Indiana Tribüne, Volume 1, Number 16, Indianapolis, Marion County, 30 November 1878 — Page 6

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Tribüne."

Den Aobelmmm. t Erzählung von Kr. Herftäcker.

V. (Fortsetzung.) .Aber, bester Herr Hobelmann," sagte Franz, der mit aller Gewalt an sich halten raubte, sein Lachen zu verbeißen, das hätte sehr unglücklich ablausen können." Allerdings erwiderte der Advocat und warf 'einen verstohlenen Blick über seine Schulter. Vorhin nahm mir auch schon eins der männlichen Individuen etwas übel derartige Leute sind ja entsetz lich reizbar. Sie kamen zum Glück dazwischen. Aber wer war der junge, ganz elegant gekleidete Mann? Und was ist er?Der? Das ist,. wie ich Ihnen schon andeutete, 4 einer unserer unbändigsten Kranken, wenn er einmal losbricht," erwiderte Franz, während Herr Hobelmann aus Helmerdiek zeigte. Sie werden auch bemerken, dab sich zwei der sogenannten Bedienten stets in seiner Nähe befinden. Halten Sie sich lieber entfernt von ihm." Ersieht mich noch sortwährend finster an sagte Herr Hobelmann, den das beunruhigte. 'Es sällt gar nicht so selten vor," meinte Kettenbrock, daß ein solcher Patient gegen irgend ein ihm austobendes fremdes Gesicht plötzlich einen Widerwillen zeigt, und geschieht das, fo müssen wir solche, ihren kranken Geist erregende Elemente allerdings. sogleich entfernen. Im vorigen Jahr stürzte sich ein ähnlicher Kranker trotz aller Aufsicht aus einen Fremden, der ihm nicht das Mindeste zu Leide gethan, und ehe wir zu Hülfe springen konnten, hatte er ihm die Halsader durchgebissen." . ?E8 ist entsetzlich!" sagte Herr Hobelmann und fing an, sich nicht mehr recht geheuer zu sühlen. Franz auf ein Wort zürnte in diesem Augenblick dte Frau Steuerräthin, die gerade wieder vorüberrauschte ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu sagen." Ich stehe im Moment zu Diensten," versetzte der junge Mann. Wissen Sie was, mein bester Doctor lemirkte Herr Hobelmann ich denke, ich werde mich jetzt lieber wieder entfernen. Ich habe Ihre Zeit eigentlich schon zu lange in Anspruch genommen, und es wird spät." -'Mein bester Herr Hobelmann, es war mir eine grobe Freude, Ihnen gefällig ge Wesen zu sein, aber wenn Sie nicht länger bleiben wollen das Souper mub übrigens gleich beginnen." . Ich .danke Ihnen sehr. Apropos Sie entschuldigen jedenfalls die Frage ist hier ist hier vielleicht irgend Jemand von den Leuten, dem man ein Trinkgeld" Das ist nicht nöthig," sagte Franz, dessen muthwilliger Blick gerade auf den unfern der Thür stehenden Hauptmann siel, wenn Sie aber Jemandem eine Klei nigkeit geben wollen, so ist das der Krankenvärter dort, der da drüben an der Thür sieht." ' Ah, der Mann mit dem groben Schnurrbart?" Derselbe." Ich bin Ihnen verbunden. Wie aber werde ich mich jetzt am besten nach Hause finden? Droschken sind doch jetzt nicht mehr zu finden." Nein, aber ich habe dafür gesorgt. Der Diener dort in der Scharlachweste wird Sie begleiten, damit Sie nicht irre gehen." Ah, nur bis auf den Markt, dann finde ich meinen Weg schon allein." So wie Sie in die Ihnen bekannte Gegend kommen, können Sie ihn zurückschicken Und Ihrem Herrn Onkel, dem Obermedicinalkath. bitte ich mich bestens zu empfehlen. Erwirb jetzt beschäftigt sein, und ich möchte ihn nicht stören -.Jch verde.eS übernehmen, mein werther Herr Hobelmann. Bitte, gehen Sie nach dieser Seite herüber; da drüben kommt verjünge Kranke wieder, der. wie es scheint, die Idiosynkrasie wider Sie hat, und ich möchte daher nicht gern, dab Sie ihm be gegneten." Wünsche einen recht angenehmen Ubenb sagte Herr Hobelmann rasch, der Anordnung auf das Bereitwilligste Folge leistend, und von dem Bedienten dem Kutscher des Negieru'ngSrätheS, den Franz schon vorher, genau instruirt hatte be gleite arbeitete sich der Advocat, sehr zum Erstaunen der'Gästeäuberst rücksichtslos auf den, Hauptmann zu.' Er war ja im Begriff sortzugehen, und dicht an der Treppe, was brauchte er also mit den Verrückten für, die er doch die ' ganze Gesellschaft hielt, noch viel Umstände zu ttachen.1 Mit einigem Erstaunen sah ihn Hauptmann von Stimbeck so gerade auf sich zu kommen. Sollte der Fremde etwa eine öder' die andere der Bemerkungen gehört haben, die er vorher ziemlich laut über ihn gemacht? Was that's denn? Er mochte ihn zur Rede stellen, desto besser - an kurzer, derber Antwort sollt' e3 nicht fehlen. Hen Hobelmann kam näher. Jetzt war er nur noch zwei Schritt entfernt er bog weder rechts noch links aus jetzt noch ; einen der Hauptmann maß ihn trotzig mit den Augen jetzt streckte er den Arm aus, und Hauptmann von Stimbeck fühlte.

wie ihm etwas Papiernes in die Hand gedrückt wurde. War das die Karte seines vermeintlichen Gegners? und das confiscirte Gesicht" nickte dazu so gnädig. Im nächsten Augenblick war Hobelmann durch die Thür verschwunden, während Stimbeck seine Hand gegen eine der nächsten Lampen öffnete. Tod und Teufel!" knirschte er dabei zwischen den zusammengebissenen Zähnen ob mir der Schust nicht einen Kassen schein in die Hand gedrückt, als ob ich ein Bedienter wäre " und in aufloderndem Jähzorn wollte er. dem unglücklichen Manne nach. Hier aber vertrat ihm Franz den Weg, und seine Hand ergreisend, bat er dringend: Ich ersuche Sie um Gottes willen, lieber Hauptmann, machen Siehier keine Scene. Der alte Herr war so fidel und hat so viel getanzt, dab ihm der starke Wein, den er gleich darauf getrunken, wohl ein wenig in den Kopf gestiegen ist. Ich wies ihn an den Bedienten, der hinter Ihnen stand, um seinen Ueberzieher von dem zu fordern, und wahrscheinlich hat er gar nicht mehr gesehen, wen er vor sich hatte, und war nur froh, daß er die Thür erreichte." Ich werde es ihm anstreichen brummte der Hauptmann in den Bart hinein. Wo wohnt der Mensch ?" Ich sage Ihnen später seine Adresse. Lasten Sie ihn wenigstens erst ausschlafen. Auberdem hat Sie mein Onkel schon überall gesucht Sie sollen einen 'Hoch heimer Ausbruch mit ihm Probiren Alle Wetter, da steh' ich zu Diensten ! Aber ich kann das Geld doch nicht behalten? Wenn ich dem Tölpel seinen Thalerschein nur gleich in's Gesicht geworfen hätte." Der Hochheimer Ausbruch wartet. Ge ben Sie das Geld dem ersten besten Diener, dem Sie begegnen." Nein verdammt," sagte der Hauptmann, indem er es in die Westentasche steckte, daß der Bursche am Ende noch glaubte, ich hätte es behalten? Das soll er mit gehörigem Protest zurückbekommen. Wie sind Sie nur an das Ungethüm a rathen, Kettenbrock? So viel ich weiß, haben Sie ihn uns doch heut Abend zugeführt." Später erzähle ich Ihnen einmal die ganze Geschichte, mein bester Hauptmann jetzt wartet der Onkel und der Wein, und die vertragen alle beide keine Versäumniß." VI. Franz Kettenbrock, wie er mit dem wenigstenö für jetzt beruhigten Hauptmann durch den Saal schritt, konnte es aber nicht entgehen, daß unter den bis dahin so steifen und förmlichen Gästen ein ganz reges Leben herrsche. Kaum war der Tanz beendet, als sich überall kleine Gruppen sammelten, und die Frau Steuerrä thin, der junge Helmerdiek, wie die beiden Fräulein von Losenbrett und Bomershau sen fuhren dazwischen hin und her und theilten den verschiedenen Parteien ihre Entrüstung über den Fremden mit, über den sie fest entschlossen waren, von Franz Kettenbrock genügende Auskunst zu verlangen. Die jungen Leute dagegen, die heimlich ihre herzinnige Freude an dem Zorn der älteren Damen hatten, standen ebenfalls in kleinen Trupps kichernd beifammen, und jedenfalls war das Eis gebrachen, das sonst derartige Gesellschaften mit seiner kalten, glatten Fläche überzieht. Hobelmann, ein so ungeselliger Bursche er an und für sich auch sein mochte, hatte wenn auch ganz unfreiwillig, die Laune der Anwesenden erweckt, und der alte Regierungsrath, bis dahin ohne die geringste Ahnung vsn der Ursache dieser freudigen Veränderung, traf mit einem innig vergnügten Geficht, an der Thür des kleinen Cabinets, mit Franz und dem Hauptmann zusammen, schüttelte Beiden die Hände und versicherte ihnen, er wiste sich der Zeit nicht zu erinnern, wo er eine so lebendig be wegte Gesellschaft bei einander gesehen habe. Es geht auch heute in der That unge wöhnlich munter her," sagte der Hauptmann, ich weiß selber nicht, wann ichs so gesehen hätte. Die jungen Damen kichern und lachen da mit einander, daß eS eine wahre Lust ist." Was ste nur haben, die lieben Dinger," schmunzelte der RegierunSgrath und Adele kenne ich heute gar nicht wieder, ste ist ganz ausgelassen, während Fränzchen ihre sonstige stille Rolle übernommen hat." DaS arme Fränzchen haben sie mir ge neckt," meinte der Hauptmann, und daran ist Niemand weiter schuld, wie jener vertracte, ungeschickte Bursche, den unö der Franz heute über den HalS gebracht hat." Der Fremde ?" rief der Regierungsrath erstaunt; apropoS, Junge, wo ist denn Dein Freund? Ich habe Dir doch gesagt. Du solltest ihn mit zum Weine bringen." Er läßt sich entschuldigen, bester Onkel," erwiderte Kettenbrock. ' Er kann däS lange Aufbleiben nicht leiden und ist heimgeganqen Heim? UM elf Uhr schon? wäre nicht übel und nicht einmal einen Imbib angenommen. Doch eS ist seine eigene Schuld und kein Mensch kann etwaS.dafür, Jetzt, Kinder, sollt Jhr.'aber noch vor der Tafel ein Gläschen Hauptwein kosten." Soll ich unsern ! jungen Doctor nicht dazu holen V unterbrach ihn Franz. Den Helmerdiek?" sagte der Regierungörath und warf seinem Neffen einen

eigenthümlichen Blick zu, ich fürchte beinahe, der hat schon zu viel Feuer im Kopf und der Hochheimer verdreht ihn mir ganz. Aber meinetwegen hol' ihn. Es scheint mir ein ordentlicher Mann zu sein, und ich mag ihn bis jetzt ganz wohl leiden." Der alte Herr war vortrefflichen Humors, und der kostbare Rheinwein diente nicht dazu, seine Laune herabzustimmen. Auch das bald servirte Souper wurde heiter belebt. Hobelmann aber, danach zu urthei len wie man von ihm sprach, war gerade zur rechten Zeit verschwunden: Am ärgsten wüthete die Steuerräthin gegen den Grafen Hobelmann, und nur die Königin von Birma, durch die unterschriebenen zehn Louisd'or geblendet, nahm einigermaßen seine Partei. Aber selbst Herrn Hobelmann vergab man, als nach der Tafel die Tische bei Seite geschoben wurden und die lockenden Töne der Instrumente das junge Volk zu neuem Tanze riesen. Die Frau Commerzienräthin allein be hielt den Grafen" auch nach aufgehobener Tafel noch im Gedächtniß, und in der natürlichen Sorge, die gezeichnete Summe baar in ihre Kaste für die armen Heidenkinder" zu bekommen, bat sie den jungen Kettenbrock um die versprochene Adreste. Franz suchte ihr anfangs auszuweichen, aber sie ließ nicht nach, und um die Sache nicht weiter zu treiben und etwa gar an die Oeffentlichkeit zu bringen, was ihm seines Onkels wegen fatal gewesen wäre, gab er ihr endlich einen andern Stadttheil mit irgend einer beliebigen Hausnummer an. Dadurch glaubte er sich vollkommen dagegen gesichert, daß sie den Grafen Hobelmann etwa auffände, und setzte sie ihn später selber über die nicht erfüllte Verbindlichkeit zur Rede, so ließ sich wohz ein Ausweg sinden, den Grasen vorläufig zu entschuldigen und die Sache hinauszu schieben. Franz Kettenbrock kannte jedoch, in Allem was ihre milde und heilige Stiftung betraf, die Hartnäckigkeit der Frau Commerzienräthin noch nicht. Herr Hobelmann war indesten von dem ihm beigegebenen Diener durch den Garten aus dem Haus und auf einem kleinen Umwcg bis zum Markt geführt worden, wo sich der würdige Mann bald orientirte, seinem Führer ein kleines Trinkgeld gab und, sehr zusrieden mit der Benutzung seines Abends, eben der eigenen Wohnung zugehen wollte. Der Bursche hatte sich aber auf eigene Hand das Vergnügen ge macht, ihn wieder nach vorn, genau vor das Haus zu führen, das er vor einer Vier telstunde etwa durch die Hinterthür verlassen, und die hell erleuchteten Fenster wie die Musik fielen Herrn Hobelmann auf. Wer wohnt da, wo die Musik ist?" frug er den Bedienten. Der Herr Regierungörath Kettenbrock, zu dienen." Hm Kettenbrock ? Kettenbrock ? hat auch Ball ? sagte Herr Hobelmann, dem der Name ausfiel. Sein Neffe ist nach langer Abwesenheit zurückgekommen, und da wird ein kleines Familienfest gefeiert." So? hm na gute Nacht," und mit den Worten kehrte sich Herr Hobelmann ab und schlenderte der Richtung zu, in der er jetzt sein eigenes Quartier wußte. Der Bediente aber blieb noch kurze Zeit vorder hell erleuchteten Etage des Regierungsraths stehen, und erst als der Fremde um die nächste Ecke verschwunden war, nahm er seinen Schlüffel aus der Tasche, öffnete still vor flch hinlachend die Thür und tauchte ebenfalls in das Innere des Hauses ein. Herr Hobelmann, mit keiner .Ahnung übrigens, welchen Zwecken er den Abend gedient haben könnte, schlief die Nacht ganz ausgezeichnet, und erwachte am näch sten Morgen etwas später als sonst für seine Geschäfte. Um neun Uhr brütete er aber doch schon wieder üder einem tüchtigen Stoß Acten, und ging erst im Laufe des Nachmittags aus, um eine Stunde lang frische Luft zu schöpfen. Um Pvenburg ringelte sich eine sehr hübsch arrangirte und gut unterhaltene Promenade, die Vorstädte von der eigentlichen Stadt .trennend und den in ihre hohen Häuser eingeengten Städtern Luft, Licht und Schatten gewährend. Schmale Wege zogen sich, hier in einander laufend, dort wieder nach verschiedenen Richtungen auszweigend, neben einander hin 'und wurden an schönen Abenden von den Bewobnern von Vvenburg auf das Lebhafteste frequentirt. Hobelmann hatte übrigens andere Dinge im Kopf, als flch viel um die ihm fremden Bewohner von Yvenburg zu bekümmern. Deshalb, die Hände aus den Rücken gelegt, den' Kopf etwas gesenkt, war er schon eine ganze Weile achtlos dahingeschritten, alö er plötzlich mit einer ihm gerade entgegenkommenden Dame fast zusammenrannte. Wie ' er aber den Kopf hob, sah er sich Äuge in Auge mit der Frau Steuerräthin, die ihn kaum erkannte, als sie ihm einen majestätischen Blick der Verachtung zuschleuderte und dann vorüberrauschte. - Im ersten Moment, und in dem Gefühl ein bekanntes Gesicht vor sich zu haben, griff Herr Hobelmann nach seinem Hut; im folgenden Augenblick aber, als mit der Erinnerung an gestern Abend die Gestalt der Dame Form und Namen erhielt, erschrak er ordentlich. Jene ungarische Gräfin, die sich für eine Steuerräthin hielt, auf offener Straße?

Jedenfalls hatte sie also gestern Abend eine unbewachte- Gelegenheit wahrgenommen und war entsprungen in dem Kleiderstaat, den ste auch heute trug, konnte sie recht gut gerade vom Balle kommen und Herr Hobelmann blieb im ersten Augenblick, vollkommen unschlüssig über das, was er thun solle, stphen und sah ihr nach. Sein Gefühl für bürgerliche Sicherheit und Gerichte ließ ihn aber nicht lange in Zweifel, und die Frau Steuerräthin, die es sich nicht versagen konnte zurückzuschauen, ob der freche Gras" durch den ihm zugeschleudertcn Blick auch wirklich vernichtet sei, bemerkte zu ihrem unbe grenzten Erstaunen, daß er umdrehe und ihr folge. Wollte er sie anreden ? ha, er sollte nur kommen, sie sühlte sich gerade in der 'Stimmung, ihm mit kalten, dürren Worten zu sagen, w i e sehr sie ihn geringschätze. Obgleich sie sehr langsam ging, überholte sie aber der vermeintliche Graf doch nicht, sondern blieb in gleicher Entfernung hinter ihr, und als sie eine an ihr vorbei gehende Dame benutzte, den Kops zurück' zuwenden, sah sie sogar, daß der Unver schämte mit einem gerade dort stehenden Polizeidiener sprach und auf sie deutete. Der liebe Gott nur weiß, weshalb sie dabei so erschrak, aber sie wurde leichenblaß, und war sie früher langsam gegangen, so verdoppelte sie jetzt ihre Schritte, dem verhaßten Menschen zu entkommen. Der Polizeidiener blieb aber nicht allein hinter ihr, sondern überholte sie sogar, und als er an ihr vorüberging, als ob er irgend ein anderes Ziel verfolge, drehte er sich nach ihr um und sah ihr in's Gesicht dann ging er wieder langsamer, ließ sie vorbei und hielt sich nur in ihrer Nähe. Herr Hobelmann dagegen, der jetzt glaubte seiner Pflicht genügt zu haben, indem er die Polizei auf ein der Gesellschaft gefährliches Individuum aufmerksam gemacht, zugleich aber auch mit der Sache weiter nichts zu thun haben mochte, drehte wieder um, um seinen vorhin begonnenen und durch die Steuerräthin unterbrochenen Weg fortzusetzen. Er hatte die Dame auch in der That schon beinahe vergessen, als er auf eine so eigenthümliche als wirk same Art auf's Neue an sie erinnert wurde. Ach, mein lieber Herr Graf," redete ihn eine ältliche Dame in einem mit großen Blumen besäeten Hut und in größte Toilette gekleidet an, indem sie auf ihn zu trat und, als er an ihr vorbeischlüpfen wollte, seinen Arm berührte, das ist ja ein sehr glücklicher Zusall, der mich Sie hier finden läßt. Mein Mädchen ist heute Morgen nach dreistündigem Umherlausen nach der mir von Franz gegebenen Adreste nicht im Stande gewesen, Sie aufzufinden. Auch auf der Polizei war es nicht möglich, den Herrn Grafen zu erfragen, und ich wollte mir eben noch einmal Ihre richtige Adreffe geben lassen' Die Königin von Birma !" dachte Ho belmann erschreckt. Gleichfalls ausgekniffen? Die beiden Frauenzimmer müssen zusammen davongelaufen sein das ist wirklich eine schön: Aufsicht in der Anstalt." Sie kennen mich am Ende gar nicht mehr ?" lächelte die Frau Commerzienrä thin, als sie sein bestürztes Gestcht bemerkte. Oh, ja wohl, Majestät," sagte Herr Hobelmann, noch unschlüssig ob er die Unglückliche sofort in Person festhalten und um Hülfe rufen, oder sie ebenfalls wie vorhin die ungarische Gräfin ungesehen verfolgen und dem ersten ihm begegnenden Polizeidiener anempfehlen solle. Natürlich mußte er jetzt noch, so lange ste in Freiheit war, auf ihre vermeintlichen Ideen ringe hen. Ich werde so leicht die Ehre nicht vergessen, bei Ihnen Audienz erhalten zu haben." Ja um's Himmels willen," fagte die Frau Commerzienräthin erschreckt, für wen für wen halten Sie mich denn ?" Majestät können, wenn Sie nicht tx kannt sein wollen," sagte Herr Hobelmann, der das Erstaunen ganz falsch verstand, auf meine volle Diskretion rechnen," Der Graf ist verrückt geworden; er ist rein übergeschnappt," dachte die bestürzte Dame und wollte sich schon mit einer Ver beugung zurückziehen aber die zehn Louisd'or könnte sie doch nicht im Stich lassen, und mit nur etwas ängstlicher Stimme sagte ste : Sie erinnern sich doch, daß Sie gestern Abend so freundlich waren, eine kleine Summe &um Besten der heidnischen Wai sen zu unterschreiben ?" . Allerdings," erwiderte Herr Hobelmann ohne den mindesten Rückhalt, denn ein Widerspruch hätte ihm hier auf der Straße eine heftige Scene bereiten können mit dem Wunsche,'daß das Geld segensreiche Früchte tragen möge."' ,)Er ist. doch am Ende nicht verrückt," sagte sich die . Frau Commerzienräthin. Um Ihre werthe Adresse dürfte ich Sie dann wohl bitten," fügte' sie laut hinzu, wenn Sie das Geld nicht gerade bei sich haben sollten." Hm," dachte Herr Hobelmann so viel Verstand besitzt, sie doch, daß sie daö nicht vergessen hat. Geld kann sie aber nicht bekommen, lieber halt' ich sie mit der Adresse hin." - .Maiestät." svrach er also, Geld habe ich

im Augenblick in der That nicht bei mir, die Adresse steht Ihnen aber mit Freuden zu Besehl, und wird es mir eine Ehre sein, XaIaTK teAM VllMM IHllliliH " uitttuc uuii Ov11"1 (i"9uu(ii

Er ist doch verrückt," dachte die Commerzienräthin wenn ich nur erst meine zehn Louisd'or von ihm hätte." Dabei nahm sie die ihr gereichte Karte, dankte Herrn Hobelmann und suchte so rasch als möglich aus der ihr unheimlich werdenden Nähe des Mannes zu kommen. Kaum war sie aber ein paar Schritte von ihm entfernt, als sie auch einen, verstohlenen Blick auf die Karte warf, und zu ihrem Erstaunen dort keinen Grafentitel, sondern nur die einfachen Worte las: G. Hobelmann, Ädvocat und Notar, und darunter war mit Bleistift geschrieben: Nr. 17, Ecke der Kreuzgasse und Neuen Straße. Wie hing das zusammen ? Aber es ließ sich auch erklären: das G. vorn bedeutete den Grafen, verschwieg aber den Rang, weil sich derselbe nicht wohl mit der Beschäftigung eines Advocaten vertrug. Was aber hatte ihn so zurückgebracht, daß er sich sein Brod mit einer seinem Rang so wenig entsprechenden Berufsart ver dienen mußte ? Und war er zurückgckommen, wie konnte er da, echt gräflich, zehn Louisd'or für einen wohlthätigen Zweck unterschreiben? Sie warf einen noch immer zweifelhasten Blick über ihre Schul ter nach dem räthselhasten Grasen zurück und sah jetzt, daß er stehen geblieben war und ihr nachschaute. Aber wenn er kein Geld bei sich hatte, konnte ihr auch seine Person nichts nützen. Sie besaß ja nun seine richtige Adresse und' er war ihr gewiß. Hobelmann übrigens folgte ihr, wie sie sich abdrehte, gerade so wie der Steuerräthin, um sie ebenfalls sichern Händen zu überliesern, als er plötzlich durch eine neu? Erscheinung zurückgehalten wurde. Aus dem andern Gang nämlich kam eine ganze

Gesellschaft lachend und scherzend heraus, und als er einen flüchtigen Blick hinüberwarf, wollte er feinen eigenen Augen nicht mehr trauen. Vor sich nämlich sah er die beiden hübschen jungen Mädchen von gestern Abend mit der Einen hatte er selber getanzt sah er außerdem jenes Fräulein von Losenbrett, die ihnen die entsetzlichen Gedichte vorgelesen, und noch , eine andere Dame, auf deren Namen er sich nicht gleich besinnen konnte. Daß sie aber mit in die Anstalt gehöre, hätte er beschwören können, und zum Ueberfluß ging der junge unbändige Mensch, vor dem ihn sein Führer besonders gewarnt hatte, mit ihnen. Dieser Irrsinnige lachte und er zählte und that gar nicht, als ob er jeden Augenblick beim Kragen genommen und wieder zurück unter Schloß und Riegel geschafft werden'könne. Aber war denn das ganze Irrenhaus heute ausgebrochen? Denn daß man solchen Leuten gestattete frei umher zu gehen und ihre Mitmenschen zu gefährden, ließ sich doch nicht denken. Fast unwillkürlich nahm er auch den Hut vor der Gesellschaft ab, die ihn ebenfalls erkannte, und schritt rasch vorüber. Die Königin von Birma hatte er ganz vergessen. Das ist eine wunderliche Geschichte brummte er in sich hinein. Kein Gesangenwärter, kein Polizeidiener in der Nähe, und hier auf öffentlicher Promenade ein ganzer Trupp von Wahnsinnigen. Aber waS kümmert eS eigentlich mich ? Wenn sich Die, die es angeht, nicht daran kehren brauch' ich mir auch keine Sorge weiter deshalb zu machen. Der alte Medicinalrath mag aber eine fchöne Nase bekommen, wenn die Sache ruchbar wird." In solchen Gedanken und ganz mit den eben gesehenen Leuten beschäftigt, blieb er endlich stehen, als diese an ihm vorbeigegangen waren, und wußte jetzt' wirklich nicht, was er thun solle: nach Hause gehen und sich weiter gar nicht um das Geschehene kümmern, oder die Flucht der Wahnsinnigen anzeigen. Gerade aber war er mit sich im Reinen, das erstere zu befolgen, alö ein langer breitschultriger Herr mit einem großen Schnurrbart auf ihn zukam und sagte : ApropoS, mein Herr. Sie treffe ich hier zur guten Stunde.Ich weiß nicht, daß ich daö Vergnügen hätte, ihre werthe Bekanntschaft " stammelte Herr Hobelmann, von der rauhen Anrede verblüfft. Wir waren gestern Abend zusammen in Gesellschaft beim Regierungsrath Kettenbrock unterbrach ihn aber der mit dem Schnurrbart, und dort hatten Sie die Unverschämtheit, mir, alö Sie gingen, nachdem Sie fast alle Damen der Gesell schaft beleidigt, einen Thalerschein in die Hand zu drücken. Herr, für wen halten Sie mich?" : ' Bei diesen Worten nahm der Ergrimmte daö sorgfältig ausbewahrte Papier aus der Tasche und hielt eS dem bestürzten Herrn Hobelmann unter die Nase. : Herr Hobelmann wollte eben dagegen Protestiren, daß er je in einer' Gesellschaft bei einem Herrn Kettenbrock gewesen wäre, als er die Persönlichkeit, den längen Mann mit dem großen Schnurrbart, wieder er kannte. Vor der trotzigen Anrede und dem finstern Blick übrigens einen Schritt zurückweichend, sagte er freundlich: ' .Sehr verehrter Herr, es ist mir außerordentlich beruhigend, daß ich Sie gerade jetzt, und jener Gesellschaft folgend, treffe. Was übrigens den Kassenschein betrifft, so hatte ich nicht die entfernteste Absicht, Sie zu beleidigen, sondern wollte Ihnen nur, als dem Krankenwärter der Anstalt, ein

Trinkgeld geben. Heute scheinen indessen alle Ihre Kranken " Herr, sind Sie verrückt?" unterbrach der Hauptmann den Andern, indem er ganz bleich vor Wuth wurde, Aber diesen Schimpf sollen Sie mit Ihrem Blute be zahlen. I ch ein Krankenwärter ? Tod und Teufel! Wo ist' Ihre Wohnung, Herr?" Aber ich begreife Sie nicht " 200 ist Ihre Wohnung, Herr geben Sie mir Ihre Karte, oder Sie reizen mich, etwas zu thun, das ich später vielleicht bereuen würde flüsterte der Hauptmann, und Herr Hobelmann bemerkte zu seinem Schrecken, wie der Fremde vor verhaltener Wuth förmlich blau im Gestcht geworden war. Von einem so entsetzlich aufgeregten Menschen ließ sich daö Schlimmste erwarten, und um nicht auf offener Promenade angefallen zu werden, gab er ihm rasch die verlangte Karte. Damit hatte er aber auch jeder Anforderung, die der Beleidigte in diesem Augenblick an ihn stellen konnte, genügt, und der Hauptmann sagte, indem er ihm verächtlich den Rücken wandte : Sie werden heut Abend von mir hören, da nehmen Sie!" und mit den Wor ten, indem er dem bestürzten Herrn Hobelmann seine eigene Karte und den Papier thaler in die Hand drückte, schritt er, ohne den verdutzten Advocaten weiter eines Blickes zu würvigen, die' Promenade eilig hinab. Herr Hobelmann aber sprach bestürzt vor stch hin: Wenn der nicht toller ist, wie irgend Einer der seiner Zucht anvertrauten Patienten, so will ich selber dort eingesperrt werden. Jetzt aber habe ich die Geschichte satt, und bis die ganze Bande nicht wieder eingefangen ist, setze ich keinen Fuß mehr vor die Thür Damit bog er seitwärts der Stadt zu und in eine kleine Seitenstraße ein, und eilte so rasch er konnte seiner Wohnung zu. (Schluß folgt.) Kulinarisches. Vom Rind gelten als das vorzüglichste die Hinterviertel, aus denen man den berühmten "Baron of Beef " schneidet, den

die Engländer als Krönungsgericht der Weihnachtsmahlzeit hoch in Ehren halten. Theilt man den Baron of Bf" genau durch die Mitte der. Lenden, so erhält man zwei Sirloins dieJedermann zu schätzen weiß, doch dürste wohl nur Wenigen der Ursprung des Namens bekannt sein. König Karl II. soll diesen köstlichen Theil deZ Thieres scherzweise als Sir Loin zum Rit ter geschlagen haben. Vielleicht ist es der schönen Leserin auch interessant, die Sage von dem Beefsteak aus authentischerQuelle zu erfahren. Die Entdeckung dieses unschätzbaren Nahrungs und Genußmittels verdanken wir dem Alterthum. Lucius Plancus, ein Römer von Rang, erhielt wegen irgend eines Vergehens vom Kaiser Trajan den Besehl, als Opserdiener bei einem Opser des Jupiter zu fungiren. Er sträubte sich dessen, wurde jedoch schließlich mit Gewalt an den Altar geschleppt. Dort legte man die einzelnenTheiledesSchlach: thieres auf das Feuer nnd zwang den un glücklichen Senator, sie umzuwenden. Bei dieser Procedur fiel eine Scheibe von den Kohlen und wurde von Plancus aufgefangen. Er verbrannte sich dabei die Finger und steckte ste unwillkürlich in den Mund. In diesem Augenblicke machte er die wett bewegende, Entdeckung, daß der Geschmack einer so gerösteten Fleischschnitte die gelammten Kochkünste der Siebenhügelstadt viele Pferdelängen hinter sich zurückließ. Mit pünktlicher Genauigkeit besorgte er die ganze Opferceremonie, schluckte jede Scheibe hinunter, verspottete des Jmpera torö göttliche Weisheit, betrog den Jupiter und erfand das Beefsteak ! Die Taufe des porter-house steck ist neueren Datums und ächt amerikanisch. Um das Jahr 1814 ist's gewesen, als der biedere Martin Morrison in No.327Pearl Str., N. P., ein wohlbekanntes PorterHaus hielt. Morrison'S Restaurant war renommirt wegen seiner vorzüglichendroil ed beef-steaks, die man nirgends besser bekam, als bei ihm. Einstmals hatte er einen außergevöhnlich starken Besuch gehabt und sein letztes Steak fortgegeben, als ein alter Kunde, ein wettergebräunter Lootse, ' eintrat und zu essen verlangte. Er legte sich vor einem Tisch vor Anker, kneipte seinen Porter, aber mit der Speisung sah's schlimm ge nug aus. Morrison bemerkte, daß er nur einen Sirloinbraten für seine Familie ha be,und ob er mit einem Stück davon zu frieden sei. Natürlich, mein Junge lautete die Antwort. Ich bin so leer, wie eine Seemöve." : Morrison' schnitt 'eine große Scheibe ab, richtete sie an und servirte seinem Gast. Dieser verschlang das Steak mit sichtlichem Wohlbehagen. Heh Kamerad," rief er dem erstaunten Wirthe zu, noch ein solch' Ding, aber von demselben Stück, und ein zweites Maß Porter.- Und fprech' ich wieder bei Euch vor, dann immer von der nämlichen Sorte. Verstan den, alte Landratte V Auch die Gesährten des Lootsen kamen bald hinter den : Geschmack, und die neue Art Steaks, die' sich für den Appetit des Einzelnen trefflich eigneten, gelangten sehr bald zu allgemeinem Ansehen. Morrisons Fleischer wurde täglich angewiesen to cut steaks for the porterrhouse, und so Haben wir denn der verspäteten Einkehr einer alten Theerjacke das PorterhauS-Steak zu verdanken. x