Indiana Tribüne, Volume 1, Number 15, Indianapolis, Marion County, 23 November 1878 — Page 6
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ö ErzZlhlung ren Kr. Kerstäcker. V. v. ,., ... - . : . : ' ' ' (Fortsetzung.) ' - Der Abend kam, und in den Salons des Regierungsrathes Kettenbrock, der ein ziemlich großes Haus.machte und brillant ein gerichtet .war, sammelten sich mach und nachdie Gäste, bei deren Empfang Fran'z Kettenbrock natürlich nicht fehlen durfte. Im Anfang machte ihm das auch Freude, denn er knüpfte da manche alte Bekannt schaft wieder an, und schon lang' vergessene Namen und Gesichter tauchten auf's Neue vor ihm auf und weckten schlummerndeEr innerungen zu neuemLeben. Als aber die Frau Steuerräthin ihre Tochter und die Frau Cov.merzienräthin ihre beiden Nichten mitbrachten, und dann noch außerdem ein paar alte adeligeFräulein hereinrauschten, den armen jungen Mann in ihreMitte nahmen und ihn mit ihren faden, alltäglichen Phrasen todt zu quälen suchten, da erwachte ein Gefühl der Empörung in Franz. Ihm zu Ehren ward die kleine Festlich keit gegeben, und eralsHauptperson wollte und brauchte sich nicht langweilen zu las fort im 9Tnfnnn sin er rtTsrhittn3 Tpishtp
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tJ I M 0 4 v v j v Gewissensbisse über seinen tollen Plan gehabt.'und wie sein alter Onkel so vergnügt und glücklich in den hellerleuchteten Näumen umherschritt, und ihm einmal über das andere, wo das nur irgend unbemerkt geschehen konnte, in seiner Freude dieHand drückte, da beschloß er schon das Ganze ungethan und den alten egoistischen Ho belmann ruhig sitzen zu lasten. Aergerte diesen das nicht ersülltc Versprechen, so geschah ihm das gerade recht. . Aber Stunde um Stunde verging, und den äußersten s Belebungsversuchen des alten Regierungsrathes zum Trotz zog sich die Gesellschaft . .v . i n .!C... fvi . i
immer wieoer in einzelne juifen Gruppen - zurück, die nur dann und wann darauf ausgingen, den Havanesen abzufangen u. sich anzueignen. Franz hatte auch volle Arbeit, ihnen geschickt auszuweichen oder, .wenn wirklich einmal gefaßt, den gelegten Schlingen zu entgehen, mit denen ihn be sonders die beiden Muhmen" verfolgten. Eben war er solcher Art ganz verbittert der Frau - Commerzienräthin entschlüpft und stand in einem kleinen Nebenzimmer in tiefen Gedanken, als ihm plötzlich der Onkel seinen Arm unterschob und sagte : Das weiß doch der Henker, in unsere Gesellschaften, wir mögend anstellen wie wir wollen, ist nun einmal kein Leben zu bringen, und wie ich sehe ennuyirst Du Dich ebenfalls schmählich." Aber, lieber Onkel, wie können Sie glauben " Papperlapapp, ich bin nicht blind. Das langweilige Volk, anstatt Dich mit zu imterhalten, wartet darauf, daß Du ihnen .irgend etwas.. außergewöhnliches etwas Havanesisches zum Besten geben sollst, und da stehen sie und thun denMund nicht auf, außer wenn sie Dich ausfragen oder heim Zich untereinander flüstern und ihre Nebenmenschen lästern. Das Gescheidteste wird sein, ich lasse anfangen zu tanzen, damit nur etwas Bewegung in sie kommt. Franz sah schlau vor sich nieder. Und wenn ich nun mit etwas Havane sischem zwischen sie führe?" Das wär' recht rief der Onkel ir gend etwas, um Wechsel, um Bewegung in die Sache zu bringen." Aber Sie werden vielleicht böse, On11?" Ich? wahrhastig nicht. ' Wo willstDu denn hin ?" Nicht fort-ich bin im Augenblick wie. fc. L rm . I - 1- L O U oer oa. Zwie rnei um yaoen mir ? Es wird gleich halb zehn Uhr sein." Schön, lieber -Onkel. So lassen Sie den Ball nur beginnen." Aber den Tanz wirst Du doch eröffnen?"Gewiß, wenn Sie es wünschen. Bis Sie in Ordnung sind, bin ich wieder da. Ich will nur .mein Schuhwerk wechseln, denn ich blieb vorhin mit der linken Sohle an einer Schwelle hängen und habe sie mir abgesprengt." Bleib mir nicht zu lange auö. Sowie Steuerraths Euphrosine die Gnadenarie und etwa noch Die schönsten Augen" zu Ende gesungen hat, geb' ich der Tanzmusik das Zeichen." Der junge Havanese benutzte den nach fien Moment, um die Thür zu erreichen, und einige ihm ..nachgeschleuderte Blicke aus schönen Augen nicht achtend, stürzte er hinaus, warf seinen Paletot über und war wenige Secunden später auf der Straße. Wieviel Uhr haben wlr, Kutscher?" rief er einer der unten haltenden Droschken entgegen. Gerade schlägt's halb zehn Uhr." Ecke der Kreuzgasse und Neuen Straße! Dort wird einßerr zu mir einsteigen, dann drehst Du augenblicklich um und fährst hierher zurück aber nicht an die Front des Hauses. Weißt Du, wo der Garten an der Promenade ausmündet?" Von demHause hier? gewiß, es brennt gerade eine Laterne an der Pforte dort." Dorchin sährstDu, aber nicht den näch sten Weg. Fahr, saus dem Emmer-Thor hinaus und , das";Stück über diePromenade .bis an die Gartenthür verstanden?"
Sehr wohl." Hier ist Dein Fahrgeld sür beide Touren und laß Dein Pferd ein wenig austraben." Der Kutscher, sehr zufrieden mit dem ihm gegebenen Gelde, zog seinem Gaulein paar tüchtige Peitschenhiebe über und ließ die alte Droschke über das holperige Pfla-
ster rasieln. Es dauerte auch nicht lange, so befanden sie sich an der bezeichnetenEcke, und kaum hielt dort die Droschke, als Herr Hobelmann auch schon, in seinen Mantel gehüllt, erschien. Sie sind außerordentlich pünktlich," sagte er sehr freundlich. In unserer Anstalt muß Alles nach der Minute gehen," erwiderte Franz. Der Kutscher hatte die erhaltene Weisung wohl gemerkt. Er fuhr hinaus auf die Prome nade. JhreAnstalt liegt außerhalb derStadt?" sagte Herr Hobelmann. Nein," lautete die Antwort, nur frisch und luftig am entgegengesetzten Ende der selben." Sie haben doch meinethalben keine Schwierigkeiten gehabt?" Nicht im Mindesten das heißt bis jetzt noch nicht. Lassen Sie sich nur nicht das Geringste merken, daß Sie eine Ahnung haben, wo Sie sich befinden. Die Leute wollen natürlich nicht, wie Sie sich wohl denken können, sür Verrückte angesehen werden. Mit den verschiedenen Persön lichkeiten und ihren Eigenthümlichkeiten werde ich Sie unter der Hand bekannt ma chen. Sie sind doch Ihres Versprechens eingedenk gewesen und haben zu Hause nichts erwähnt?" Sie können sich aus meine Discretion verkästen. Aber wenn mich der Oberarzt bemerkt?" Ich habe Ihnen ichon gesagt," erwi derte Franz, daß derselbe mein Onkel ist, und dem muß ich Sie natürlich gleich vor stellen, sobald wir eintreten. Er hat das Fest arrangirt und sämmtliche Irrsinnige sind von ihm nach aller Form der Etikette eingeladen worden. Jeder betrachtet sich deshalb vollkommen in seinem Recht, und da die Anstalt ziemlich kostspielig ist und nur Geisteskranke aus den höheren, wenig stens bemittelten Ständen aufnimmt, so dürfen Sie sich auch auf glänzendeToilet ten gefaßt machen." Ich bin auf's Aeußerste gespannt," versicherte Herr Hobelmann. Und da sind wir schon," sagte Franz, während er vorn an das Droschkenfenster klopfte. Bitte, folgen Sie mir so rasch Sie können, denn ich habe mich schon eigentlich etwas über meine Zeit aufgehal ten." Die Droschke hielt, und Franz Kettenbrock, der seinem Begleiter so wenig als möglich Zeit zum Umschaueu geben wollte, sprang behend aus dem Wagen und in die Gartenthür. Herr Hobelmann folgte ihm ebenso flink, und bald betraten Sie daö innere Haus und erstiegen die mit Teppichen belegte Treppe. Das sieht ja hier ganz vornehm aus," flüsterte Herr Hobelmann und alle die harrenden Diener da ?" Sind theils Wächter, theils nur für den Abend von dem Magistrat entlehnte Polizeidiener, die sich hier aushalten, um einer möglichen Unordnung vorzubeugen," erwiderte Franz. Natürlich würden sie die Kranken, wollten sie in ihrer gewöhnli chen Uniform erscheinen, gleich von vorn herein mißtrauisch machen. In dieser Livree dagegen vermuthet keiner,waS in ihnen steckt." Vortrefflich," sagte Herr Hobelmann. Eigentlich sogar ein Bild unserer ganzen bürgerlichen Verhältnisse. Die Polizei spielt ihre Maskerade ausgezeichnet." Finden Sie ?" lachte Franz, doch da sind wir bet den Irren. Jetzt nehmen Sie sich zusammen." Thun Sie mir nur den Gefallen und lassen Sie mich nicht allein." Haben Sie keine Angst, jedenfalls ver lasse ich Sie nicht, bevor ich Sie einigen der Herren und Damen vorgestellt habe. Da drüben der alte Herr, das ist derOber arzt, zu dem werde ich Sie vor allen Din gen führen." , Und wie titulirt man den Herrn V Herr Rath ah, er hat uns schon gese hen ! Er ist allerdings Obermedicinalrath, aber man nennt ihn hier in der Anstalt nur einfach Herr Rath." Franz, wo steckst Du denn ?" sagte der Regierungsrath, der in diesem Augenblick den zurückkehrenden Neffen erspäht hatte und rasch auf ihn zukam, Die ganze Ge sellschaft ist schon in Verzweiflung." Lieber Onkel," sagte der junge Mann, ich habe das Vergnügen, Ihnen hier Herrn Hobelmann vorzustellen. Er ist fremd in der Stadt und ich möchte Sie ersuchen " Sehr angenehm Ihre werthe Bekannt schuft zu machen," sagte der alte Herr. Ich muß tausendmal umEntschuldigung bitten, daß ich wage " Keine Entschuldigungen; von meinem Neffen eingeführt, sind Sie mir herzlich willkommen. Tanzen Sie ?" Es ist allerdings schon einige Zeit her, daß ich mich nicht mehr diesem Vergnügen hingegeben habe." Bitte, dann geniren Sie sich ja nicht," sagte der freundliche Wirth. Jeder ist hier sein eigener Herr, und da drinnen kommt wohl eine Partie Whist oder 2'Hombre zu Stande, an der Sie mit Be quemlichkeit Theil nehmen können." Der
Onkel eilte geschäftig davon und Franz flüsterte seinem Opfer zu : Sie müffen jedenfalls tanzen; ich werde Sie schon einigen unserer ruhigsten" Damen vorstellen." Aber ich habe wahrhaftig lange nicht getanzt." Gut. Dann nehmen Sie zum Anfang keine von den jüngsten, und erst einmal wieder im Gang, kommen Sie bald in den Wirbel hinein. Sehen Sie, da haben wir gleich eine unserer älteren Schönen." Die Dame mit den gelben Rosen ?" Das ist eine ungarische Gräfin," sagte Franz, die aber vollkommen geläufig Deutsch spricht. Sie hat die fixe Idee, daß ein deutscher Steuerralh sie aus ihrem Schlöffe an der Theiß entsührt und geh rathet babe. Gerade ein Steuerrath? Das ist merk würdig !" sagte Lerr Hobelmann. Ich werde Sie gleich vorstellen." Und die beiden jungen Damen dort?" Von denen nachher. Seien Sie nur um Gotteswillen vollerAusmerksamkeit ge gen die unglückliche Gräfin." Uno wer ist die alte Dame drüben mit dem Papier in der Hand ?" Das ist die Königin von Birma." Wer?" Die Königin von Birma," wiederholte Franz ruhig und mit vorsichtig gedämpfter Stimme, denn die genannteDame rauschte eben an ihnen vorüber und schien Jenlan den zu suchen. Franz, der wohl ahnte, daß sie ihn aufzufinden wünsche, hatte .sich durch die breite Gestalt des Herrn Hobel mann vollständig und glücklich gedeckt. . Aber Sie meinen doch nicht im Ernst ?" sagte der erstaunte Advokat. Gott bewahre," lächelte der jungeMann. Sie war früher eine Commerzienräthin in Berlin, verheirathet und schnappte gerade zu der Zeit über, als der birmanesischeGe sandte durch Berlin nach London reiste. Jetzt bildet ste sich ein, er sei nur dorthin gekommen, um sie an den Hof des GroßHerrn zu holen. Ueber den Zustand der dortigen Seelen aber innigst betrübt, läuft sie nun fortwährend mit einer Listeherum, Beiträge zur Bekehrung der Heidenkinder in Birma zu sammeln doch da kommt die GräfiN'Steuerräthin auf uns zu. Jetzt nehmen Sie sich zusammen." Aber, bester Franz, wo haben Sie die Zeit daher gesteckt?" sagte in diesem Au genblick die Steuerräthin, die, vollkommen ahnungslos über die ihr zugetheilte Wür de, zu den beiden Männern trat. Wie eine Stecknadel haben wir Sie überall gesucht und der Tanz soll beginnen." Erlauben Sie mir nur erst, hochver ehrte Frau," sagte Franz, Ihnen einen Tänzer zuzuführen, der darauf brennt, Ihre Bekanntschaft zu machen. Graf Ho belmann aus Pest." - Die Frau Steuerräthin knixte fast bis auf den Boden hinunter und Herr Hobel mann sah seinen Begleiter mit einem etwas dummen Blicke an. Dieser aber flüsterte der Dame mit den gelben Rosen zu: Hal ten Sie ihn fest, Steuerräthin, ich glaube fast, Sie hqben da eine ganz brillante Er oberung gemacht," und verschwand im nächsten Augenblick von ihrer Seite, seine Cousine Adele zu dem ersten, eben begin nenden Tanz zu sühren. Hier traf er auch schon das zweite Paar, seinen sehr glücklich lächelnden Reisegesähr ten mit Base Fränzchen am Arm. Der junge Doctor schien in einem wah ren ÄZeer von Wonne zu schwimmen; er ging gar nicht, er schwebte ordentlich, und sein Antlitz strahlte von Vergnügen. Bester Kettenbrock rief er, des Hava nesen Hand ergreifend, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen für diesen Abend bin wie glücklich ich mich fühle -" Ist auch gar nicht nöthig," lachte Ket. tenbrock. Ihr Gesicht verräth das schon ohnedies. Aber -Cousine Fränzchen scheint mir niedergeschlagen?" Ich?" sagte- das junge Mädchen , er staunt, und ihr offenes Gesicht überflog ein leichtes Roth. Du bist ein arger Spötter, Vetter Franz; aber im Nu wird Dir die Frau Commerzienräthin über den Hals kommen. Siehst Du, wie sie dort mit ihrem Subscriptionsbogen durch den Saal streicht?" Wie ein Habicht über ein Ackerfeld," lachte Franz, und wehe den armen Opfern, auf die er niederfährt." Aber sie bringt sie nicht um " Nein, sie zapft ihnen nur das Blut ab, um jene Klaffe von Menschen mit dem Er beuteten zu süttern, die in einem schwarzen Frack und weißer Halsbinde das paffende Futteral sür ihre unsterbliche Seele gefunden zu haben glauben." Pfui, Franz," ruf die Cousine, schäme Dich l" Etwa weil ich glaube, daß die Neger und Indianer keine wollenen Strümpfe brauchen?" gab der junge Mann zurück. Aber wahrhaftig, sie hat es auf mich ge münzt," und ohne weiter ein Wort zu sa gen, verließ er die Gruppe und ergriff Ade lens Hand, den Tanz zu beginnen, deffen Tacte eben lustig vom Orchester herabschmetterten Lieber Franz." sagte die rücksichtslos einschreitende Commerzienräthin, in glücklichen Momenten des Lebens ist das Herz am mildthätigsten, am weichsten gestimmt -" Hat aber auch die wenigste Zeit," unterbrach sie der junge Mann und setzte sich
mit seiner Dame in Bewegung. Platz, oder der ganze Zug geht über Sie hin !" Aber nur einen Moment " Es hals ihr nichts. Die Paare flogen' an ihr vorüber. Nur einer der Tänzer theilte das allg5meine Vergnügen so wenig, daß er sich lieber davon zurückgezogen hätte, wenn er. dazu den Muth besessen, und ' das war Herr Hobelmann. Die überselige Frau Steuerräthin als wahnsinnige Gräfin im Arm, keuchte er mit triefender Stirn durch den Saal. Die Gräfin schien gar keine Lunge'zu haben, und wenn er inne halten wollte, traf ihn ein so merkwürdiger Blick aus ihren Augen, daß er immer wieder aufs Neue die Zähne zusammenbiß und vorwärts arbeitete. Er durfte ja die Un glückliche nicht reizen. Endlich aber konnte er nicht mehr; seine Kräfte ließen nach, sein Kopf schwindelte, der ganze Saal drehte sich mit ihm im Kreis, und mit immer ängstlicheren Verbeugungen, die er seiner Tänzerin machte, taumelte er zu einem nahen Sitz, auf den er athemlos niedersank. Bravo! Bravo! vortresflich!" flüsterte ihm Franz zu, Sie tanzen ja mit einer Leidenschaft, mein guter Graf, daß Sie die jüngeren Leute ordentlich beschämen." Graf!" flüsterte da Etwas zur Seite, und als Franz den Kopf wandte, entdeckte er die Frau Commerzienräthin, die mit dem unerbittlichen weißen Bogen in der einen und einem schwarzen Bleistift in der andern Hand neben ihm stand, bitte, lieber Franz, stellen sie mich dem Herrn Grafen vor." Mit dem größten Vergnügen," willigte in seinem Uebermuth der junge Havanese ein. Meine Gnädigste, ich habe hier die Freude, Sie mit einem unserer leidenschaft lichsten und besten Tänzer, dem Grafen Hobelmann bekannt zu machen. Herr Graf, sehen Sie in dieser Dame die Mutter aller unchristlichen Waisen, die Königin und Wohlthäterin von Birma, wie von verschiedenen anderen heidnischen Länderstrichen." Sie Schmeichler," lächelte verschämt unter ihrer Schminke erröthend die Com merzienräthin. Herr Graf, ich freue mich außerordentlich, diese ehrenvolle Bekanntschaft zu machen, und entschuldigen Sie nur, wenn ich gleich öei Ihnen mit einer Bitte erscheine, und so gewissermaßen mit der Thür in's Haus falle." Sie trat dabei dicht auf Hobelmann zu, und dieier, in der Scheu, der Königin von Birma zu nahe zu kommen, erhob sich rasch von seinem Seffel, mit dem er beinahe umgefallen wäre. Sie ist vollkommen unschädlich," raunte ihm Franz zu, und die Dame, der die erschreckte Bewegung nicht entgehen konnte, sagte lächelnd: Fürchten Sie sich nicht, Herr' Graf, es soll Ihnen nichts geschehen, nur Ihre Mildthätigkeit möchte ich in Anspruch nehmen, und zwar für die armen Heidenkinder in Birma, über deren Elend Sie mir wohl erlauben, Ihnen zugleich einige kleine Broschüren zu überreichen." "Majestät sind zu gnädig!" stammelte der also Ueberraschte. Die Commerzien räthin aber, mit einem lächelnden Blick aus Franz den Titel acceptirend, hielt ihm das Papier vor und sagte bittend: Unterschreiben Sie, Herr Graf; bedenken Sie, daß Sie mit ein paar hier so heilvoll angelegten Louisdoren unendlichen Segen wirken. Und wenn sie auch nur eine Seele damit retten, so hätte sich das Capital ja tausendfach, millionenfach verzinst." Was soll ich denn thun?" wendete sich der geängstigte Hobelmann an den sich dicht zu ihm haltenden Franz. Unterschreiben Sie," rieth dieser leise, sie wird sonst böse. Derartigen Leuten muß man scheinbar den Willen thun " Das bleibt sich ja gleich unter zehn Louisd'or können Sie aber auf keinen Fall zeichnen. Wenn die Summe nur auf dem Papier steht, so ist die Dame vollkommen zufrieden." Nun, nicht wahr, Sie sind so freundlich?" drängte noch einmal die Commerzienräthin. Wenn Sie befehlen, von Herzen gern!" sagte Herr Hobelmann, nahm den ihm gereichten Bleistift, und im nächsten Augenblick stand sein Autograph: G. Hobelmann mit der anscheinend unschuldigen Bemer kung: zehn Louisd'or auf dem Papier und vor den entzückten Augen der Htidenbe schützerin. Im Ueberfließen ihres Dankes ergriff sie seine Hand. Großmüthiger, freigebiger Mann," rief sie, dafür ermöglichen Sie vielleicht den Eintritt einer ganzen Familie in den Him mel. Nur um Ihre werthe Adreffe dürfte ich wohl noch bitten." ' Die werde ich schon ausfüllen," mischte sich aber Franz Kettenbrock in das Gespräch und wehrte dadurch die Frau Commerzienräthin endlich ab. Brannte ihr doch auch schon der Boden unter den Füßen, aus neue Opfer zu stoßen und die unterschriebenen zehn Louisd'or im Triumph durch den Salon zu tragen. Herr Hobelmann aber, höchst erfreut so billig davongekommen zu sei, machte ihr eine tiese, ehrfurchtsvolle Verbeugung, wie er es dem Rang einer Königin von Birma sür angemcffen hielt, und gewann sich dadurch ihr Herz vollkommen. Die Frau Steuerrüthin dagegen rümpfte die Nase und war jetzt im Innern mehr als je davon überzeugt, wenn es dazu überhaupt noch
irgend eines Beweises' bedurft hätte ! daß die Commerzienräthin eine' höchst durchtriebene und intriguante Person sei, vor der man sich entsetzlich in Acht nehmen muffe. Nun, wie gefällt Ihnen die Gesellschaft?" sagte Franz, als er sich mit Herrn Hobelmann einen Augenblick allein sah. Vortrefflich, mein junger Freund, ganz vortrefflich !" erwiderte der dicke Advocat, sich dabei den Schweiß von der Stirn trocknend; ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen dafür bin, mich hier eingeführt zu haben. So etwas bekommt man nicht alle Tage zu sehen. Die Königin von Birma zum Beispiel ist gött lich t- ein wahres Charakterbild, einzig in ihrer Art! Aber sagen Sie mir einmal, wer ist denn der Herr, der da so finster zwischen den verschiedenen Gruppen herumgeht ? Den mit der Brille mein' ich und dem großen Schnurrbart. Er hat etwas Militärisches." Das ist unser Hauptkrankenwarter," er widerte Franz leise, denn der erwähnte Herr ging eben unfern von ihnen vorbei und warf dem Herrn Hobelmann einen scharfen, nicht besonders freundlichen Blick zu. Hier in der Gesellschaft wird er zwar Herr Hauptmann titulirt, und die Kranken lasten ihn für ihres Gleichen gelten, außerdem hat er sie aber tüchtig unter der Fuchtel, und sie fürchten ihn, wenn er einmal ärgerlich wird und zwischen sie fährt. Doch da kommen noch ein paar unserer interessantesten Irrsinnigen, eine noch eben nicht bejahrte Dame in dem permanenten Alter der Zwanziger, ein Fräulein von Bomershausen, die, wenn ich nicht irre, ein Drama geschrieben hat, und vor der Aufführung aus Furcht vor dem' Mißlingen deffelben wahnsinnig geworden ist, und ein anderes gnädiges Fräulein von Losenbrett, ebenfalls eine Schriftstellerin, die wunderbarer Weise in ein französisches Attentat verwickelt zu sein glaubt und in jedem Fremden einen Spion fürchtet. In ihren lichten Augenblicken macht sie Gedichte, in ihrem ärgsten Paroxysmus aber liest sie dieselben vor." Sie scheinen es ebenfalls aus uns abzusehen," sagte Herr Hobelmann. Im schlimmsten Fall fordern wir Beide zum Tanz auf," beruhigte ihn Franz; die Musik wird im Augenblick wieder beginnen." Ich bin aber schon so müde, daß ich kaum noch auf den Füßen stehen kann," versicherte Herr Hobelmann. Das schadet nichts," entgegnere Franz. Sie tanzen sich wieder munter. Ich empfehle Ihnen Fräulein von Loscnbrett." Die Dame mit den entsetzlich langen Locken?" Bst - dieselbe nicht so laut. Derartige Irrsinnige haben ein wunderbar scharfes Gehör und sind außerordentlich mißtrauisch." Er hatte kaum ausgesprochen, als Fräulein von Losenbrett, von der man schon seit sünfzehn Jahren behauptete, daß sie eine höchst intereffante Blondine sei, an ihn heranglitt, seinen Arm berührte und leise sagte: Lieber Kettenbrock, wer ist denn der dicke fremde Herr, den Sie uns da gebracht haben?" Ein Graf Mann, mein gnädiges Fräulein," antwortete Franz. Nach seinem Erbgut Hobel mann genannt." Aber den Namen kenne ich gar nicht." Er ist aus dem fernen Ostpreußen und erst heute bei uns eingetroffen. Erlauben Sie, daß ich ihn vorstelle?" Gleich erst noch eine Frage. Ich ich habe zu Ihrer Rückkehr ein kleines Gedicht eigentlich nur ein Epigramm, gemacht denn Sie werden mir zugestehen, daß Sie keine Lyrik verdienen." Mein gnädiges Fräulein " Still ich möchte es Ihnen vorlesen am liebsten Ihnen allein in Begleitung einer Freundin natürlich aber wenn Sie Ihren Freund mitbringen wollen, habe ich nichts dagegen Jetzt? meine Gnädige. Der Tanz wird im Augenblick wieder beginnen und ich bin engagirt." In der nächsten Pause denn, unmiitelbar nach dem Tanz. Drüben im kleinen Erker Jndeffen," sagte jetzt Franz, und zwar wieder mit lauter Stimme, erlauben Sie mir wohl, Ihnen meinen Freund, den Grafen Hobelmann, vorzustellen, Fräulein Emma von Losenbrett eine unserer gefeiertsten Dichterinnen." Die Dame verneigte sich erröthend, und Hobelmann wollte sich ebenfalls mit einer tiefen und etwas steifen Verbeugung loskaufen. So billig sollte er aber nicht davonkommen, denn der boshafte Franz fuhr fort: Er hat mich vorhin fchon ersucht, Sie, meine Gnädige, in seinem Namen um diesen Tanz zu bitten." Die Antwort war eine stumme, aber gestattende. Auch blieb nicht viel Zeit zu längerer Conversation, denn in demselben Augenblick begann die Musik auf's Neue, und Hobelmann war gleich darauf genöthigt, nach dem Tact eines rasend schnellen Galopps den Saal hinab- und wieder heraufzuwirbeln. Erschöpft und mit pochenden Adern machte er eben mit seiner Tänzerin eine kurze Pause, als ihn Jemand leicht auf die Schulter klopfte. Wie er sich rasch danach umdrehte, stand der Regierungsrath hinter ihm und sagte, lächelnd mit dem Finger drobend: ,
Ei, ei, mein Bester Sie . thun, als wenn Sie nicht mehr tanzen könnten, und ich laufe mir. die Beine ab,, Ihnen ewen Platz au einem Whist- oder Bostontisch zu verschaffen, indessen Sie'wie ein Zephyr durch den. Saal hüpfen." Bester Herr Obermedicinalrath!" Schon gut," lachte der alte Herr, .1 e . . -;. ..x.. v :r :
rommi aus oen m maji an, unv in mn eine herzinnige Freude, Sie und Alle so aufgeräumt, so froh zu sehen. Wenn Sie nur " Herr Hobelmann hörte nichts weiter. Fräulein von Losenbrett hatte genug geruht, und sehr erfreut einen Tänzer gefun den zu haben, schleppte sie den vollständig erhitzten Advocaten unerbittlich wieder hinein in das wogende Meer der Wirbelnden. So!" sagte Herr Hobelmann, erschöpft nach Luft schnappend, als er endlich von seiner Dame frei geworden und todmatt auf einen Stuhl geflüchtet war, während Franz Kettenbrock, der seinen Gast nicht aus den Augen ließ, wieder zu ihm trat, so, das glaub' ich ! Für sich suchen Sie sich die hübschesten Mädchen aus, und mir hängen Sie die alten auf, damit sie mich durch ihre Tanzwuth ruiniren." Aber Fräulein von Losenbrett " T& X; frirri?r?t tft tntTf tA (Tftv itH. tUß Vtl WllWU iVli Mit" terschreiben," stöhnte der durchaus.Fertige, denn was mir die für Unstnn in den paar Minuten vorgeschwatzt hat, das geht auf kein Buch groß Royalpapier. Ich sagte nur immer ja, um ste nicht zu reizen." So kommen Sie jetzt mit in jenen Erker, daß wir uns ein wenig ausruhen," sagte Franz auch stehen dort Erfrischungen. Bleiben wir hier, so werden wir doch gleich wieder zum Tanzen abgefaßt." Wohin?" rief Hobelmann erfreut. Nur nicht wieder tanzen, sonst bin ich morgen früh ein todter Mann." Er erschrak aber ordentlich, als ihnen am Eingang des kleinen Erkers anstatt einer Erfrischung die unvermeidliche Emma von Losenbrett, diesmal mit einem Heft Manuscript in der Hand, entgegentrat, und wollte sich rasch aus der Schlinge ziehen. Franz hielt aber sein Opfer fest, und die Dame sagte lächelnd: Das ist hübsch von Ihnen, daß Sie Wort halten. Jetzt nehmen Sie hier Platz, Louise wird uns Gesellschaft leisten. Ich habe mich unendlich auf diesen Augenblick gefreut." Mich entschuldigen Sie vielleicht," sagte Herr Hobelmann. Franz aber warf ihm einen warnenden Blick zu, der ihn in den Erker hineintrieb. Als einmal der Vorhang hinter ihm gefallen, gab es kein Entrinnen. Hobelmann sowohl wie Franz kamen nicht eher von der Vorlesung los, als bis sie von der Commerzienräthin in ihrem Versteck aufgestöbert wurden. "Zur Belohnung für Ihre Geduld gegen eine unserer gefährlichsten Kranken, tröstete Franz den Advocaten, der keine einzige vernünftige Stelle in allen den Versen deö Fräuleins gefunden haben wollte, zur Belohnung dafür werde ich Sie jetzt mit ein paar ganz harmlosen jungen Geschöpfen bekannt machen, die, vollkommen ver nünftig in jeder anderen Hinsicht, nur ein paar unbedeutende fixe Ideen haben." Mit einer von diesen haben Sie vorhin getanzt?" Allerdings und dort kommt die Andere. Die ist Ihnen doch hübsch und jung genug?" Ein allerliebstes Mädchen." Schön wenn Sie sich bei ihr in Gunst setzen wollen, so bitten Sie sie nur nm eine Prise." ,' Sie schnupft?" Leidenschaftlich." Aber das ist doch nicht ihre Krankheit?" ,Nein das arme Geschöpf, das kaum siebzehn Jahre zählen kann, bildet sich ein, daß es seit zehn Jahren verheirathet sei an einen Mann, der nach Amerika gegangen und von dort in der nächsten Woche zurückkehren werde." Das ist sehr traurig," sagte Herr Hobelmann. Sie ist übrigens vollständig zurechnungsfähig,' sobald man sie in diesem Wahn läßt," fuhr Franz Kettenbrock fort, verfällt aber in die gefährlichsten Auöbrüche, sobald man ihr nur im Geringsten widerspricht." Dann wäre es mir am liebsten, Sie ließen mich ihr aus dem Wege gehen," meinte Herr Hobelmann. Sie haben nicht das Geringste zu besorgen," beruhigte ihn aber Franz; so wie Sie sich nur angelegentlich nach dem Befinden ihres Gemahls erkundigen von seinem Wohlsein mit ihr sprechen ist ste überaus glücklich. Fränzchen!" wandte er sich in diesem Augenblick an die herantretende Dame. Hier habe ich das Vergnügen, Dir den Grafen Hobelmann vorzustellen, der Dich durch mich um den nächsten Walzer ersuchen läßt." Hobelmann zupfte seinen Peiniger heimlich am Rock, denn er konnte vor Mattigkeit kaum noch die Füße vom Boden heben; aber es half ihm nichts. Base Fränzchen, in ihrer Gutmüthigkeit, neigte sich freundlich gegen ihn, und die einfallende Musik erlaubte kein weiteres Sträuben. Onkel hat uns schon mitgetheilt," sagte sie mit ihrer liebenswürdigen Freundlich-' keit, während Franz etwas auf die Seite trat, daß uns der Vetter einen werthen Vesuck in ?lbnen mitaebrackt."
