Indiana Tribüne, Volume 1, Number 45, Indianapolis, Marion County, 21 June 1879 — Page 6

6

I n d i a n a T r i b ü n e."

Gebrochener Stolz. '.0'. Roman von A. 'AZaumann.

(Fortsetzung.) Er gewann sie unaussprechlich lieb, hauptsächlich, weil ihre Schönheit und Grazie seinem Stolze schmeichelten. Es kamenAugenblicke, in welchen Ella wähnte: .Ich handelte tlug; wenn die Stunde der Wahl abermals an mich heranträte, ich würde dieselbe Entscheidung getroffen haben. Wie lächerlich wäre es gewesen, ein Leben wie das meinige in der dürstigen Waldhülle zu vertrauern, und wie grau sam würde es sein, meinen Sohn Lionel dieser sülstlichen Erbschaft zu berauben." Sie stand auf dem Gips l ihresStolzes: das Leben vermochte ihr Höheres nicht zu bieten : Alles lag ja zu ihren Fußen. Die uugeth'eille Bewunderung derMänner ergööle. und zerstreute sie, nichts weiter : sie ward nie, selbst in ihren Gedanken, PaulWoloon untreu. Sie vergaß es nie, daß sie, obgleich sie von ihm getrennt lebte, obgleich sie ihn schnö. e verlassen batte noch immer sein Weib sei. Keiner durfte ihr mtt Llebeöerllärungen nahen, die sie nicht erwidern konnte. Lord lXarls&ooo bemerkte diesen Zug ihres Carakters, wie er eben Alles bemerkte. Sie ist eine achte Carlgwood"' sagte er mehr als einmal. Sie ist jchön und stolz, wie alle Frauen unseres Geschlechls Fünfzehntes Kapitel. Eine neueSaison war eröffnet und Jeder wußte von einem Neuling zu belichten, der sich Um öffentlichen Leben geweiht hatte. Es war ein Herr Dale von Ravensdale, welcher kürzlich zum Parlamentsmugliede erwählt worden war. Anfangs halten die Tories und später die Liberalen ihn zu bekämpfen versucht, aber er war unter dem Votke eine Macht" geworden. Man konnte ihn nicht länger unterschätzen. Er hatte mehrere Reden Schallen, Die zu den brillantesten gehörten, welche je im Unterhause vernommen worden waren. Ach, wäre er doch einer der Unsrigen !" sagte der vornehmeHauptsührer der ToryPartei mit einem liefen Seufzer. Könnten wir ihn doch bewegen, sich nns anzuschließen!" äußerte der Führer der Liberalen. A.er Herr Dale hatte sich, eine eigene Partei gebildet, er war ein Freund der Armen, einige seiner Reden enthielten eine lange glühende Anklage gegen die Vornehmen und das Versahren derselben der Armuth gegenüber. Feinde wie Anhänger waren sich jedoch darüber einig, daß seine wundervolle Rednergabe, seine leidenschasiliche Sprache durch die Macht der Ueberzeugung getragen werde. Er selbst war unermeßlich reich, Besitzer einer hochadeligen Herrichast, allein trotz dessen nichts weniger als ein Aristokrat. Scharfsichtige Männer, welche seine Reden lasen, sagten, daß sein Leben an ein Geheimniß geknüpst sein müsse; im möglich könne er die Aristokratie so tief hassen, wenn er nicht durch dieselbe schwer gekränkt worden sei. Keiner ahnte es jedoch, daß .er die Aristokratie nur des wegen haßte, weil ein Lord seine hübsche junge Frau überredet hatte, ihn zu ver lasten. Er war der Mann des Tages geworden, mied es aber absichtlich, die Zirkel der vornehmen Welt zu besuchen. Lord Carlsmood, welcher ein großer Verehrer seines Talents war, bewunderte ihn, beklazte indeß seine abscheulichen" Grundsätze. Eines Tags ging der Gegenstand der öffentlichen Aufmerksamkeit, Herr Dale, mit Major Herdon, einem feiner intimsten Freunde, im Parke von Sydenham spazieren. Wer war die Dame, welche soeben an uns vorüber fuhr?" fragte Herr Dale seinen Begleiter. .Es ist die schöne Frau Waldon, Enkelindes Lords Carlswood", erhielt er zur .Antwort. Sie ist eben so geistreich wie schön'" Frau Waldon !" wiederholte HerrDale erregt. Fragen Sie nicht, was sonst Keiner unterläßt: Wer ist ihr Gatte?" fragte der Major lächelnd. . Nun, ich mache die Mode mit und stelle hiermit die Frage an Sie : Wer ist ihr Mann?"

.Ich kann Ihre Neugierde leider nicht befriedigen, da ich es selbst nicht weiß. Man behauptet aber, sie habe ine nied riae Heirath geschlossen." .Bedeutet .eine niedrigeHeirath" etwa, daß sie einen armen Mann geheirathet hat?" forschte Herr Dale weiter. .Ich vermuthe es, doch kann ich es nicht behaupten. Man erzählt sich, daß sie tief unter ihrem Stande geheirathet habe und von ihrem Ehemann geschieden sei." .Weil er arm ist, ich begreife ! Sehen Sie mich an, Herr Major, ich bin lediglich durch eigenes Verdienst, nicht durch den Vorzug einerhohen Geburt empörgekommen. Wie. wenn nun eine solche Lady mich lieb gewänne und ich mich mit ihr verheirathete, würden Sie dann denken, sie hatte eine niedrige Heirath geschlossen V - .Mit Ihnen?' rief der Major aus. .Gewiß nicht. Sind Sie denn nicht als eines der angesehensten und hervorragendsten Mitglieder des Parlaments in Aller Munde?" Es hält schwer, zu entscheiden, was eine niedrige Heirath ist;" versetzte Herr Dale. Aber die Blässe wich nicht aus seinem Antlitz und er war, nachdem er die Enkelin des Lords Carlswood gesehen hatte, mehrere Tage lang zerstreut und einsilbig. Inzwischen begannen die Freuden der Well in den Augen Ella's ihren Reiz zu verlieren. Sie hatte den Becher der Lust bis auf den letzten Tropfen geleert. Ihr Leben war seit zehn Jahren eine Reihe glänzender Triumphe gewesen. Die Welt hatte sie angebetet und dennoch war sie während dieser ganzen Zeit ohne Liebe, ohne zärtliches Mitgefühl gewesen. Sie war mitunter stundenlang einsilbig gegen die Dienerschaft, ihren Knaben, ja selbst gegen ihren Großvater. Sie sehnte sich nach ihm, der sie so heiß geliebt; es quälte sie die Reue, es nagten Gewissensbisse an ihrem Herz-n. Sie versuchte Alles, um ihre düsteren Gedanken zu verscheuchen, sie zu vergessen : es war nicht möglich. Bei Nacht wie bei Tage peinigte sie die Erinnerung. Sie ward blaß und melancholisch, und Lord Carlsmood entsetzte sich über ihr kränkliches Aussehen. .Wir wollen in diesem Jahre London früher verlassen als sonst, sagte er. Du mußt Dich an die Küste begeben, Ella. Was fehlt Dir? Du siehst so blaß aus, mein theares Kind". Sie hätte ihm erzählen können, daß ihr Gewissen erwacht sei, daß der verzehrende WunfA ihr Herz erfülle, Paul wieder zu seben, daß sie sich danach sehne, ihreSchuld zu sühnei. War es eine Sünde?" Dicse Frage regte sich plötzlich in ihr und marterte entsetzlich ihr Gewissen. Eine Sünde? Sie hatte sich stets gehütet, zu sündigen Das war kein angenehmes Wort ! War es etwa sündhaft, daß sie ihren Mann, dem sie bis an den Tod Treue gelobt, verlassen hatte Schaudernd begrub sie das Antlitz in ihre Hände. Sechszehntes Kapitel. Der Herzog von Brentway gab einen glänzenden Ball, zu dem die ganze vornehme Welt Londons eingeladen worden war. Daß Lord Carlswood und seine Enkelin in erster Reihe Einladungskarten zugesandt erhielten, war selbstverständlich. Ella hatte eine ausnehmend glänzende Toilette gewählt und ihre Diamanten waren die kostbarsten von allen, die in den Salons erglänzten. Sie war bezaubernd schön an diesem Abend. Die Gäste sahen siedewundernd an. Nachdem sie-einige Male getanzt, fühlte sie sich ermüdet und ließ sich auf einen Sessel nieder. Die Herzogin von Brentway trat zj Ella. Denken Sie sich, FrauWaldon", redete sie Ella an, .der Held der Saison ist auf diesem meinemBalle anwesend. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen denselben vorstellen darf?" Welchen besonderen Held meinen Sie?" kragte Frau Waldon. Den Herrn Dale von Ravenödale, das volksthümlichste Varlamentsmitglied", wie man ihn zu bezeichnen pflegt. Er ist ein sehr schöner Mann, trägt aber einen düsteren, man möchte sagen, bitteren Zug in seinem Antlitz zur Schau, als wenn das Leben ihm viel Herzeleid zugefügt hätle. Versuchen Sie es, ihn durch Ihre Anmuth zu bezaubern und zu bekehren ; ein solcher Mann fehlt eben der Torypartei. Mein Gemahl äußerte soeben gegen mich, daß, wenn irgend eine Dame Herrn Dale zu bekehren vermöchte, Sie es würden erzielen können".

Bekehren ist keineswegs meinePasston", versetzte Frau Waldon. .Politisch versteht sich von selbst. Ich habe schon viele politische Gegner be-kehrt.-Diese sind wohl nicht sehr verstockte Gegner gewesen", meinte Ella Waldon lachend. O doch", entgegnete die Herzogin ver stimmt. Würde die Natur mir ein Antlitz wie das Ihrige geschenkt haben, ich hätte noch weit größere Triumpse auf die sem Felde gefeiert. Die feinen Fäden der Politik ruhen in den Händen schöner und einflußreicher Damen. Ich spreche aus Erfahrung. Doch da kommt Herr Dale. Ich bin halbwegs darüber erstaunt, daß er meine Einladung angenommen' hat; er pflegt sonst jeden aristokratischen Zirkel zu meiden". Im nächsten Moment verbeugte sich eine hohe Gestalt vor ihr. Die Herzogin von Brentway sagte : .Frau Waldon, erlauben Sie mir, Jbnen Herrn Dale von Ravensdale vorzustellen. Mit diesen Worten empfahl sich dieHer

zogin von Brentway, um anderweit die Honneurs zu machen. Ella Waldon sah in das schöne männliche Antlitz, welches gegen sie gewendet war, und dann drang ein unterdrückter Ausschrei über ihre Lippen; ihr Antlitz überzog sich plötzlich mit Todtenbläsie; ihle Augen nahmen einen wirren, ungläubigen Ausdruck an. Herr von Ravensdale!" äußerte sie mit leiser Stimme, gleichsam wie im Traume. Ihr Blick blieb indeß unerwidert; das Antlitz, in welches sie starrte, war kalt, düster und stolz. Sie preßte verzweiflungsvoll ihre Hände zusammen. .Bitte, verzeihen Sie", sagte sie. .Sie ähneln sosehr meinem Es ist es ist wahrhaftig Paul Waldon! O mein Gott, mein Gott !" Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen", erwiderte er und wandte sich mit höflicher Verbeugung ab. Erstarrt blickte sie ihm nach, während tiefe Blässe ihr Antlitz überzog. Sinnend faf'te ihre Hand nach der Stirn. Es ist Paul!" murmelten die blutlosen Lippen. .So gewiß, wie ich athme, ist es mein Gatte. Es ist seine Gestalt, sein Antlitz; und dennoch" fügte sie nachdenklich hinzu, träume ich oder wache ich? Wie kann Paul plötzlich ein Herr Dale von Ravensdale und Parlamentsmitglied geworden sein?. Er muß es sein und dennoch will er mich nicht wieder erkennen." Der ganze Saal schien sich vor ihren Blicken zu drehen und fast ohnmächtig sank sie auf einen Sessel nieder. Aber nur einen Augenblick währte diese Schwäche. Ella gab sich Mühe, ihre Aufregung zu bekämpfen, denn in diesem Augenblick verneigte sich Lord Brecon vor ihr, um sie zum Tanze aufzufordern; sie lehnte seine Aufforderung höflich ab und es überraschte ihn, zu bemerken, wie blaß und aufgeregt ihr Antlitz erschien. Ist Ihnen ein Unwohlsein zugestoßen, Frau Waldon?" fragte der Lord Brecon. Sie versuchte zu lächeln, als sie erwiderte: Nein, Mylord, doch ich denke vergeblich über Etwas nach. Kennen Sie das neu erwählte Parlamentsmitglied, Heir,Dale?" .Nur oberflächlich", antwortete er. Ich weiß nur, daß derselbe wunderbar genial ist und Rang wie Vermögen seinem eige nen Verdienste verdanken soll." Was war derselbe ursprünglich?" fragte Frau Waldon mit bebenden Lippen. .Ich weiß es nicht. Er soll sich aus der niedrigsten Sphäre zu seiner jetzigen einflußreichen Stellung emporgeschwungen hab.en. Jnteresstre Sie sich für ihn, Frau Waldon?" Sie spielte einen Augenblick mit ihrem Fächer, um sich aus eine Antwort vorzube reiten und sagte dann ausweichend : Alle genialen Leute interessiren mich." Ich wünschte, genial zu sein", äußerte Lord Brecon. Ist er Herr Dale von Ravensdale verheirathet?" forschte sie weiter. .Man behauptet daS Gegentheil. Ich bin Herrn Dale von Ravensdale mehrere Male begnet, habe ihn aber niemals in Gesellschaft einer Dame angetroffen." Damit wandte sich Lord Brecon ab, da er bemerkte, daß Frau Waldon zerstreut und jetzt nicht geneigt schien, sich in eine weitere Conversation mit ihm einzulassen.

Ja, es ist Paul, mein Mann", sagte sie, ich sehe es an seiner Haltung. wehe mir, wie ertrage ich das ! Ja, es ist ganz gewiß Paul Waldon !" Herr Dale von Ravensdale stand am, anderen Ende desSalons und schien einige Photographien zu besichtigen. Sie überwachte sein Thun mit klopfendem Herzen; ihre Hand zitterte so sehr, daß ihr Fächer derselben entglitt, ihre Pulse schlugen sieberhast, ihre Nerven besanden sich in der höchsten Spannung. .Es muß mein Mann sein ; kein anderer Lebender hat ein solches Antlitz wie er. Darf ich es wagen ihn anzureden? Er erkannte mich nicht ; hat meinen Namen vielleicht nicht verstanden. Ich muß zu ihm gehen, es gilt mein Leben!" Mit dem Schimmer lang unterdrückter, heißer Liebe in ihrem Antlitz durchmaß Frau Ella Waldon mit raschen Schritten den Salon und näherte sich Herrn Dale. Er blieb bei ihrem Anblick unbeweglich stehen. Frau Waldon legte ihre Hand auf keinen Arm, worauf er sie mit höflichem, kaltem und stelzen Erstaunen ansah. .Paul," flüsterte sie, indem ihr bleiches Antlitz das einige beinahe streifte. .Paul, kennst Du mich nicht wieder? Ich bin Ella Ella, Dein Weib". Er lächelte eisig und versetzte : Es muß Ihrerseits ein unverzeihlicher Jrrtbum obwalten, Frau Waldon; ich habe keine Frau." Sie maß ihn lange und mit durchbohrenden Blicken: Wie, könnte ich mich täuschen V versetzte sie betroffen. Ich kann nicht glauben " Aber die Worte erstarben auf Ella Wal dons Lippen. Der Herzog von Brentway unterbrach ihre Unterhaltung durch eine gleichgiltige Aeußerung über die im Salon herrschende Hitze. Sie sah sich genöthigt, sich zu beherrschen, wie schwer es ihr auch siel. Herr Dale verließ sie so bald als möglich, eine Entschuldigung auf den Lippen. Er kennt mich wirklich nicht" dachte sie. .Es kann aber nicht sein, er v.rstellt sich nur mir gegenüber." Als sich Frau Waldon umsah, hatte Herr Dale vonRavensdale sich bereits von der Gesellschaft verabschiedet.

S iebzehntes Kapitel. Paul Waldon oder jetzt Herr Dale saß allein in seinem Zimmer; vor ihm lagen Briefe, Documente und Berichterstattungen, welche er sämmtlich mit eiserner Ausdauer studirt und geprüft hatte. Aus jeder Seite schaute ihm indeß ein liebliches Antlitz entgegen. Paul, Paul, ich bin Ella Dein Weib", hallte .es unaushörllch in seiner Seele wieder. Herr Dale las eifrig und versuchte es, die Stimme zu verscheuchen, aber Antlitz wie Stimme blieben; selbst im Traume hatten sie ihn nicht verkästen. .Es ist meine eigene Schuld", sagte er zu sich selbst, ich ging in der Absicht auf den Ball, sie dort zu sehen, ich wähnte, die Sehnsucht meines Herzens zu stillen, wenn ich ihr in's Antlitz schaute und siehe da, es war das Schlimmste, was ich hätte begehen können. Wie darf sie nur wähnen, daß ihr, der so tief Beleidigte, verzeihen könnte ? Eine solcheThat verzeihen! Niemals, niemals!" Er wandte sich aus's Neue seinen Studien zu, aber das liebliche Antlitz war wieder da. Die Morgensonne schien hell und warm in's Zimmer ; es herrschte drinnen ein Duft von Resedas und Heliotropen, welcher ihm seinen Garten im Waldesgrunde iVs Gedächtniß zurückrief. Verzweiflungsvoll legte er seine Feder nieder. .Wie könnte ich wohl arbeiten", sagte er, wenn ich auf solche Weise gestört werde?" .Eine Dame wünscht Sie zu sprechen, Herr Dale", kündigte ein Diener an. .Sie wollte ihren Namen nicht nennen, sagte aber, daß sie ein sehr wichtiges Anliegen hätte." .Führen Sie sie herein", versetzte er, .es wird- sich um eine Subscription, eine Collecte oder dergleichen handeln, denke ich." Er richtete noch einen Blick auf ein aufgeschlagenes Buch, besten Seite er sich merkte, und als er seine Augen wieder erhob, sah er Ella neben sich stehen. Ella, sein reizendes, einst so unaussprechlich geliebtes Weib. Die Strahlen der Morgensonne fielen auf ihr schönes Antlitz, auf ihre wallenden Gewänder, auf die Fülle ihres braunen Haupthaares und auf ihre seinen weißen Hände, die sie krampfhaft getchlosten hielt. (Schluß solgt.)

(Für lie Tribüne- erworben,) Eine falsche Behauptung. Humoreske von F. Grawcn-Will. (Fortsetzung,) Aha, sie meint die Aschblonde," dachte Clary, sagte aber: o ja, Sie meinen die Dame mit dem grau- und lilagestreiften Kleide." Ganz recht,diese. Nun, was ich von der weiß, Fräulein !" Clary sah erstaunt auf die Schwätzerin, die gewiß willens war, eine netteKlatscherei oder sonst etwas Aehnliches vomStapel zu lassen. Wenn es etwas ist, was dieDame nicht selbst mitzutheilen beliebt, schweigen Sie lieber. Ich bin wirklich nicht im mindesten neugierig, liebe Jane." O, Fräulein ! Wofür halten Sie mich denn? Denken Sie doch nicht, daß ich etwas Schlimmes ausplauderr. werde !Nein, da kennen Sie mich schlecht. Ich weiß Manches, o ja Manches. Man sieht alö StewardeS sonderbare Sachen auf dem Schiff. Aber ich bin so gut wie ein lebendiges Grab! Ich gebe nichts heraus, ich kann schweigen. Aber Kleinigkeiten, wissen Sie, das ist etwas ganz Anderes. Und was ist denn Schlimmes, wenn ich Ihnen erzähle, daß die Dame zweierlei Haar auf dem Kopfe hat?" Ein Haargeheimniß? Clary starrte daS lebendige Grab", das seinen schauderhaft schwatzhasten Mund nicht halten konnte, entsetzt an. Ein Haargeheimniß nennt diese Persone eine Kleinigkeit! Gütiger Himmel in welcherLage wäre sie setzt.wüßte diese Jane etwas von einer Perrücke! Die Stewardeß aber fuhr unbeirrt fort, indem sie die Kajüte in Ordnung brachte : Ja, Fräulein, sie hat zweierlei Haar. Ganz kleine, erbärmliche Schwänzchen und ganz langeLocken undZöpse.DieSchwänzchen sind angewachsen und roth,denkenSie doch einmal suchsfeuerbrandfarbenroth u. die Locken und Zöpfe, ja, wie soll man dieseFarbe nennen, daß ist doch eigentlich gar keine Farbe steckt sich die Dame erst um und an !" Die Farbe nennt man aschblond,Liebe, und im Uebrigen spricht man zu keinem Menschen davon. Nicht wahr, zu keinem?" u.Clary sah ernst u. eindringlich in die Augen derjenigen, die so viel zu sehenGelegenheit hatte, aber auch zu schweigen, die Gelegenheit nicht versäumen sollte. .O nein, nein, Fräulein, es soll's gewiß kein Mensch weiter erfahren. Nur Jbnen mußte ich's sagen, denn die junge Dame, aber Sie müssen es ihr nicht wiedersagen ! die junge Dame sagte zu mir, denken Sie doch nur einmal, welche Dreistigkeit! sie sagte: das Fräulein um welchcs der Herr Kapitän sich so sehr zu bemühen scheint, und damit meint sie, das wären Sie, käme ihr vor, als trüge es entweder auch falsche Haare wie sie selber oder eine Perrücke. Nun denken Sie

nur i Clary hatte die größte Lust inOhnmacht zu fallen. Erst purpurroth, dann kreideweiß,blickte sie wild umher nach einemSessel ünd sank zerschmettert in den niedrigen, weichen Fauteuil, welche Jane ihr bereitwilligst hingeschoben hatte. Machen Sie sich doch daraus nichts, Fräulein. Das misten wir ja Alle, daßSie die schönsten Haare an Bord haben. Die Damen sind durch die Bank, entzückt davon, und so krank sie auch sind, sprechen sie dennoch immer von der schönen, blonden Dame mit den prachtvollenHaaren. DaS fühlt ja eine blinde Frau mit dem Krückstock, daß die echt sind! Es ist nur Neid, purer Neid von' der wie sagten Sie doch ? ach ja, aschblond ! Sonderbar ! Asche ist doch meinLebtag nicht blond ?" . Clary hatte sich wieder gesammelt und wollte der Stewardeß eine kleine Ermahnung in's Gewisten reden, doch nie wieder von solchen Neuigkeiten, die sie Kleinigkeiten nannte, zu schwatzen, als sich die angelehnte Kajütenthür öffnete und das schöne Gesicht des Kapitän? erschien. Daß er zufällig manches gehört hatte, kann sich der liebe Lefer leicht denken, denn die nur angelehnte Thür dämpfte keineswegs die kräftige .Grabes..Stimme der schwatzhaften Jane. ,'' .Darf man guten Tag sagen".lein Clary? Wie. geht's? ' Wie steht c3 mit dem Befinden? Aha, wir sind durch, wie ich sehe. Also wieder -nz aus demPosten. Bitte, erlauben Sie mir; Sie auf Verdeck zu geleiten. Es ist prachtvolles Wetter u. die Seeluft ist köstlich !"