Indiana Tribüne, Volume 2, Number 15, Indianapolis, Marion County, 22 November 1879 — Page 6

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I Z! d i n a T r i b n n c."

DaS Geheimniß des Pavillons.

Aus denPapierey einesGe beimpolizisten, von C. Paulovsky. (Fortsetzung.) 3a, ich erkenne ihn als den meinigen an, wie aber" Sie wollen. Ihre Einwendung bis nach Verlesung desBriefet verschieben," fiel der Präsident ihm in die Rede. Ich bitte die Herren Richter, aufmerksam zuzuhören, denn die Schwerkraft deö gegenwärtigen Prozesses beruht auf diesem Briefe." Und der Präsident beaann au lesen : Meine theure Mary!" . Der Brief, meine Herren istFranzösisch geschrieben, aber der Name Marie trägt die englische Ortographie, Mary. Dieser Name ist der PiqueDame, an welcher der Angeklagte folgende Worte -gerichtet hat: Meine theure Mary ! Ich liebe Dich von ganzer Seele. Ich werde es Dir beweisen, und ich schwöre Dir, daß ich Dich ewig lieben werde. Weß halb folterst Du mein Herz täglich, ja stündlich? Weßhalb weigerst Du dich, mit mir zu entfliehen ? Wozu die ewigen monotonen Wiederholungen, dabDu richt frei seiest, daß Du Pflichten zu erfMZen hättest. Was sind Pflichten, wenn man liebt? Auch ich habe Pflichten, und ich vergesse sie um. Deinetwillen. Glaubst Du, daß mein Vater es billigen würde, wenn er wüßte, daß ich entschlosien bin, Dir mein Leben zu weihen? Ist denn dieser Mann, welcher DeinLeben freudlos gestaltet, dieserMann,denDu sürchtelt und den ich hasse,es werth, daßDu zögerst, mir anzuhören? Ich bin am Ende meiner Geduld und meines Muthes. Habe Mitleid mit mir. Willige darein, mit mir zu entfliehen. Der Zustand, in den Du mich seit mehre ren Monaten versetzt hast, ist unertrag.uch. Setze meinen Leiden ein Ziel: ich flehe Dich im Namen unserer Liebe darum an. Wenn Du meine Bitte nicht erhörst, Mary, wenn Du dich ferner weigern soll test. Dich der Tyrannei dieses Elenden zu entzieben, dann treibst Du mich dazu, ein Verbrechen zu begehen. Deiner Antwort, auf die ich mit ängstlicherSpannung harre wird mein Schicksal entscheiden. Eher hundertmal sterben, nls Dir zu entsagen." DieserBrief ist unterzeichnet :Charles" erläuterte der Präsident, nachdem er ihn langsam und bei einigen Phrasen mit besonderer Betonung verlesen hatte. Angeklagter, was haben Sie hierauf zu widern?"Dieser Brief ist allerdings von mir antwortete Charles Lefebre, aber ich habe ihn vor mehreren Jahren geschrieben."' An wen V fragte der Präsident. An eine Dame, welche ich einst liebte." Nennen Sie sie ?" Das kann ich nicht." Aus welcher Ursache nicht?" Weit ich sie dadurch compromittiren wurde. Auf diese Antwort vernahm man aus dem Zuschauerraume Ausruse des Erstemnens, daß auf den meisten Gesichtern durch ein unglaubliches öächeln verstärkt wurde. Der Gerichtsdiener erhielt Austrag, dem Publikum Schweigen zu gebieten, und als die nöthige Stille wieder eingetreten war, begann der Präsident den Angeklagt ten mit erregter, scharfer Stimme anzu reden: Sie wiegen sich scheint mir, in der Hoff nung. die Jury werdeJhre Erklärung über den Brief, welchen ich soeben verlesen habe für genügend ansehen.' Dieser Brief be zieht sich buchstäblich auf den Doppelmord in der rue Panattiere; er kündigt ihn an, ja, ich möchte sagen, er beschreibt ihn. Mary ist die Unglückselige, die sie ermordet haben. Der Mann ist Feran, denSie ebenfalls getödtet haben, weil Sie in ihm einen Nebenbuhler haßten und weil, Sie ihn bei Ihrer Geliebten überraschten. Mary war im Begriff, Ihre Flucht ins Werk zu setzen. JhreKoffer waren eepackt ihre Kammerzofe war bereits abgereist. - Aber sie hatte sich entschlossen, nach, Cng. land zurückzukehren, um sich Ihrer Zu dringlichkeit zu entziehen. Sie hatte ihre Befürchtungen Ihrem Beschützer anver. traut, im ihre bevorstehende Abreise mit-

getheilt, und er war erschienen, um den letzten Abend in Mary's Gesellschaft zu verleben. Man hat a seiner Tascke ein Billet gefunden, worin sie ihm schreibt, daß sie ihn um zehn Uhr erwarte. Bon Eifersucht gequält, sindSie dort eingetrof fen. Herr Feran soupilte mit Mary, es entspann sich ein Wortwechsel, der mit einem Mord endete. Dann haben Sie, von Zorn und Rache durchdrungen, die unglückliche Dame überfallen. Diese Karte, die Pique Dame, war eine Erinnerung an frühere Treueschwüre. Sie haben sie vom Tische des Boudoirs genommen und ihr gezeigt, wobei Sie sie wahrscheinlich des Verraths beschuldigt haben werden. Mary wird Ihnen hestig geantwortet haben. Sie haben in Ihrer Raserei die Karte und ihr Herz durchbohrt. So lassen sich die beiden'Ermordungen erklären." Charles Lefebre war sehr bleich, aber er senkte sein Haupt nicht und seine Stimme zitterte nicht, als er sagte : Ich schwöre es vor Gott dem Allmächtigen, daß ich Mary Fassit nicht getödtet habe." Diese Antwort rief ein unheimliches Schweigen hervor. Das Publikum lauschte gespannt, da das Verdict der Jury vor' auszusehen war. Der Angeklagte war bereits verurtheilt.' Der Präsident erhob sich und sagte mit lauter Stimme : Herr Lefebre haben Sie der Betheue rung Ihrer Unschuld nichts weiter hinzuzufügen?" Nichts, Herr Präsident." . Dann könnenSie sich setzen. Wir wer

den jetzt die Zeugen vornehmen." Nachdem die citirten Zeugen (der Angeklagte hatte nur einen einzigen Entlastunglzeugen vorgeschlagen und dieser war bekanntlich nicht aufzufinden gewesen) ihre Aussagen gemacht hatten ; rief man zum Schluß das Fräulein Adeline Barre vor die Schranken des Gerichts. JhreMutter hatte wegen Krankheit der gerichtlichen Citation nicht Folge leisten können und Adeline sah sich somit gezwungen.diesen schwe ren Schritt allein zu thun. Man würde wahrscheinlich auf ihr Erscheinen im Gerichtssaal Verzicht geleistet haben, wenn man nicht gehofft hätte, ihre Anwesenheit werde den Angeklagten bestimmen, lein System zu. ändern. Adeline ,war in ein schwarzseidenes Kleid gehüllt, als wenn sie schon um ihren Verlobten trauerte, und ihr Antlitz bedeckte ein dichter Schleier. Ihr Eintritt erregte Sensation. Es richteten sich alle Augen auf sie, ausgenommen die des Angeklagten welcher sich vornüber beugte, um einige Worte mit seinem Vertheidiger auszutau schen. Vielleicht schmeichelte er sich mit der Hoffnung, daß Adeline ihn nicht sehen und man nicht so grausam sein werde, ihn zu zwingen, seine Braut anzureden. Er täuschte sich. Der Präsident erwies ihr die größte Aufmerksamkeit, ließ ihr. einen Stuhl bringen und ersuchte sie mit ausgesuchter Artigkeit, ihr Gesicht zu enthül len. Fräulein," begann er, ich bitte Sie uns zu sagen, wann Herr Lefebre am 13. Januar Abend den Salon Ihrer Frau Mutter verlassen hat?" . . Um. halb zehn Uhr, glaube ich," erwi derte das junge Mädchen mit kaum ver nehmbarer Stimme. Und wann am folgenden Abend V fuhr der Präsident fort. ' Um zehn Uhr." Sie haben die Wahrheit ausgesagt. Fräulein, und der Gerichtshof spricht Jh nen seinen Dank aus, denn er würdigt die traurige Lage, in der Sie sich befinden. Aber er erwartet noch mehr von Ihnen, in dem er hofft, daß Sie der Jury über die Denkart des Herrn Lefebre AuZfchlüffe ertheilen werden." Adeline erblaßte und antwortete nicht. Ich werde mich deutlicher ausdrücken," fuhr der Präsident fort. Wir haben hier eine Persönlichkeit vor uns, deren Leben bisher tadellos gewesen. Glauben Sie mir, es ist Niemand hier, der sich nicht freuen würde, wenn der Betreffende sich zu rechtfertigen vermöchte. Und er weigert sich es zu thun. Er beschränkt sich darauf zu leugnen. Ist das nicht auffällig? Wenn er sich entschließen könnte,dieWahr heit zu gestehen, würde er .ohne Zweifel weit weniger schuldig erscheinen; beharrt er aber im Leugnen, so ist es unmöglich zu glauben, daß er irgend einen Umstand an zugeben vermöchte, welcher Milderungs gründe verdient." Ich bin überzeugt, daß er niemals ge logen hat," murmelte das unglückliche Mäochen. Könnte doS das Gericht Ihre Ansicht

theilen, mein Fräulein ! Jetzt ersuche ich Sie, eine letzte Frage zu beantworten und sich über den Zweck derselben nicht zu täuschen. Glauben Sie, daß Herr Lefebre Sie je aufrichtig geliebt hat?" Ich glaube es," sagte Adeline mit er stickler Stimme. Sie haben es vernommen," antwortete der Präsident, sich zu dem Angeklagten wendend, werden Sie sich jetzt noch wei gern, eine Rechtfertigung zu versuchen, die Ihnen dieAntwort JhrerBraut so sehr er leichtert hat?" Auf diese Worte erhob sich der .Angeredete und es schien, als wenn er den Mund zum Sprechen öffnen wollte, aber er sank gleich darauf wieder zurück und blieb stumm. Begreisen Sie denn nicht," rief der Präsident aus, daß Sie sich durch Ihr beharrlichesSchmeigen selbst verurtheilen ? Haben Sie denn kein Mitleid mit einer edlen jungen Dame, welche noch immer an Sie glaubt und anJhrer aufrichtigenLiebe nicht im Mindesten zweifelt?" Es entstand jetzt eine feierliche Stille. Die Richter und Zuhörer wagten kaum zu athmen. Geben Sie einer edlen Regung nach, Herr Lefebre," ermähnte der Präsident; gestehen Sie. daß Sie Marie Fassit früher gekannt haben, daß ein unglückseliges Verhängniß Sie in den Pavillon der rue Panattiere geführt hat und daß Sie in der Aufregung, keineswegs - vorsätzlich, den Doppelmord begangen haben. Die Jury wird alsdann mildernde Umstände walten lassen können, was ihr jetzt nicht freisteht.

Sprechen Sie, es ist Ihre Braut, die Sie durch mich darum bittet, die Wahrheit zu sagen." Noch einmal öffnete der Angeklagte den Mund, wie um ein Geständniß abzulegen ; seine Blicke begegneten indeß in diesem Moment den weinendenAugen seinerBraut und gegen die Lehne der Anklagebank zu rücknnkend, stammelte er: Nein, nein, ich kann es nicht, es ist zu hart, zu hart !" Adeline wandelte bei diesen Worten eine Ohnmacht an. Ein Gerichtsdiener fing ste-in seinen Armen aus und führte sie, aus einen Wink des'Präsidenten in ein Neben gemach. Die Akten sind hiemit geschlossen!" sagte der Präsident mit dumpfer Stimme. Der Vertheidiger des Angeklagten hat dasWor." ' Charles Vertheidiger plaidirte mit vie lemGeschick. Er tadelte daß die VerHandlung stattgesunden habe, bevor der Taub stumme, deffen. Zeugniß sein Client so dringend begehrt habe' aufgefunden sei, er schilderte die Darstellung des Präsidenten, die beiden Ermordungen zu erklären, als einen geschickt entworfenen Sensationsro man und verwarf denBeweis der modellir ten Fußspuren im Schnee als ungültig. Hinsichtlich der ermordeten Marie Fassit stellte er per Jury anheim, zu erwägen, ob Herr Lesebre, wenn er sie wirklich ermordet hätte, wohl am folgenden Abend wiederkommen wäre, um sie bei ihrem Bornamen Maly zu rufen? Konnte er denn von seinem erdolchten Opfer eine Antwort erwarten ? Der verlesene Brief gehöre einer älteren Zeit an und sei. auch unter sehr gravirenden Umständen zu Händen des Gerichts gelangt. Er halte seine Clienten für völlig unschuldig und müffe die Richter warnen, aus ein zufälliges Zusammentref fen und bloseVermuthungen hin ein vorei' liges Urtheil zu sällen. tx Staatsanwalt widerlegte die 93er theidigungsrede, worauf die Richter mit den Geschworenen sich zurBeratbung zu rückzozogen.Als sie wieder in denGerichtösaaltraten,vsrlas derPräsident dasVerdikt welches den Angeklagten Charles Lefebre zum Tode verurtheilte. Der junge Mann lächelte schmerzlich und sagte leise: - Ich unterwerse.mich dem Spruche der Geschworenen." . Sie haben drei Tage Bedenkzeit zuJHrerVersügung, ehe sie ein Kaffationsgesuch einreichen," bemerkte der Präsident, welcher tief bewegt schien. r Herr Lesebre ward hinaufgeführt. Die Menge verlieb schweigend denSaal.' Der Nabob und sein Diener waren die Ersten, welche sich entfernten. Der Jndier hatte ohne Zweifel den Eindruck mitgenommen, daß sin europäischer Gerichtshof der Justiz seines Landes'weit überlegen sei. ' Als Charles Lefebre durch den dunklen Flur ging, raunte ihm elner seiner Mäch ter ins Ohr:' Ihr Vater bittetSie. noch diesenAbend ein Gnadengesuch einzureichen In demselben Moment ward .Adeline

Barre ein Billet in die Hand gesteckt, wel

ches die Worte enthielt: Verzweifeln Sie nicht. Ich gebe Jhnen mein Wort, daß mein Sohn unschul dlg ist und daß ich ihn retten werde. Das Billet war unterzeichnet Lefebre". XXI. Der indische Nabob.' Seit langer Zeit war das .Haus des al ten Herrn Lesebre aus demQuai Conti wie verödet. Die Fenster der hübschen Wohnung öffneten sich nicht, wie früher, bei den ersten Strahlen der Morgensonne. Dasreundliche Lächeln des Greises ver mißten die Ladeninhaber am Quai, seine Almosen die Armen, seine Brosamen die Vögel. In der reizenden Villa zu Boulogne, welche für Glückliche erbaut war, weinte man Tag und Nacht. Nach der Verurtheilung des Herrn Charles Lefebre hatte Madame Barre beschlosien, Frank' reich zu verlassen und jeneStadt zu meiden wo der Bräutigam ihrer geliebten Tochter seine letzten Stunden in einer drmpfcn Geiängnißzelle zubrachte, aber Adeline hatte sie inständig gebeten, zu bleiben. Sie glaubte unerschütterlich an die Unschuld Ihres Verlobten und hoffte noch immer, denn Sie wußte, daß sein Vater nicht daraus verzichtet habe, de.t Unglücklichen . zu retten, welchen die ganze Welt verlassen hatt-. Sie hatte Zutrauen zu demGreise, den Sie in den Tagendes Glücks so heiter und vergnügt gesehen und der Angesichts derKatastrophe sich so gefaßt gezeigt halte. Sie wollte ihn unterstützen, ihm neuen Muth einstösen, ihm sagen, daß ihr Herz sich nicht geändert, ihre Liebe sich nicht vermindeU habe, und daß, wenn ihrBräutigam wirklich sterben müßle, sie niemals die Gattin eines Andern werden würde. Aber Herr Lesebre war verschwunden und er hatte seit dem unseligen Tage, an wel chem das .Todtesurtheil gegen seincnSohn gefällt worden war, keinLebenszeichen von sich gegeben. Sie vermuthete, daß er im Stillen thätig war, aber sie wußte nicht einmal, ob er sich noch in Paris aushielt. Die Zeitungen hatten berichtet, daß das Gnadengesuch des Verurtheilten verworsen worden sei und daß er sich neuerdings um Kassationan den obersten Gerichtshof gewandt habewodurch ihm noch eine kurze Lebensfrist in Aussicht stand. Und das arme Mädchen zählte die Tage; jede Stund?', die verlies, brachte Charles dem furchtbaren Moment näher, wo er zum' Tode geführt werden konnte. Würde der Retter zur Rechten Zeit kom men ? . . Man war in der Wohnung des Herrn Tollan weniger trostlos. Derselbe hatte alle Ursache, sich zu freuen, und seine Umgebung nahm an seiner guten LauneTheil. Seine Haushälterin beschäftigte sich mit eleganten Costümen, sein Kammerdiener hatte einen neuen Anzug bekommen und se ne Zimmer gewannen einen festlichen Anstrich. Der Unstern des alten Lefebre war ihm zum Glücksstern geworden, und er hoffte im Stillen, daß der Polizeidirektor ihn zu dessen Nachfolger erwählen würde. Die PiqueDame" hatte ihn in den Augen seiner Vorgesetzten in das glätt zendste Licht gestellt. Allerdings hatte Herr Tollan, der sich seiner Zeit verpslichtete, den Mörder innerhalb eines Monats dem Gericht zu überliefern, die Entdeckung desselben nicht bewerkstelligt, vielmehr gebübrte die Ehre dem Polizisten Fergon. Letzterer hatte sich aber sväter derart ver dächtig gemacht, daß von ihm nicht die Rede sein konnte, ja er ward sogar, weil er sich nicht als Zeuge vor Gericht gestellt, steckbrieflich verfolgt. Der Polizeidirektor schrieb den ganzen Erfolg Tollan zu, welcher sich der Sache mit ungewöhnlicherUmsicht und Energie gewidmet hatte. Man verdankte ihm übrigens eine sehr wichtige Entdeckung. Er hatte nämlich den Rath : ertheilt, ei nen öffentlichen Aufruf ergehen zu lasten, dahin lautend daß jede Person, welcheDo kumente auszuweisen hätte, die das Geheimniß, welches die PiqueDame" um gab, aufgefordert sei, solche an das Untersuchungsgericht einzusenden. ' (Fortsetzung folgt.) C a n e s, 15. Nov. . Ein Mann,Na. mens Meyer, der sich hier gewaltsam Zutritt zu der Kaiserin von Rußland zu verschaffen suchte, ist verhastet worden. Er ist aus St. Petersburg gebürtig und wahr scheinlich wahnsinnig. Eine Untersuchung der Angelegenheit ist im Gange.

Aberglaube.

Ein Vortrag von Herrn P i n g p a n k. (Schluß.) Verschwunden war nun freilich damit der Aberglaube noch lange nicht; wohl aber nahm er im 18, Jahrhundert eine an dere und viel harmlosere Wendung; er warf sich mit Vorliebe auf ein Gebiet, das zwar im Aberglauben aller Völker und Zeiten eine Hauptrolle gespielt hatte, das aber doch feine größte Ausbildung erst jetzt erhielt, offenbar deswegen, weil es mit der ganzen Geistesrichtung des 18. Jahr Hunderts in naher innerer Verwandtschaft steht : es begann nämlich jetzt die Blüthezeit des Gespensterwesens. Der Gespen ster oder Geisterglaube findet sich von jeher und bei allen Völkern der Erde. Einestheils, entspringt derselbe woh! aus dem Phantasiebedürsniß,die ganze belebte Natur als beseelt vorzustellen, d. h. als . ersüllt von einzelnen Seelen, die der menschlichen ähnlich, also bewußt und frei handelnd seien. Well derMensch die Vorstellung einer wirkenden Kcast zunächst aus sich selbst entnimmt, aus den Wirkun gen, die er selbst durch sein Handeln außer sich hervorbringt, so liegt es der naiven Vorstellung sehr nahe, nun. auch jede andere Wirkung, die der Mensch außer sich vorgehen sieht, auf eine analoge Ursache, wie sie seinen, selbsterzeugten Wirkungen zu Grunde liegt, also auf eine bewußthandelnde oder seelische Krast zurückzusühren: Daher zürnt das Kind dem Tisch, an dem es sich gestoßen hat, und rächt sich an ihm' durch Wiederschlagen, weil es eben die ihm schmerzliche Collision nur als Wirkung eines ihm übelwollenden Wesens vorzustellen vermag. Uebrigens uch den Erwachsenen begegnet es wohl einmal, daß sie alles Ernstes den Himmel zürnen, der ihnen eine Sonntagsparthie verregnet, wobei sie nicht ahnen, wie genau sie sich damit auf dem Standpunkte des den Tisch schlagenden Kindes befinden! Aus dieser unwillkürlichen Personifikation also von wirkenden Kräften des Naturlebens entsprang jene Schaar von Natur geistern, wie sie sich namentlich in der griechischen und deutschen Mythologie als Berg-, Quell- und Waldnymphen, als Elfen und Kobolde, alsRicsen und Zwerge in so buntem und lustigem Gewimmel tummeln. Neben diesem Phantasikbedürsniß der Personifikation des Naturlebens war es aber zugleich das Geklüthsbedürfniß, daS Bild Verstorbener in der Erinnerung fest zuhalten und durch die Einbildung skrast möglichst zu vergegenwärtigen, worin wir die zweite Quelle des Geisterglaubens zu suchen haben werden. Aber sollte denn wirklich an all' diesen Dingen nichtsWahres sein ? Dürfen sie ohne Weiteres als Aberglaube bezeichnet werden, da doch nicht nur die Menschheit aller Zeiten daran glaubte, sondern auch so viele Fälle der Erfahrung zur Bestätigung dieses Glaubens sich anführen lassen ? Was zunächst den allgemeinen Glauben der Menschheit an solche abergläubische Dinge betrifft, so kann dies sür uns des wegen nichts beweisen, weil wir das Vor Handensein eines solchen allgemeinenAberglaubens eben aus psychologischen Gründen vollkommen erklärlich finden, ohne daß irgend eine äußere Berechtigung dazu an-" genommen werden müßte. 'Viel wichtiger ist hingegen die vorgebliche Bestätigung jenes Glaubens durch die Erfahrung. Hier ist nun zunächst zu bedenken, daß diese vorgeblichen Erfahrungs thatlachen, um beweiskräftig sein zu fön nen, selber erst sicherer bewiesen sein müßten, als sie es gewöhnlich sind. Es würde bei so subtilen Fragen, wo der Irrthum so leicht und unvermerkt sich einschleicht, geradezu eine protokollarische Constatirung des Thatbestandes in jedem Falle erforderlich sein. Da diese aber so ziemlich überall fehlt, so begreift sich leicht, daß die schwankende Vorstellung eines unklare n'Erlebnisieö der dichtenden Phantasie als willkommene Beute anheimfällt: sei es, daß sie SelbsterlebteS in der eigenen Erinnerung, oder daß sie fremde Erlebniffe im Munde der Leute durch den Wandelungsprozeß' der Saqe umgestaltet. So mag cs namentlich mit den vorgeblichen Ahnungen oft gesehen, daß der durch Hoffnung-! oder Furcht bewegten Seele ein Zukunftsbild von an sich höchst schwankenden Umrissen vorschwebte das dann erst nachträglich aus dem wirklichen Ersolg seine bestimmtere Fassung erhielt; aber weil diese nachträgliche Correktur ganz unbemerkt hinter denCöuliffen der Reflexion ersolgt, so erscheint es d e m .'