Indiana Tribüne, Volume 2, Number 6, Indianapolis, Marion County, 20 September 1879 — Page 6
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I tt d i a n a T r i b ü n e. 44
DaS Gchcimniß des Pavillons.
UuS denPapieren eineSGe heim Polizisten, vonC. YanlovSly. (Fortsetzung.) Led'erer Beweggrund scheint ihn auch in dieks Haus geführt zuhaben, wo erge funden hat, was er nicht suchte. Ein jähes trauriges Ende unter Küssen und Becher Nang ! Kennen Sie übrigens das Innere dieses Pavillons, Herr Commis lär?" JütXxi, ich habe nur zufällig erfahren. dab hier seit vorigem Sommer eine Eng länderin gewohnt hat..Eine Engländerin? DaS stimmt. Mit einer Kammerzopfe, nicht wahr?" .So ist es. Wissen Sie. aus welche Weise ich dies erfahren habe ? Es ist seit, sam, hören Sie. Ein Bewohner, welcher sein Geschäft neben diesem Hause betreibt kam eines TageS zu mir, um mir miiju theilen, dab die eiwahnlen beiden Damen vor einigen Tagen dieses Haus, welches seit drei Zahlen geschlossen gewesen. inBe sitz gencmmen hätten, ohne bin Eigenthümer um Erlaubniß u fragen. Es war die? allerding keine besonders gravirende Anklage, allein ich nahm doch Anlab, bi r über eine Untersuchung anzustellen, die zu dem überraschenden Resultat sührte. dab der betlesZende Anklager, ein Kohlenhandler, sich heimlich des Kofes bediente, um daraus Kohlen und Holz zu lagern. Die Damen waren ihm also in geschäsllieher Beziehung sehr im Wege, daher auch die Anklage. Ich erinnere mich, daß die Dame.eine schöneFrau. mich persönlich'auf meinem Bureau besuchte. .Würden Sie sie wiedererkennen? .Gewiß, so schöne Züge verlieten sich nicht aus meinem Gedächtniß .Nun, dann begeben Sie sich nach dem Leichenhause. Es ist die unglücklicheFrau welche in einem Koffer gefunden worden ist. Ihre Erzählung hat, wie Sie sich jetzt denken können, für mich ein lebhaftes In teresse." .Leider bieten unS diele Anschlüsse we nig Anhalt in dieser traurigen Sache. Die Dame hatte einen Miethscontrakt vorge zeigt, der in bester Ordnung war und wonach ihr dieserPavillon füreine nahmhaste Summe Geldes vom Besitzer vermiethet worden war. Ich habe dem Kohlenhand ler eine geringe Geldstrafe auferlegt und ihm befohlen, feine Feuerung vom Hof platze zu entfernen. Damit war die Sache erledigt." .Wie war der Lebenswandel dieser tungen Engländerin?" .Nach dem äußern zu urtheilen, über je den Zweifel erhaben, wenigstens hat sie niemals Anlaß zu einer Klage gegeben. Würde sie einen leichten Lebenswandel ge führt haben, wäre ich sicher davon benachrichtig! worden. Auch würde der Kohlen händler.der ihr begreiflicherweise nicht hold war, N'cht Unterlasten haben.sie gehörig bei mir anzuschwärzend SeinGespräch ward jetzt durchPeitschen knall unterbrochen. Die beiden Beamten warfen einen Blick durch das Fnster auf den Hof hinunter 11, sahen, daßFergon so eben aus einem Wagen stieg. .Daß heiße ich schnell gehandelt rief der Direktor, sich vergnügt die Hände rei dend, .er scheint Tollan gefunden zu ha ien, was als ein glücklicher Zufall anzu sehen ist, da der seltene Mann sich sehr häufig in lustiger Gesellschaft befindet.wie mir von mehreren Freunden berichtet wor den ist." Der Tag war längst angebrochen und der Schimmer der Morgensonne erhellte die dunkle Straße, wo sich soeben eine interessante Scene ereignete, welche die Aufmerksamteit des Direktors, der am Fenster des Erdgeschosses stand, im höchsten Grade auf sich zog. Fergon war nämlich im eisrigenGespräch mit einer im Wagen sitzenden Person. Er. schien dicselbe veranlassen zu wollen, den Wagen zu verlosten, während sie sich ent schieden zu weigern schien. Der Kohlenhändler und seine würdige Ehehälfte waren von ihremKeller aus neu gierige Zuschauer. .Jene Menschen verdienten daß man sie einsperrte," murmelte derDirektor ärgerlich zwischen den Zähnen. Endlich entschloß sich Herr Tollan, aus demWagen zu steigen und er erschien in einem großen, dick gefütterten Pelzmantel,
besten Kragen bis an die Ohren reichte u. das Gestcht fast ganz verhüllte. Er zögerte noch eimge Sekunden, stieß aber, als er bemerkte, daß derPolizeidirekor und der Commistär ihm jetzt freundlich zuwinkten, die Gitterthür auf und trat entschlosten in den Hof, jedoch nicht, ohne vorher einen flüchtigen Seitenblick nach rechts geworfen zu haben. .So kommen Sie doch," rief der Direktor Herrn Tollan zu und sagte dann zum Commistär gewandt .ich glaubte bereit, er wolle sich davonschleichen." Fergon bog jetzt mit dem Wagen in eine Seitenstraße ein. um die Aufmerksamkeit der vorübergehenden nicht rege zu machen und stellte sich dann als Wachtposten vor der Thür des Kellers auf, destenBemohner sich jetzt eiligst zurückzogen. Der erwarte te Geheimpolizist schien zu zögern, weiterzu gehen ; er hielt inne, als wolle er um -kehren. Dann aber schritt er, wie durch eine plötzliche Wahrnehmung veranlaßt, dem Pavillon zu.
IX. Im Leichenhause. . Drei Tage spater nachdem sich Tollen der von Herrn Lesebre so warm empfohlene Gcheimpolizist . zu dem Polizeidirektor rr d dem Commistär nach dem Pavillon begeben hatte, in welchem das zweite Ber brechen stattgefunden und nach einer Iangen geheimen Unterredung mit seinen bei den Vvrgeievten stch eben so vorsichtig wieder entsernt halte, als er eingetreten war, bewegte stch eine zahlrei je Menschen' menge nach der Morgue, dem bekannten Pariser Leichenhause, wo auf einem erdöh len Gesims die fyiqu Dame" zur öffent lichen Schau ausgestellt war. Der Poli zeidirektor hatte den Leichnam einbalsamiren lasten und da die Gründe, welche ihn in den eisten Tagen bewozen hatten, stch dieses letzten Mittels der O.ffentlichkeit zu entHallen, nicht mehr vorhanden waren. die Ausstellung deS Körpers angeordnet. denn die Nachricht von dem Verbrechen hatte bereits ganzParis durchkreist. Man wollte wenigstens die letzte Chance nicht versäumen, umioweniger, als man vermu thete, daß der Tdäter stch noch nicht von Pris entfernt habe. Es ist erwiesen, daß eine geheimnißvolle Macht den Mörder stets nach dem Schauplatz seines Berbre chens zurückzieht. Die vorzüglich ausge führte Eindalsamirung des Leichnams ließ eine längere Ausstellungszeit als die ge wöhnliche von drei Tagen zu. Da das Verbrechen ein außergewöhnlichesAussehen erregt batte, durfte man sicher darauf zäh len, daß über die Hälfte der PariserBevöl kerung hinzuströmen werde. Seitens der Polizei waren die größten Vorsichtsmaßregeln angewandt. Es wa ren mehrere Beamten dahin diriairt und inmitten der Menge gingen Späher hin und her, die durch Sehkraft undfeines Ge hör stch auszeichneten und, verkleidet, ihre Augen überall hatten. DiePräfektur war derMeinung, daß unter den taufenden von Zuschauern und Zuschauerinnen sich Je mand finden würde, der sagte: .Diese Frau heißt so." oder auch nur : .Ich bin mit ihr hier oder dort zusammen getros fen;" .sie pflegte an jenem Orte zu ver kehren " Vor Allem zählte der Polizeidi rektor jedoch auf Fergon, der einen uner müdlichen Eifer an den Tag legte, um die SpurdesMörders zu entdecken und sich da her in den Augen seines Vorgesetzten zu rehabilitiren. Wo immer er einemManne begegnete, der einen langen Paletot und einen weißen Schawl trug, da eilte er ihm nach, um sich zu überzeugen, ob der belref sende auch einen schwarzen Bart u. dieAu gen einer Katze habe. Dank der trefflichen Einbalsamirung Haiti die wunderbare Schönheit der Tod :en sich nicht im geringsten gemindert, so das diejenigen, welche sie im Leben nur ein einziges Mal gesehen hatten, ste wieder er kennen mußten, denn ihre Züge prägten stch jedem unwillkürlich ein. Sie war eine Blondine mit schwarzen Augen, mit fast durchsichtigen Teint, eine Blondine, wie man Sie in solcher Schönheit selbst in England nur ganz vereinzelt findet. Beim Anblick ihrer haibgeschlostenen Lider, ihrer schwellenden Lippen, hätte man glauben mögen, daß ste schliefe und sofort erwachen würde, wenn man sie bei ihrem Namen rief. Ihre weißen zarten Hände umschlos sen eine Blume, welche der Mörder ihr ge lasten hatte. Die Blume war welker als ihr Antlitz. Man hatte auch nicht verges sen, die Karle Pique-Dame", welche der Dolch mit sein ciselirtem Griff durch die Spitzenumhüllung auf ihreBrust befestigte der Todten zu lasten.
Nicht so laut !" unterbrach Fergon das
Geplauder seines Freundes Bernard, welcher sich angelegentlich imBureau derMorgue mit einem Schreiber unterhielt, ich kann nicht ein einziges Wort von dem ver stehen, was im Ausstellunzssaal gespro chen wird." Gibt es denn etwas Besonderes?" folschte Jener. Gewiß; neben meinem nur angelehn ten Guckfenster spricht die Kohlenhändlerin aus der Straße, in welcher daö Verbrechen geschehen ist, eisrig mit einer Frau, und ich glaube beinahe, daß die Leute über den fragt chen Fall mehr wisten, als sie ausgesagt haben." Es verhielt sich auch so; das würdige Ehepaar hatte sich, obschon es bereits von dem Untersuchungsrichter mit der Leiche confrontirt worden war. die Zerstreuung nicht versagt, ste in der Ausstellung wieder zu seh n. Fergon lehnte sein Ohr an die Fensternische, so daß ihm kein Wort des Gesprächs entgang, welches leider nichts Neues zu Tage sörderte. Was Sie sagen ! Sie haben also den Elenden, der die That vollbracht hat gese hen?- sragte eine Frau, welche ein Kind auf dem Arm trug. Ich habe ihn gesehen, wie ich Sie sebe," antwortete die Kohlenhändlerin mitwichti' ger Miene. Wie M) er aus?" Er trug einen Shawl, wie jener Mann der hinter uns steht" Seit seinem nächtlichen Gespräche mit dem Mörder konnte Fergon nicht eines Shawls erwähnen hören, ohne daß seine Ausmerksamkeit rege geworden wäre. Er ichick e stch demgemäß an, den Mann, den die Kohlenhändlerin der Frau bezeichnet hatte, einer sorgfältigen Prüfung zu un terziehen. Derselbe, welcher durch einen Theil seiner Bekleidung der Kohlenhändlerin den Mörder in'-Gedächtniß zurückgerufen hat te, ward nicht sogleich von dem Beamten bemerkt. Es sei erwähnt, daß, abgesehen von dem Shawl, der Anzug desselben in keiner Weise Ähnlichkeit mit dem Costüm des Mörders hatte. Der Besucher der Morgue trug z. B. keinenUeberzieher, obgleich es fast ebenso kalt wie in der Nacht des Zusammentreffens war. Er war bekleidel mit einem Rock von karirtem Stoff einer gleichen Weste und dunkelfarbigen Beinkleidern. Auf demKopse trug er einen ziemlich groben Filzhut. Seine Handschuhe waren indeß von grauem Kastor. Diese ganz neuen und an derHand sorgfältig zugeknöpstenHand schuhe paßten nicht zu der .nachlässigen Toilette. Welch ein Unterschied zwischen diesen Handschuhen und seinem Hut! Der Mann hatte allerdings einen Shawl um seinen Hals geschlungen, welcher, ihm fast bis an die Ohren hinaufreichte, allein die ser Shawl war,' statt von weißer Seide, von schottischer Wolle. Fergon richtete seine Blicke von dem Anzüge auf das Ant lifc des Verdächtigten, fand stch aber hier in völlig getäuscht. Der Mann, welcher stch augenscheinlich wegen eines HalSlei dens $ warm eingehüllt hatte, schien im hohen Grade an einerSrkaltung zu leiden, denn er meßte unaufhörlich und suchte das Niesen durch sein Taschentuch zu ersticken, so daß man kaum seineNasenspitze erblickte. Nach dem Dafürhalten des erfahrenenPo lizeideamten meßte der Mann indeß unna türlich. Die unaufhörlich drengendeMen ge trieb ibn jetzt so weit vorwärts, daß er nur wenige Schritte von Fergon entfernt war. Da es indeß bereits zu dämmern be gann, e5 auch seinTaschentuch unverwandt vor sein Antlitz hielt, konnte Fergon keine Miene desselben sehen. Der Unbekannte schien überdies den Saal verkästen zu wol len, so daß k-ine Zeit mehr zu verlieren war. Höre ,Bernard wandte Fergon stch an seinen College, eS befindet sich im Saal ein verdächtige Person, deren Legitima tion unerläßlich ist. Du wirst sie leicht kennen, denn Sie trägt einen breitrandi gen Filzhut und einen grün und roth ka rirten Shawl. Verhafte den Betreffenden auf jeden Fall." , Bernard begab sich fort, und Fergon überließ sich seinen träumerischen Gedan ken, ward aber bald daraus durch den lau ten Ruf : Verhastet den Elenden !" da raus ausgeschreckt. Wer wohl verhastet wird V fragte stch Fergon. Sollte B:rnard an den Mann mit dem Filzhut u. dem schottischenShavl Hand gelegt haben? Bernard näherte stch jetzt mit zwei ande ren Polizisten, die einen Menschen durch denSaal schleppten,der stch wuthend wehr-
te und ein God dam !" über das andere hervorstieß. Ein Engländer !" murmelte Fergon, dem ein freudiger Gedanke durch den Kops fuhr. 'Warte nur noch ein wenig, bis ich Dich gebunden habe,- fagte Bernard, indem er einen Strick um die Beine des Gefangenen schnürte, welcher sich jetzt außer Stand sah Widerstand zu leisten. ' Es ist ein engli scher Taschendieb, den ich ertappte, als er eben im Begriff war. einer Dame dasPortemonaie aus der. Tasche zu ziehen sügte er hinzu einem fragenden Blick seines Colleges! begegnend. Uno der Andere? fragte Fergon lako nijch. An den habe ich nicht weiter aedacht Wir wagten es nicht, den Engländer nach demPosten zu transportiren, weil die Menge zu aufgeregt war und ihn zu er schlagen drohte,- äußerte ein anderlr Po lizeibeamter. Man bringe ihn später in einen Wa gen vttsetzle Fergon. Wenn dieMene stch verlausen hat, bleibt uns hinlänglich Zcit übrig, te Langfinger zu durchsuchen. Diese piek pockets aus London sind ge schickt wie die Äffen.Da hinein!" commandirte jetzt oerAn? dere, indem er den Dieb vor sich her in daö Bureau stieß.
Fergon übernahm bald darauf dieMühe denTobenden, der.gebunden und von ener gischen Händen feilgehalten, stch kaum zu rühren möcht.', zu durctsuchen. Er fitig bei besten Rock an und zog zurErhcterung der Anwesenden aus demselben dreiKelten, zwei Ubren und ein halbes DutzcndPorte monai?s hervor. Aber diese Ausbeute war nichts gegen den glücklichen Fund, den er in einer geheimen Tasche der Beinkleider machte. Derselbe bestand nämlich in einer eleganten Brieftasche, aus welcher beim Oiffnen eine Photographie heraus fiel. Er hob sie auf und erblickte dasPor lralt der Pique Dame. x. EinhalberFang. Fergon hatte eine ebenso gewandtkHand wie einen sicheren Blick, und murmelte, so wie er diePholographie sah, vorFreude er blaffend : Beim Himmel, sie ist es !" Es war ihre hohe, graciöse Stirn, ihr dichtes blondes Lockenbaar, ihre großen schönen Auzen, unter den gewölbtenL dern ihr reizendesLächeln, das ihren Mund um spielte. Eine himmlischeSanstmuth ruhte auf dem Bilde, und, wie wenn ste so einer mystischen Eingebung gefolgt wäre, um der Polizei ein unfehlbares Mittel in die Hand zu geben, ihrenTod zu rächen, hatte ste stch vor einem Spieltisch sitzend abneh men lasten. Auf demselben lagen in syme irischer Ordnung die Karten aufgedeckt; in der einen Hand hielt ste eine Blume, in der andere eine P!queDame, um damit einen Buben zu stechen, wie an jenem un seligen Abend, wo der. Mörder ste, völlig vertieft in eine Spielpartie, überrascht hat te. Fergon fast außer stch vor Freude, daß der Zufall ihm den Schuldigen oder doch einen Complizen des Mörders in die Hand gespielt hatte. Der Besitz dieses Portraits war ein schlagender Beweis. und überdies, war nicht dieErmordete, wie dieser Taschendieb ebenfalls aus England? Er dachte vor freudiger Ueberraschung in diesem Moment nicht mehr an die verdäch tige Persönlichkeit mit dem groben Filz Hut un) den feinen Pelzhandschuhen. Er gewann durch diesen Coup mit ei nem Schlage sein früheres Ansehen wie der. Sieh'!" sagte er zu seinem College indem er ihm dab Portrait unter die Au gen hielt. Parpleu, die Pique-Dame !" rief Ber nard. Wir sind einer großen Belohnung stch er äußerte Fergon. .Während die Polizisten mit erregten Mienen diese Worte wechselten, war der Engländer ganz Ohr und sein bleichesGe stcht ward zusehends.blaster. Die Einbil dungskraft verleitete Fergon bei diesem Anblick zu der Annahme, daß derGefange ne sich zu einem Geständniste überrumpelu lasten werde, weßhalb er an ihn herantra und ihn kurz anredete. (Fortsetzung folgt.) . Bucharest, 14. September. Die Distrikisräthe sind zu einer Extrasitzung einberufen, um über Hülssmaßregeln zu Gunsten der Landbevölkerung zu entschei den, welche in Folge des schlechtenAusfalls der Malsernte Noth lüdet.
(Für die .Tribüne geschrieben.)
Prinzessin und Zjankee. ;o; Srzäblung von F Grawcn Will. In einem eleganten Privat-Hotel Lon dons saßen zwei Herren, Amerikaner, in Schaukelstühlen stch wiegend und Cigar ren rauchend. Sie hatten ein gutes Din ner gehabt und wollten nunmehr im trau ichen Geplauder ihr Beisammensein so recht von Herzen genießen, denn fast zwan zig Jahre waren dahin gegangen, ehe sich die ehemaligen Schulkameraden und Zu gendfreunde wiedersahen. Beide hatten die Vierzig- hinter sich; Beide hatten die politische Carriere eingeschlagen; Beide waren angesehene und wohlhabende Männer und doh in vieler Beziehung ver scheden. Der Eine war frisch, kräftig, in voller Mannesblüthe.voll Humor und Heiterkeit, dem es ab und zu gelang dre ernste, melancholische Stimmung seines Freun des zu verscheuche i. Er war ein glücklicher Gatte, Valer und Vice'Gouvernör in ei nem der östlichen Staaten Nord-AmerikaS. Sein Name war Sutton. J Der Andere dagegen sah bedeutend älter aus als er war. Sein Haar war stark grau mehrt, f. ine dunklen Augen matt und seine Gestalt baaer und gebeugt. Er war ein einsamer Hagestolz u d Consul in irgend einer Hafenstadt Italiens. Er hieß Warren. . Rücksichten verlangen es, daß wir unter fremder Flagge segeln, daher stnd die Namen angenommen. t Consul Warren und Vice'Gouvernör Sulton hatten schon ein ziemliches Weilchen dem veilchenblauen Rauch der Cigar ren nachgeschaut, auch ab und zu dem Treiben auf der Tbemse, welches sich vor der offenen Balconthür des Zimmers wie ein Panorama ausbreitete, ihre Ausmerk famktit geschenkt, aber immer noch schmie gen sie. Ihre Herzen laborirten an Erin nerungsgesüh.en, und diese stnd, bei Män nern ihres Alters sehr interessanter Nalur. Endlich kam ein Gespräch in den Gng. Vom zunächst Li genden wurde selbstver ständlich nicht gesprochen. DieStimmung war zu zart", man mußte weit ausholen und so fragte Sutton, ob sein Freund Warren stch längere Zeit in Deutschland auszuhalten gedenke, wenn er auf seinen Posten nach Jlalien zurückkehre. Nein, ich geb' nichts mehr um Deutsch land," war die ernste Antwort. WaS muß ich hören rief Sutton erstaunt. Ist Deutschland bei Dir in Ungr.ade gesallen? Hat stch Deine Vorliebe für deutsche Literatur, Sprache, Si ten, Bie derkeit und Weine in N i ch t s ausgelöst V Diese erstaunte Frage mit ihrenSpezia litäten war eine vollständig gerechtfertigte, denn es hatte einmal eine Zeit gegeben, in welcher Beide passionirte Schwärmer für deutsche Kunst und Sprache, deutsche Ver hältniste und (wie schon gesagt) sür deutsche Vereine waren. Ich bin damit durch," sagte Warren. Wenn ich jetzt durchDeutschland zu reisen habe, dann geht ts mit Courierzügen und Extrapost. Ich bin. wie gesagt, damit durch. Ich weiß es wohl, es ist jetzt daö große, einige Deutschland geworden eö feiert großartige Triumphe, hat einen kai serlichen Namen, das ist aber auchAlles! Ich freue mich ab und zu, daß es sögekommen ist, weißt Du, aber es geht Einem doch wie dem Schulbuben, besten nsteö Ideal ihm über den Kopf gewachsen und eine vornehme Dame geworden ist, die gnädig auf den frühzeitigen Schwärmer herablickt, der viel zu langsam zum!,ei rathssähigen Anbeter nachwuchs. Ja, daö jetzige Deutschland ist ein Triumph des neunzehnten Jahrhunderts aber eS ist das frühere nicht mehr !" Ein wahres Glück!" erklärte Sutton. Es rst jetzt in seiner Einigkeit und politi 1'chen Tendenz den Vereinigten Staaten Nord-Amerikas ebenbürtig geworden und, wenngleich eine Monarchie, so geht eö doch mit uns einen Weg, der Weltmisston." (Diese rein amerikanischeAnstcht wol len wir aber unerörtert lasten.) .Aus meiner letzten Reise durch Berlin sagte Warren, war ich in einer Abend geseUschasi. Bei einem berühmten Pro fessor ! EinemBekannten von mir. Hatte hinzugehen; durste es nicht abschlagen. Ich kann Dir sagen, Sutton, es hat mich ' angeekelt. Die frühere Herzlichkeit und Einfachheit itt dahin. Es ist jetzt ein aus. geblasenes. Treiben, das mich anwidert. Falsche Diamanten, steisgesütterte Seide,
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