Indiana Tribüne, Volume 1, Number 14, Indianapolis, Marion County, 16 November 1878 — Page 6
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I n d i a n a T r i b ü n e."
ckelmmm. Erzähwng von Sr.cher?Scker. III. . (Fortsetzuna.') " Mit der Ueberraschung in seines Onkels Hause hatte sieb, aber der junge Havanese, venn.er fest daraus gerechnet, doch geirrt. denn der alte Herr befano fich keineswegs so unvorbereitet auf ihn. v,er vermuthe, te. Franz Kettenbrock's Geschäftsfreund in Hamburg nämlich, den dort ausgc sucht, war ein abgesagter Feind .jeder Ue berraschung, da, nach einer mündlichen Ueberlieferung 'seiner, Großmutter, vor ural ten Zeiten in seiner eigenen Familie ein mal eine solcheUeberraschung sehr böse und nachtheilige , Folgen gehabt haben sollte. Sowie er deshalb erfuhr, daß der junge leichtsinnige Mensch seinemOnKl nur eben so in'ö HauZ hineinfallen wollte, wodurch er das größte Unglück anrichten konnte, ging er. nach vergeblichen desfallsigen ' r n rr r c v .f.. -oDincuungcn, cinyauj auj u -ccumuphenamt und setzte den alten HerrerKettenbrock von der glücklichen Landung seines Neffen und.der Stunde seines Eintreffens zu Pvenburg, mit beabsichtigter Überraschung, pflichtschuldigst in Kenntniß. ., Der Onkel war dadurck vallkammen im Stand. sich aus jede freudige Aufregung genügend vorzubereiten. Allerdings blieb ihm keine lange Zeit zu großen Empfangsfeierlichkeiten ; die waren aber auch nicht nöthig. Ein paar Kränze und -Guirlanden bekam man früh genug, ehe der Zug eintraf, auf dem Markt, und her OnM iriff, an hrn Moraen selber. vaS er eigentlich gar nicht nöthig gehabt hätte seine beiden bei ihm lebenden Nichten aus den Federn. Sie .sollten jedenfalls fertig angezogen sein und den Kaffee bereit' halten, wenn der .Schlingel von Neffe" heimlich angeschlichen 'käme, und wunder glaubte, wie geschabt er eS angefangen habe, seinen Onkel zu überlistul. In dem einen Kranz, der gerade in der Mitte prangen sollte, war auch ein strohblumengeflochtenes, lesbares SBillfom men" angebracht, und die beiden jungen Mädchen freuten sich jetzt ganz besonders auf daS erstaunte Gesicht, das der Vetter aus Havana machen würde, wenn er sich hier so verrathen sah. Es wäre ja auch höchst fatal gewesen, wenn er sie Morgens ganz früh und noch im vollen Neglige überrumpelt hätte. . So schlug es sechs Uhr der Zug war jedenfalls, angekommen, und mit einer Droschke konnte der Vetter recht gut in zehn, höchstens fünfzehnMinuten vor ihrer Thür sein. Es schlug aber ein Viertel jetzt auf der nächsten, und dann auf allen anderen Uhren der Stadt, und er kam immer noch nicht. Wenn er heute ganz aus geblieben wäre oder erst mit dem nächsten Zug um elf Uhr eintraf ! Der alte Regie rungsrath wurde förmlich nervös vor Spannung, denn er liebte den transatlantischen Neffen wie einen eigenen Sohn trotz mancher tollen Streiche, die er schon verübt, und die beiden jungen Mädchen horchten abwechselnd an der Vorsaalthür, ja Rieke, dastzausmädchen, war sogar im ten auf der Treppe postirt worden, um von dort auS gleich zu melden, wenn sich der Erwartete etwa blicken läge. Unser anderer junger Freund, der Arzt auö Würzburg, hatte, indeffen seinen Ge Päckschein einem der numerirten Kofferträ ger übergeben und ging mit seiner leichten .Reisetasche in der Hand, langsam und sei nen Gedanken.nachhängend, in die Stadt hinein. Vor allen Dingen mußte er das ihm schon ausgemachteQuartier aussuchen, und dann, wenn sein Koffer eintraf, sich für die nothwendigen und eben nicht angenehmen Visiten in die geeignete Verfassung setzen. Hauö und Straße wußte er allerdings, wo sein Logis bestellt'wurde : Ostmarkt No. 47, zweite Etage aus dem Zettel war aber die 7 so undeutlich, daß es eben so gut eine 2 sein konnte. UebrigenS ließ sich das leicht erfragen; auch wußten seine neuen Wirthsleute, daß er heute Morgen eintraf, und erwarteten ihn gewiß. DaS neue, ungewohnte Leben der fremden Stadt interessirte ihn dabei, und er schritt langsam die vorher erfragte Straße nieder, bis er den sogenannten Obstmarkt erreichte, das bezeichnete Haus fand und, als er eintrat, aus dem ersten Treppenab satz ein Mädchen stehen sah. Dieses wollte er nach den Bewohnern fragen, um sich zu überzeugen, ob er auch am rechten Ort wäre. DaS Mädchen stand ihm aber keine Rede, denn kaum hatte sie ihn erblickt, als sie auch umdrehte und spornstreichs die Treppe hinauflief. Oben angelangt, war es ihm auch, als ob er sie die Worte rufen x . rCC.u 1vtrnl Y V ist Att m nOriC . iuwu n. i lujvu tut Hause," und still vor sich hinlächelnd, sagte er : Da bin ich also doch an der rechten Stelle und meine Wirthsleute scheinen mich richtig erwartet zu haben. Jetzt freu' ich mich nur auf eine Taste recht heißen Kaffees." . . t v Er stieg langsam die Treppe hmauf und sah sich gleich darauf den ausgehangenen Guirlanden und Kränzen mit dem eingefiochtenen Willkommen" gegenüber. Aber das war in der ersten Etage und galt ihm nicht. Nur einen Augenblick blieb er 15
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chelnd stehen, denn es schien ihm fast, als ob er hinter der angelehnten Vorsaalthür ein leises Kichern und Flüstern hörte, dann aber wandte er sich wieder, um eine Etage höher zu steigen. Da wurde plötzlich und rasch die Thür aufgeriffen, die lachende Stimme eines al ten Herrn rief : Haltet ihn haltet ihn fest, den Ausreißer !" und ein paar junge allerliebsteMäd. chen sprangen aus der Thür gerade auf ihn zu, warfen ihm, ehe er vor Erstaunen wußte wie ihm geschah, eine lange grüne Guirlande über die Schultern und zogen den sich wenig oder gar nicht Sträuben den unter lautem Jubel in den Vorsaal hinein. .Haben wir ihn V schrie der alte Herr, haben wir ihn erwischt, den Land und Meerstreicher? Uns überraschen wollte er erst, und dann wie er merkte, daß eS miß glückt war, vorbeischleichen, als ob ihn die ganze Geschichte gar nichts anginge, heh ? Kam uns aber gerade recht, der MuSjö; wie. Ihr Mädchen ? Junge alter See lenjunge, wie geht'S V Und damit zog er den jungen Mann ohne Weiteres an seine Brust und lüßte ihn ab nach Herzenslust. Aber, bester Herr !" stotterte dieser jetzt ernstlich verlegen. Ein Mißverständnib lag der ganzen Sache jedensalls zuGrunde und er wünschte daö sobald als möglich aufzuklären. Was Herr !" rief aber der Alte, will sich wohl gar jetzt noch herauslügen? Flausen ! Flausen ! Damit ist'S nichts und Ihr, Blitzmädels, steht jetzt da, als ob Ihr nicht Drei zählen könntet ? Ist das ein Empfang sür einen Vetter, auf denJhr Euch so lange gesreut habt, heh?-und wollt Ihr ihm gleich um den Hals fallen und einen oder ein Dutzend derbe Küffe geben?" .Willkommen, Franz !" rief da die Jüngste, die sich zuerst ein Herz faßte, sprang dem jungen Mann entgegen und drückte die rosigen Lippen sest auf seinen ihr sehr bereitwillig dargebotenen Mund. Und dann kam auch die zweite mit eben so süßem Willkommen, und der junge Arzt sagte lachend : Und wenn ich mir das auch wie einDieb in der Nacht stehle, mag da ein Anderer widerstehen, und mir der herzlicheEmpfang in diesem HauseGlück bedeuten. Jetzt aber, mein bester" Trinken wir vor allen Dingen Kaffee und rauchen wir eine vernünftige Cigarre oder Pfeife dazu," unterbrach ihn wieder derRegierungsrath, der heute fest entschloß sen schien, seinen vermeintlichen Neffen gar nicht zu Wort kommen zu lasten. Allons, Mädels, voraus bier.Rieke, nimm einmal die Tasche und den Shawl, und dann soll er erzählen erzählen von heute Morgen bis spät in die Nacht hinein, bis wir Alles aus ihm heraushaben, was wir wissen wol len Dabei hatte er den jungen Mann unter den Arm gefaßt und zog ihn in das schon festlich mit Blumen geschmückte Zim mer. Wenn Sie mir aber nur vorher gestat ten wollten, Ihnen mit wenigen Worten eine Erklärung zu geben," machte noch einmal der also Gepreßte den Versuch, daS Mißverständniß aufzuhellen. Keine Erklärung vor Kaffee," parirte aber der hartnäckige Regierungsrath auch diesen letzten Angriff, und im nächstenMo ment fand stch der Arzt dem alten Herrn gegenüber, an jeder Seite eine seiner rei zenden, wenn auch ausgezwungenen Cou sinen, vor der qualmenden, vortrefflich duf tenden Kaffeekanne, vor allen Dingen die höchst wichtige Frage zu beantworten, ob er viel Sahne und wie viel Zucker er wün sche. Da steckt das Dienstmädchen, die Rieke, den Kopf wieder in die Thür herein und meldete, daß draußen ein Fremder sei, ein junger Herr, der den Herrn Regie rungLrath zu sprechen wünsche. Jetzt r rief dieser-geht nicht-soll wiederkommen. In einer Stunde, oder den Nachmittag, oder am liebsten morgen früh. Heute kann ich unmöglich." Das Mädchen verschwand wieder, kehrte aber schon nach wenigen Augenblicken zurück und richtete aus: , . Er kann nicht warten, sagt er, und müßte Sie gleich sprechen." Er soll zum . Teufel gehen!" fuhr der sonst so gutmüthige RegierungSrath jetzt gereizt und ärgerlich empor von ,Müf sen' kann gar keine Rede sein ; ich muß gar nichts und heute Morgen am allerwenigsten." DaS ist nun das zweiteMal heuteMor gen," sagte da eine lachende Stimme in der Thür, daß mich ein möglicher" Onkel zum Teusel wünscht, und eS müßte nur sein, daß ich zum zweiten Mal an den falschen gekommen wäre. Onkel Kettenbrock?" Onkel?" sagte der alte Herr, überrascht von seinem Stuhl ausspringend und erst den Eiudrirgling und dann seinen früher vermutheten Neffen ganz erstaunt betrachtend. Ja, mein lieber Herr," sagte der Arzt, der bis über dieOhren roth geworden war, wenn Sie mich nur einen Augenblick ha ten zu Worte kommen lasten, so würden Sie schon lange erfahren haben, daß Sie sich in mir geirrt." Ja. wer zumWetter ist denn jetzt eigent lich der Neffe?" rief ganz verdutzt der Re. gierungörath. Vielleicht entscheidet da der Name,"
lachte da der Letztgekommene, ich heiße Franz Kettenbrock." Franz Kettenbrock?" Und ich Karl Helmerdiek," sagte der Doktor. Mein Reisegefährte aus dem NichtRauch'Coupe." Der allerdings bedauert." sagte der junge Doktor, einen so lieben Willkom men auf fremdem Revier und unverdienter Weise erhalten zu haben." Die Reihe zu errötben war jetzt an den jungen Damen. Der RegierungSrath aber, mit dem richtigen Neffen vor sich, übersah in dem Augenblick alles Andere, und die Arme ausbreitend, rief er.: Junge, bist Du eS denn wirklich freilich. das Gesicht gibt's ja wo ich auch nur vorher die Augen gehabt habe ! Herzensjunge und doch überrascht !" Lieber, bester Onkel !" rief Franz Ket tenbrock, an seine Brust fliegend und den alten Mann sest an sein Herz drückend. Dann richtete er sich wieder auf. Und daS sind meine beiden Basen V jubelte er, während ihm die hellen Thränen in den Augen standen. Fränzchen Adele tau send noch einmal, was für große Mädchen sind die Knirpse geworden !" Im Nu hatte er sie beim Kopf und herzte sie nach der Art. Aber ist das auch gewiß der Rechte?" rief da Fränzchen, ihn noch mit schelmi schem Lachen abwehrend, nach den heutt gen Erfahrungen " 1 Wie ich merke, hat mir mein Nachbir aus dem Nicht'Rauchcoupe schon daSBeste oben abgeschöpft," sprach Franz ; aber halt, laßt ihn nicht sort wir stnd ncch nicht fertig mit einander. Der junge Arzt, der wohl fühlte, daß er hier eine eben nicht beneidenswerthe Rolle spielte, hatte stch in der That leise nach der Thür gedrückt, um mit der Freude des Wiedersehens seinen Rückzug zu decken. Mein bester Herr Nachbar," sagte er, eö thut mir allerdings leid, das Alles nur un ter dem Namen eines Anderen erhalten zu haben ; aber ich bin wirklich unschuldig." Den Herrn trifft keine Schuld," nahm auch Fränzchen jetzt seine Partei. Wir Beide haben ihn förmlich eingefangen, und Onkel hat ihn gar nicht zu Worte kommen lassen, denn wir waren fest überzeugt, daß er der Rechte sein mußte. Hat also hier Jemand um Entschuldigung zu bitten, so sind es jedenfalls wir, die wir Sie so hin terlistig auf der Treppe überfielen." Na, auf die Art läßt er sich, glaub' ich, jeden Morgen überfallen," lachte der junge Kettenbrock aber ohne Kaffee dürfen wir ihn keineswegs entlasten. Sie haben ihn einmal hereingeschafft, Onkel." Der RegierungSrath hatte indessen den jungen fremden Mann mit einem wohl wollend prüfenden Blick gemessen. Der selbe sah so anständig aus, und seinGestcht hatte dabei etwas so Offenes, Ehrliches, daß er ihm überdies in der Freude desAu genblicks die Hand entgegenstreckte und ausrief : Nun, Herr wie war eigentlich Ihr Name?" Doktor Karl Helmerdiek." Also, Herr Doktor, wennSie auch nicht mein Neffe stnd, hätten Sie eS doch recht gut sein können, und da Sie unserthalben wahrscheinlich Ihr Frühstück versäumt ha ben, so machen Sie uns eme Freude, wenn Sie das unserige mit uns theilen, um so mehr, da die beiden Herren auch schon be kannt mit einander sind" Wir waren Coupe-Nachbarn," sagte Franz Kettenbrock, und ich hatte wahrlich nicht geargwohnt, daß mir mein Reisege fährte beinahe den Onkel abspenstig machen sollte. Das Komische bei der Sache ist jedoch, daß ich heute Morgen schon in Eurer alten.Wohnung einem wildfremden Menschen in's Zimmer und an's Bett ge fallen bin." Im alten.Logis V Natürlich ; ich hatte ja keine Ahnung, daß Sie das Haus je verlassen würden." Und der Fremde ?" lachte der Onkel mit dem ganzen Gesicht, War wüthend, daß ich ihn im Schlafe störte und ihn im Dunkeln ganz zärtlich meinen lieben, besten Onkel nannte." Das ist eine himmlischeVelwechslung!" riefen die jungen Mädchen. Wer die Scene mit hätte erleben können!" Als ob Ihr es mir hier um ein Haar besser gemacht hättet ! Draußen steht Willkommen" an der Thür, und drinnen bin ich eben so gut zum Teufel gewünscht worden, wie drüben bei dem altenBrumm bär. Das war heute ein eigenthümlicher Empfang." Fränzchen lachte dennoch wie vorher. Etwas Komischeres kann man sich kaum denken." So ? nun wartet, ob ich nicht mitEuch quitt werde," bemerkte Franz. Für den Empfang muß ich meine Revanche haben." Und auf welche Art, Herr Vetter?" fragte schelmisch Adele. Das weiß ich noch nicht," rief der Ha vanese, aber die Mittel werden sich finden lassen." Dann will ich Dir gleich Gelegenheit dazu geben," lächelte der Onkel. Auf morgen Abend habe ich zur Feier Deiner Ankunft einen kleinen Ball arrangirt und alle Deine alten Schulkameraden dazu eingeladen, da kannst Du die Mädchen gleich zur Strafe sitzen lassen." ' Daß ich ein Narr wäre!" erwiederte Franz, aber ausrichtig gesagt, liegt mir an einem solchen Fest verwünscht wenig.
Ich hatte michdarauf gefreut, daßlwir ge müthlich zusammenbleibenlsollten. Bei so viel fremden Menschen" Dann mußt Du mir das Ovfer brin gen," sagte der Onkel. Ueberdies triffst Du ja auch fast nur Bekannte dort." Ihnen zu Gefallen Alles, lieber Onkel, rief Franz. Darf ich aber dann wohl einmal die Liste der Eingeladenen sehen und vielleicht noch eine oder die andereEin ladung selber machen V Du bist der König des Festes und hast das volle Recht, einzuführen wenDu willst, sagte der Onkel. Vortrefflich !" rief Franz. Dann be ginne ich gleich hier mit meinem Nachbar. Mein zeitweiliger Repräsentant will ich nämlich als Arzt in Vvenburg etabliren, und der kleine Ball dient ihm dann viel leicht zur Einsührung in die Gesellschaft. Sie nehmen die Einladung doch an V Wenn die Damen keinen Groll mehr auf mich haben," sagte der junge Arzt mit einem bittenden Blick, vorzüglich auf Fränzchen. Herzlich willkommen sollen Sie uns sein !" rief der alte Herr, und wo ist Ihr Absteigequartier ?" Wenn ich die Nummer recht gelesen habe, hier im Hause selbst," lautete dieAnt wort, vorausgesetzt, daß der Registrator Ehrlich sein Logis hier hat." In der Etage über uns. Dann stnd wir ja überdies Hausgenossen und müssen gute Nachbarschaft halten. Und nun Kinder, werft Euch in Euren Staat, denn die Frau Muhmen werden im Handum drehen da sein, um den neu eingetroffenen Vetter in Beschlag zu nehmen." Die Frau Muhmen ?" rief Franz er schreckt. Nun, die Commerzienräthin Brummer und die Steuenäthin Fischbach. Ich will Dir nur wünschen, daß Du die Beiden erst glücklich überstanden hast. Die Frau Com merzienräthin wird wohl gleich damit an fangen, Dir ihreSubscriptionsliste auf den neuen Missioilsverein vorzulegen eine Actiengesellschast mit Anwartschaft auf den Himmel, zahlbar mit Actien zu zwei und ein halb und fünf Thaler, um schwarze oder chinesische oder birmanesische Seelen zu retten." Gott steh uns bei!" riefFranz erschreckt; dort mache ich keine Visite." Das hast Du auch nicht nöthig," lachte der Onkel, die kommt zu Dir und bringt Dir eine permanente Einladung zu ihren Kaffeegesellschaften mit. Also, lieber Herr Doktor, morgen Abend steben Uhr pünkt lich." Ich weiß wahrlich nicht, womit ich diese Güte verdient habe." v Ein halber Verwandter stnd Sie nun doch geworden," sagte Franz, und als Hausgenosse gehören Sie nach havanesi schen Gesetzen ohnedies zur Familie. Sie wollen jetzt Ihr Quartier aussuchen V Meine neuen Wirthsleute werden mich wahrscheinlich schon längst erwarten," lä chelte der junge Mann, wenn auch freilich nicht mit einem so lieben Willkommen. Also auf Wiedersehen, und nehmen Sie nochmals meinen herzlichsten Dank dafür, baß Sie dem Fremden, der auf so wunder liche Art bei Ihnen eingeführt wurde, den Irrthum nicht haben entgelten lassen. Ich werde Ihnen Ihre Freundlichkeit nie der gessen." Die Männer schüttelten sich die Hand, der falsche Vetter neigte sich ehr furchtsvoll gegen die Damen, die ihn im mer noch mit schüchternem Erröthen entließen, und der Regierungsrath führte dann den Neffen in daö für ihn bestimmte Zim mer, damit er es sich dort erst bequem ma che, während er dem Onkel in kurzen Um rissen erstlich von seiner Reise, und dann von seinen jetzigen Plänen und Verhält nisten erzählen mußte.
IV. Des Regierungsraths Warnung war indeß keineswegs übertrieben gewesen, und der junge Havanese kaum im Stand, die an dem Tage auf ihn einstürmenden Be suche abzuwehren. Wie ein Lauffeuer hatte sich das Gerücht seiner Rückkehr unter all' seinen früheren Bekannten verbreitet, und besonders schien der weibliche Theil dersel ben ganz über alle Maßen neugierig, den Mann zu sehen, der sich jetzt neu volle Jahre bei den Cigarren-Jndianern" her umgetrieben hatte. Einige derselben kamen auch wirklich in der felsenfesten Ueberzeu gung, einen dunkelbraunen, über und über tätowirten, halbwildenMenschen zu finden, und sahen stch grausam enttäuscht, als stch der Hcranese auch in gar - nichts von den übrigen europäischen jungen Leuten seines Alters unterschied, als vielleicht der um ei nen Schatten dunkleren Hautsarbe seines Gesichts. Von Tätowirung war keine Spur an ihm. zu sehen. Franz Kettenbrock fühlte stch aber in diesem Treiben nicht be haglich und parirte auf daö Geschickteste drei verschiedene Einladungen zu drei ver schiedenenKaffecGesellschaften hatte er ja doch auch in den ersten Tagen die Ausrede stch ganz seinem Onkel widmen zu wollen. Auf den nächsten Tag fiel aber der Ball, und da seine Cousinen außerordentlich be schästigt waren, die nöthigenAnordnungen dazu zu treffen, ja der RegierungSrath selber alle Hände voll zu thun hatte, und dabei so viel kochen und braten ließ, daß er mit seinem Neffen im Wirthshause essen mußte, so ging dieser sür den Nachmittag allen weiteren Begegnungen am besten da
durch aus dem Wege, daß er auS demThor dem nächsten Dorfe zuwanderte, um dort den Nachmittag Kaffee zu trinken, und dann noch ein paar Stunden die benach barte freundliche und heimische Gegend zu durchstreifen. Hochauf athmete er, als er, vom lichten warmen Sonnenschein beglänzt, die lieben Hügel und Thäler, den blitzenden Strom wieder erschaute, und an der nächsten Höhe angekommen, warf er sich ins Gras und blickte mit leuchtenden Augen auf das wunderlieblicheSchauspiel, das stch vor ihm ausbreitete. Wie hatte er sich auf diesen Augenblick gefreut ! wie oft sich in Gedanken schon die bunten Matten, die dunkeln Wälder aus gemalt, die jetzt in Wirklichkeit wieder vor ihm lagen! Jedes Dorf kannte er auch noch beim Namen, und wußte wie er dort und da gespielt, an Sonn- und Feiertagen mit den Spielkameraden in die Berge ge gangen, und leider auch an dem und jenem Ort die Obstbäume sorgloser Nachbarn geplündert hatte. Oh welch' eine liebeZeit war das gewesen, und auch wieder, welche trübe schwere Jahre lagen dazwischen ! Sein Vater war erst gestorben, dann seine Mutter, und wie ihm die Heunath mehr und mehr verödete, wenn auch der Onkel den Knaben wie sein eigen Kind erzog, wachte die Sehnsucht in ihm auf nach je nem fernen, geheimnißvollen Land : Ame rika. Zum Kaufmann von Jugend auf erzogen, trat er dort mit seinem achtzehn ten Jahre selbstständig in ein Geschäft und vermehrte, mündig geworden, durch glück liche Spekulationen sein Vermögen bald sehr bedeutend. Aber die Heimath konnte ihm daS schöne fremde Land doch nicht er setzen ; hierher trieb es ihn mit unwider stehlicher Kraft zurück, und wenn er auch gerade nicht die Abstcht hatte, sein Leben in Deutschland zu beschließen, wollte er doch sein Vaterland wenigstens noch einmal wiedersehen die Gräber seiner Eltern be suchen. DieS hatte er auch schon mit Ta gesanbruch gethan, stch an dem theuren Platz recht herzlich ausgeweint, und war dadurch recht weich, recht wehmüthig ge stimmt worden. Um so greller und unangenehmer be rührte ihn dafür dieses Drängen undTrei ben der gesellschaftlichen Welt, die ihn aus den Armen seiner Familie heraus mit aller Gewalt in ihre Kreise ziehen wollte. Wie schal und nichtig kam ihm das Alles vor, und wie hatte er sich besonders über die Frau Steuerräthin geärgert, die seinethal ben hente ein kleines Diner-unter ganzin timen Freundinnen nur einfach zu dem Zweck arrangirt hatte, den Havanesen" noch warm vom Schiffe fort an ihrem Ti sche zu sehen und sich seine Abenteuer aus erster Hand erzählen zu lasten. VomGrabc der Eltern in die langweilige Gesellschaft sein ganzes Herz empörte stch gegen den Gedanken, und wie er sich der Einladung selber geschickt zu entziehen gewußt hatte, so hätte er auch lieber dem Onkel den gan zen Ball heute noch ausgeredet, wenn es nur nicht zu spät dazu gewesen wäre. Unter solchen Gefühlen schweifte sein Auge jetzt über die freundliche, sonnende schienene Landschaft hin, als feine Auf merksamkeit auf die unmittelbare Nähe, und zwar durch einen eigenen Zwischenfall geleitet wurde. Etwa sünfzehn Schritt unterhalb von da, wo er auf dem Rasen lag, lief ein schmaler Fußpfad nach dem nächsten Dorf vorbei, und eine alte Frau, mit einem an scheinend schweren Korb aus dem Rücken, war dort in die Knie gesunken und konnte, ohne Hülse, nicht wieder auf. Dicht hin ter ihr her kam ein ältlicher, breitschulteri ger Herr, anständig angezogen und eine Brille tragend, denselben Pfad. Die alte Frau hatte die Schritte gehört, und den Kopf nach ihm umwendend, sagte sie: Ach, liebes Herrchen, wären Sie wohl so gütig, mir ein kleines Bischen heben zu helfen? Ich bin ausgerutscht und kann nicht wieder in die Höh' kommen ; derKorb ist gar zu schwer." Der breitschulterige Herr war bei ihr ste hen geblieben, aber er hatte lichte Glace handschuste über die dicken Finger gezogen und mochte stch die wahrscheinlich nicht schmutzig machen. Ladet nicht mehr auf, wie Ihr tragen könnt," brummte er deshalb finster vor sich hin, rückte sich die Brille, bog eben genug aus, die Frau nicht zu berühren, und ginz vorbei. Ach Du mein liebeö Herrgottchen," klagte die arme Frau, .was gibt'S doch für hartherzige Menschen in der Welt !" Sie brauchte jedoch nicht mehr zu sagen, denn Franz, über daö Betragen des Burschen aus's Aeußerste entrüstet, war schon unten bei ihr, half ihr mit ihrem Korb wieder in die Höh' und sagte freundlich :
.Seid nicht böse, Mütterchen, unser Herrgott hat allerlei Kostgänger, und gute und döse, arme und Reiche Menschen ge macht ; von solchen, wie der da vorn, gibt'S aber, dem Himmel sei Dank, nicht viel. Doch Ihr tragt schwer, habt Ihr noch weit damtt zu gehen ? Nein, mein gutes Herrchen-nur bis zu den nächsten Häusern drüben. Sonst hab' ich schon mehr getragen wenn man aber erst einmal die Fünfundsechzig hinter sich hat, da wollen die Beine doch nicht mehr so recht fort. Aber, wieGott will, und wenn's Zeit ist, wird er mich schon ru sen." Adieu, Alte," sagte Franz und drückte ihr dabei etwas in die Hand. Oh Jemine !" rief die Alte erstaunt
flugso viel Geld hab' ich ja wer weib wie lange nicht beisammen gehabt. Ach, der Herrgott vergelt's tausendmal, und laste Sie" Franz hörte nicht die Hälfte von allen den Segenswünschen, die sie aus ihn her abflehte, den er eilte, so rasch er konnte, dem Dorfe zu, wohin ihm schon der breit schultrige Herr vorangeschritten war. Diesen erreichte er auch gerade noch, als er eben rechts in eine Gartenpforte bog. und Franz sah kaum, daß dort ausgestellte
Tische und Stühle einen WirthshauSgar ten verkündeten, als er ohne WeüereS ihm zu folgen beschloß, um sich den hartherzi gen Menschen wenigstens einmal in der Nähe zu betrachten. Gab es dann dieGe legenheit, so ließ sich ihm auch vielleicht sagen, waö er von ihm und seinem Betra gen hielt. Der Breitschultrige hatte sich eine Portion Kaffee bestellt und setzte sich behaglich an einen kleinen runden Tisch, der einen weitästigen Birnbaum umschloß. Franz Kettenbrock ging an ihm vorüber und schleuderte ibm einen verächtlichen Blick zu; der dicke Herr bemerkte das aber gar nicht und sagte nur zu einem der eilfertig herbeispringenden Kellner : Habe schon bestellt." Franz Kettenbrock blieb überrascht stehen und sah stch nach dem Breitschultrigen um. Die Stimme mußte er jedenfalls schon ge hört haben und war denn das nicht daö Gestcht hatte er freilich gestern Mor gen nicht erkennen können aber war denn das nicht etwa sein falscher Onkel aus dem alten Logis? Der breitschultrige Herr nahm noch immer keine Notiz von ihm ; Franz aber, jetzt fest entschlosten stch Gewißheit zu verschaffen, bestellte ebenfalls eine PortionKaffee, zündete stch eine frische Cigarre an und setzte stch ohne weitere Umstände an den nämlichen Tisch, an dem Jener saß. Der Kaffee, wurde gebracht; die Beiden schenkten sich schweigend ein und saßen eine ganze Weile einander ge genüber, ohne auch nur ein Wort c.itfain men zu wechseln. Das hielt aber unser ungeduldiger Havanese nicht lange auS ; ein Anknüpfungspunkt war auch bald ge funden : er ließ seine Cigarre ausgehen und bat seinen Nachbar um Feuer, und damit war ein Gespräch angeknüpft. Sehr schöne Gegend hier," sagte der Breitschultrige.Sehr schön Sie stnd fremd hier V Vorgestern Nacht angekommen." Und wohnen vielleicht in einer nicht so hübschen Umgebung?" In Schlesien, lautete die Antwort, und Kettenbrock zweifelte jetzt keinen Augenblick mehr, daß er seinen verkehrten Onkel" vor sich habe. Nur hinsichtlich des Na mens mußte er sich noch Gewißheit ver schaffen. Ja, dann glaub' ich, daß Ihnen die hiesige Gegend gefällt. Sie sind Ge schäftsmann, nicht wahr?" Advocat," sagte der Fremde treibe aber auch allerdings ein kleines Geschäft dabei," setzte er mit einem breiten, häß lichen Lächeln hinzu. Lieber Gott," meinte Kettenbrock das Geschäft ist ja doch die allgemeine Axe, um die stch die ganze Welt dreht, und nur wer stch einen guten Platz daran zu sichern weiß, das heißt der, der richtig speculirt, darf hoffen in der Welt zu reus siren." Ganz meine Meinung," nickte beifällig der Fremde, und über seine Züge stahl sich sogar bei der Bemerkung ein Schein von Wohlwollen. .Ihre Geschäfte haben Sie also auch nach Bvenburg geführt, nicht wahr, mein Herr wie war doch gleich Ihr werther Name V Hobelmann." Ach ja, Herr Hobelmann," sagte jetzt Kettenbrock, vollkommen sicher. Geschäfte allerdings," erwiderte der Breitschultrige ein Proceß wenigstens. Was ist Ihr Geschäft, wenn man fragen darf?" Ich bin Arzt," erwiderte auf gut Glück der junge Kettenbrock. Arzt? hm!-Gukes Geschäft hier?" Nur mittelmäßig die Gegend ist un ' verschämt gesund." Hm," sagte Herr Hobelmann, hätte ich Sie früher gekannt, hätten wir vielleicht ein Geschäft zusammen machen können. Jetzt ist es vorbei." Wir Beide?" Ja. In der Proceßsache, die' ich hier für einen Clienten von mir führte ich haie ihm eben die Schlußacten gebracht handelte es stch darum, ein Gutachten von einem hiestgen Arzt über den Geisteszu stand einens Dritten zu bekommen." . In der Tbat?" sagte Franz, und ein eigener toller Gedanke fuhr ihm wie der Blitz durch die Seele da interessiren Sie stch auch vielleicht für Geisteskranke?" Ich ? Damals lebhaft.' Ueberhaupt ist ein Mensch, der nicht vollkommen bei Verstand ist, immer ein. interestanter Ge genstand, da man nie bestimmen kann, in wieweit er sür seine Thaten zurechnungö fähig blieb." Sie sind noch ganz fremd hier in der Stadt ?" Vollkommen kenne nur die Familie, bei der ich wohne. Warum V . ES war nur so ein Gedanke von mir " sagte Kettenbrock. Ich bin nämlich in eknem hiesigen Institut für Geisteskranke
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