Indiana Tribüne, Volume 1, Number 29, Indianapolis, Marion County, 1 March 1879 — Page 6
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I n d i a t?a Tribun e." V i
Monika
Waldvogel. Novelle von Wilhelm Jensen. (Fortsetzung.) Das sagte Herr Silvan Aviarius mit je ner Sprachbetonung, welche den Aufent halt etwa eines halben Jahrhunderts in -der neuen Welt verrieth, und Monika sah eine kurze Weile an -ihrem nabgeregneten ieioe herunter und antwortete : Menn es Ihr Ernst ist weglausen werde ich nicht, ich wüßte nicht wohin" Sie brauchen nichts zu versprechen, sondern können zu jeder Stunde thun und lassen, was Sie wollen, grad' so wie ich. denn wir sind gottlob nicht verwandt und gehen uns nichts an. ölber bedenken Sie noch einmal vorher, daß ich ein alter, kran ker, grillenhaster Mensch bin, der sehr un angenehm sür Diejenigen ist, welche mit ihm zu schaffen haben, der deshalb zu ster den wünscht und bald sterben wird. Und wenn das geschieht, befinden Sie sich wie der grad' auf derselben Stelle wie heut', d. h. eine Stelle al? Gouvernante zu suchen, vielleicht auch wieder in solchem Wind, Re gen und Wettergrauel, wie heut'." Nun, wir wollen uns vor der Zeit nicht ängstigen," sagte Monika Waldvogel. So, das ist ja Alles recht hübsch antwortete Herr Silvan Aviarius. Ist das so ein Waldvogelpfiff aus Ihrem eigenen Kehlkovs? Dann pfeifen Sie mich drüben jeden Morgen damit aus dem Schlaf. Aber, da ich Sie nun in Kost und Wohnung genommen, knüpfe ich, bei aller Anerkennung, dab Sie ewib kein Kind, son dern ein erwachsenes Mädchen sind, die Hausbedingung noch an unseren Contrakt, dab Sie lediglich sür mich ein Kind bleiben, dem ich sage : Nun komm, Jo nika Waldvogel, gib mir Deinen Arm; wir haben uns jetzt lang genug ausgeruht und wollen nach Hause fahren." Beinahe drittehalbJahren lagen zwischen dem Decembertage, an welchem sich dies zugetragen und dem Maientage, an dem Monika jetzt droben auf der Berghöhe saß, die Bienen summen hörte, am Thymian roch und aus das kleine idyllische König reich zu ihren Füßen, das augenblicklich herrenlose Gut des seit heut Morgen weiland Herrn Silvan Aviarius hinuntersah. Derselbe hatte nicht zu viel und nicht zu venig gesagt, wenn er sich als einen alten wunderlichen und grillenhaften Gesellen dargestellt und seine unbekannten Verwandten im Verdacht gehabt, sie würden ab und zu ihre Neigung verhehlen müssen, ihn laut so zu tituliren, wie sich ihnen in nerlichBezeichnungen für ihn aufdrängten. Tag um Tag indeß hatten sie die dritte haalb Jahre miteinander verlebt, die Eine ohne fortzulaufen, der Andere ohne fortzuschicken; es war ihnen Beiden allmälig selbstverständlich geworden, daß sie so selbander ihr Tagwerk innehielten, der Eine, um Launen zu haben, die Andere, um sie zu tragen. Es war ein Dasein gewesen, das weiter gegangen, ungefähr wie ein recht trüber Tag, von dem man in jedem Augenblick erwartet, daß er zu regnen an heben wird und der sich in unbegreiflicher Weise von Stunde zu Stunde trocken er hält. Manchmal zeigte Silvan Aviarius sich von fischartiger Schweigsamkeit, daß sie wochenlang, abgeschiedenen Schatten ähnlich, stumm um einander herum manderten ; manchmal kam's ihm mit plötzli cber Redseligkeit und Unterholtungslust, daß Monika ihm zum andern und zehnten Male ihre eigene-inhaltslose Lebensgeschichte und hinterdrein die ihres Vaters, Großvaters, ihrer Mutter und Muhmen, so viel oder sa wenig sie davon wußte, er zählen mußte. Dann sagte Herr Silvan Aviarius : Das ist ja Alles recht hübsch. Du stammst da aus einer sehr soliden Fa-: milie, Monika Waldvogel, die nach Ver nunstgrundsätzen ihr Leben einrichtet, ru higes Blut vom Vater auf den Sohn und die Tochter fortvererbt und nicht das Un glück hat, Exemplare hervorzubringen, welche nicht sür ihren achtbaren Wandel taugen und, deshalb mildem NamenTau genichts belegt, aus ihrem reputirlichen Kreise ausgeschlossen zu werden brauchen. Oder vielmehr, wenn das Mißgeschickes dennoch gewollt, daß einmal ein solches Kukuksei in Eurem verdienstlichen Hühner nest mit ausgebrütet worden wie es mir bei Deinem unbekannten Vetter Hans Waldvogel derFall zu sein scheint so habt Ihr ein einfaches Hausmittel dafür in Eu
rer Apotheke und hebt die Verwandtschaft zwischen Euch, dem Nützaeftügel, und dem unnatürlicher Weise im Naturzustand ver bliebenen Waldvogel auf. Das ist ja Al' les recht hübsch und gefällt mir außeror
deutlich." Und es gesiel Herrn Silvan Aviarius so außerordentlich, daß er jedesmal trotz sei nen immer mehr zunehmenden Leiden im mer noch wieder vergnügt darüber lachte; dagegen vergalt er Monika's Erzählung nur äußerst selten durch Mittheilungen aus seinem eigenen Leben und höchstens dann und wann in Gestalt vereinzelter Bruch stücke, aus denen die Zuhörerin sich imAllgemeinen eine Vorstellung zusammen zu setzen vermochte, daß er als junger Mann nach Amerika gegangen und einen gewiffen Stolz darin gefunden, dort in den achtbaren Stand der Leute aufgerückt zu sein, deren Namen man auf Briefadreffen oder bei sonstiger schriftlicher Gelegenheit aus Höflichkeit den Ehrentitel Esquire beifügt. Welcher Art aber die Gefühle seien, welche Monika sür ihren Squire .empfand, dar über hatte sie sich in den drittehalb Jahren niemals deutliche Auskunst geben können und konnte dies jetzt ebenso wenig, wo der Squire da drunten tief nnter ihren Füßen in dem lange von ihm als wünschenswerth bezeichneten Zustande dalag. Eine Ge wöhnung von immerhin ziemlicher Dauer war abgeriffen und aus ihr undder unver meidlichen Ernsthaftigkeit der Sachlage entsprang eine, gewiffe Wehmuth und Weichheit, welche Monika Waldvogel da hin überzeugte, eigentlich habe sie den wunderlichen altenHerrn mit dem wunder lichen Namen recht gern gehabt, ohne ihm darum im Geringsten zu mißgönnen, daß er gegenwärtig an das Ziel seiner Bestie digung gelangt sei. Doch wie die Natur derErdendinge es mit sich bringt, vermochte die droben Sitzende es nicht völlig zu hin dern, daß sich in jene Gesühlsundeutlichkeit mit bedeutend größerer Klarheit zugleich die Erinnerung anSilvan Aviarius'Worte einmischte, sie werde an diesem vorauszu sehendenTage sich wieder an der nämlichen Stelle besinden, eine Stelle als Gouver nante suchen zu müsien. Der Localität nach war die Stelle allerdings eine ganz andere und die begleitenden Umstände tra' ten ebenfalls in möglichsten Gegensatz zu dem Regen, Sturmund Decemberzwiclicht der schmutzigen Stadtstraße. Aber nichts destoweniger sah Monika Waldvogel von der grünen Höhe des Berges durch das Maiensonnenlicht und Himmelsblau aus das kleine Königreich zu ihren Füßen hin unter mit Augen, welche kund thaten, daß ihre Ohren weniger von dem heraustönen den Hochzeitsgesang der anderen Waldvö gel unter ibr entzückt wurden, sondern dab sie durch dieselben hin die zoologische Stimme Michael Waldvogezs vernahm : Ein Mädchen, das kein Vermögen habe und nicht hübsch sei, müffe für jedes Stück Brod in den Mund und jeden Knops am Kleid eine Leistung" machen. Nun waren die Festlichkeiten vorüber. welche den Menschen aus der Welt begleiten, wie sie ihn bald nach seiner Ankunft in Empfang nehmen und bei aller Unähn lichkeit darin doch entschieden einen Ver gleichspunkt bieten, daß die Hauptversönlichkeit, der zu Ehren sie angestellt werden. durch keinerlei wohlwollende oder mißsäl lige Kritik ein Verständniß für sie an den Tag legt. Herr Silvan Aviarius und Monika Waldvogel hatten etwas gethan, das ebenfalls wiederum als ein tertiurn comparationis zwischen zwei sonst äußerst heterogenen Gegenständen dienen konnte, die letztere nämlich die ihr angehörigen Habseligkeiten in ihren Reisekoffer gepackt, und alles dasjenige, was Silvan Aviarius auf die von ihm angetretene Reise mitzu nehmen vermochte, war gleichfalls in einen seiner Anordnung gemäß äußerst einfa chen kofferartigen Behälter gelegt und auf dem Wagen, hinter dem Niemand als Monika Waldvogel dreinfolgte, auf die Station befördert worden, an welcher nach den verschiedenen Ansichten die Fahrgüste sür immer Halt machen oder sich einer -an-deren, bisher in ihrem Betriebswesen nicht bekannt gewordenen und unsichtbaren po stalischen Expedition anvertrauen. Mo nika hatte vergeblich auf das Eintreffen der unbekannten Verwandten und Erben zu der Feierlichkeit gewartet, bis sie sich über ihre Einfalt selbst mit einem Nasenstüber bedacht, da jene bis zum Tage der Testamentseröffnung selbst mit ihrer Eigenschaft als Erben ebenso unbekannt sein mußten, und als dieser gerichtlich anberaumte Tag gekommen, setzte Monika Waldvogel sich
mit ihrem Koffer auf einen Wagen, nahm
nicht nur symbolisch, sonder auch that sächlich den Schlüssel zur Hauptthür des Herrenhauses in die Hand und fuhr indas benachbarte Städtchen vor das Gerichts gebäude, wo die Publicirung des letzten Willens des Herrn Silvan Aviarius statt finden sollte. Der Amtsdiener wies sie bis zum Glockenschlage der Mittagsstunde in ein Vorzimmer und murmelte als in solcherlei Dingen Wohlerfahrener etwas von einem Legat, das vermuthlich für die Wartende abfallen werde. Dieser Gedanke war Monika bis dahin noch nicht gekom men, sie hob ihre Augen einen Moment zu dem Urheber des sinnnreichen Einfalls auf, schüttelte dann sofort über die Narrheit deffelben den Kopf, setzte sich schweigsam auf eine Bank und harrte. Doch wieder um ebenso vergeblich wie bei den Begräb nißmrüstungen, denn es schlug plötzlich 12 Uhr, eine Thür öffnete sich, derAmtsdiener forderte mit ungemein gleichgültigerStim me die Anwesenden auf, einzutreten, und es war noch immer abermals durchaus Niemand anwesend, als Monika Waldvo gel und derSchlüffel, den sie ablieferungs bereit in der Hand hielt. Halb verwun dert, halb unwillig sah sie sich um, dann kam's ihr erst, daß auch dies wieder selbst verständlich sei, da ja die Erben sich noch immer in demselben Falle befänden, sich vor der Eröffnung des Testamentes selbst nicht zu kennen. In dem graugedielten Gemach, deffen Schwelle sie überschritten. das nach Motten aussah und nach Acten flößen roch, saßen an einer grünverschoffe nenTischdecke ein paar äußerst gelangweilte Zeugen Beisitzer, die sich keine Mübe ga den, ihre vorherrschende Neigung zum Gähnen zu unterdrücken, und vor ihnen stand der Gerichtsactuar, ein kleiner Mann mit einer Brille über einer Geschäftsmiene, für die jedes Erdending vomLeben bis zum Tode, zwischen Wiege und Grab sich nur durch die Rubrik unterschied, in der es aus seinem Terminjournal einregistrirt stand. Er constatirte auf seiner Uhr, daß die Mit tagsstunde begonnen, sah einmal flüchtig über den Brillenrand umher, nahm ein versiegeltes Blatt vom Tisch, brach es auf und sagte mit näselnder Stimme : In Gegenwart oderAbwesenheitDerer, die es angeht, rechtsgültig vor diesen Zeu gen am anberaumten Termin publizirt: Das rechtskräftig abgefaßte Testament des weiland Gutsbesitzers Herrn Silvan Avia rius, wie solgt : Ich Endesunterschriebener setze mit vol lem Verstände in Gegenwart der mit un terzeichneten Zeugen ohne weitere Angabe von Gründen zum Universalerben meiner gesummten unbeweglichen und beweglichen Hinterlassenschaft Fräulein MonikaWald vogel, Tochter des weiland Profeffors der der Zoologie Michael Waldvogel ein, sub conditione 1) daß dieselbe sich nicht verheirathet. 2) daß dieselbe als männliche Stütze und Berather ihren Vetter Hans Waldvogel auf ihr Besitztum zu sich ladet und ihm dort freien Aufenthalt ge währt. Sollte die Erbin diesen Bedingungen nicht nachkommen, so sällt die gesammte Hlnterlaffenschaft an meine Nichte, deren Name in dem eingeschlossenen, versiegelten Eouvcrt verzeichnet steht, das ich sür einen derartigen eventuellen Fall wieder grncht lich zu deponiren bitte. Silvan Aviarius, Esquire." Eine Motte flog über den Rand des te stamentarischen Stempelbogens, die beiden ZeugenBeisitzer gähnten gleichzeitig, d'er Amtsdiener trat eme über Die den grauen Boden kriechende Kelleraffel todt und der Actuar sragte, über dle Brillengläser weg sehend, mit einem Tone, als ob er zu Pro tokoll dictire: Sie sind mithin geständig, Jnauirent ": Sind Sie etwa Fräulein Monika Waldvogel?Ja, es war ihr Name, sie hatte ihn we nigstens immer dafür gehalten. Nur zum ersten Mal, so lange sie'3 gethan, war es ihr, als ob ein leichter Schwindel, der ihr an den Augen vorbtt und durch ihre Oh ren hinzog, auch in ihrem Kopf die bishe. rige Meinung, daß sie Monika Waldvogel sei, etwas zweifelhast übernebele. Sie sah den Actuarius an und verband irgendeine Borstelluug undeutlicher Art damit, wie wenn sie erwarte, tlötzlich von ihm am Arm gerüttelt zu wcrden und etwa zu hö ren : Schlafen Sie denn mit offenen Augen ? Geben Sie den Schlöffe! doch Dem jenigen, den er angeht, oder wir werden Sie nie? sofort rechtsgültig um Ihren ttopf kürzer machen, an dem die Welt nicht viel verlieren wird..
Dann gewahrte Monika, ba die Bei sitzer wirklich schliefen, daß der ?mtsdiener eine Prise nahm und wartend gegen daS helle Fenster aufblickte, ob er zum Gnuß des Niesens kommen werde, und'es warihr auf einmal, als hätte sie eine Siunde oder eine Woche oder ein paar Jahre so dage standen und das Alles sich in den Brillen gläsern des Gerichtsactuars abspiegeln ge sehen, empsinde aber jetzt plötzlioj erst, wie unsäglich komisch es sei und unwidersteh. lich zu einem lauten Lachen nöchige, und laut lachend antwortete sie : ! Ja gewiß, ich bin Monika Waldvo gel-" Sie wurde unterbrochen, sonst hätte sie
es kam ihr deutlich zum Bewußtsein sie hatte im Begriff gestanden, hinzuzusügen : Und ich bin kein Kind, sondern einer wachsenes Mädchen, das eine Stelle als Gouvernante sucht." Aber der Testa mentsvollstrecker fiel mit trockencmKehllaut ein : So spreche ich Ihnen die Erbschast rechtsgültig zu, unter der Bedingung, daß Sie den Elauseln des Erblassers nachkom men, widrigenfalls die anderweitigen Bestimmungen des Testaments rechtsgültig in Krast treten würden." Nun, wir wollen uns nicht vor der Zelt ängstigen," erwiederte Monika Waldvo gel, und ihre Linke hob den großenSchlüs sel an ihrem Gesicht vorbei und legte ihn außerordentlich zuversichtlich in ihre Rechte hinein. ! Wenn man ein Ankertau, eine Seiden schnür oder einen Zwirnsfaden langsam ausdehnt, so können sie eine überraschend große Belastung vertragen, ohne zu zerrei ßen, während ein ihnen urplötzlich zu schwer angehängtes Gewicht die Eohäsion i'zrcr Bestandtheile an irgend einer Stelleder schwächeren Widerstandskrast aus derAer bindung bringt. Wenn nun die Fcden des menschlichen Nervensystems auch richt ihrer äußeren Erscheinung nach mit den drei oben genannten Verknüpfungsmitteln m Vergleich zu stellen sind figürlich and innerlich dürsten sie sich ebenfalls in An kertaue, Seidenschnüre, Zwirnsfäden ind noch unzählige sonstige Seilerwerkstaits erzeugnisse unterscheiden so bieten sie iooh darin unsragliche Ähnlichkeit, daß auh sie sehr geduldig sind, eine ihnen allmälig an gesammelte Veschwerniß manchmal biZ zu kaum glaublicher Summe hinauf so wi derspruchslos an sich zerren zu lassen, als gehöre dies zu ihren selbstverständlichsten Berusspflichten, dagegen unter einem un erwartet aus einmal ihnen angehängten. wenn auch weit geringeren und vielleicht aus purem Golde getriebenen Gewicht gleichfalls mit plötzlichem Ruck an ihrem loco minoris resistentiae auseinander zu reißen. Der locus maximae resistentiae im Kopfe Monika Waldvogels aber war die Stelle, welche ihr Vater durch den Tropfenfall seiner Worte zur Ausnahme des höchsten Vernunftgrundsatzes ausge höhlt hatte, daß alle Lebensweisheit in der Gewöhnung enthalten sei derGewöhninz enthalten sei, als ein Mädchen ohne Aer mögen und ohne Schönheit die Welt so zu betrachten, daß man für jeden wünschens werthen Gegenstand darin eine Leistung zu machen habe. An diesem Punkte wären Monikas Gehirnfäden gewöhnt gewesen, ohne Benachtheiligung derselben auch die absonderlichste Ausreckung zu überstehen ; dasür bildete aber auch die völlig ungeübte Stelle einen iocum nicht nur minoris, sondern minimae resistentiae, und wer Monika Waldvogel heut' Nachmittag mit halbwegö psychiatrischen Augen beoiach tete, konnte sich keinem Zweifel darüber hingeben, daß dieser letztere Punkt bei ihr von einer momentanen Ueberlastung be troffen und aus seinem normal'herkömm' lichen Zusammenhang gebracht worden sein müffe. Im Ansang, so lang Monika in der Rückfahrt begriffen auf dem Wagen saß. ging es noch. Ihr war's, als ob das holp rige Pflaster der kleinen Landstadt, über das die Räder hinstolperten,' krachten und quiekten, der Parquetboden eines Concert saales sei, in welchem alle Streich und Blasinstrumente der Tonkunst sich zu einer MonstreOuverture himmlischsten Wohl lauts und höllischster Ohrzerreißung ver einigt hätten; dann glitt das Fuhrwerk wiegend auf weichen Sandboden über und Monika sah zur Rechten und sah zur Lin ken auf den Wegwart am Straßenrande, die grüne Saat, die ausblühenden Hagro senbüsche, Wald, Feld und Wiesen und sagte ab und zu, mit dem Kopfe nickend, ohne von der Regung des letzteren wie der
ihrer Zunge Selbstkenntniß zu besitzen: Das ist ja Alles recht hübsch Nun fuhr sie auf den Gutshof und vor die beiden alten Linden, welche als Wächter vur dem Haupteingäng deö schloßartigen Herren Hauses standen, stieg schweigsam ab, steckte den großen Schlüffel in die Thür, öffnete diese, trat ein und schloß hinter sich wieder zu. Dies war der Punkt, bis zu welchem die Gehirnfäden Monika Waldvogels, wenig stenS dem äußeren Anschein nach, noch ei nen Rest ihrer Continuität aufrecht erhal ten hatten, doch jetzt lösten sich offenbar die letzten Fasern aus dem Verbände und lie ßen, ganz abgesehen von der im Hause um herwandernden, dies ehrwürdige Gebäude selbst in einem höchst bedenklichen Lichte erscheinen. Es war nämlich keine Wände rung zu nennen, die sie anstellte, sondern sie lief, sprang, tanzte in ihrem spinnweb grauen Kleide aus einer Thür in die an dere, treppauf, treppab, wars sich hier laut lachend auf ein Sopha, flog auf uud stöberte dort aus einem Wandschranke Mot ten und Staub um sich herum, wudelte sich wie in eine dustende Ambrawolke mitten in das Geflirr und Geflatter hinein, hustete, rang nach Luft, stürmte weiter und stellte von allem Inhalte des Hauses einzig sich selber nicht in wörtlichstem Sinne auf den Kopf, . so daß die Wände umher immer trübselig'deutlicher sich der Ueberzeugung hingeben mußten, seit heute zu dem wenig neidenswerthen Beruf eines Narrenhauses umgewandelt zu sein. Ein Entomologe hätte auch den Vergleich anstellen können, daß Monika Waldvogel etwas von einer rastlos von einer Süßigkeit zur anderen taumelnden Hummel besitze, die, nun an ein Weinglas gerathen, mit völlig trunke nen Sinnen schnurgerade ihrem Astnest im Walde zuschiebe denn so schoß sie jetzt aus dem honigentleerten Gebäude in den Gar ten hinaus, suchte mit den kleinen Fingern jeden Obstbaumstamm zu umklammern, an den Zweigen zu rütteln und sragte zu je dem hinauf: Weißt Du, wie Dem neuer
Herr heißt?" Die Bäume gaben keineAnt wort darauf, aber Monika verlangte und erwartete auch keine, sondern lief weiter, durch die lange, still in der Nachmittags sonne brütende Dorfgasse. Verwundert blickten die barfuß im Sand spielenden Kinder nach, von den Fenstersimsen nickten ihr bunte Pantoffelblumen, rothblühender Storchschnabel, pendelnde Fuchsie? in's Gesicht, doch sie sah nur einen einzigen Kinderkops und eine einzige Blume rund um sich her und wiederholte einzig stets mit herablassender Stimme : Wenn ich euch haben wollte, ihr gehört alle mir ich bin die Königin." Sie war wieder dort, wo der Garten parkartig in den ansteigenden 'Bergwald auslief, hielt eineWeidengerte, die sie gleich einem Scepter vom Boden aufgerafft, in der Hand und stand vor einer amWegrand auf schaukelndem Stengel in die Hob' ge schossenen Klatschrose still. Ich bin die Königin," sagte sie, und wenn ich meine Unterthanen" und klatsch ! schlug sie den rothen Mohnkelch vom Stiel herunter. Doch gleich danach ging es wie einSchim mer flüchtiger Besinnung durch ihre trun ken verschwimmenden Augen, sie bückte sich rasch, hob die geköpfte - Unterthanin auf und befestigte sie an ihrer Brust. Eilig trug ihr Fuß sie nun auswärts durch den Wald, zu der Höhe hinan, auf der sie ge festen, als sie HerrnSilvan Aviarius drun ten die befriedigten Augen zugedrückt. Sie setzte sich wieder in den jetzt röthlich blü henden Thymian und versuchte zu denken, wie sie es damals gethan. Aber die zer riffen?n Hirnfäden waren noch nicht wieder aneinandergewachsen und sie konnte nichts, als mit den Augen vor sich hinuntersehen, wie die Sonne schräg und schräger über das weltentlegene, bergumschloffene kleine Königreich zu ihren Füßen hinunterging. Das ist ja Alles recht hübsch sagte sie endlich noch einmal mit einem Lachen, das ihren geistigen'gustand noch immer nicht in ein wünschenswerthes Licht zu setzen ge eignet war und legte den berauschten Kopf in den Thymian zurück. Die Sonne zog nach dem Lande hinüber, aus dem Silvan Aviarius gekommen,derAbendwind summte vom Wald herauf durch dieTannenbüschel und durch den braunen HaarschopsMonika Waldvogels, den er ihr dicht über die Stirn blies. Und einer nach dem andern kamen dieSterne und sahen allmälig durch völliges Dunkel aus sie herunter. Und der Thau kam und legte sich ihr mit kühlem Geschmeide auf Hände und Brust, Stirn und Augenlider. Aber Monika Waldvo gel schlief im Thymianduft und nichts weckte sie auf.
