Indiana Tribüne, Volume 1, Number 39, Indianapolis, Marion County, 10 May 1879 — Page 6

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Gebrochener Stolz. Cl " ""V.--Roman von A. Vaumann. (Fortsetzung.) Fünfte Kapitel. Der Lord Bertram CarlswVod stand in dem Rufe, der stolzeste Mann von ganz England zu sein. Er. war stolz auf seinen Namen, seineAbstammung, seinem Stammbäum stolj aus seine unbefleckte Ehre, sein 'großes Vermögen, seine reizende Ge. mahlin, seine hübschen Kinder- stolz aus die Achtung, welche er in RegierungSkrei-. sen, im Parlament und unter der höchsten Aristokratie genoß. Wie ein reizender Sttom mit jeder neuen Quelle zunimmt, so machte der Lord jede neue Gabe, die der Himmel ihm bescheerte, seinem Stolze iri bulpflichtig. ' Man urtheilte über ihn, daber gerecht und großmüthig, aber gleichzeitig unauSsprechlich stolz sei. Dieser Stolz zeigte sich weniger darin, daß er sich etwa unter der Aristokratie in den Vordergrund zu drängen suchte, als darin, die strengste Besolgüng der Etiquette zu beanspruchend Er verzieh niemals die geringste Ab weichung von derselben ; er war in diesem Punkte bis zumExtrem peinlich; er erwies Jedermann dieEhrenbezeugungen, die ihm zukamen und erwartete dieselben andererseitö. wieder. DieCarlSwoods vonBralyn waren nach seiner Ansicht die bevorzugtesten Führer der Landesangelegenheiten; sie .hatten Ebenbürtige: Keiner übertraf sie. .Wären die CarlswoodS Könige geweWesen, sie hätten zu regieren verstanden pflegte er zu äußern. Ferner rühmte er sich häusig : .Die Carlswoods waren schon eine alte Familie, als William, der Eroberer, von unserem schönen SachsenlandeBesitz nahm; aber wenn man dieProtokolle und Register nachschlägt, wird man ersehen, daß kein Carlöwood entehrt dasteht. Niemals hat sich in ihren Reihen ein Glücksjäger oder Verräth oder Renegat befunden ; und kein Carlswocü hat dem Himmel sei Dank ! jemals unter seinem Stande ge hwather." Es gab Leute, welche prophezeiten, daß solcher Stolz zu Fall kommen müsse daß solcher Hochmuth nicht immer so sortbe stehen könne; aber das stattliche Haupt dieser Familie war bis jetzt noch nicht von

Erniedrigung oder Sorgen gebeugt worden. Lord Carlswood hatte eine Tochter des Herzogs von Middlebam geheirathet, ein reizendes, trefflich gebildetes, elegantes Weib. Sie schenkte ihm vier Kinder, -- drei Söhne und eine Tochter. Das Antlitz des Vaters strahlte, wenn sein Blick auf die blüdenben Kinder siel. .Es ist keine Gesahr vorhanden, daß un ser erhabenes Geschlecht aussterben werde sagte er. Er liebte seine Gemahlin und war stolz aus seine Söhne; aber die höchste Wonne seines Herzens das eigentliche Licht uud lt Stolz seines Hauses war seine Toch Käthe, ein schönes, heiteres und reich talen tirteö Mädchen, welches den Geist der Carlswoods mit der dazu gehörigen stolzen Würde vereinigte. Ihr Vater betete sie buchstäblich an. Er überwachte ihre Schönheit, die sich von Tag zu Tage stets herrlicher entfaltete, er . gesiel sich darin, ihre Zukunft sich im Geiste mit plänzenden Farben auszumalen. Welcher Rang wäre wohl sür eine solche Perle zu erhaben ge vesen? Kaum hatte Käthe ihr zehntes Jahr er reicht, als Lady Carlswood starb. Ihr Gatte heirathete nicht wieder. Die Carls' vood heirathen nicht zweimal", sagte er vornehm und diesem Grundsatz seiner .Ahnen blieb er treu. Aber das Schicksal hatte anders beschlossen, als es der hoch müthige Lord gehofft hatte. Sein Stolz sollte tief gebeugt werden. Der Tod der Lady Carlswood blieb ohne bemerkbaren Einfluß aus ihre Söhne. Sie waren in Bralyn eigentlich nur zum! Besuch anwesend, da der Lord sie nach Oj sord schickte und dort gänzlich der Obhut bewährterLehrer anvertraute. Lord Carls vood war hauptsächlich darauf bedacht.! ihnen .die Würde ihres Stammbaumes recht anschaulich vor die Seele zuführen und sie an ihre Pflicht zu ermähnen, den Ruhm ihres Namens unbefleckt und ihre Ehre flcckenrein zu erhalten. WaS dar übe HÄiausging, überließ er den Erziehern seiner Kinder und den Prosessoren der Universität.

Für Käthe Carlswood gestaltete sich indeß der Tod ihrer Mutter zu einem uner sehlichen Verluste." Ihr Bater war nichts weniger - geneigt, sie in die Schule zu schicken, er wünschte nicht, sie seinen Augen entzogen zu sehen. Er hielt ihr. Gouvernanten und Lehrer, er that, vaS nach sei ner Ansicht das Beste sür sie war, aber sein Bestes" war ' leider bejammernSwerth. Der Lord setzte eine Menge.Regeln fest, wonach seine Tochter mit uvnachsichtiger Strenge leben mußte ; er erlaubte ihr nicht die geringste kindliche Freude oder geistige Zerstreuung und das Resultat war, . daß Käthe, ihren prächtigen Wohnsitz sür ein Gefängniß ansah. Sie liebte zwar ihren Varer, weil sie hinlänglich Einsicht besaß, seine höheren Eigenschaften zu schätzen, aber sie. pflegte ihn, gleichzeitig sür einen Kerkermeister anzusehen und pries sich glücklich, wenn sie seine Bedingungen und Regeln umgehen konnte. - Seine Erziehungsmethode war schlecht; doch wollte er in dieser Beziehung keinen noch so wohl gemeinten Rath annehmen, sondern begnügte sich.vornehm zu erwiedern : Die Töchter des Hauses Carlöwood sind nicht wie gewöhnliche Schulkinder zu behande n," AlS die Katastrophe zuletzt hereinbrach, wurde Keiner. davon überrascht. Lord Carlswood hatte beschlossen, daß seine Tochter nach ihrem vollendeten neun zehnten Lebensjahre in die Welt eintreten sollte; bis dahin habe sie angestrengt zu leinen und sich in allem Wissenswerthen zu vervollkommnen. Sein Antlitz bezeigte eine verächtlicheMiene, so oft seineFreunde ihn daran .erinnerten, daß es unbillig sei, ein Mädchen von achtzehn Iahren wie.ein Kind zu behandeln. Wie bitter bereute er es später, diesen'Rath nicht befolgt zu haben! . ' In dem zum Gute gehörenden Dorse be sand sich eine kleine Kirche, welcher die mildthätige Lady Carlöwood kurz vor ihrem, Ende eine sehr hübsche Orgel geschenkt und überdies eine so bedeutende Summe ausgesetzt hatte, daß' von deren Zinsen ein Organist besoldet werden konnte. Der erste Organist war einMann in gereiften Jahren, der eine zahlreiche Familie zu ernähren hatte und aus dieser Ursache schon nach Jahresfrist dieses Amt gegen ein besser besoldetes in der Residenz vertauschte. Sein Nachfolger, ein junger Mann von einnehmendem Aeußern, Na mens Thorton Cameron, war ein geschick ter Komponist. ' . . . ' Lord Earlswood sah ihn nie, wie hätte er, der Erbe eines der angesehensten Ge schlechter der englischen Aristokratie, sich um einen schlichten Organisten kümmern sollen ! Er hielt sich in London auf, als seine Tochter ihm schrieb, er möge ihr ge statten, das Orgelspiel zu erlernen und deßwegen beim Organisten HerrnCameron Stunden zu nehmen. Er wird in seinem Fache als sehr geschickt geschildert schrieb sie, und es würde mich erfreuen, an einer Orgel üben zu können, welche das Geschenk meiner theuren Mutter war." Es träumte Lord Carlöwood von keiner Gesahr; im Gesühl seines Hochmuths würde er es für eben so möglich gehalten haben, daß seine Tochter sich in den nied rigsten Stallknecht verliebte, als in ihren Musiklehrer; nicht der geringste Verdacht taucht: in ihm auf und als die Gouver nante gegen Käthe einige Bedenken dage gen äußerte, brachte Letztere sie durch die Aeußerung zum Schweigen : LordCarls wood wünscht es." Der jugendliche Organist pries sein Loos, der Tochter des Gutsherrn Unter ' richt ertheilen zu dürfen. Er war sehr hübsch, zuvorkommend und besaß die un selige Gabe einschmeichelnder Beredtsam keit, so daß Käthe wähnte, die Welt besäße seines Gleichen nicht. Zwar konnten sie im Beisein der Gouvernannte in der Kirche nicht miteinander reden, aber Käthe's aus sällig wohlwollendes Benehmen gegen ihn ermuthigte ihn, ihr hin und wieder einige Zeilen heimlich in die Hand zu drücken, die sie in nämlicher Weise beantwortete. Er wurde kühner und bat sie, sich zu einem Stelldichein in den Wald zu schleichen und sie war thöricht genug, darauf einzu gehen. Als er ihr hier erzählte, wie lieb sie ihm sei, dünkte es sie, daß sie ihn gleichfalls von ganzer Seele lieb hätte. War Liebe oder ein ehrgeiziger Wunsch, sich so hoch über seinen Stand zu erheben, die Triebfeder seinesHandelns ? Niemand hat es erfahren und Thorton Cameron hat sein Geheimniß mit in die Gruft genom men. Es war ein niedriger Betrug, ein grausamer Verrath, eine unehrenhafte, unverzeihliche Täuschung, aber er machte sich die Zuneigung des jungen Mädchens

zu Nutze und wußte sie schließlich zu über reden, mit ihm zu entfliehen. ' Sie hatte eine so unpassende Erziehung genossen, war noch so jung, so flatterhaft, so unerfahren, daß sie über die möglichen Folgen dieser leichtsinnigen Handlung venig oder gar nicht nachdachte. Das Aussehen, welches ihre Flucht erregen mußte, bereitete ihrVergnügen. Es freute sie der Gedanke, wie sehr ihr Vater sich wundern würde, wenn er die Nachricht er hielte, sie sei verheirathet. Da bin ich meinem Vater doch zuvor gekommen," sagte sie laut lachend zu ihrem Begleiter. E war sein Wille, daß ich erst nach meinem neunzehnten Jahre in die Welt treten solle ; waS wird er sagen ; wenn er vernimmt, daß ich schon jetzt verheirathet bin?-. Es ergötzte sie, gleichsam eine RomanHeldin geworden zu sein ; eS war zur Ab wechSlung so unterhaltend, in London an statt Fräulein Carlswood- alS Frau Cameron" aufzutauchen. Das Ganze erschien ihr wie ein köstliches Abenteuer; eS fiel ihr selbst im Traume nicht ein, daß ihr Vater sie nicht nach einem leichten Verweise mit offenen Armen empsangen würde. Kein Carlswood hat sich unter seinem Stande verheirathet diesen Auösvruch hatte sie oft genug aus dem Munde ihre? Vaters vernommen, aber es kam ihr nicht im Entferntesten in den Siun, daß ihre Heirath tief unter ihrem Stande" wäre, Thorton Cameron war weit hübscher und in seinem Benehmen feiner, interessanter als alle Edelleute, welche Bralyn besucht hatten. Es war nichts an ihm, das man gewöhnlich, geschweige denn niedrig nen nen konnte, und Käthe, wenngleich sehr sorgfältig erzogen, war die Welt hinter den Mauen von Bralyn unbekannt ge blieben. Sie hatte in Bezug aus diese nicht die geringste Erfahrung gemacht. Sie würde nach ihrer Ansicht eine unedle Handlung begangen haben, wenn sie mit , einem Lakai oder Stallknecht entlausen wäre, aber ein Künstler war in ihrenAugen ein Gentleman. Wie konnte ein Mann j der so herrliche Harmonien schuf, der seine ganze Pflege des reinsten künstlerischen ! Geschmacks widmete wie konnte ein solcher Mann auf einer niederen Stufe stehen ? Sie hielt ihn sür ein Genie und j das Genie ebnet, so sprach sie zu sich selbst, jeden Rangunterschied. Sie hatte einst in' irgend einem Roman gelesen, daß ein König sich gebückt hatte, um den Pinsel eines Malers aufzuheben. War ein Male? etwa besser als ein Komponist ? Gewiß nicht. Wenn ein Kö iig aber auf solche Weise einem Maler Ehre erwiesen hatte, so mußte ihr Vater doch auf alle Fälle einen Komponisten respectiren. Es blieb immerhin ein Räthsel, wie ein Mädchen, welches von Kindesbeinen an zur höchsten Sphäre des Stolzes erhoben wor den war, diese vornegmste Lebensregel so gänzlich außer Acht lassen konnte, wie es der Fall ward, als sie an einem schönen Herbstabend mit dem hübschen jungen Dr ganisten entfloh. i SechstesKapitel. j Der Schmerz des Lord Carlswood, als i er vernahm, daß seine Tochter sich heimlich aus dem Schlosse en.fernt halte, spottet jeder Beschreibung. Sie hatte ihm ge schrieben (und ihr Antlitz lächelte beim Schreiben, indem sie dabei nur die Neu,g keit in' Auge saßte, keineswegs aber die Folgen bedachte), daß sie zu der Erkennt niß gelangt sei, daß i Lebedsglück ledig lich von ihrer Liebe athinge, und daß sie, noch bevor er diesen Brief bekäme, Thor ton Cameron's Gattin werden würde. Er überflog diese Worte mit düsteren Mienen und schwur, daß er sie, so lange er lebe, nie wieder sehen wolle, einen Eid, den er unverbrüchlich hielt. Er ersann wohl einDutzend der härtesten Strafen, um den Mann, der ihm seine Tochter gestohlen hatte, gebührend zu züchtigen ; aber er führte keine derselben aus. Er begnügte sich mit dem Gedanken, sie für immer abgethan" zu haben. Sie war nicht länger eine geborene Carls wood ; seine unbeschreibliche Liebe, die er gegen sie gehegt, verwandelte sich in bittersten Haß. Sie hatte den Zauber ge brachen, er konnte von nun an sich nie wieder rühmen, daß ein Carlswood nie eine niedere Heirath eingegangen wäre, konnte nicht mehr behaupten, daß derName immerdar fleckenlos geblieben wäre. Sie hatte ihn sür immer beschimpft, indem sie mit einem Bürgerlichen davon, gelaufen war; nichts konnte hinfort seinen alten

Glanz wieder herstellen, nichts seinen ver lorenen Ruhm wieder bringen. Seine Trauer war bisweilen entsetzlich, ent setzlich in ihrer Tiefe ihrem Schweigen, ihrem Uebermaß. Er nahm sich vor. ihr, selbst wenn sie zu seinen Füßen vor Hunger sterben würde, kein Brod zu reichen. Er erging sich nicht in lauten Klagen, er erwähnte nie ihren Namen. Wenn Je mand sich anschickte, ihm darüber sein Bei leid auszudrücken, streckte er ihm seineHand mit einer so bezeichnenden erhabenen Be wegung abwehrend entgegen, daß Jedem daö Wort auf den Lippen erstarb. Sein Zorn, sein Kummer, seine unsägliche Verzweiflung über diese unerbirte Mißheirath war zu tief, um sich in Worte kleiden zu lassen. Er tras unerwartet in Bralyn ein. wo jeder Diener und jede Dienerin sich auf eine Vertheidigung vorbereitet hatte, aber er ließ sich zu keiner einzigen Frage herab. Sinne Wildhüter wollten ihm von heim lichen Zusammenkünsten im Walde, 'von verstohlenen. Stelldicheins im entlegenen Jagdschlosse erzählen, allein der hochmü thige Edelmann verbot sich schweigend j de Silbe. v Er entließ die Gouvernante mit einem gezwungenenLächeln; er befahl, daß alle Gegenstände, welche einst der Unglück lichen Käthe" gehört hatten, aus dem Schlosse geschafft werden sollten und be austragte einen anhänglichen Kastellandieselben in seine Obdut zu nehmen. Trotz' seines Stolzes, seiner Strenge. seiner entsetzlichen Verachtung lag in dem peinlichen Schweigen, der einsiedlerischen Verzweiflung dieses Mannes etwas, das tiefes Mitleid einflößte.. Er nahm die Ge burtsscheine seiner Kinder aus dem Sccre tair, überflog mit den Augen die Namen seiner Söhne und dann schien ein Thrä nenschleier daßWort Käthe" vor ihm zu verbergen, dos waren brennendeThränen, die ihm tieferen Schmerz bereisten, als diejenigen, welche er in einsamenNäch ten über den Verlust seiner verstorbenen Gattin geweint. Er saß allein in seinem Bibliothekzimmer und vor seinen Blicken tauchten, gleich neckischen Gespenstern, alle s ie Hoffnungen auf, weicherer auf seine Tochter gebaut hatte; er erinnerte sich ihrer als eines der liebenswürdigsten lächelnden Kinder, als einer überraschend schönen, hochgebildeten Jungfrau. Er gedachte ihrer verstorbenen Mutter, die sie so innig geliebt hatte und ein schwerer bitterer Seufzet entrang sich seinem schwer geprüften Herzen. Seine Tochter seine Tochter! Nun und niemals würde er hinfort ihre heitere Stimme vernehmen nimmermehr ihr in daS reizende Antlitz schauen können; es war schlimmer, zehntausendmal schlimmer, als wenn sie der Tod dahingerafft hätte. Als eine Todte hätte e? sie fortlieden, ihre Grabstätte besuchen, von ihr sprechen können ; aber si war jetzt entehrt und erniedrigt, war unwecth seines 'e dauerns, sie, welche den ersten Schand fleck aus den Namen Carlswood gehäuft, sie, welche sich nicht entblödet hatte, ihn hinterlistig zu täuschen. Langsam, bedächtig öffnete er das sil berne Dintenfaß und zog seineFeder durch ihren vollen Namen Käthe, EllaCarlswood."' Einer, um den andern verschwanden die Buchstaben unter seinem dicken Federstriche und als sie alle durchstrichen waren, da schien seine Tochter todt vor ihm zu liegen. Schweigend, in herbem Schmerze glitt sein Antlitz auf die ausgemerzten Namen .... So verblieb er stundenlang, die Nacht brach an.... er merkte es nicht. Erst, als die Morgenröthe in's Fenster schien, erhob er sich und richtete sein Haupt em por. Ich habe um meine verstorbene Tochter getrauert-, sagte er ernst zu sich selbst; von nun an bleibt mir nur übrig, sie zu vergeffen." Und er schien sie, nach dem Scheine zu urtheilen, seit dieser Nacht völlig vergessen zu haben. Er rief den alten Kellermeister des Schlaffes herbei, welcher in den lang erprobten Jahren zu der Würde gelangt war, sein Vertrauter in allen wichtigen Angelegenheiten zu sein." Es ist Ihnen die Handschrift der Frau Cameron ja bekannt," sagte er. Ermei sen Sie mir künftig die Liebe, alle Adreffen genau anzusehen, bevor Sie mir die ein gelaufenen Briefe einhändigen, und wenn sich irgend ein Brief von ihr darunter be sindet, ihn auf der Stelle zu verbren nen." Von nun an lebte Carlswood, als wenn er keine Tochter habe. Nur dem'Kellermeister war es bekannt, wie viel herzzer

reißende Briefe nach Bralyn gelangten, wie viel rührende Berufungen, an sein Vaterherz, wie vielBitten um.Hilse. Selbst wenn Lord. Carlswood darum gewußt hätte, ,ö würde keine Aenderung erzielt haben er würde weit lieber gestorben sein, als , den . Nothrusen gewillfahrt haben. ' So verrann die Zeit und der Name dek jungen Mädchen, welche einst der Stolz und die Zierde seine Geschlechts gewesen, ward niemals vernommen ; jede Spur von ihr war verwischt, und die Dienerschaft

hütete sich, rhrer selbst nur flüsternd zuer wähnen.' v Lord Carlkwood erhob stolzer al je sein stattliches Haupt. Ich habe drei Söhne," dachte er, und diese werden meinem Namen zur Ehre ge reichen." Die Leute sagten später, er sei wegen seines Stolzes gerecht bestrast. Die drei jungen Leute waren. kräftig gebaut, hatten blühendeGestchtSfarbe und versprachen ein hohes Alter zu erreichen, aber er verlor sie sämmtlich durch herbe Schicksalsschläge. Die beiden ältesten Söhne, welche sich lei denschastlich an Wettfahrten betheiligten, verloren in einem Orkane ibr Leben sie mit der gesammten Bemannung ihre Schiffes. Lord Carlöwood hatte häufig sein Miß. vergnügen über Unwesen der Wettsahrten", wie er die Regattas benannte, au: gedrückt. Leute, welche den Namen eines hervor ragenden Geschlechts zu reprösentiren haden," Pflegte er seinen Söhnen in'S Ge' düchtniß zu rufen, dürfen ihr Leben nicht leichtsinniger Weise der Gesahr au setzen." - Sie lachten ob seiner Besorgniß und die beiden ältesten Söhne beschlossen eine Morgens, eine Uebungssahrt zu unter nehmen. . ES wird sich binnen Kurzem ein furcht barer Sturm erheben", warnte sie ein alter erfahrener Seemann. Wir werden demselben Trotz bieten," versetzten sie hochmüthig. Die Sonne reflectirte prächtig aus dem Meer, während sich am fernen Horizonte eine weiße Wolke von der Giöße einer Manneshand erhob.' Eben diese hatte den alten Seemann veranlaßt, die prächtig ge kleideten Edelleute von der ihnen unfehlbar drohenden Gefahr rechtzeitig in Kenntniß zu setzen. Kaum hatten sie die hohe See gewonnen, als der Sturm in wildester Wuth über das Boot hereinbrach. Vom Lande auö sah man das Voot kentern und man versuchte Alles, um die Unglücklichen zu retten. Alle Bemühungen waren in deß umsonst. Am nächsten Tage, als die Sonne wieder warm und hell schien und die erzürnte Windsbraut sich besänftigt und gelegt hatte, war.') der Leichnam deS ältesten Sohnes des Lord Carlswood an's Ufer gespült, den Anderen aber behielt die Tiefe. Wer Lord Carlswood seit Jahren zu kennen Gelegenheit gehabt hatte, dem siel die furchtbare Veränderung auf, welche mit ihm vorgegangen wr; langjährige Mühen und Arbeiten hätten ihn nicht so zu altern vermocht, als es die Sorge that ;

sein Haar ward silberweiß, ferne gerade Gestalt ging vornübergebeugt, seineHände zitterten. Nach wenigen Monaten ward sein jüng ster Sohn, der Letzte seines Stammes vom Fieber befallen. Der alte Lord ver schrieb einen Doctor nach dem andern auS der Residenz; er wachte Tag und Nacht an seinem Krankenlager und flößte ihm selbst die Medizin ein, aber trotz aller an gewandten Mittel, bei aller Sorgsalt starb sein Sohn und der alte Lord Carlswood stand jetzt allein und gänzlich verwaist da. Lang? Stunden nach dem Tode seines Sohnes saß er bestürzt, wie wahnsinnig, vor der Lagerstätte; er konnte sich den Schlag nicht erklären! Vor Kurzem, so schien es ihm, hatte sein Weib, hatten seine Kinder ihn noch frofis umringt und jetzt war er allein. Der To5 hatte sie sämmtlich dahingerafft, wie der Schnitter die reifen Aehren. Als man ihn endlich beim Namen rief, warf er verwirrte Blicke im Sterbezimmer umher; dann beugte er sein von Sorgen gebleichtes Haupt. Die Hand des Herrn liegt schwer aus mir," sagte er; un das war das einzige Murren, welches sich ü"er seine stolzen Lippen drängte. AmBegräbnißtage seines Sohnes sah er veistört und todtenbleich aus, allein ke,n Klageton entschlüpfte ihm. Die Carlswood wissen schweigend zu leiden," äußerte er, und Keiner sah,. wie sehr sein Herz blutete. . (Fortsetzung folgt.)