Indiana Tribüne, Volume 1, Number 28, Indianapolis, Marion County, 22 February 1879 — Page 6

I n d i a n a T r i b ü n e."

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Monika

a k d v o g e k. Novelle von Wilhelm Jensen. F Die Sachlage besaß ihre unter den ein schlägigen Umstanden allemal unvermeid lich ernsthafte Seite, aber keine eigentlich traurige. Wenn es noch in der Fähigkeit des Urhebers der eingetretenen Verande rung gestanden hätte, ein Gutachten darüber abzugeben, so würde dies die Form einer vollgültigen Beipflichtung angenom wen haben. Wie er sich früher täglich im Futurum auszudrücken pflegte: Ich wünsche, daß es möglichst bald sein wird". fo hätte er sich jetzt unfraglich der vollen deten Form für die Bestätigung bedient: .Ich bin zufrieden, daß es möglichst ralch geschehen ist." Und da dies in voller Uebereinstimmung Jeglichem nicht als ge wagte Hypothese, sondern als lautersteGe wißheit in Herz und Vernunft geschrieben stand, besab im Grunde Niemand ein Particularrecht, mit dem unzufrieden zu sein. vaS Denjenigen, welchen e jedenfalls ganz besonders anging, so vollkommen be friedigte, und Monika Waldvogel drückte die erkaltenden und bereits durchaus färb losen Augendeckel des lang, ruhig und zum ersten Mal seit zweiIahren völlig schmerz. loS auf seinem Bett ausgestreckten Herrn Cilvan AviariuS sanft und ohne einem Widerstand zu begegnen, herunter. Sie ordnete darauf noch etwas an den Leinentüchern des Todtenbettes, betrachtete den so außerordentlich zufrieden Daliegenden noch eine Weile, nicht mit tief erregter Trauer, doch mit jener durch den thatsächlichen Eintritt solches Ereignisses, auch wenn eS langst erwartet gewesen, beding ten Ernsthaftigkeit und faßte plötzlich die alte, knochige und schon völlig erkaltete Hand und berührte sie eine Secunde lang mit ihren Lippen. Es war dieHand keines Heiligen, doch auch nicht die eines Gegen süßlers dieser, in ein genaueres Licht gerückr, auf Erden seltenen Aütochthonen geWesen, sondern dieHand eines wunderlichen gutmüthigen, grillenhaften, einsiedlerischen alten Menschenkindes, das, an Kops und Füßen und Mancherlei noch dazwischen geplagt, ab und zu oder vielmehr nicht gerade selten einen Beruf seiner achtundsiebzig Jahre darin gesunden hatte, von dieser Plage täglich Einiges freigebig auf seine Nächsten abzuwälzen. Daran ge dachte Monika Waldvogel jedoch in diesem Augenblick durchaus nicht mehr, obwohl sie genau genommen die einzige Nächste in jenem' Sinne gewesen war und die erwähnte Ausspendung deßhalb mitNiemanden zu theilen gehabt hatte, sondern sie behielt die kalte Hand noch in der ihrigen, nickte den Augen, welche nicht mehr sahen, zu und sagte freundlich, wie sie es allabendlich gethan, nur mit einem leisen schluchzen in der Stimme : GutcNacht, lieder Squire Es war, als ginge bei dieser Anrede, die der Lebende allzeit mit besonderer Vorliebe vernommen, noch ein leichter Ausdruck erhöhterer Befriedigung um die eingesunkenen Mundwinkel des Todten; Monika aber empfand es jetzt plötzlich mit einem leisen Schauer zum ersten Mal, daß es ihr eigenthümlich kühl durch die schmalen Fingerspitzen hinausstieg und daß die Luft des Zimmers für lebendige Lungen etwas nicht vorwiegend Ansprechendes habe. Und da ihr Aufenthalt in demselben sich für den Moment mit keinerlei erdenkbar nützlichem Zweck mehr verknüpfen lich, sie aber trotz ihren achtzehn Lebensjahren einen wohlregulirten, auf das Vernunftgemäße gerichtetenStun denzeiger in ihrem achatbraun überlockten Kopse trug, so trat sie ohne längere Unschlüssigkeit durch die Thür des Sterb?" Zimmers, ging in ihrem spinnwebgrauen Kleide den alten, langen Corridor entlang und immer hurtigeren Schrittes aus den großen Hofraum und in den lichten Tag hinaus. Der Hosraum verdiente seinen Namen mit besonderem Recht, denn er ward rechteckig von stattlichenScheuern eingesaßt, die mit dem Herrenhause zusammen den Inninraum eines wirklichen ländlichen GutsiofeS bildeten, und in gleicherWeise konnte der Tag allerbegründetsten Anspruch aus daS Prädicat lichi" erheben, da er einen Maientag darstellte, wie er seltener in der Praxis dieses Monats, als in der theoretischen Vorstellung, welche die Menschheit mit ihm verknüpst, vorzukommen pflegt. Mit ihm zeigten sich ihrerseits die Hühner und Enten aus dem Gulshose, die Tauben über den Dachfirsten ebenso zusrieden, wie Herr Silvan Aviarius sich seinerseits im

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Voraus mit diesem Tage erklärt hatte,

ohne jede RücksichtSnahme darauf, ob der - ... m -r . selbe Sonnenschein oder egengmie im Gefolge bringen würde. Es girrte, schnatterte und krähte höchst lebendig-vergnugt rundumher, der gelbe Hoshund lag mit allen Vieren ausgestreckt geschlosienen Auges in der Sonne und verrieth seine Lebendigkeit ebenfalls durch in gelegent liches Aufschnappen nach vorübersurrenden Fliegen und durch mechanisches Wedeln mit dem Schwanz, als er Monika Waldvogel nicht an sich vorbei gehen sah, sondern börte. Er schien damit ein Zeichen bestimmtester Erwartung auszudrücken, daß sich im nächsten Augenblick eine merkwürdig kleincHand aus ihn heruntcrstrecken und ihm den dickbezottelten Kops klopfen werde, denn als dies nicht geschah, fand er sich gemüßigt, die Lieder halb aufzuheben und mit so viel Verwunderung, als die Behaglichkeit seines Zustandes ihm erlaubte, hinterdrein zu blinzeln, ob er sich zum ersten Mal in dem Schritt Monika Waldvogels getauscht habe. Das war nicht der Fall, nur hatte er sich zum ersten Mal in MonikaWall vogel selbst getauscht, und mit einem Brummen zwischen Befriedigung über die Schärfe seiner Sinne und Erstaunen übix die neuerungsvollen Unbegreiflichkeitcn des Daseins legte er denKops zurück. Jene aber trat auf die mit sonder, lichem Ernst im jungen Gesicht über den Hof wandernde Gärtnerstochter zu und fragte : Was thust. Anke V Ich sag's an." Waö sagst an?" Sie mössen'S alle wissen antwortete daS hübsche Ding, mit dem runden bis an die Schulter bloßen Arm rundum deu tend. Sonst bleiben sie dem neuen Herrn nicht treu. Wißt Jhr's, wie er heißen mag?" Monika schüttelte den Kopf. 'S ist mir ganz gleichgültig, ob er Hans oder Peter heißt, das Testament wird's sagen und einen so närrischen Namen wie der Herr selber wird er vermuthlich nicht haben Hast Dich darum so schmuck herausacpudt. Anke V Das Mädchen trug ein knappes Mieder von schwarzem Sammet, unter den ausgepufften Aermeln bauschte sich scyneeweiß handbreiterLinnenrand hervor. DerRock, der aus dunklem eioengewebtem Stoff dichtgesältelt die Husten wie mit einem altmodischen Radkragenmantel umgitterte. siel nur bis auf die Kniee und ließ darun ter in weißen Strümpfen ein Paar fo sichere, doch zierlich gewachsene Beine sehen, daß sie einen befriedigenderen Rückschluß auf die Gestalt darüber zu ziehen erlaubten, als der unförmlich gewulstete Rock es von vornherein zugab. Das Ge sicht Anke's war wie ein aus weißen und rothen Frühlingsblumen durcheinander geflochtener Strauß, um den reife, langsädige Kornähren herumgewunden, und in der Hand trug sie einen Rosmarinstrauch, knipste mit dem Finger ein grünes Räupchen von ihm ab und sagte ernsthast : Ihr habt Recht, wie er heißt, gebt sie heut noch nichts an. Wollt Ihr mit und ansagen?" Monika nickte gedankenvoll mit dem Kopf und sie gingen. Zunächst in den Stall, wo Anke eine weißgchörnte Kuh am Stirnbüchsel faßte und der dumm vor sich hin Glotzenden heimlich halblaut in's Ohr raunte: Der Wirth ist todt sag's weiter " Nun aus dem Rinderstall zu den Pserden, den Schasen; auch die Schweine im Koben wurden nicht vergessen und waren die einzigen, welche eine vernehm' licheAntwort grunzten. Monika gewahrte zum ersten Mal schicr erstaunt den Reichthum des Hofes an prächtigem Vieh, Anke wanderte weiter in den wie von Schneeflocken überschütteten köstlichen Obstgarten hinein, an die breiten Reihen übereinander geschichteter Bienenkörbe, vor denen die Insassen lenzsreudig in schwirrendcnSäusen die Lust durchtanzten. Der Wirth ist todt fliegt nicht fort!- sagte sie und sie lchüttelte leise an jedem Baum, daß ein paar röthliche Blüthen auf sie niederflatterten, und flüsterte : Der Wirth ist tott tragt die Frucht, die ihm gehörte !" Ihre Augen sahen groß und geheimnißvvll dabei drein, und Monika folgte ihr unwillkürlich weiter, wie sie in die Scheunen schritt und mit einem Stecken die aufge schüttetenGetreidekörner umrührte. Wenn der Wirth todt ist und es geschieht nicht. dann verdirbt's," und hinunter in denKeller zu den großen Weinfässern ging's, wo Anke dasSpundlsch öffnete und gleichfalls mit einem Stecken in den leise glucksenden Inhalt hineinquirlte. Immer mehr staunte Monika Waldvogel über die ange

häuften und wohlgeordneten Schatze oben und unten, von denen sie bis dabin kaum eine Ahnung besessen, weil sie sich freilich auch nie darum bekümmert gehabt ; doch NUN kam es ihr zum ersten Mal fast ein wenig unmuthig von den Lippen : Bist noch nicht zu End'. Anke? Was geht's mich an, ob's verdirbt; ich will in den Wald und mir Alles noch einmal von droben ansehen. Wohin willst noch?" Zum Wirth und ihm die Schuh' und den Kamm hinlegen," versetzte Anke, die sorgsam ein Paar neue Schuhe aus einer Truhe herauszog. Ich denk', zu gehen braucht er nimmer, sie werden ihn wegtragen, und dann ist Alles aus," gab Monika zur Antwort und es klang ein ganz wenig Bitterkeit dabei durch. Und einen Kamm hat sein bloßer Kops gewiß schon seit zwanziaJahren nicht mehr nöthig gehabt." Aber Anke schüttelte unbeirrt die Kornahren um ihrenSchläfen. Wenn er keine Sckuhe mitbekommt, da muß er wieder umkebren ; es hat's schon Mancher gethan, denn er hat einen weiten Weg durch Dornen und Disteln zu gehen. Und wer kei nen Kamm hat, der muß sich das Haar mit Stacheldorn strählen." Monika zuckte die Achsel. Mir wär's gleich, wenn ich todt wäre. Man kann's mir auch lebendig abschneiden und mich in ein Kloster stecken, 's ist mir ouch gleich.Sie ging, drehte sich noch einmal und wieg auf Anke's Rosmarinstrauch. Wozu hast den da?" Ein Bräutigam darf nicht ohne Nosmarin kommen," erwiederte Anke, und der Wirth ist auch eirer, ein todter, der in den Himmel geht, wie ein lebendiger in die Brautkammer. Wenn er ihn nicht hätt', thät sich der Himmel ihm nicht auf, denn da wär' er keinBräutigam. Wußtet Jhr's nicht?" Da ist eineWissenfchast, die mich schon gar nichts ungeht, Anke." Das könnt Ihr nicht vorher wissen," meinte diese mit der nämlichen feierlichen Ernsthaftigkeit in ihren großen, eigentlich zum Lachen prädestinirten Mädchenaugen. Aus Erden kann's Jeden einmal angehen und im Himmel thut sich 's gewiß." Nun, wir wollen uns nicht vor der Zeit ängstigen." antworteteMonika Waldvogel, nickte zu dieser Beruhigungssentenz, mit der sie den Dingen, die da kommen konnten, entgegenzusehen und abzuwarten pflegte, ob sie kommen würden oder nicht, und ging wieder allein über den flatterndlebendigen Hof, durch den blühenden Garten, aus Wiesenwegen am Bach entlang, in dem die getüpfelten Forellen sonnbe schienen lustig hin und her schössen, und dann langsamer waldiges Gelände hinan? Die Welt besaß im Grunde nur drei Farben, aus deren gleich intensiverLeuchtkrast sie sich zusammensetzte, Grün, Blau und Weiß. Lichtgrün war derTeppich deö Bodens, der Schleier, den Millionen eben aufgerollter Buchenblatter darüber spannten; himmelblau sah es an tausend Lücken hindurch und segelte ab und zu mit schneeweiß blitzender Wolke dran vorbei. Nur der große wollköpfige Spinner, den die Entomologen Nagelfleck' getauft, tauchte jeden Augenblick mit anderer Farbe in hastigem Zickzackflug durch das frische

Laub, srtoß aus den rostbraunen Flügeln zu Hunderten taumelnd daher und wie ein lebendig gewordenes vorjahriges Herbst blatt wieder aus dem Gesicht. Und außer ihm hatte nur noch Monika Waldvogel ebenfalls an der leuchtenden Dreifarbigkeit des Maitages keinen Antheil, dafür aber eine gemisie Ähnlichkeit mit dem'zickzacktaumelnden Falter. Ihr Auge war nicht blau und ihr Gesicht nicht weiß, sondern das letztere besaß ziemlich viel von dem Flügelteint des Schmetterlings und darin standen zwei Augen gerad' wie seine vier auf den Schwingen, groß, rund und je nachdem das Licht auf sie fiel, matt und trüb, oder dunkel aufschillernd. Auch das Haar, das sehr dicht und ziemlich tief in die Stirn hineinwuchs und deshalb nach allen Seiten ganz aus ihr zurückgestrichen war, erinnerte halb an den raunen Wollköpf des Spinners und halb an den Aufbau einer voll beladenen Flachshechel. Es hätte, um einen hergebrachten anthro-pologisch-physionogmischen Typus darzu stellen, schwarz sein müssen, aber es hatte eigenwillig seine Farbe aus demGrundton des länglich schmalenGesichtes entnommen, etwa wie brauner Walddsrn die seinige aus dem von eisenhaltigemQuell überronnenen Futterboden seiner Wurzel. Ein Maler, der irgendwo vermittelst seiner Phantasie MonikaWaldvogels Kopf allein in der Luft schwebend gesehen hätte, würde

unfraglich eine kleine, schmächtige Figur darunter gezeichnet haben, doch die Natur hatte eS abermals auf ihre Weise gewollt und eine kraftvolle, große, durchaus nicht ätherische Gestalt an daS Haupt darüber angefügt. Und um ihre widerspruchsvolle Absichtlichkeit ausdrücklich durch ein letztes Separalvotum noch zu bethätigen, hatte sie ihre extraordinäre Biloungslaune in zwei der kleinsten und zierlichsten Hände und Füßen ausmünden lasien, die je aus der Aermelkrause und unter dem Rockszum eines weiblichen Geschöpfes hervorgesehen. Monika stand auf dem grünen Waldwege einen Augenblick still und griff sich mit der Hand an den Kops. Es war 'hr etwas dagegen gefahren, etwas Weiches hatte sich in ihrem Haar verfangen, zappelte darin und nun in ihrer Hand, die es festhielt und herunterzog. Einer der tau melnden Herumstürmer war es, er arbeitete mit den langen gefiederten Fühlhörnern ungeduldig zwischen den zu einer schmalen Röhre gebogenen Fingern heraus, aber die Besitzerin hiele ihn fest und betrachtete ihn. Sie sprach auch mit ihm. Bist auch ein Waldvogel, nur hast du viele Kameraden. In den Frühling vaßt du eigentlich wie eine Eule, denn hübsch kann man dich nicht heißen, aber echt haß lich bist du mit deinem plumpen Leib und deinem kaffeebraunen Ueberrock. Du war' test wobl so lange, bis ich dir sage, daß 's Zeit ist und daß du fliegen kannst, nicht wahr?" Das Letzte sagte Monika Waldvagel mit einem leicht schulmeisterlichen Anstrich in der Stimme, der eine gewisse Hinneigung zu königlichem Absolutismus verrathen haben würde, wenn ihr statt des SchmetterlingS zufällig einReich mit Unterthanen in die Hand geflogen wäre. Ob der Nagelflcck sich nun als gehorsames Kind und loyaler Vasall zeigen wollte, oder ober die heimliche Nebenabsicht damit verband, der über ihn geübten vernichtenden Kritik eine kleine schweigsame Antikritik in Gestalt wortwörtlichster demonstraiio cum ocalis ad oculos entgegen zu setzen, er kroch aus der erweiterten Fingerröhre hervor, benutzte dieseGelegenheit jetzt indeß keineswegs. um sich sofort davon zu machen, sondern schlug stire Flügel weit auseinander, daß die Augen auf dem braunen Grunde derselben plötzlich wie dunkel schil. lernde Sammetsterne, als blickten sie aus einer geheimnißvollen Tiefe heraus, keuch teten und glühten. Nur waren sie umgt kehrt wie dieMenschenaugen darüber, denn sie trugen das schimmernde Weiß im In nein und den farbigen Jrisbogen drum herum, doch Monika sagte auf einmal höchst erstaunt: Du, weißt du wohl, wenn man dir in die Augen sieht, bist du eigentlich gar nicht so häßlich, bist im Grunde sogar man muß dich nur erst genauer betrachten aber dann bist du trotz deinem gelben Kleid eher-" Allein der Nagelfleck wartete jetzt den Schluß nicht ab. Er dachte vielleicht das Nämliche und hätte Monika Waldvogel das Nämliche erwidern können, sowohl, was sie gesagt, al? was sie nicht gesagt. Doch er that's nicht, sondern taumelte, um eine kurze Erstlingßerfahrung seines stundenlangen Daseins gewitzigter, lenzsreudig wieder waldein, und Monika Waldvogel setzte ihren Weg auswärts fort. Aber von allen Erdengedanken lag ihr jedenfalls der am entferntesten, daß ihre Augen, wenn sie sich von dem braunen Gesichtsgrunde aufschlugen, im Stande seien, eine eben solche schweigsame Antikritik und dcmonstraiio ad oculos auszuüben, wie der einzige Va sall, den sie bis heut' aus Erden besessen, um ihn alsbald wieder freizulassen, es zu seinen Gunsten mit den allereinfachsten Mitteln von der Welt gethan.

Nun saß Monika Waldvogel droben auf der freien Bergeshöhe über dem Waldgürtel, der lhr wie ein grimgestickter Schemel zu Fußen lag. Ihre Hand stützte sie in die dichten Fhymianbüfchel und sie sah in das hübsche Thal nieder, aus welchem der Gutsbof unter weißen Blüthen fast vergraben wie eine von lauter Smaragden eingefaßte Perle heraufgrüßte. So weit die Gebäude zur Rechten und Linken das Thal einschlössen, hatten alle Felder, Wiesen und Weinberge dem todten Wirthe" drunten angehört, wie sie jetzt dem unbekannten neuen Besitzer zugehörig waren auch das langestreckte Dorf drüben mitseinen anheimelnd rauchenden Schornsteinen erst weit nach Westen hinüber sah die Kirchthurmspitze der Nachbarstadt heraus und begrenzte von dorther mit ihrem

Weichbild daö Gebiet des Gutes. Wie ein kleines Königreich eines idyllischen Erden winkelS lag eS zu Monika Waldvogels Füßen, die eine Hand voll Thymian auSgerupft hatte, gedankenlos daran roch und ebenso gedankenlos auf das hundertfache Durcheinandersummen des fröhlichen 2c bens drunten hörte. Und aus der Anschau, dem Dust und dem Klang kam es Monika, wie es gewesen, gekommen, geschehen, als ziehe es da leidhastig, sie selber darunter, an ihren Augen durch die Luft vorbei. Und so war's gewesen, der Todte da un ten nicht der Erste, dem sie in ihrem achtzehnjährigen Leben die Augen zugedrückt. Zuerst ihrer Mutler, als ein volles Kind noch, und sie hatte allein mit ihrem Vater weitergelebt, der sich nicht viel um sie be kümmern konnte und wenn er's gekonnt, nicht viel Neigung dazu besessen haben würde, da er den ganzenTag und die halbe Nacht in seinenBüchern vergraben saß. Er sorgte uur dafür, daß sie in dieSchule ging und lernte; wenn sie hungrig und durstig war, Kleider und Schuhe brauchte, mußte sie selbst dasür Sorge tragen. Sie konnte dies auch in schicklicherWeise, denn ihrVater Michael Waldvogel gab ihr dann das erforderliche Geld, doch immer erst, wenn sie eine besondere Ausgabe, die er ihr in je dem einzelnen Falle vorschrieb, zu seiner Zufriedenheit erlernt oder vollbracht hatte. Gewöhnung ist Alles," sagte er dazu, Gewöhnung von Jugend auf."' Er wie derholte gern ein Wort, auf daS er Nachdruck legen wollte. Hätte ich mich nicht selbst schon als Knabe stets angehalten, angehalten zur Arbeit, so wäre ich auch vermuthlich ein ebenso nichtsnutziger Pa tron geworden, wie mein wie es nichts nutzige Leute in der Welt gibt, die nicht säen wollen und doch glauben, daß ihnen eine Ernte in die Tasche fallen wird, aber von ihrer Ernte bekommt Niemand etwaS zu sehen. Wenn ich einmal sterbe, Monika, habe ich Dich erzogen, daß Du Gouver nante werden kannst ; Gouvernanten müssen für jedes Stück Brod, jeden Knopf am Kleid eine Leistung machen. Darum habe ich Dich an eine Leistung für jedes Stück Brod und jeden Knopf gewöhnt : gewöhnt fällt nicht schwer. Etwas Anderes wär'S gewesen, hattest Du Aussicht zu beirathen; heirathen aber, darauf rechnen, kann nur ein Mädchen, wenn eS Vermögen hat oder hübsch ist. Beides trifft bei Dir nicht zu. Ich bin ein Professor; ein Prosefsor hin terläßt nichts, und Du gleichst Deiner Mutler. Deine Mutter war eine gute Frau, aber völlig arm ; völlig arm wirst Tu nach meinem Tode auch sein. DeS halb habe ich Dich gewöhnt, damit eS Dir nicht geht wie Anderen; Andern, denen nichts übrig geblieben, als fortzugehen; fortzugehen. Niemand hat erfahren, wohin. Wenn Du wissen willst, wie solche Leute treiben und anfangen, anfangen, um ein solches Ende zu nehmen, so sieh ausDeinen Better HanS Waldvogel. HanS Waldvo gel wird auch einmal seinem Namen Ehre machen und über Nacht fortgeflogen sein; fortgeflogen sein, ohne daß seineGläubiger wissen, wohin. Er ist einTaugenichts, wie sem Onkel es war; war, und er wird's werden und bleiben. Wir besitzen außer ihm in der Welt keinen Verwandten ; keinen Verwandten zu haben, ist besser als solchen, dessen Ruf und Beispiel gleich ge jährlich für Dich sein müßten. Darum hast Du ihn N'e kennen gelernt, weil ich alle Verwandtschaft zwischen uns aufgeha den. Ausgehoben ist ein Mädchen mit Deiner Nöthigung für die Zukunft nir gendwo bester, als in einem Hause, wo es lernt, sich möglichst selbständig auf sich selbst zu beschränken. Beschränken mußt Du Dich später ; thustDu's jetzt aus freien Stücken, thut der ZmangDir nachher nicht weh. Weh thun will ich Dir nicht, nur Dir VernunstSgrundsätze einprägen. Ein prägen kann man nur in einenGegenstand der noch weich ist. Was wolltest Du? Wolltest Du ein Paar neue Handschuhe? Lerne erst die Vögel auS der zweiten Ord nung, Klettervögel, Scansores, auswendig. Auswendig hilst inwendig. Man muß je den Anlaß und , Augenblick wahrnebmen, wahrnehmen, um daraus sür sich Gewinn zu erholen. Erholen kann man sich am besten, wenn man lernt, lernt, auch ohne gerade zu wissen, für welchen Zweck. Jetzt geh', ich habe zu arbeiten ; arbeiten ist der Zweck des Menschen." So redete der Professor der Zoologie Michael Waldvogel, und seine Tochter Monika Waldvogel ging in ihre einsame Kammer, schlug in dem ihr mitgegebenen ornithologischen Handbuch die lange Ta belle der zweiten Ordnung Klettervögel auf, und die deutschen und lateinische