihm Nennenswerthes zu hinterlassen, schwand für die Wucherer der letzte Schimmer von Aussicht; sie wollten jetzt nur noch ein Erempel statuiren, um anderen Debitoren einen heilsamen Schrecken einzuflößen. Der unglückliche Mann stand unmittel bar vor einerWechselklage und den ganzen schrecklichen Folgen, der Cassation, deö FortlebenS ohne Ehre. Förden Ossiziersstand hat dies Wort feine specielle Deutung. Ein Rücktritt in das Verhältniß des ge. wöhnlichen Bürgers erscheint vielfach schon alö Verletzung desselben. Ob die Ansicht mit der gesunden Vernunft vereinbar ist, bleibe dahingestellt, genug, sie existirt wirklich. In dieser trostlosesten Periode seines Dasein sah Robert die Geliebte fast nur bei Gelegenheit einer Einladung in das Haus ihrer Eltern. Er wubte, dab man seine schlimme Lage kannteund der Stolz verbot ihm, das junge Mädchen zu . compromittiren. Dennoch aber war er nicht stark genug, einen völligen Bruch herbeizuführen, bis wirklich sein Schicksal besiegelt schien. Dann schrieb er den Brief, welcher bald eine glühende Liebeserklärung, bald ein unwiderruflicher Abschied zu nennen war. Minna schlob die Angen, wie um den erschütternden Eindruck dieser Worte erst ganz in sich verhallen zu lassen, bevor sie im Stande war, den Sinn derselben fest zuhalten. Wie eö werden würde, daS wübteRobert nicht, nur ein trauriges, schreckliches Ende mußte eS nehmen, das war gewib. Das blasse Mädchen wandte sich voll Grauen ab von einem Bilde, daS sich ihr
siegreich immer wieder ausdrängte. Wenn der Unglückliche den Tod suchen würde l Sie stand auf und beugte sich weit hin auö in den dämmernden Abend. Die Weinblätter , kühlten ihre heiße Stirn ein erschrockenesVögelchen huschte aus dem grünen Versteck und streikte fast mit den Flügeln das weiße stille Mädchenantlitz Minna bemerkte es nicht. Wenn Robert sterben würde, sterben im Mai, wo die Erde jauchzt und das Leben seine glühendsten Träume spinnt wenn er todt wäre, dahin aus immer, und mit ihm Alles, waS das achtzenjührige HerK ersehnte ! Minna stand leise vom Sitz auf und kleidete sich an, um das Haus zu verlassen. Hier konnte sie nicht bleiben, so allein in der Dämmerung, so stumm in dem öden, goldenen Palast; es würde das hämmern de Gehirn erdrückt haben mit seinerSchwe re. Langsam ging sie die Treppe hinab, vorüber an kostbaren Schnitzarbeiten, an Marmorsiguren undGruppen von theuren exotischen Pflanzen. Dichte Teppiche be deckten die Fubböden; kostbare Basen und Urnen schmückten dieTische. Wie ein Schmerz, ein Zucken flog durch des Mädchens Seele der Gedanke, daßdie Summe, welche an den Ausputz der Vorhalle verwendet worden, schon ausreichen könnte, um Roberts Schulden zu bezahlen. Auf das Geld kam es ja nicht an, was wa ren dem Millionär die armen sechstausend Thaler ? Eine Laune, ein Nichts. Aber die Liebe, ja, die Liebe da fehlte es. Auch reiche Menschen darben zuwei len, wo der nächste Nachbar, dem das tro ckeneBrod fehlt, in vollenGenufse schwelgt. Leise, mit unhörbaren Schritten, ging Minna vorüber am Wohnzimmer, wo man Karten spielte wo der PiqueBube wie ein gespenstischer Bote in das Gesicht der schönen, stolzen Frau blickte vorüber am Saal, wo vor Jahren Wilhelms Leiche gelegen, mit der schwarzen Kugelspur auf der Stirn, und hier an dieser Thür hielt das Mädchen aus Minuten in ihrem Wege inne. Sie lehnte den Kopf gegen die kalten Bretter und athmete tief und schwer. Jetzt hatte auch sie derFluch ereilt, desienSchatten auf den Kindern dieses Hauses zu ruhen schien. Wilhelm, Wilhelm, könntest Du mich zu Dir rusen !" Sie schlug den Schleier herab und ging weiter. Vielleicht begegnete ihr Robert, und dann sollte cr ihr ins Auge sehen, ihr versprechen, nicht sterben zu wollen. Nur nicht sterben ! Sonst würde sie seine Freiheit in keiner Weise beschränken, würde still und geduldig das Leid der Trennung wei ter tragen, bis er vielleicht dereinst nach Jahren zurückkam, ein neues anderes Schicksal mit ihr zu theilen, noch einmal zu fragen : Minna, weibt Du's noch, wie ich Dich rettete, damals im Sonnenschein, am Teich im Garten V Und wenn nie auf Erden diese Stunde kam, so konnte sie auch DaS ertragen, würde doch des Wiedersehens harren, kla geloS und treu nur leben mußte Robert, das fühlte sie. Ihn im Grabe zu wissen, den Einzigen, der je für sie daS Glück be deutet und die Hoffnung, nein, nein. daS mXa V i! m 'Atidn itVnC tttTV hin
lUUlt uci iiut..iuy lit tylUllll, UlUJVb Vfctt Kelch überflieben lieb. . . Da redete eine freundliche Stimme das Mädchen an. Eine ältere Frau streckte ihr die Hand entgegen. WaS fehlt Dir, Kind ? Siehst ja aus, als sei Dir schweres Herzleid wider fahren. Komm' mit mir nach Hause, daS ist keine Sünde, ob's auch Dein harter Vater verbieten würde. Gott besiere den alten Mann Ein heibeö Schluchzen brach sich gemalt sam Bahn ; Minna hielt mit beiden Händen die dargebotene Rechte, wie man eine Stütze, ein rettendes Ufer ersaßt, in höchster TodeSnoth. .Tante ! O Tante !" .Stille !" mahnte die alteDame. .Stille, mein Liebling, das sollst Du mir Alles er zählen, wenn wir im Hause sind. Fremde Leute brauchend nicht zu wissen Sie zog das willenlose Mädchen an der Hand mit sich, und erst, als die Thüre ge schlössen, als Hut und Mantille abgelegt, und die Lampe angezündet war, da lieb sieden Schmerz deö unglücklichen Mäd chenö sich ergieben, ohne die Worte zu un terbrechen, ohne die Wohlthat derMitthel lung durch Fragen oder Tadel zu stören, (Fortsetzung folgt.)
