Indiana Tribüne, Volume 1, Number 24, Indianapolis, Marion County, 25 January 1879 — Page 6

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I n d i 0 na Tribüne."

Aus den Wanden.

Novelle von Wilhelm Jensen. (Fortsetzung.) Eine seltsam athemlose Stille, die bei nahe etwas Geisterhaftes b?saß, überwedte für kurze Dauer das große, dunkelmandige Zimmer; dann sagte Graf Wolkenstein kurz: Meine Tochter, ebenfalls eine Freundin der Musik, doch wie ich, keine ausübende. Dein leises und unvermuthetes Kommen scheint Herrn Dankwart fast erschreckt zu haben, Marietta." Die junge Gräfin bewegte mit leichter Neigung die Stirn gegen den ihr vorge stellten Gast, der jetzt hastig aufgesprungen war und ihren Grub durch eine tiefe Verbeugung erwiederte. Nicht so s?hr die Dame und ihr gesellschaftlicher Rang senkten seinen Kopf so weit herab, als ein Doppelgefühl der Beschämung undmecha nischcr Jnstinct, eine gewisse Verlegenheit vor sich selbst sür den ersten Moment zu verbergen. Wie war es möglich gewesen, daß er lediglich auf eine Andeutung Nr. 7 hin diese wie aus einer schneeigen Som merwolke gebildete Gestalt für die einer Schneiderstochter gehalten hatte? In seinem Gehirn kreuzten sich blitzschnelle to pographische Vorstellungen der Lage des Hauses, in dem er sich befand, welche Richtung er auf seinem Wege hieher innegehalten und nach welcher Seite der hoch gelegene Garten sich gegen die östliche Wand seines Gefängnisses erstrecken müsse. Er beabsichtigte durchaus nicht, darüber nachzudenken, aber sein Kopf nöthigte es ihm auf, und ebenso zeigte die Einbildung ihm überall, wie mit leiblichen Augen, in Flur und Hosraum, im Tagesglanz und Halblicht eine weiße Statue, die sich, seiner Sphinxvision vcn zuvor ähnlich,von ihrem Postament gelöst hatte und auf denWegen, welche seine Vorstellung verfolgte, stets in der nämlichen Haltung vor ihm ausschritt. Es war wie ein Halbtraum und drängte auch wie ein solcher ungemessene Zeit in die Secunde zusammen, in der Ernst an! wart die Stirn vor der jungen Tochter des Gouverneurs zu Boden neigte. Nun sah er auf, doch mit einer ungewissen, ge spannten Erwartung. Besagen die jetzt in der Nähe lebensroth aus dem Perlen antlitz hervorleuchtenden Lippen Sprache, oder waren sie inWirklichkeit auch die eines stummen Marmorbildes? Die Antwort auf diese Frage erfolgte eher als Dankwart sie gehofft, Graf Wolkenstein war auf feine Tochter zugetreten, hatte ihre herabhängende Hand zärtlich in die seine genommen und fragte, den Blick sorglich in ihre Augen heftend : Wie be findest Du Dich, Marietta?" Gut, sehr gut, mein Vater ich danke Dir Auch ihre Augen schlugen sich mit dank barem Ausdruck zu ihm auf, und aus dem Blick überfloß ein plötzlicher unsagbarer Liebreiz des Lebens ihre bisherige Reglosigkeit. Doch mehr noch drang der Ton ihrer Stimme in's Innerste des fremden HörerS hinab. Er hatte sich denselben vergeblich vorzustellen versucht, und nun war er in dem dunklen Raum verklungen, so einsachnalürlich, nicht laut, noch leise, und doch wie ein Sonnenstrahl, der, an goldige Morgenfrühe erinnernd, dasZ'Mrner durchschwebt und wieder erloschen. Allein bevor Dankwart sich dieser Empstndüngen vollbewußt geworden, fügte die junge Grafin hinterdrein : Ich glaube, derAbendtisch wartet, mein Vater." Schon? Es ist noch früh" Der Gouverneur warf eineri kurzen unschlüsst gen Blick auf den Festungsgefangenen und dann auf seine Tochter, doch diese fuhr ruhig fort : Dein Gast wird nach der Anstrengung der Stärkung bedürfen, denke ich. Als Hausfrau will ich ihm zum Wegweiser dienen." Sie öffnete, anmuthig voranschreitend, eine andere Thür, die in ein erleuchtetes Speisezimmer sührte, in deffen Mitte eine Abendmahlzeit sür drei Personen bereitet stand. Einen Augenblick schien GrafWol kenstein noch zu zaudern, lud dann jedoch den Gast mit vornehmer Höflichkeit ein, den Platz zwischen ihm und seiner Tochter am Tische einzunehmen, und nach wenigen Minuten war die Dankwart verursachte Unbehaglichkeit des Gefühls, daß derGou verneur diese Folge seiner Einladung nicht beabsichtigt gehabt, überwunden. Gras Wolkenstein trank einige Gläser Weines und gewann dadurch, mehr indeß noch, pie eS schien, durch den heitern Ausdruck

in den Zügen seines Kindes, zu denen er fast in jeder Minute den Blick ausschlug. die beste Stimmung. Er ward gesprächig und erzählte Manches aus seinem Leben, doch bildete die Tochter jedesmal den eigentlichen Inhalt seiner Mittheilungen Sie war während eines Ausenthaltes in Süditalien, den die Aerzte der kränkelnden Mutter anempfohlen, geboren, und der Vater hatte sich gewöhnt, ihren Namen Marie nach dem einer ersten sorrentini schen Kindergespielin' in Marietta umzu wandeln. Er sah sie noch, wie eine deutsche Apfelblüthe zwischen dem Silbergrün der lOlivenblätter, lachend und hüpfend, mit der andern Marietta kleine goldrothe Orangen umherrollend, wie die nordischen Kinder graue Marmelsteine; aber dann hatte sein Beruf ihn über die Alpen zu rückgenöthigt, seinen Wohnsitz hierhin und dorthin verlegt, Mariens Mutter war gestarben weil sie das rauhereKlima nicht mehr ertrug," sügte der Oberst rasch mit einen Blick aus das reglos gewordene Ge sicht seiner Tochter hinzu doch auch die Apfelblüthe 'hatte unter dem nordischen Himmel mehr und mehr Farbe und Art einer Crocos angenommen, die im kalten Frühjahrsmind blaß und schmächtig unter den bunten Schwestern ausgewachsen, und Besorgnib des Vaters wie der Aerzte einen neuen Aufenthalt an den sonnigen Ufern des Mittelmeers geboten. Wohl war die sec von Erfolg begleitet gewesen und die junge Gräfin ertrug den deutschen Som mer, zumal hier oben in der reineren Lust ohne Nachtheil, allein die Unruhe des Va ters hatte dennochVorkehrungen getroffen, daß es ihm ermöglicht sein werde, den näch sten Winter abermals mit ihr in Italien zuzubringen. Eine betrübende Zukunfsaussicht sür mich," sagte Dankwart, da der Gouver neur schwieg, wenn man mich bis dahin höheren Ortes noch als einen Vogcl be trachtet, der des Käfigs bedarf. Die Art dieser Geschöpfe ist so fluglustig, daß, wenn es ihnen einmal von freundlicher Hand vergönnt worden, ein wenig aus ihrem Gitterwerk herauszuflattern, sie sich dop pelt schwer an ihre Wiedereinsperrung ge wöhnen." Der Dank, welchen er dem Festungs gouverneur mit denWorten aussprach, war recht anmuthig eingekleidet, doch Marie von Wollenstem lächelte und erwiederte statt des Vaters: Mich däucht, gerade bei den Vögeln ist die Natur am verschwenderischsten freigebig gewesen und sie bedürften eigentlich gar keiner Flügel, da sie Töne in sich tragen, auf denen sie sich in jedemAugenblicke fortschwingen können, wohin sie wollen, über Länder und Berge, in Licht und Luft, frei, köstlich und körperlos bis in den Himmel hinein. Wenn ick das auch vermöchte, würde ich nichts Anderes auf der Welt mehr begehren, f afec ich auch bis an'sEnde hinter einem vergitterten Fenster. Im Uebrigen sühle ich selbst am Besten, daß ich im Winter nicht nach Italien zurückzuflie gen brauche ; mein Vater ist zu ängstlich und täuscht sich deshalb ebenso wie die Aerzte, die mir immer wärmere Lust für meine Brust vorschreiben. Ich bin gar nicht krank " Doch, mein Kind, Du bist es und be darfst der höchsten Vorsicht. Ich sage nicht, krank nur daß Deine Gesundheit eine zarte ist " Der Oberst hatte das Letztere schnell nachgesügt. denn Marie war sich beim Anfang seiner Erwiederung mit derHand über die Stirn geglitten, wie wenn derSchatten einer Hzarlocke ihr auf die Augen herab genickt und ihrUnbehagen verursacht habe. Doch nun lächelte sie wieder : Ihr Gleichnis von vorhin hatte wahrlich Recht, Herr Dankwart. Wir sitzen hier wie thörichte Vögel im Käfig, die sich den Kopf mit Gedanken über die Gitter stäbe schwer machen, hinter denen sie ein geschlossen sind, und es steht doch nur be uns, auf unseren Flügeln aus Enge und Dunkel in die Freiheit, die Sonne, das Vergeffen hinauszufliegen." Der Sinn ihrer Anspielung war nicht m'chzuverstehen, doch der junge Rechtsanwalt blickte unwillkürlich aus eine ihm ge genüber befindliche Wanduhr, die gerade zum Schlage ausholte und versetzte : Ganz steht diese Freiheit doch nicht bei Jedem, Eomtkffe, z. B. bei einemFestungs gefangenen, dem es nicht wohl anstünde, über der Annehmlichkeit des Augenblicks zu vergessen, dab die Gesetzesvorschrist ihm um neun Uhr Abends die Rückkehr hinter sein Fenstergitter auferlegt:" Er machte eine Bewegung, sich zu erheben, auch derGouverneur sagte : Wahrhastig, bereits neun Uhr, die Zeit ist heut'

Abend auch wie ein Vogel geflogen," und stand auf, allein seine Tochter fiel ihm in's Wort: Mich däucht, es muß jederzeit in der Besugniß eines Gesetzgebers stehen, Man gel, welche die Praxis herausstellt, zu verbessern. Außerdem erinnere ich mich eines lateinischen Sprichworts ist's nicht so? von der Gegenwart des Arztes: Prae wie ttjar's ? Praescnte " "Medico nil nocet," ergänzte Dank wart. Doch der Arzt selbst wird der Be Handlung, die er einmal angeordnet, nicht widersprechen." Graf Wolkenstein nieste : Ich hoffe, daß Sie uns dasVergnügen machen, mor gen Aben) Ihren Besuch zu wiederholen. Wir leben sehr einsam " Marie war an ihren Vater Zherangetre ten, legte die Hand auf feinen Arm und wiederholte: "Praesente meclico nil nocet 2)u sagst ja, ich sei krank ist es da nicht vorsichtiger, eine Arznei heute zu nehmen, als morgen? Nur einen kleinen Schlastrunk noch !" Sie hatte es launig gesprochen, doch um ter dem leise zitterndenKlang ihrer Stimme lag es als sehnliche Bitte, und der Vater küßte hastig ihre Stirne : Wenn Du es wünschest, mein Kind " Rein, wenn eS Herrn Dankwart nicht zu viel wird. Aber mein Kommen vorhin hatte ihn unterbrochen nur den Schluß der Sonate noch !" Sie schritt sichtlich freudig erregt wieder in das Nebenzimmer voraus, ordnete an den Lichtern des Flügels, und die Andern folgten nach. Graf Wolkenstein hatte an der Thür einenMoment gezögert und dann flüsternden Tones sich rasch an Dankmarts Ohr gebeugt: Die Aerzte haben jeder Aufregung dringend widerrathen, die ihr das Abschlagen eines unschädlichen Wun sches verursachen könnte. Es ist im Ge gentheil mein Kummer, daß sie fast nie um etwas bittet, darum und im Uebrigen wirkt jedesmal die Musik selbst wie einArzt für Tage lang heilsam auf ihren Zustand. So srohsinnig wie heut Abend habe ich sie seit langer Zeit nicht " Er brach ab, da die.Tochter sich wieder zu ihnen wendete, Dankwart entgegnete laut : Ja, die Musik ist eine alte Zauberin, vielleicht die älteste, welche die Menschheit mit ihrem goldtönigen Netze umgarnt hat. Ich mußte heut' Nachmittag eineö Liedes zu ihrem Lobe gedenken, das ein englischer Dichter vor drei Jahrhunderten zu ihrem Preise gesungen und das ich, weil es mir besonders gefiel, früher einmal so gut es ging mir verdeutscht" Haben Sie es im Gedächtniß?" fiel die junge Gräfin fragend ein. Das zu vernehmen, würde mich auch erfreuen." Ernst Dankwart sann, auf den Flügel gestützt, einigeSccunden nach. Ich denke, daß ich es zusammenbringe." Und er xt citirte die Strophe, die er sich am Nachmittag vorgesprochen : Wenn Kummer uns daö Herz macht krank Und Schwermut trüb den Gcist bedrückt, Musik mit ihrem Silbcrklang Ist's, die unö schnell dem Gram entrückt; Auf ruhloö Leid, auf jede Wund' Legt Balsam süß der Töne Mund." Dos ist schön denn es ist wahr," äußerte Marie langsam. Wie geht es sort? Ich höre es gern" Sie lauschte ausmerksam vorgebeugt in der Stellung, in der Dankwart sie zuerst gewahrt, er suhr fort : Sie ist's, die unö im Glück erfreut, Vom Weh erlöst ein trüb Gemüth, Des Irrsinns Nacht vom Haupt zerstreut Musik mit schmeichelnd süßem fiiri - DerSprecher hielt mitten in derStrophe inne, denn zwei Armbewegungen seiner Zuhörer unterbrachen ihn. Marie von Wolkensteins lange schmaleHand hatte sich emporgehoben, wie sie es schon einmal am Tisch drüben gethan, und glitt langsam über die Stirn, als sei die herabnickende Haarlocke wieder dort, und gleichzeitig legte derGouverneur seine Hand plötzlich auf die Schulter des junven Mannes und sagte:

Verzeihen Sie es ist mir um des Wärters willen, dem ich Austrag gegeben wenn Sie uns noch das Vergnügen machen wollen, den Schluß des Musikstückes ich werde morgen meine Anord nung anders treffen." Dankwart setzte sich mit einiger Verwunderung, doch bereitwillig an denFlügel, leitete die abgebrochene Sonate wie der ein und beendigte sie. Die Lichter mochten von derHand des Mädchens vorhin etwas anders als im Beginn gestellt worden sein, denn sie warfen keine B!en i dung mehr über das Oelbild zur Rechten,

so daß der Ausblickende es jetzt deutlich unterschicd, und die Ähnlichkeit dasselbe zweifellos als die' Mutter der jungen Gräsin ergab. Es war das nämliche, feine blasse Gesicht, vielleicht um ein Jahrzehnt älter ; offenbar hatte die Hand desMalers sich Mühe gegeben, es möglichst zu beleben, doch es war ihm nicht erreichbar ge wesen, eine eigenthümlich vor sich hinausblickende Reglosigkeit der Augen völlig zu überwinden, welche inVerbindung mit dem die Stirn umziehenden leichten grünen Rankenkranz das Bild fast wie das eines schönen Todtenantlitzes erscheinen lich. Dankwart beeilte sich, um nicht eine noch malige Mahnung seines Wirthes zu veranlassen, zum Ende zu gelangen, und stand, den Flügel schließend, aus. Der Gouverneur erleichterte ihm den Fortgang, indem er auf ihn zutrat, ihm die Hand reichte und unverkennbar aufrichtigsten Tones beifügte: Ich danke Ihnen von Herzen. Also aus Wiedersehen morgen Abend! Die Tochter hatte sich in einem Sesiel zurückgelehnt, schwieg und schien nichts von der Verabschiedung des Gastes zu bemerken. Dann sah sie sast mit erschrecktem Ausdruck ans, trat rasch einige Schritte vor, hielt jedoch ebenso plötzlich inne und begrüßte den Fortgehenden wortlos mit derselben leichten Stirnneigung wie bei ihrem Eintritt, so daß er das Gesühl mit sich hinaus in die Sternennacht nahm, als habe er einen kurzen Pygmaliontraum durchlebt, in welchem unter seinen Augen eine Marmorstatue zum Leben erwacht sei, um den Blick deS Auges und den Ton der Stimme, Gestalt und Regung wieder in Starre des Steinbildes untergehen zu lassen. Nr. 7 nahm ihn draußen in Empfang, hatte in der kühlen Nachtluft ge wartet, war' mißgelaunt -wortkarg und doch neugierig zugleich, allein Dankmarts Stimmung nahm weder von dem Einen noch vom Andern Notiz, bis der Wärter die letzte Thür ausschließend brummte : Der Herr Gouverneur hatte mir neunUhr gesagt und ist der pünktlichste Herr, den es hier oben und unten in der Welt gibt. Wenn's nicht zutrifft, steckt allemal eine Frauensperson dazwischen, die sind sammt und sonders von Haus aus na, ja eben, von Haus aus, daher kommt's." Er brummte noch etwas Unverstand liches weiter in den gelbweißen Zottelbart und sügte hinzu : Soll ich Ihnen Licht bringen?" Sie vergessen, das wäre nach neun Uhr gegen die Vorschrift ; ich dankcJhnen auch und brauche es nicht." Andere Leute vergesien die Vorschriften auch," versetzte der Alte, und sür Nr. 23, scheint mir, wird's überhaupt bald gar keine mehr geben. Ich bin einundreißig Jahr' hier oben, so etwas ist mir aber bis da noch nicht vorgekommen." Er wollte gehen. Dankwart trat ihm an die Schwelle nach. Sagen Sie llege waren Sie bereits hier, als dieGemahlin des Herrn Gouverneurs starb V Na, ich war allerdings schon hier, aber sie nicht So wissen Sie also nicht, wo und woran sie gestorben V Der Wärter sah mit seiner Laterne in der Hand einen Augenblick antwortlos aus den Fragenden. Man braucht nicht Alles selbst gesehen zu haben, um es genau genug zu wissen. Wo ? Auch irgendwo hoch oben, im vierten Stock oder so den Namen des Orts weiß ich nicht. Und gestorben ist sie weil ihr die Lust ausging." Ich dachte es mir, an der Schwind-sucht-" Ja wohl, das Leben schwand ihr unter den Füßen weg, so hab' ich's gehört. Gute Nacht. Zuschließen ist wohl auch nicht mehr Vorschrift?" Der Wärter ging, sein Schlüsselbund verklirrte draußen im Flur, es war todten-

still. Ernst Dankmarts Lippen zogen sich zu einem lustigenNachgruß zusammen, doch sie brachten keine . Worte hervor und er trat schweigend durch den dunklen Raum an's Fenster. Die weiteWelt drunten lag ruhig, nicht hell, allein auch nicht finster; ein Halblicht ging darüber, deffenUrsprung sich verbarg. Erst als der Hinausblickende den Kopf möglichst zur Seite bückte, entdeckte er linksbin erstes Mondviertel, das als schmale Sichel im wolkenlosen Himmel schwamm. Er überdachte die letzten Stunden, aber dazwischen drängte sich ihm immer ein Etwas, das die angesponnenen Gedankensäden durchkreuzte, uud doch wußte er nicht was, vermochte cs sich nicht klar herauszuwickeln, obwohl er lange gegrübelt haben

mußte, denn er nahm zu seinem Erstaunen wahr, daß die kleine Mondsichel hoch am Zenith ihm gerade gegenüber stand. Nun kleidete er sich, aus, legte sich zu Bett und schlief ein, oder glaubte wenigstens es zu thun.' Aber plötzlich fand er sich mit offenen Augen und zugleich Das, was er vergeblich gesucht hatte. Es war etwas höchst Unbedeutendes, nichts als eine eigentlich lächerliche Frage, dennoch erkannte er jetzt deutlich, daß sie es gewesen, die ihn immer in seinem Umherdenken gestört. Weshalb er die mürrische Laune von Nr. 7 heut' Abend nicht nach seiner sonstigen Weise ausgebeutet, um seinen Spaß daran zu haben ? Ja, weshalb nicht, fragte er sich jetzt und wußte keineAntwort und lag wieder und grübelte nun über diese Frage. Endlich murmelte er : Dummes Zeug vermuthlich weil ich nicht lachlustig gewesen bin", drehte sich auf die 'andere Seite und schlief jetzt wirklich. . Doch auch der andere Morgen und der ganze Tag betrafen den jungen Gesängenen in keiner spaßhaftenLaune. Dagegen ließ eine unruhige Stimmung ihn von seiner Festungssreiheit ausgiebigsten Gebrauch machen. Er wanderte überall um her, hielt sich besonders indeß in der Rich tung des Eommandanturgebäudes, das er sich, wo eine Annäherungsmöglichkeit war, so genau von allen Seiten betrachtete, als ob er zum militärischen Geniecorps gehöre und alsFestungsarbeit eine topographische Aufnahme desselben zu bewerkstelligen habe. Es zeigte sich nicht leicht, bei den mehrfach geschloffenenZugängen dieDurcheinanderschiebungen vonMauern, Dächern und Giebeln zu entwirren, allein allmälig arbeitete der Beschauer sich eine einiger-. maßen deutliche Vorstellung'des Ganzen heraus. Das Haus mit seinem Zubehör war auf einem Felsen errichtet, der nach Süden mit senkrechter Wand in die Tiese fiel; bis an diese zog sich aus derPlatform der Garten, weit größer, als das östliche Gitterfenster des Gesängnisies ihn ver muthen ließ und offenbar schon aus alter Zeit angelegt, da stellenweise dichtes Gebüsch und ziemlich hohe Bäume Schatten darüber ausbreiteten. Zugänglich schien die ganze Felsenerhöhung nur aus dem einzigen Wege des Treppenaufgangs,über den Dankwärt gestern Abend emporgeführt worden. So bildete die Eommandantur gleichsam noch eine zweite Festung über der ersten, die sich in ihrem alterthümlichen Stil und der halbbogenartigen grünen Einrahmung, besonders von drunten gesehen, höchst romantisch ausnehmen mußte. Trotz dieses architektonischen Reizes blickte der Umherwandelnde jedoch von Stunde zu Stunde häusiger aus seine Uhr und stellte sich, als fürchte er auck nur das kleinste Bruchtheil seiner Mittagömahlzeit zu verpassen, auf die festgesetzte Minute zu dieser ein, bethätigte indeß den danach zu vermuthenden Eifer an denSpeisen keineswegs, sondern schien mit der nämlichen Ungeduld das Wiederabtragen derselben zu erwarten. Als dies kaum geschehen, setzte er sich an's Spinet und begann zu spielen, doch dies ebenfalls in einer halb gedankenabwesenden, unruhigen Weise,welche das Gleichniß von dem zumAusflug ansetzenden Vogel jetzt aus ihn anwenden ließ, und plötzlich cmporspringend erklettert er den Stuhl in der Fensterecke und nahm hastig-gewandt die ihm schon vertraute Stellung ein. Die Nachmittagssonne wir da, übergoldete den Laubeneingang, und in ihm stand Marie von Wolkenstein, weiß, unbeweg lich, lauschend so wie sie ihm am Abend wieder entgegentrat, als Nr. 7 ihn den gestrigen Weg in's Festungsschloß hinaus geleitet und er in dem großen dunklen Raum Alles wie am Tage zuvor für seinenEmpfang vorbereitet angetroffen. Der Gouverneur begrüßte ihn aus's Freund-

lichste und Freudigste, die junge Gräfin gewann bald noch größere Heiterkeit als gestern, so daß selbst ein leichter rosiger Schimmer über ihre Wangen herausstoß. Auch Graf Wolkenstein nahm es heut als selbstverständlich an, daß der Gast sich an dem abendlichen Tische betheiligte, und der Schlag der neunten Stunde ging vorüber, ohne .daß ein Ohr darauf hörte, ein Blick sich zu dem Zeiger emporwandte. Marie holte nach der Mahlzeit aus einer alten, schöngeschnitzten Holzruhe Noten hervor, suchte darunter und fragte Dankwart, ob er dieselben kenne. Er bejahte und ward sich dann erst .bewußt, daß er nicht auf die Titel, sondern nur auf die seinen, schmalen Finger gesehen, welche die Blätter umschlugen. (Fortsetzung folgt.)