Indiana Tribüne, Volume 1, Number 40, Indianapolis, Marion County, 17 May 1879 — Page 7
I l! d i a n a Tribüne."
Morgen, mein Mütterchen ! Der Mapperstorch hat Dir heut' ein kleines, achtzehnjähriges Kahlköpfchen bescheert, grad so kahl, wie beim ersten Mal Mit herzlichenSegensmünschen begrüßte daö treue Mutterherz die kleine Schelmin, an der kein gutes Haar mehr ist", wie Clary lachte, und half .dem Geburtstagslinde den Bankrott" verheimlichen, indem sie ein weiches, seidenes Häubchen, mit Bändern und Schleifen reichlich verziert, auf die Schneekoppe der .Jungfrau lebte. Clary fühlte sich bedeutend stärker und war es auch, als Frau Stanley schon zu hoffen wagte. Ihr Schritt war fest, ihre Haltung ziemlich kräftig, als sie am Arme ihrer Mutter den blumendurchdusteten Salon betrat. Die schönenGeburtstagsgeschenke machten daö dankbare Kind überglücklich nnd ausgelassen. Während die Mutter sich im Schaukelstuhl an der Freude ihrer Tochter weidete, trieb die anmuthig Heitere aller lei Possen, die einem Mutterherzen ein um so schöneres Schauspiel sind, als ja die Gefahr nahe war, kein so frohes Gene-
sungs und Geburtstagsfest zu feiern wie.
heute. Wann wirv wohl die Zeit kommen, daß ich euch wieder in meine neuenLocken stecken kann V rief pathetisch das junge Madchen vor einem prachtvollen Teerosenbusch. Sieh, liebe Mutter, wenn die Rosen ihren Hauptschmuck verlieren, behalten sie doch wenigstens ein paar Staubsädchen. Ach, wenn ich doch nur Staubfäden hätte, aber nichls,rein gar nichts , öd' und leer ist die Stätte." Die kleine Listige hatte
sich einem der großen Spiegel genähert
und als wenn sie etwas in den Oleanderzweigen suche, griff sie plötzlich mit beiden
Armen hinein in die breite, blütenbedeckte Krone des Strauches, theilte rechts und links den grünen Vorhang nnd betrachtete
ihr Bild in dem nun enthüllten Spiegel. O Clary! Kind ! geschwind komm her!" rief die erschrockene, ängstliche Mutter.
AberClary betrachtete lange und prüfend das sonderbare Spiegelbild. Wo waren
sie, die goldenen Ringel? Wo warder üppige Wuchs ihrer prachtvollen, blonden
Haare? 'Hub!" rief Clary schaudernd, schlug die Hände vor's Gesicht und warf sich vor ihrer Mutter nieder, in deren
Schooß sie das glühende Gesicht verbarg.
Weine nicht, mein Kind!"
Weinen, Mütterchen?- rief lachend das junge Mädchen, das ja nichts Besseres zu
sehen erwartet hatte und nur wissen wollte.
ob es wirklich eine richtige Vorstellung von
seinem Aussehen gehabt; weinen? nein, dazu seh ich doch zu lächerlich aus. Nicht ein einziges Staubsädchen auf der ganzen Halbkugel meines Denkglobus ! Wenn ich noch nie über Nichts gelacht habein
meinem ganzen fiebert, dann soll es heut
sein, denn hier ist nichts und da ist
nichts l"
Frau Stanley war erstaunt und erfreut
über das, was wir bei einem achtzehnjäh rigen, jungen Mädchen getrost Seelen
; stärke nennen dürfen ; denn es ist wahrlich keine Kleinigkeit, beim .Eintritt in das
neunzehnte Lebensjahr noch wenigerHaare
Ä &
zu yaven, als veim Eintrat tn oas erste ,
da hat man doch wenigstens noch ein paar Staubfäden auszuweisen, namentlich wenn man von dunkler Komplexion ist. Es ist eigentlich ganz gut, daß ich keine Haare habe," scherzte Clary, indem sie ihr Seidenhäubchen wieder auf den phrenologischen Studienkopf" setzte, benn ich kann mich besser schonen und daher schnei ler erholen?" Schonen? Wieso, Kind?" . ftein Kämmen, kein Bürsten, keinFlechitn' kein Wickeln, keinHaarnadelN' Suchen, kein Haarwickeln-Geradebiegen, kein Armverrenken und Halsverdrehen vorm Spiegel! Das schont, liebes Mütterchen!Dieser sich selbst tröstende Humor hielt jedoch nur ein paar Tage an. Das allmählich wieder voller werdende Gesichtchen mit den leise aufbrechenden Rosenknospen aus den Wangen ward nach und nach von einer immer merklicher werdenden Schwer ,rnutb verschleiert. Die Spiegelstudien wurden ernstlicher und bedenklicher und eines Tages fand die besorgte Mutter ihr Töchterchen bitterlich weinend vor einem der großen Spiegel im Salon. .Laß' es Dir doch nicht so sehr zuHerzen gehen, mein liebes Kind", tröstete Frau Stanlky, die selber viel Trost nöthig hatte bei dem Herzeleid ihrer Tocheer, sie wer den schon wieder wachsen. Hab' nur Geduld!" Ich denke, liebe Clary, wir sorgen bald für eine Perrücke," fuhr sie zögernd fort, wohl wissend, dafc ihr ganz vernünf
tige; Vorschlag durch das häßliche Wort Perrücke häßliche Gefühle erwecken mußte. Aber was half es? Gab es doch keinen
anderen Answeg.
Sprachlos und entsetzt starrte dieTochter
ihre Mutter an. Was hörte sie? Was
sollte angeschafft werden ? Eine Perr ? Nein, das Wort brachte sie nicht über ihre
Lippen, das war zu viel für Clary.
Scheußlich !" murmelte sie schaudernd.
Jedoch Nachts in ihrem Bettchen, wenn
sie Gedankenparade abhielt, lernte sie sich
bald an das widerwärtigeWort gewöhnen, denn der Frühling war am Kommen und
während des Sommers in New Bork ge
bannt sein zu müssen, war ein unerträg
licher Gedanke.
Was ein Sommer in New Vork heißt.
muß man durchgemacht haben, um darüber
ein Klagelied singen zu können. DieBlei dächer von Venedig, dogenhaften Ange
denkens, darf man ein erträgliches Lokal
nennen, denn von Mosquitos nach über
seeischem Format und mit amerikanischer
Leistungsfähigkeit hat man nichts gelesen
in ihren.Beschreidungen.
Außerdem war Frau Stanley noch ärzt
licherseits auf das Strengste an eine See
badkur gebunden, welche sie an der östlich'
flen Spitze von Long-Jsland während der
Sommerzeit gebrauchen mußte, und, wenn
Clary nicht in New Pork bleiben wollte.
sah sie sich gezwungen, ohne ein Haar aus dem Kopfe im Kreise von Bekannten und Fremden öffentlich erscheinen zu müssen, wenn sie nicht zu einer Perrücke ihre Zu-
flucht nähme. Noch hatte Niemand ihren
Verlust gesehen, denn der Arzt zog fürs
Erste einen dickenStrich durch alle Freund
schafts-und Höflichkeits -Visiten. Aber
der Sommer und die Badereise werden es
an den Tag bringen und lieber her mit
einer Perrücke, als dem spöttischen Beileid
und theilnahmsvollen Nasenrümpfen der
intimenHerzenskameradinnen ausgesetzt zu
sein. (Fortsetzung folgt.)
Vermischt es .
Einen interessanten Nachtrag zu den
Erzählungen vom Attentat enthält ein Pe tersburgerBries desPariserUnivers".So
fort nach dem Attentate erschien General
Drentelen imWinterpalast,um seineEntlas
sung zu geben. DerZar nahm sie nicht an.
General Drentelen hatte nämlich in den
Bureaus der dritten Abtheilung zu dersel
ben Zeit, während auf den Zar geschossen
wurde, drei uneröfsnete Briefe, vom 12., 13. und 14.April datirt,augeffunden,worin
erklärt war, es werde im Lause der Woche
ein Attentat auf den Kaiser erfolgen. Nicht später-, hieß eö wörtlich in diesen
Briefen, denn die Urtheile des Executiv
Comites vertragen keinen Aufschub." Es ist noch nicht aufgeklärt, wie diese Briefe
unerösfnet bleiben konnten, da der übrige
gleichzeitigePosteinlauf demGeneral über
geben wurde. Aus dem Verhöre, welchem
der Attentäter Solowief unterzogen wur
de, verlauten einige sehr charakteristische
Einzelheiten. Auf die Frage des mit der
Untersuchung betrauten Senators Leont jeff, auf wen Solowief geschossen habe,er
wiederte dieser im festen Tone : Aus den
Zaren". ; Was wollten sie mit demAtten
täte bezwecken?" Den Zaren tödten Warum?" Weil :r dem russischenVolke
kein menschenwürdigesDascin geben will.
Haben Sie Komplicen ?" Ja."
Wer sind diese?" ,Du Russen welche
gleich mir denDespotismus verabscheuen.
Wie heißen sie?" Das kann man
nicht wissen, weil deren Zahl unendlich
groß ist." Mehr konnte man bis jetzt aus
Solowief nicht herausbringen, der übri
gens mit großer Festigkeit und Ruhe sich
benimmt. Ob übrigens Solowief dieses bt Standhastigkeit dem peinlichenVerfah ren gegenüber, dem er ohneZmeifel unter
zogen werden wird, an den Tag legen wird, bleibt abzu warten. ZDie Verhaftungen in allen Gouvernements nebmen ihren Fortgang. Bis jetzt sollen 350 Of siziere eingekerkert worden sein. Die Gährung in allenPro'vsnzen ist eine tiefgehende. Ueber das Befinden des Zaren kursiren ungünstige Gerichte. Er soll an Asthma leiden und ungemein bleich aussehen. Die Aerzte befürchten eine ernste .Lungenasfek tion.
Der britische Dampfer Nile" ist an der spanischen Küste gescheitert. Von 23 Mann wurden nur drei gerettet. Arthur Stone, Ridley & Co., die größten Sammt- und Damast'Händler in London, haben fallirt. Verbindlichkeiten 50,000.
Auö dem Staate. T Aus Evansville trifft dieNachricht ein
daß man eine Meile unterhalb Mt. Ver
non im Ohioflusse die Leiche des Herrn
NathanFrank, eines EvanSvillerKausman-
neS auffand, der vor etwa 9 Wochen auf geheimnißvolle Weise verschwand, als er sich auf einer Geschäftsreise nach Mt.Ver-
non befand. Eine Untersuchung ergab.
daß an ihm ein Raubmord begangen wor? den ist.
il Ein trauriges Unglück ereignete sich
am letzten Donnerstag auf der Landstraße zwischen hier und der Wohnung des Herrn Anthony Miller, etwa vier Meilen von der
Stadt wohnhaft. Jakob Miller, einSohn
des Ersteren, war im Begriff eine Ladung
Heu nach der Stadt zu bringen, als auf dem Wege die Pferde scheuten und durch
gingen. In ihrem rasendenden Gallop liefen die Pferde mit einem der vorderen Räder des Wagens gegen einen Stumpen, wodurch der Junge Miller so unglücklich
von dem Wagen geschleudert wurde, daß er zwischen denselben und den Stumpen
siel, und ihm auf diese Weise der Schädel
eingeschlagen und der Körper sonst schrecklich verstümmelt wurde, seinen augenblick lichen Tod herbeiführend. (Rockport
Banner.)
1T Moses Reel, einGrobschmied.in Rush
County, ist Vater von 35 Kindern. Er ist zum 5. Mal verheirathet.
1T Joseph Critchfield, ein Temperenz
Redner der in Columbus eine Temperenz rede halten wollte, versuchte alsEinleitung dazu, sämmtliche Schnapps Vorräthe in der Stadt zu vertilgen, indem er sie seine
Gurgel hinunter laufen ließ.
T In Oakland City, Gibson Co., und
Umgegend sind in den letzten 14 Tagen
viele Pferde an einer neuen Krankheit kre pirt. Dieselben werden von einer'ArtKo
lik befallen und Serben binnen wenigen
Stunden. In einem Umkreise von drei Meilen vonOaklavdCity sind allein45Pferde krepirt und vielsind noch krank.Zmischen
Oakland City undPetersburg soll es noch
schlimmer sein. Man hat in dem Gehirn eines krepirten Pferdes eine Menge kleiner Insekt? gefunden, bekannt unter demNa men Buffalo gnats" und vermuthet, daß diese Thicrchen den Tod der Pferde verur sachten. . il In Wabasch tourde Richter John U. Pettit kürzlich fast das Opfer eines Eisen bahnzuges. Er wollte nach '.Peru fahren und da die Zeit kurz war, eilte er so schnell er konnte von seinem Buggy nach demZuge. Er leidet aber an Herzkrankheit und gerade als er den Zng besteigen wollte,be kam er einen seiner Zufalle und stürzte unter ben'3ua. Ein Beistehender zog ihn hastig von den Schienen, als der Zug sich
eben in Bewegung setzen wollte. Herr Pettit erholte sich rasch, aber hielt es doch
sür besser, einen Substituten zur Abhal tung des Gerichlstermins zu ernennen.
V Frau Bell, die weibliche (Zinbrecherin
von Jefsersonville, welche mit einer Flin
tenladung von Schrot empfanden wurde.
befindet sich auf derBesserung. Muir, der aus sie lauerte, ist unter $500 Bürgschast
gestellt. " In Paris fiel der Polizei durch Zu fall der Verfertiger der falschen Fünsfran
kenstücke mit der Jahreszahl 145, die in
letzer Zelt stark im Umlauf waren in die
Hände. Der GeneralJnspektor der öf
fentlichen Sicherheit, Droz,befand sich auf einem Omnibuö, als Jemand seinen Platz mit einemFünffrankenstück bezahlen wollte das der Conduktevr zurückwies, weil es
falsch sei. Ein Wortwechsel entspann sich.
und der Mann zeigte Droz das Geldstück,
welches dieser sofort als eines derer er kannte, welche schon zu so vielen Nuchfor
schungen Anlaß gegeben. Droz ließ den Besitzer des Geldstückes vonPolizeidienern verhaften. Derselbe hatte 24 falscheStücke
bei sich und eine bei ihm vorgenommene
Haussuchung führte zur Entdeckung von
7244 Fr. falscher Münze.
N&rn nnrtiert rnfc?n rimnitlPn WntlP
ij guiigtii ij.p" - ist jetzt kein Mensch seines Lebens mehr CI 9 a I V a C 4 m a l
(ityn. jn von UCUl Kjci'U"" ciiiuiiiiicii Militär-Gouverneure sind ermächtigt, U den Einwohner aus bloßen Verdacht hin tu torfinffti 3IMriPn in rnnfihnr
O vfV4IVll iU Aj U " V tiren, ja ihn seines Vermögens und seines
Xtbtn? zu berauben? fturfa di?s,s Nerbrecken aeaen die Na
" V lk V4 "V fcj U - tion so bemerkt die California Freie Presst sehr richtig - ist die russische Reaieruna aus derReicke der civilisirten Re-
gierungen herausgetreten und in die schlimmste Art asiatischer Barbarei zurück versallen.
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