Indiana Tribüne, Volume 2, Number 19, Indianapolis, Marion County, 20 December 1879 — Page 6

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Geheimniß des Pavillons. Aus den Papieren e i n e sG eHeimpolizisten, von C. Paulovöky. (Fortsetzung.) " Das ist ja das Kammermädchen unserer früheren Nachbarin, der Pique Dame,

welche sich an dem Abend, als der Mord an ihrer Gebieterin verübt ward, aus dem Staube machte!" Einsteigen, meine Herren und Damen ! Einsteigen ! Der Zug geht ab!" ries der Eilenbahnhossportier in die WartesalonS hinein. Die Dame, welche die KohlenhSndlerin zu kennen glaubte, hatte schon ein Billet gelöst und beeilte sich, den Perron zu erreichen. In demselben Augevblick verlieb auch Tollan sein Versteck und bahnte sich durch die . dichte Menge einen Weg, um ebenfalls einzusteigen. Fergeon war durch die Worte der floh lenhSndlerin so in Anspruch genommen worden, daß er seine ganze Ausmerksamk?it ans die bezeichnete Dame richtete, und es für einen Augenblick unterließ, Tollan zu beobachten. Als seine Augen ihn wieder suchten, sah er nur noch seinen Nucken. Der angebliche Agent zeigte dem Schaff' ner, welcher ihn passtren ließ, ein Billet. Er verschwand in dem Gange, der zu den WartesSlen und zum Perron sührte. Die elegante Dame war vorausgegangen. Fergon hatte diesen Fall nicht vor hergesehen, aber er verlor keineswegs den Kopf, sondern eilte an das Schaltersenster und kam daselbst in dem Moment an, als der Beamte schon die Hand an den Knrps des SchiebenfensterS gelegt hatte, um eS herunterzuziehen. .Ein Billet" rief er. .Sie verdienten wahrlich, daß man Ihnen ein solches verweigerte", sagte der Beamte ärgerlich. Seit einer halben Stunde lausen Sie im Wartesalon und in der Halle umher, um im letzten Augen blicke-" .Es ist nicht meine Schuld," entgegnete Fergon. .Gleichviel, beeilen Sie. sich ! Wohin ? Welche Klaffe V .Ich, ich weiß eS nicht, das heißt, wenn, geben Sie mir gefälligst ein Bis let für dieseZbe Klaffe und denselben Ort, wie der Herr, welcher zuletzt eingestiegen ist, es gelöft hat." .Ich verbitte mir solcheScherze!" rief der Beamte, indem er das Fenster geräuschvoll vor Fergon zuwarf, der verzwciflungsvoll an die Scheiben trommelte. .Entschuldigen Sie, Herr Jnspector," antwortete Fergon dringend, .es ist durch aus erforderlich, daß ich abreise. Der Zug hält noch; fassen Sie mich, wenn ich kein Billet mehr lösen kann, in. irgend ein reservirtes Coupee einsteigen, und ich werde bei der Ankunft das Fahrgeld be zahlen." An, welchem Orte ? Ich glaube wahr hastig, Sie wiffen eS selbst nicht. Sie scheinen, mir, nehmen Sie es mir nicht übel, ein Polizeispion zu sein. Wenn dem so ist, theile ich Ihnen mit, daß es mir nicht einfällt, Ihnen bei Ihrer Be schästigung hilfreiche Hand zu bieten. Der Betreffende ist Ihnen entschlüpft! Gut für ihn, schlimm für Sie." Fergon war es bekannt, das Polizeian gestellte, namentlich geheime Polizisten bei Behörden und Privaten lebhafter Anti pathie begegnen. Plötzlich siel ihm ein Gedanke ein. .Ich soll ein Geheimpolizist sein ?" rief er aus. .Nein, mein Herr ! Ich verfolge einen Mann, welcher soeben, mit meiner Frau entflohen ist." .Wie mit Ihrer Frau V .Ja er hat sie mir heimlich entführt. Laffen Sie mich passtren ; ich bitte inslän digst darum." .. .Das ist 'allerdings etwas Anderes versetzte der Inspektor mitleidsvoll, aber Fergon sah ihn verzweifelnd an. .Ihre Verzweiflung nützt Ihnen nichts, denn der Zug fährt jetzt ab In der That drang ein langgezogener Psiff aus der Signalpfeife an das Ohr des unglücklichen Fergon, und dieser Pfiff kün digte ihm an, daß eS Tollan gelungen war, sich seiner Verfolgung zu entziehen. .Wohin sährt dieser Zug V fragte Fergon, der sich kaum zu fassen vermochte. .Bis nach Orleans,. aber erhält unter wegS an fünfundzwanzig Stationen." .

Fergon wandte dem Beamten schweigend

den Rücken und überließ sich seinenBetrach tungen, die keineswegs heiter waren. Seine geschickte Kleidung, seine Jagd hinter dem Wagen her, sein Aufenthalt im Wartesalon, es war Alles vergeblich gewesen, und er sann ernstlich darüber nach, wie er Herrn Lefebre den AuSgang seiner Verfolgung am besten mittheilen könnte. Uebrigens vermochte er sich nicht zu ent rathseln, wie Tollan es angefangen hatte ihm gleichsam unter den Fingern zu ent wischen. Er hatte ihn, seitdem er ' den Wagen verließ, scharf überwacht und war überzeugt, daß er kein Billet am Schalter gelöst hatte. Wie war es ihm denn ge lungen, unbehelligt in'3 Coupe zu steigen?" Er muß abonnirt sein," dachte '.Fergon, .oder einfacher, einen Freischein seitens der Polizeibehörde erwirkt haben, doch nein, dann wäre er gezwungen gewesen, ihn vor dem Einsteigen bei' der Direktion vorzu zeigen. . O, wenn die Dame ihm behilflich gewesen wäre? Ja, es unterliegt.keinen Zweifel, denn Tollan hatte sie beinahe eingeholt, als ich die Thorheit beging, 'mich zurückzuziehen. Sie wird ihm ein Billet in die Hand gedrückt haben, da sie, wie ich mich besinne, am Schalter zwei Billets löste. Er gab sich zwar den Anschein, als wenn sie ihm völlig unbekannt sei, aber er wird ihr schon im Eisenbahnwagen begeg. net sein." Während er unter diesen keineswegs erbaulichen Betrachtungen umherschleu derte, sah er durch die offene Thür des Gepäckzimmers, im Hintergrunde den KohlenhSndler und dessen Frau aus einem großen Reisekoffer sitzen. Fergon zerbrach sich den Kopf, unter welchem Vorwande er sich ihnen nähern könnte, ohne ihren Arg wohn zu erregen. Die Eingeborenen von Anvergne sind von Natur sehr mißtrauisch und pflegen ihre Geheimnisse nicht dem Ersten, Besten preiszugeben.' Ucberdies wußte', er, daß der ' Kohlenhändler wie sämmtliche Bürger nichts mehr fürchteten, als mit der Polizei zu thun zuhaben. Der Wein, den sie tranken, schien sie indeß in gute Laune versetzt zu haben, denn sie lachten herzlich. . Fergon faßte sich ein Herz, näherte sich dem lachenden Paare und brach gewalt sam ein Gespräch vom Zaun, indem er äußerte : .Ich wetle, daß wir Landsleute sind." .Wetten Sie nicht, Sie verlieren," ant wo.rtete derKohlenhöndler. .Sie sind kein Auvergne, denn wäre Auvergne Ihr Ge burtsort, so würden Sie nicht wie ein Pariser sprechen." Ich bin eö halbwegs, denn meine Mutter stammt daher." .Vielleicht aus Aurillac?. .Nein, aus Jffoire."' ' .Nun,. das thut nichts zur Sache; Jffoire ist nicht weit von unsere Heimath. Wir haben also Beide gewonnen, und Jeder hat sein GlaS Wein selbst zu be zahlen." .Neinnein, ich habe verloren, und werde beide Gläserbezahlen." .Nun, wie Sie wollen, ich weigere mich nicht, mit Ihnen zu trinken,. da Sie ein gutmüthiges Antlitz zur Schau tragen. Nicht wahr, Jeanette?" Ja, ja," rief diese aus. .Also nach dem Büffet !" .Nach, dem Büffet!" wiederholte der Kohlenhändler in besterLaune. .Jeanette, wir haben ja noch dreiviertel Stunden bis zum Abgänge des nächsten Zuges." Und indem er die zahlreichen Gepäckstücke auf seine breiten Schultern lud, während Jeanette die Haushaltungssachen und die Flaschen zusammensuchte, folgte der Kohlenhändler seinem neuen Freunde, welcher s'ine Schritte nach dem Büffet lenkte, das sich dem Packraume gegenüber befand. .Das sangt gut an, dachte Fergon. .Wie heißen Sie, wenn es erlaubt ist zu fragen?" hob der Kohlenhändler an. '. .Balandier", antwortete Fergon. .Ich war früher Ihr College, das heißt, ich handelte ebenfalls mit Kohlen, welches Geschäft mir so viel eingebracht hat, daß ich jetzt von meinen Zinsen leben kann." ' .Ich noch nicht, aber es wird mir schön kommen, so wahr ick Jean Galoupiat und meine beffere Hälfte Jeanette heißt." .Denselben Vornamen sührte meine ver storbene Frau. Wie wohlthuend es mir ist, ihn hier aussprechen zu hören, eS ver jungt mich um zwanzig Jahre." .Das ist gar nicht nöthig; Ihr AuS sehen ist keineswegs gebrechlich. Habe ich nicht Reckt. Jeanette ?" . Jeanette begnügte sich, ihm durch ein Lächeln zu antworten. ES war ersichtlich.

daß ihr das Kompliment ihres Mannes

nicht zusagte, denn es verdroß sie, daß der angebliche Landsmann aus einem gerin gen Kohlenhändler sich zu einem Rentier emporgeschwungen hatte. Fergon schien es indeß nicht zu bemerken, sondern , fuhr fort: .Wie wäre es, wenn wir,lnstatt uns am Büffet zu langweilen, in's Gastzimmer gingen und dort eine Flasche Wein leer len?: Der Vorschlag war angenommen und bald darauf .sah man die drei Personen eifrig einer Flasche Bordeauxwein zuspre chen. . Der Wein löst die Zunge und macht mittheilsam. . .Lieber Landsmann" rief der Kohlen Händler auS, .ich hoffe, daß Sie eine kräf tige Hühnersuppe in meinem Haust nicht verschmähen werden !" .Von Herzen gern, vorausgesetzt, daß wir noch eine Flasche Wein trinken." .Ich bin'S zufrieden !" antwortete der Kohlenhändler, ihm seine Hand hinhal tend. .Sobald wir zurückgekehrt sein werden, werde ich nicht ermangeln, Ihnen eine Einladung zu schicken." Der Kellner brachte eine zweite Flasche Wein; der Wein perlte im Glase und das Ehepaaar leerte die Gläser bis auf die Nagelprobe. .Wo wohnen Sie?" fragte dieFrauden freundlichen Spender, und beeilte sich,alS dieser ihr eine erdichtete Wohnung, als die seinige angegeben hatte, hinzuzufügen : .Wir haben unser Kohlengeschäft in der nie Panattiere." , Das ist ja die Straße, in welcher vor einigen Monaten die P'que'Dame ermordt wurde, zu deren Leichenschau ganz Paris gewallfahrtet. Ich war auch da' bei." Wir sind ebenfalls in der Morgue ge wesen," schaltete der Kohlenhändler mit geheimnißvoller Miene in, .wir wohnten Thür an Thür mit der Ermordeten zusam men, was uns bewog, uns zu überzeugen, ob sie es auch wirklich wäre." .Und Sie haben sie erkannt V .Wie bei Lebzeiten. Wer diese Dame einmal gesehen hatte, konnte sie nicht wie der vergeffen, und wir sahen sie, so lange sie unsere Nachbarin war, alle Tage." .Dann sin) Sie wohl auch als Zeuge vernommen worden, warf der angebliche Rentier hin." .Allerdings und wenn sämmtliche Zeugen so ausgesagt hätten wie wir, würde HerrLefebre nicht verurtheilt worden sein." .Sind Sie denn der Ansicht, daß er nicht der Mörder der P'que.Dame ist?" .Das weiß ich nicht, nur kann ich beschwören, daß ich ihn nie bei der Englän derin gesehen habe. Als wir die Aussage vor Gerichte machten, wurde uns indeß dasWort abgeschnitten, und man bedeutete unS, daß wir gehen könnten." .Wer ist denn nach Ihrer Meinung der richtige Mörder?" .Sie fragen mehr, als ich beantworten kann. .Aber," fügte der Kohlenhändler mit leiser Stimme hinzu, .es befindet sich aus dem Pariser Straßenpflaster ein Mann, der Ihnen auffällige Dinge berich ten könnte." Fergon horchte bei diesen Worten auf. zum ersten Male traf er zwei Personen an. die mit ihm der Meinung waren, daß das Gericht sich auf falscher Fährte befunden. als es den jungen Lefebre zum Tode verurtheilt hatte. .Was uns aufgefallen", fuhr der Koh lenhändler fort, .ist Folgendes: Die PiqueDame hatte eine Dienerin, welche an dem Abend, an welchem ihre Gebieterin ermordet wurde, verschwunden.ist." .Ganz recht," erwiederte Fergon, .wo könnte man sie ausfinden V .Ich bin der Ansicht, daß sie Paris nicht verlaffen hat." .Sie sind ihr also begegnet V .Ja, vor einer halben Stunde, auf diesem Bahnhofe, wenn ich mich nicht sehr irre." .Wie sah sie aus ?" .Es war eine, schlanke Blondine- von großer Schönheit. Jeder sah ihr ' nach. wenn sie über dieStraße ging. Es scheint, daß sie eine gute Stelle bekommen hat. AIS sie noch bei der PiqueDame war, ging sie nicht so geputzt wie jetzt." .Nun entsinne ich mich dieser Frau. Sie löste sich am Schalter ein Billet und reiste mit dem letzten Zuge ab." .So ist eS. Aber den Schluß zu ziehen, Sie kenne den Elenden, welcher ihre Herrin und den Kaufmann ermordet hat. liegt mir fern. - Doch die Uhr schlägt fünf und der Zug fährt nach sechs Minuten, ab, so dab eS die höchste Zeit ist, einzusteigend. ' Mit diesen Worten verabschiedete der

Kohlenhändler stch von seinem angeblichen Landsmann und zog seine Ehehälfte mit

sich fort, i Fergon hielt sie nicht zurück und wollte sich aus den Rückweg begeben als sein Blick auf den Weichensteller Pierr Cambremer siel.' Er war 'nicht wie ein Bahnangestellter gekleidet, sondern trug einen anständigen Civilanzug und schien. seine Tochter an der Hand, einen Spazier gang zu machen. In diesem Augenblick fiel es Fergon auf, daß seine Verkleidung als Rentier, die . auf den Kohlenhändler und deffen Frau einen so bestechenden Ein fluß ausgeübt hatte, ihn dem einfachen Weichensteller gegenüber entfremden mußte Er wußte sich indeß zu helfen. Er zog sich in einem Winkel zurück, wischte sich mit feinem Taschentuch die Runzeln aus dem Gesicht, entfernte die Perrücke und den falschen Bart und ahmte jenen wiegenden Gang nach, an welchem man einen Men schen erkennt, der an daS Tragen schwerer Gegenstände gewöhnt ist. Dann bahnte er sich einen Weg durch die hin und herströmenden Paffagiere bis zu. Cambre mer, dem er vorsätzlich einen leichten Stoß versetzte. Nehmen Sie sich in Acht, mein Herr! brauste der Weichensteller auf. Ah, Sie sind es College!" .College r wiederholte Cambrenner mürrisch, .ich kenne Sie nicht." .Das heihtt, Sie haben mich aus dem Gedachtnib verloren, während ich mich Ihrer sehr wohl erinnere. Es war auf dem Lyoner Eiseniahnverron " .Ja, jetzt erinnere ich mich, das ist aber lange her." ES war im Monat Januar." Als ich damals mit ihnen sprach, waren Sie Lastträger" .Seit zehn Jahren, unterbrach ihn Fer. gon, und ich wäre eS noch zur Stunde, wenn ich nicht eine reiche Tante beerbt hätte, die mir so viel hinterlassen hat, daß ich jetzt von meinen Zinsen leben kann." .Sie, Glücklicher ! .Vielleicht würden Sie anders urtheilen, wenn Sie sähen, wie es mich lang weilt, nichts zu thun zu haben. Wenn man weder Frau noch Kind hat, wird einem das Leben unter solchen Verhältniffen unerträglich. Nicht wahr, wir trinken ein Gläschen Wein zusammen?" Wenn ich nicht meine Tochter bei mir hätte, würde ich nicht nein sagen." .Sie kann uns ja begleiten. Wir gehen in ein nahegelegenes Kaffeehausund plau dern eine Weile bei einem Gläschen Wein. Welch' ein hübsche Kind! Wie steht es UM dessen Erbschaft. Schwebt die Ange legenheit noch ? .Welche Erbschaft?" .Nun, diejenige, wele nach der Be hauptung eines Ihnen Unbekannten . ihr zusallen würde. Entsinnen Sie sich doch, es war an jenem Tage, als ihre Tochter in Gefahr schwebte, von einen ankommenden Eilzuge überfahren zu werden, als sie im Begriff war, die Goldstücke, die der er wähnte Herr auf die Schienen hatte fallen laffen, aufzuheben." Cambremer nickte zustimmend und ent gegnete: Ja, jetzt entsinne ich mich Ihrer Per ori. Ein seltsamer Patron,-dieser Unbekannte. Denken Sie sich, ich bin mehr als zehnmal bei ihm in seiner Wohnung gewesen, um ihm das Geld zurückzugeben, habe ihn aber nie zu sprechen bekommen. Schließlich habe ich das Geld seinem Por tier gegeben." .Und die Erbschaft war selbstredend aus der Luft gegriffen, nicht wahr?" Ich glaubte es damals selbst; allein gestern fiel es mir ein, die Papiere meiner verstorbenen Frau, die sie von ihrer Mutter bekommen hat, durchzulesen und-da habe ich Manches entdeckt, was mir bisher unbekannt war. Sie stammt aus einer angesehenen FamilieNamens O'Sullivan. Fergon sah ihn betroffen an. . .Das ist eine neue Spur, murmelte er, .die Herrn Lefebre sehr zu statten kommen wird, um seinen Sohn zu retten. Wenn es nur nicht zu spät ist!" ' ' Einen Augenblick verhielt sich Fergon schweigind; die Nachricht Cambremer'ö hatte ihn sehr überrascht, aber bald hatte er stch wieder gefaßt und fragte scheinbar ruhig : - .Der Familienname Ihrer Frau lautet O'5ullivan?" - ' .Nun freilich," erwiderte der Weichensteller, .doch dergleichen kann Sie nur langweilen, ich sage Ihnen deßhalb Lebewohl." .O. nicht doch", äußerte Fergon, .aus solche Weise pflegen Collegen sich nicht von einander zu verabschieden ; ich werde Sie

begleiten, da ich doch noch über die bewußte Erbschaft etwas eingehender mit Ihnen sprechen möchte. Es trifft sich wie. ge wünscht, daß Sle gerade mit mir über diese Angelegenheit gesprochen haben, da ich einen Rechtsgelehrten kenne, der sich ausschließlich damit befaßt, verschollene Erben für hinterlaffene Testamente außsin dig zu machen. Er war cS auch, der mich auf meine Erbschaft aufmerksam gemacht und mir zu meinem Vermögen von hunderttausend Francs verholfen hat. Mein Gewährsmann heißt Vinet." Das wirkte und man sah bald darauf Fergon neben Cambremer in traulichster Weise in einem Kaffeehause ein Gläschen Bordeauxwein leeren. .Sie glauben also, daß Vinet,derJhnen ein so ansehnliches Vermögen verschafft hat, meine Angelegenheit ebenfalls würde regeln können?" fragte Cambremerin ängstlichster Spannung. .Ich bin davon sogar überzeugt, und gern bereit,' Sie, wenn es Ihnen paßt, zu ihm zu führen." . .Mein Dienst erlaubt mir erst nächsten Donnerstag auszugehen. Ich werde Sie dann, wenn eS Ihnen recht ist, hier erwarten und sämmtliche über besagte Erbschaft vorhandenen Dokumente mitbringen. ES ist ein ganzer Stoß von Akten, Geburtsund Sterbescheine, Heirathscontrakte, Hei mathöberechtigungsdnkumente und schließ lich ein großer, zierlich ausgeführter Bogen, der einen' Stammbaun, präsentirt, worauf sämmtliche Abzweigungen und Vornamen der Familie O'Sullivan verzeichnet sinb. Meine verslorbeneFrau hat es nicht der Mühe Werth gehalten, da Packet zu öffnen, und ist es als ein Wunder anzusehen, das sie sich der Papiere nicht bedient hat, um damit Feuer anzu machen." .Sie werden sehen, wie mein Anwalt mit den Dokumenten umzugehen weiß. Er versteht überdies aitch Englisch." Ich habe", hob. Cambremer hervor, .außer englischen auch französische Namen auf der Stammtafel wahrgenommen. Unter Anderm ist mir der Name eines Banquiers. Henry Barre aufgefallen, welcher ein Vetter meiner kleinen Tochter ist. Nach einer Anmerkung hat sich derselbe im Jahre 1855 berheirathet". Fergon versank.in tiefes Nachdenken und sagte nach einer Pause : .Ich habe allerdings einen Banquier dieses Namens gekannt und sogar mehrere

Jahre für ihn gearbeitet. Er ist vor eini gen Tagen gestorben. Sicherlich aus Kummer über den Schmerz seiner Tochter Adelme", dachte er. Unter den bewandten Umständen würde ich an Ihrer Stelle nicht säumen, der Wittwe einen Besuch abzustatten, um sie zu fragen, ob die Mut ter ihres Mannes als Mädchen O'Sulli van gdheißen habe." .Das wüßte ein Spiel deö Zufalls sein. falls dies sich so verhielte, und ohne meiner Sache, gewik zu sein, wage ich mich der reichen Dame nicht vorzustellen. Unter welchen Umständen könnte ich mich überdies in ihre Wohnung begeben? Die Wittwe eines Banquiers wird sich den Besuch eines armen Weichenstellers ver bitten. .Was das betrifft, so brauchen Sie nur anzugeben, daß Sie über eine Erbschaft Ausschlüffe zu ertheilen vermöchten. Man wird Sie dann zweifelsohne vorlassen. Wer weiß, ob die Wittwe nicht ähnliche Dokumente aufzuweisen hat, die für Herrn Vinet von unschätzbarem Werthe stnd." . . .Nun, ja," versetzte Cambremer zögernd, j ich werde dahin gehen, obgleich ich es imgern thue,. aber es geschieht ja für meine kleine Tochter. Jch'wünsche nur, daß der liebe Gott sie glücklich machen möchte. .Wenn Sie damit andeuten wollen, daß Reichthum . nicht, glücklich .mache, so muß ich Ihnen doch bemerken, daß eS immerhin bedeutend zum Glücke beiträgt. Vergessen Sie nicht Ihre Docmente mitzunehmen wenn sie Frau Barre besuchen." ' .Nein, gewiß nicht, sie. stecken in eine alten Koffer meirer .Schwiegermutter Der Besuch des Herrn Tollan, so heißt d Unbekannte, brachte mich auf .den Gedai ken, den Koffer zu durchstöbern, und . da ich wieder auf diesen Menschen gekommen bin, weiß ich mir zur Stunde nicht zu er klären, weshalb er mich seiner Zeit bei'. Weichenstellen ausgesucht hat." .Ich denke mir. daß er dasselbe Gelchäst betreibt,, wie Herr Vinet, keineswegs cber in guter Absicht, : Wie Sie wiffen, gickt , es in Paris Leute, welche vacante Ero-j schatten suchen, um sie den wirklichenErien gegen Provision zuzuwenden ; eS gibt adet auch solche, welche darauf ausgehen, sti für.sich selbst zu erschleichen.- . - (gorliegung lolgl.) .

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