Indiana Tribüne, Volume 1, Number 25, Indianapolis, Marion County, 1 February 1879 — Page 6
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Aus den Wanden. Novelle von Wilhelm Jensen. (Fortsetzung.) Sie gehörten keiner Kinderhand an, waren eher langgestreckt, die linke mit ei nem einzigen kleinenSaphir in alterthümlicher,aus goldenen Sternchen zusammengesetzter Ringfassung geschmückt. Eine medicmische Erinnerung aus seiner Studentenzeit durchlief DankwartS Gedächt niß, daß die Nägel von Schwindsüchtigen an der Spitze umgebogen seien und er heftete den Blick bewußter auf die Endglieder der Finger, doch an den rosenblattäbn lichtn Nageln wies nicht die leisesie Bie gung auf den gefährdeten Gesundheit zustand des Mädchens hin. Sie war U glückt, da sich jetzt herausstellte, daß er nicht nur zu spielen, sondern auch eine große Anzahl ihrer Lieder zu singen ver mochte; seine Stimme war kraftvoll und wohltönend, aus den Oberst wirkte offenbar Gesang mehr als Musik, denn er sprach ohne Nöthigung ebenfalls regen Beifall aus. Dankwart mußte sich gevaltfam losreißen,- sich sagen, es sei seine Pflicht, selbst aufzubrechen, da den Hörern kein Gedanke an die Zeit kam. Er verabschiedete sich und es erschien ihm auch das beinahe als selbstverständlich, daß die junge Gräsin als letztes Wort äußerte, er müsse morgen mit dem Liede beginnen, zu dem er heute nicht mehr gelangt sei. War eS Zauberei, oder hatte die kleine Mondsichel sich wirklich auf natürlichem
Wege und mit vorgeschriebener Zeitinne Haltung zu der Vollscheibe verwandelt, die Ernst DankwartS Zimmer, mit silbernen Gitterbändern durchzog, als er wieder ein mal in dasselbe zurückkehrte? und er lächelte, es könne doch nicht anders sein. Es trieb ihn, seinen Stand in der Fensterecke auch jetzt einmal einzunehmen; die kleine Laube droben war leer und leblos, aber auf der Steinbrüstung davor lag der Mondenglanz fast tageshell, und vor den Augen des Ausschauenden stand die weiße Gestalt dennoch beinahe ebenso leibhaft da, wie sich allnachmittäglich im Sonnenlicht von dem grünen Weingerank abhob. ES hatte etwas Reizvolles, Besonderes für ihn, daß er sie derartig an jedem Tage doppelt sah, einmal ohne daß sie eine Ahnung davon besaß, denn ihr Blick sprach deutlich aus, daß sie nichts von ihm gewahre. Sollte er ihr mittheilen, wie er sie zuerst gesehen und ihr Jnteresie an der Musik entdeckt? Die Gegenwart des. Vaters undFestungscommandanten,meinte er, habe ihn davon abgehalten, doch am letzten Abend war der Gouverneur längere Zeit abwesend und es hatte ihm auf der Zunge geschwebt. Allein eh' er es ausgesprachen, kam es ihm wunderlich, als stehe er im Begriff, ein Geheimniß zu offenbaren, das nicht ihm angehöre, und er schwieg. Nun war eö wieder Abend und er trat in das bekannte Zimmer der Commandan tur ein und Marie befand sich schon dort, doch ollein, und kam ihm entgegen. Ihre Hand mit dem blauzitterndenEdelstein hob sich halb empor und siel langsam wieder zurück; sie sagte nichts und Bcide standen sich einige Augenblicke fast wie wortverle gen gegenüber. Zum ersten Mal; sonst hatte ihre Anrede ihn stets sogleich auf das gemeinsame Jnteresie gelenkt und an den Flügel gezogen; heut', da sie stumm blieb, mußte er den Anfang machen, und that es mit der Frage: .Soll ich das letzte Lied von gestern noch einmal singen, das Ihrem Herrn Vater so vohlgesiel?.Nein" ihr Arm machte eine andeutende Bewegung, als wolle sie ihn vom Flügel zurückhalten. Nein meinVater ist drüben in seinem 'Zimmer ziemlich weit m .Doch er hört eö muthmaßlich, wenn ich anfange, und kommt dann vielleicht. .Nein wenn er es nicht hörte eS rürde ihm leid sein. Singen Sie es, xenn er kommt; ich glaube er ist be chästigt." Sie sprach schnell, doch ihre Stimme lang etwrs unsicher; es war Dankmart fast, als verberge sich das Gegentheil von dem, was die Worte besagt, darunter, als habe sie ausgedrückt, der Oberst werde kommen, sobald er den Gesang höre. Und Beide schwiegen wieder, im Nebenzimmer tickte eine Uhr, dann sah die junge Gräsin Mit plötzlichem Augenaufschlag Ernst Dankwart in's Gesicht und sprach.: .Töne sind schön, - doch mich . dünkt.
Worte können es ebenso sein. Wenigstens glaube ich's, obwohl ich nicht viel gelesen ; ich durste eS nie. Sind Sie nicht auch ein Freund , der Dichtung, wie der Musik? Am ersten Abend sprachen Sie uns von einem Liede zum. Lobe der Musik, aber Sie brachen ab und blieben uns denSchluß schuldig. MeinVatet trug wohl eigentlich die Schuld, er ist so ängstlich. Bitte, erin nern Sie sich ich habe manchmal nachgedacht, doch ich kam nicht weiter, als : Si: ist'ö, die unk im Glück erfreut, Vom Weh erlöst ei trüb Gemüth Sie hielt inne und blickte Dankwart bittend erwartungsvoll an, er vollendete die Strophe : Deö Irrsinn Nacht vom Haupt zerstreut Musik mit schmeichelnd süßem Lied, Die Sinne all', die wir empfah'n, Sind ihrem Zauber Unterthan. 3a, alle ist die Musil nicht sür sie, was die Sonne für die Blumen ist ? Und das, sürchtete meinVater, könne mirscha den? Warum?" Eine schöne Farbe des LebenS war ihr über Stirn und Wangen ausgeblüht, ihre Augen leuchteten mit sternartigemDoppel glänz, und der blaue Stein legte sich mit rascherer Bewegung aus die Brust, unwill kürlich andeutend, daß auch dort etwas dem Zauber Unterthan sei, von dem das Lied gesprochen. Dann lächelte ihrMund: Jflux Eines verstehe ich nicht darin; waS ist Irrsinn?" Wtt meinten Sie, Comtesse?" Nun schüttelte sie den Kopf. Das Wort klingt mir wie eine Disionanz im Ohr, und mein Gefühl sagt mir, daß es auch in keiner Dichtung eine Stelle sinden könnte." Doch wie sollte ich Sie sonst denennen " Fast unbewußt war es ihm entflogen; sie antwortete nicht auf seine Frage, son dern sprach nur, wie laut gedacht, vor'sich hin: Bei den Anderen fiel's mir nicht aus, wie häßlich es klingt. Mein Vater heißt mich Marietta, aber ich bin doch eine Deutsche und find Marie hübscher." Es war Ernst Dankwart, als ob er im Traum höre und spreche mit der wunder samen plötzlichen Aneignung des Sonder barsten, die nur ein Traum verleiht. Als ich Sie zuerst sah," entgegnete er halblaut, dachte ich mir für Sie den Na menJmogen " Den kenne ich nicht." Nein, er war auch nicht deutsch und paßte nicht. Aber dann " Er stockte, und sie frug: Aber dann?" Kam mir ein anderer, besserer." Und der war?" Der blaue Stein, der noch aus der nämlichen Stelle des weißen GewandeS ruhte, zog schnellere, flimmerndeLichter als zuvor; Dankwart versetzte: Käthchen " Er wollte den Ursprung des Namens
hinzufügen, allein die junge Gräsin kam ihm zuvor, denn sie fiel ein : Das war freundlich vonJhnen gedacht; den Namen kenne ich auS dem Käthchrn von Heilbronn. Haben Sie es auch so gern? Ich weiß nicht, ob ich eS lesen durfte, aber ich hab's gethan, und zehnmal wieder." Er wußte nicht, waS sie beabsichtigte, sie wandte sich rasch einem der hohen Bücherschränke an der Wand zu, tauchte im Halbdunkel ohne zu suchen die Hand hinein und kam mit einem Buche zurück daß sie eilig ausschlug. , Hier, das ist am Lieblichsten warm wie Frühlingssonne. O bitte, lesen Sie es laut" und sie reichte ihm das Buch. Sie setzte sich in den Sesiel, aus den sein Arm sich stützte, verwirrt warf er den Blick über die aufgeschlagene Seite. Sie be gann mit der Scene, in der Käthchen unter dem Hollunderbaum schlaft und der Graf von Strahl ihrer ansichtig wird. Und es war Ernst Dankwalt noch immer, als ob er auch im Traum läse : Käthchen, schläfst Du ? Nein, mein verehrter Herr. Und doch hast Du die Augenlieder zu." Die Augenlieder? , . Ja, und fest dünkt mich AH, eh! . .Was, nicht? Du hätt'st die Augen auf?" Groß auf, so weit ich kann, mein bester Herr Der Blick des Lesenden'glitt' für einen Moment von dem Blatt ab auf seme Zu Hörerin hinunter. Sie hatte den Kopf zurückgelehnt und lag mit fest geschlossenen Lidern, als ob sie schlafe. Als ob sie selbst daö Käthchen sei . und immer wunder licher wogten die Gedanken inErnst Dank-, wart Kopf durcheinander, wie wenn er
eine Doppelrolle darstelle, eine, die sein Mund lese, dann er als Gras von Strahl vor dem schlummernden Bürgermädchen kniee, und eine, welche beide. Rollen in's Gegentheil verkehre, daß er, der Bürger, über die schlasende Grafentochter gebeugt dastehe. Die Buchstaben flimmerten ihm vor den Augen, er las mehr aus dem Ge dächtniß als auS dem Buche weiter: Mein liebes Käthchen " ES war die Stelle, an welcher Graf Strahl die Hand des schlafenden Mäd chenS ersaßt, und wie suchend hnb sich der Saphir langsam von dem weißen Kleide in die Höh', verharrte einige Augenblicke, gleichsam schwebend in der Luft und fiel mit leisem Zucken wieder zurück.Mein hoher Herr! .Du bist mir dohl recht gut?" Gewiß, von Herzen. .Aber ich was meinst Du? Ich nicht." O Schelms .Was, Schelm! Ich hoff' " Ogeh! Dankwart vermochte nicht mehr die Stimmen auseinanderzuhalten; er wußte nicht, wer sprach, ob der Graf öder das Madchen, und vertauschte den Ton, daß die Werte des Einen aus dem Munde des Andern erklangen. Aber dabei überkam es ihn mit einer herzklopfenden, zitternden Bangniß und er las mit angstvoll nach Athem ringender Stimme fort : .WaS sprich, was soll drauS werden? Was drauS soll werden? Ein Aufzucken hob die Hand .der Gräfin Marie wieder, die schmalen Finger über glitten die Stirn, dann schlug sie plötzlich die Augen auf, fuhr erschreckt empor und stieß auS: .Himmel, der Graf!" und, wie das Käthchen von H.'ilbronn bei diesen Worten, machte ihreHand eine mechanische Bewegung, als ob sie sich ihr Halstuch zu rechtrücken und einen Hut aussegen wolle. Ein Geräusch war aus dem Nebenzimmer herübergeklungen und ein Diener trat ein, ordnete etwas und ging wieder. Marie von Wolkenstein hatte einige Augenblicke abgewendet gestanden, drehte jetzt dieStirn und sagte: .Die süße Sprache hat die Sonne selbst dem Dichter in's Herz hinabgezaubert, daß seine Lippen sie wiedergeben konnten, nicht wahr? Nur Eines hätte ich anders ge macht, als er das Kätchen nicht am Schluß zur Kaisertochter werden, sondern das Käthchen von Heilbronn bleiben lasten." .Aber würde dann" der Antwortende wollte es nicht, doch ein Klang leiser Bit tcrkeit drang durch die Worte hindurch .würde die Liebe allein mächtig genug gewesen sein, zu bewirken, daß aus dem Bürgermädchen die Grafin von Strahl geworden?" .Dann wäre sie nicht wahr gewesen und Liebe muß ja, um schön :zu sein, auch nicht immer so enden. Kommt die Sonne nicht eben so vom Himmel, wenn sie auch nur eine Morgenstunde lang Goldlicht und Wärme ausgießt, ohne daß ein langer Sommertag drauf folgt ? Haben Sie Dank und, mich baucht, eher als ein Medaillon, das zu: Kaisertochter erhebt, würde ich mir als Mitgift einer Fee einen Ring wünschen, der die Besitzerin, wenn sie ihn drehte, zu einem Käthchen von Heil bronn umwandelte" Ernst DankwartS Blick ging unwillkürlich aus den blauen Stein nieder, der sich wieder zu ihm aushob, wieder kurze Weile zögernd wie in der Luf schwebte, dann streckte sich die Hand nach dem Buch, das er noch hielt, nahm es und trug es in den Schrank zurück. Er wollte auf ihre letzte Aeußerung entgegnen, allein ihm kam kein geeignetes Wort und er wählte dasjenige, welches sich ihm zuerst ausdrängte : .Ich finde die Wahl Ihres Vaters am glücklichsten. Marie ist noch schöner als Käthchen, ist der deutscheste Name, den ich kenne." .Er war nicht meines VaterS Wahl; meine Mutter hieß ebenso." .Wie Sie ihr in Allem ähnlich sind, Grüsin Marie - ' Dankwart sah bei dem letztenWorte, als werde das Aussprechen desselben ihm da durch erleichtert, zu dem Oelbilde auf, das Mädchen folgte dem Bleck und nickte mit derStirn. .Man sagt'S und ich glaub' eS selbst ' Ging ein leichter Schatten über ihr Gesich; ?. Dankmart empfand plötzlich, daß ihm. eine Unbedachtsamkeit entfahren sei und trachtete eilig, diese zu verbesiern : Jn Gestalt und Zügen, meinte ich vielleicht 7 ich denke eS mir auch im Wesen. Sonst freilich bin ich kein Arzt
aber die Besorgniß, die Ihr Vater hegt, scheint mir von zu ängstlicher Liebe einge flößt, als daß ich für Sie das Schicksal JhrerMutter " ; Er verwickelte sich und wußte nicht zu schließen, doch ihre Augen ruhten jetzt groß und reglos wie mit sonderbarerSpannung aus ihm, daß er die Nothwendigkeit eines verständlichenAbschlusies fühlte und unbe hülflich erläuterte: .Mir ist gesagt worden, an welcher langandauernden traurigen KrankheitJhre Mutter" Marie von Wolkenstein verneinte lang sam mit dem Kopf. .Ich weiß es nichts ich war ein Kind. Aber die Krankheit war kurz, däucht mich, und schmerzlos muß sie gewesen sein, denn meine Mutter lag ganz still ohne einen Laut da drunten und ganz weiß, nur ein wenig roth an der Stirn ich sehe sie noch 0 Sie hatte das Letzte mit immer leiser ge dämpftem Ton geflüstert, und ihre Augen hatten sich noch mehr erweitert und, wie langsam herumgezogen, sich Linie umLinie dem Fenster zugedreht. Und plötzlich stieß sie einen seltsamenLaut auS, Schreckenston und Hülferuf zugleich : .Haltet sie !" Wen? Was?" Dankmart fragte eS ebenfalls erschreckt .Die weißen Hunde! Sie wollen mich auch " und sie lief mit vorgestreckterHand gegen die beiden Marmorsphinxe. Auch Dankwart sah den rothen Sammet der Thürvorhänge sich bewegen, daß es ihm selbst einen Moment wieder visionhast vorkam, als sei die Regung von den beiden mythischen Statuenlveranlaßt, doch gleich zeitig trat Gras Wolkenstein durch die Portieren, und es überlief Ernst Dank wart wundersam, halb mit verworrenen Gedanken und halb mit ebenso unklarer Empfindung, die sein Herz schneller schlagen ließ. Hatte sie die Annäherung des Vaters früher vernommen und diese sie in Schreck, in eine Erregung versetzt, die sich bis zu einer Täuschung der Sinne gesteigert ? War eS der nämliche Grund gewe sen, aus dem sie ihn bei seiner Ankunft ab gehalten, nicht dis Lied zu singen, das dem Gouverneur gefallen, überhaupt bis dahin den Flügel nicht zu berühren ? Ungestüm, räthselhast pochte es in sei nen Schläfen; die junge Gräsin hatte die Stirn schweigend an die Brust des Vaters gedrückt, der sich zärtlich über sie beugte, ihr weiches Haar küßte und besorgt fragte : .Friert es Dich, Marietta? Du bist blaß und zitterst. Es foll Feuer im Kamin" - Er streckte die Hand nach dem Glocken zug. doch der Arm der Tochter hielt ihn zurück. .Nein es war nur gar nichts war es."- Und das Gesicht langsam von seiner Brust aufrichtend, lächelte sie hinterdrein: "Praesente medico nil nocet.' Den Blick, der diese Worte begleitete, vermochte Ernst Dankwart nicht mehr zu vergesien. Er hatte eine Sprache geredet, deren Wortlaut der Hörer nicht verstanden, die darum kein äußerer Sinn, nur ein ge Heimes wonniges Erbeben der Seele selbst zu deuten im Stande war. Nur mit Ei nem konnte erden Blick vergleichen mit dem lieblich wechselnden Licht eines Ster neö, der manchmal, wenn er de Nachts schlaflos hinausblickend an seinem Fenster' gitter stand, plötzlich eine Secunde lang aus dem schweren Wolkengedränge her vorbrach und wieder in tiefe Nacht zurück sank. Denn die schönen Sommertage hatten sich verwandelt, stürmischesSausen, Regenschauer und fast herbstlicheKalte war an ihreStelle getreten. Unter dem grauen Himmel in Näsie und Wind gewahrte der jungeGefangene drunten die Landleute ihr gelbes Korn schneiden, in Garben auffiel len und auf günstigere Tage für die Ein scheuerung harren. , Manchmal, doch selten, kam ein Sonnenblick; dann regten zahlreiche Hände sich emsiger, und hochbe ladene Wagen schwankten davon. Doch sast immer, ehe sie noch für ihren Inhalt daö sichere Dach erreicht, brauste ein neues schwarzes Wetter herauf und unterbrach wieder für Tage, für Wochen die Fort setzung t er Ernte. Mälig lndeß lichteten sich dennoch die Garben, und eines Morgens war der Beschauer überrascht, denn sein Blick ging von droben über leere Felder, und die Bewegung einzelner Bäume zwischen ihren Gemarkungen redete herauf, drunten gehe - der Wind über die Stoppeln, daß die kurz zurückgebliebenenHalm röhre wie eine riesenhafte PanS-Schalmei leise seufzend erklingen mochten. Es klang Ernst Dankwart im Ohr als höre er ihr schwermüthiges Gesumme mit seiner verhallenden, rastlos wiederkehrenden Frage :
.Wlrd em Frühlmg zurückkommen i r ,
Manchmal, doch selten, kam ein So nenblick, aber wenn dies um nachmittagliche Stunde geschah, dann stand auch Marie von Wolkenstein droben, an dem Eingang der kleinen Laube und horchte auf die Töne, die unter den Händen des Spielenden hervor zu ihr empurklangen. Ihre lauschende Haltung war die nämliche geblieben, aber ihre Erscheinung hatte sich verändert. Beinahe von Tag zu Tage Mkbr. in umatlthrter M?is rni hnfi
- -. , .vv vMil l)UU Weinlaub, in besten 'Geranke sich allge mach hie und da ein röthlich angehauchtes Blatt hineinzudrängen begann. Sie glich keiner Marmorstatue m?hr,- sondern einem von Malerhand in rosigem Morgenlicht desLebenS wiedergegebenen Bilde; auch daS weibe Kleid hatte sie abgelegt," trug statt desien gemeiniglich ein Gewand von lichtblauer Farbe, und gleich dem Gesicht, das sich darüber hob, schien ihre Gestalt darunter sich mit überraschender Geschwin digkeit immer lebensvoller zu entfalten'.. ' Doch, wie gefagt, führte der Umschlag der Witterung eS mit sich, daß Dankwart sie nur dann und wann mehr ohne ihrBor wisien am Nachmittag, fondern erst all abendlich in ihren häuslichen Räumen he grüßte. Er ward nicht mehr geholt, stellte sich selbstverständlich um die ... nämliche Stunde ein und besaß ein Recht 'auf dje Empfindung, vollkommen als ein Zuge höriger des Hauses betrachtet zu werden. Der Gouverneur war unverkennbar mit Dank gegen ihn erfüllt, sprach diesen offen " aus und daß er das sichtbare Gedeihen der Gesundheit seiner Tochter allein ihrer Freude an der Musik beimesie. Gespräch iger als früher, führte er oftmals mit dem jungen Anwalt eingehende Unterhaltung über politische und socialeFragen, in denen -Beide in ihrenAnschauungen zumeist übereinstimmten und Dankwart als Gegensatz nur das eine stets in gleicher Deutlichkeit verharrende Gefühl verblieb, daß sich unter aller Toleranz und menschlicher Güte des Grafen ein selten zu Tage tretendes, doch unerschütterliches persönliches Bewußtsein verberge, das an einer bestimmten Grenze überall eine unübersteigliche Scheidewand zwischen dem Vertreter des altaristokrati schenGejchlechts und seinem scheinbar aus'S Liebenswürdigste gleichgestellten bürger lichen Gaste bilde. Zuweilen glaubte er. wenn das Gespräch das Vorhandensein dieser Scheidewand verschleiert hervortre ten ließ, etwas wie Unruhe auf dem Antlitz - der jungen Gräsin zu bemerken, ein Schwanken, den Gegenstand tiefer zu be. rühren und doch auch wieder von ihm ab zulenken. Doch gewöhnlich sagte er sich bald nachher, daß er von einer Täuschung besangen gewesen, denn in den Augen Marie's lag gleich darauf stets wieder die glückliche Heiterkeit wie zuvor. Das Eine hatte sich im Verlauf von Wochen nicht wieder gefügt, daß er sie allein angetroffen. Zweifellos hatte das Jnteresie desVaters für die Musik zugleich mit dem für seinen Gast zugenommen, so daß er diesen täglich selbst mit einer ge wisien Ungeduld erwartete und durch ihn veranlaßt worden, das bisher geführte ein same Leben auch nach andrer Richtung zu erweitern. Er fand Gefallen daran, jetzt ab und zu ebenfalls einige Ossiziere und Beamte der Festungsbesatzung mit ihren Sfcrmim iinfc ÄAljfii otrmtsnhon imfc MMII .IV r vtf V V llt JUU Wll Dankwart begrüßte es bald freudig, wenn er diesen vergrößerten Kreis antraf, da er wahrnahm, daß ein solcher es ihm ermög lichte, leichter mit der Tochter des HauseS in ein Zwiegespräch zu gerathen, als in
Gegenwart des Vaters allein, welcheMarie zumeist nur schweigend in Anhörung des Spiels und Gesanges versenkt ließ. Nicht als ob ein Verhalten des Gouverneurs da zu Anlaß gegeben; dies brachte oftmals zum Ausdruck, daß er im gegebenen Falle die Tochter ohne jeglichen Gedanken mit dem Gaste für den ganzen Abend allein gelasien haben würde. Sie war eineS' Tages fortgegangen, um im dunklen -Nebenzimmer etwas zu suchen, und da sie länger ausblieb hatte der Vater Dank wart gebeten, ihr nachzugehen und behilflich zu sein. Er sprang auf und eilte dem rothen Vorhang , zu, doch zwischen den. Sphinxen besiel ihn ein so tödtlicheS Herz, j klopfen, daß er sich auf eines derMarmor , Postamente stützen mußle, und als der Gouverneur ihn fragte, weshalb er nicht hineintrete, erwiederte er stammelnd: Jch glaube mir scheint, die Comtesie hat.eS) bereits gefunden und kommt zurück Graf Wolkenstein aber lachte : 1 Mir scheint, Ihre Hände sind kunstfertiger als ' hre Füße, jünger Freund, und stehen mit rltterllcherGewandtheit auf etwas gespann-c tem Fuße." (Fortsetzung folgt.) , . ' - Jfi . ,
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