Indiana Tribüne, Volume 1, Number 10, Indianapolis, Marion County, 19 October 1878 — Page 7
- "i (. . . ., .,r-
I n d i an a Tr ib ü ne ." 1
4i s I l. j i r. !', t r . i rf.
iler Erzählung von Friedrich Friedrich. (Fortsetzung.) Die Vogtin und Tine hatten sich während der Erzählung 'Mariens kaum gerührt. 'Ohne .'Eindruck wär' dieselbe an .ihnen vorübergeglitten, denn sie haßten die
Au!
Insel.
Fremde ; die Vogtin wähnte, daß die Züge des blassen Mädchens ihren Mann bethölt hätten, und Tine konnte nicht vergessen, daß ihretwegen ihr Vater hart gegen sie gewesen war. Beide wünschten, daß die Wogen auch sie begraben hätten, welche jetzt in dem warmen Bette lag und die sie i pflegen sollten. Heinrich hatte sich Marie, während sie erzählte, langsam genähert, sein Auge war auf ihr blasses, hübsches Gesicht gerichtet, . keines ihrer Worte entging ihm. Im Geiste durchlebte er mit ihr all' die Qualen und die Angst der langen und kalten Nacht. Als Marie im Schmerze der Verzweiflung dU 2B orte ausrief: Mein Vater ist 1odt, nun stehe ich ganz allein und verlas, sen da!" trat er schnell. Alles um sich verpestend an sie heran, erfaßte ihre Hand und sprach mit bewegter Stimme : Nein, Sie sind nicht verlassen ! Ich werde Ihnen bei stehen und Sie schützen!"
Diese Worte entsprachen so sehr dem Verlangen seines Herzens,, daß er kaum wußte, was er gesprochen hatte. Seine Mutter warf ihm einen finsteren drohenden Blick zu. Sie hätte ansspringen und ihn von der Fremden zurückreißen mögen! Hatte dieselbe denn mit ihrem Blicke auch ihren Sohn bezaubert? Marie hatte die Worte kaum gehört, der Voat'nicktc seinem Sobne schweigend, aber
v zustimmend zu.
r Die Nacht war längst hereingebrochen, i . in dem Hause des Vogtes war es still, die Bewohner des Hauses schliefen und selbst
auf die Augeil des unglücklichen, geretteten Mädchens hatte sich erbarmend der Schlaf gesenkt. Nur der Vogt wachte. Auch er hatte geschlafen, wilde ängstlich bedrückendeTraum bilder hatten ihn geweckt. Ihm hatte ge träumt, er selbst ringe im Meere, von den Fluthen erfaßt, mit dem Tode. Vor ihm in einem Boote saß der Kapitän, der Va ter Mariens, und hielt ihm das Ruder hin, sobald er indessen den Arm darnach aus streckte, zog er mit lautem Hohnlachen das Ruder zurück. Er rang mit den Fluthen, schon fehlte ihm der Athem und er fühlte seine Kraft erlahmen, die Angst des Todes kam über ihn, da hielt ihm der Kapitän wieder das Ruder hin, um es auf's Neue zurückzuziehen,' ehe seine Hand es erfaßt hatte. Als er erwachte, war seine Stirne feucht von Angstschweiß. - Horchend blieb er kurze Zeit liegen, die Fremde und auch seine Frau schliefen. Dann erhob er sich leise, kleidete sich an und verließ das Zimmer. Er weckte seinen in einem anderen Raume schlafenden Bru der und forderte ihn auf, ihn zu begleiten. Dann trat er vor das Haus. Der Wind hatte sich wieder verstärkt und fuhr pfeifend über die Insel hin, er war kalt, aber diese Kälte that ihm wohl, er schob den Hut em por, damit der Wind seine heiße Stirne kühle. Er vernahm das hohle Brausen der Brandung, das Meer war aus's Neue in Aufregung gerathen, nachdem es sich mit dem Neigen des Tages etwas beruhigt hztte. Seine Brust dehnte sich, ihm wurde leichter, denn dieser Aufruhr in der Natur entsprach dem in seinem eigenen Innern. Jan trat aus dem Hause und schloß sich ihm schweigend an. Sie schritten zu der Bucht, in welcher das große Boot lag, wohl vermochten sie dasselbe in der dunklen Nacht nicht zu erkennen, dennoch schoben sie ohne Zögern daS kleine Boot in das Wasser, wußten sie doch dieRichtung, welche r r II
5 lie inne zu qaiien yanen, genau.
Das Brausen des Meeres in der Nacht, das Anschlagen der Wogen an das Boot machte einen unheimlichen Eindruck. Frü her würde der Vogt nicht im Geringsten arg daraus gehabt haben, jetzt suchte sein Auge die Dunkelheit zu durchdringen, weil er wähnte, die Jluth müsse den Körper eines Todten ihnen entgegentragen. KrSf tiger zog er das Ruder an, um so schnell als möglich das große Boot zu erreichen. Und sie erreichten es ungefährdet. Lang sam, gleichmäßig wurde es vor oem Anker geschaukelt. Sie traten in die niedrige, enge Kajüte ein. Der Vogt zündete ein u!i.tn Q-aTa TI X 4 hmX V . Im Vw Oa. miiytiuuiyu cuuuuji uuu uit in uu mjüte hängende Laterne an. Der Blechkasten stand unberührt da. Wer hätte ihn freilich holen sollen? DaZ Meer war ein sicherer Wächter. Der Vogt hob ihn empor, er war schwer. Jetzt ließ die Habsucht seine Augen wieder leuchten und verscheuchte jedes Bedenken. Mit einem Beile versuchte er den Kasten zu erbrechen, derselbe erwieß sich jedoch stärker, als er vermuthet hatte.. Seine Hände zitterten.vor Ungeduld. Laß ihn zu," sprach Jan endlich. Ha! Nimmermehr!" rief der Vogt. Ich will sehen, was er birgt. Es sollte die letzte Fahrt des Todten sein, dann wollte er sich zur Ruhe setzen. Glaubst Du, daß er einen solchen Plan gefaßt haben
würde, wenn er nicht vermögend war? Für das alte Schiff würde er wenig oekommen haben, denn die Wogen haben es bereits ' völlig vernichtet. Hier in diesem Kasten ruht sein ganzes Vermögen, er würde ihn sonst nicht an dem Mäste fest' gebunden haben, er wllrde nicht daran gedacht haben, ihn früher in Sicherheit zu bringen als sein eigenes Leben !" Jan schwieg. ...... : Der Vot setzte.den Versuch, den. Kasten zu öffnen, fort, und wandte alle seine Kraft auf. Mit eigensinniger Wuth hieb er mit der Axt darauf ein, und endlich brach das Schloß, der Deckel sprang auf. Ungedul dig, mit gierigen Blicken beugten sie sich über den Kasten, der wasserdicht verschlossen gewesen war und in seinem Inneren nicht die geringste Spur von Feuchtigkeit zeigte. Mehrere festzugebundene Säckchen mit Geld und verschiedene Schmucksachen von Gold fielen ihnen zuerst in die Äugen. Des Vogtes Hand ergriff hastig eines der Säckchen. Das ist Gold!" rief er mit leuchtenden Augen. Mit einemSchnitte seinesMessers öffnete er das Säckchen, dann das zweite, zahl reiche Goldstücke sielen in den Kasten. Fast aufjauchzend wühlte er'mit der Hand in den blanken, schimmernden Münzen. So viel hatte er kaum erwartet. DaS sind Tausende !" rief er. Einen solchen glücklichen Griff haben wir nie gethan!" Jan hatte ein sorgfältig mit einemBande umschloffenes Päckchen zur Hand genom men, er öffnete es. Daffelbe enthielt eine Anzahl sicherer Werthpapiere, außerdem die Bescheinigung über die Versicherungen des Schiffes und seiner Ladung. Beide hatten einen nicht unerheblichen Werth und waren so gut wie eine gleiche Geldsumme, da Schiff und Ladung verloren waren und die Versicherungssumme ausbezahlt wer den mußte. Nun sind wir reich reich !" rief der Vogt, dessen Auge sich von dem Golde nicht trennen konnte. Können wir es behalten?" warf Jan ein. Die, der es gehört, lebt noch. . Der Vogt antwortete auf diese Frage nicht. Sie weiß nicht, daß der Kasten gerettet ist," entgegnete er endlich. ' Es weiß Niemand außer Auste darum, und der schweigt!" Auf dem Grunde des Kastens lagen ver schiedene Familienpapiere des Kapitäns, darunter ein versiegeltes Schreiben mit der Ausschrist: Für meine Tochter, nach.mei nem Tode. Der Vogt wollte es erbrechen. Jan legte die Hand auf den Arm des Bruders. Thu' es nicht," sprach er mah nend. Weshalb nicht? Soll ich ihr dies viel, leicht geben,. damit sie sofort .erräth, daß wir im Besitze des Kastens sind und.densel den geöffnet haben?" entgegnete Klaas. Er legte die Hand an das Siegel. Ein eigenthümliches lautes Pochen an dem Schiffsrand ertönte in dem Augenblicke. Der Vogt zuckte zusammen, halb ängstlich blickte er sich um, es war, als ob die Hand eines Todten an das Schiff gepocht habe. Was war das V rief er. Das Geräusch wiederholte sich noch ein mal. Jetzt hö-te er, daß das kleine Boot durch die Wogen an das Schiff geworfen wurde. Ein Lächeln über seine thörichte Furcht zuckte um seinen Mund hsn. Er hatte ja früher nie ein Gefühl der Furcht gekannt. ' Hastig erbrch er das Siegel und öffnete das Schreiben. Eine deutliche, feste Hand schrist blickte ihm entgegen. Mit halblau ter Stimme begann er zu lesen : Meine liebe Tochter ! Ich halte es für meine Pflicht, Dich nach meinem Tode in ein Geheimniß einzuweihen, welches ich Dir, so lange ich lebte, aus verschiedenen Gründen verschwiegen habe. Du wirst vielleicht nach meinem Tode allein dastehen, da wird eS dir möglicher Weise von Nutzen sein können. So lange als du lebst, habe ich den Namen Frederik Wybrand geführt, und ich darf dreist behaupten, daß auf dem selben nicht der geringste Makel hastet, denn eS ist immer mein strenger Grundsatz gewesen, Jedem sein Recht wuderfahren zu lasten. Du magst diesen Namen weiter führen, ich hinterlaffe ihn Dir mit gutem Klänge und alle Deine Rechtsansprüche auf meine Hinterlaffenschaft sind auf ihn gegründet. Mein eigentlicher Name 'ist Frederik Aaken . . ." Der Vogt hielt inne mit lesen, seine Au gen waren starr auf daS Papier geheftet, sie schienen aus dem Kopfe hervorzutreten. Lieslweiter !" drängte Jan mit mühsam hervorgepreßter Stimme. Der Vogt strich mit der Havd über die Stirne hin; sein Auge hatte nicht den Muth beseffen, nur ein einziges Wort wei ter zu lesen. Lies weiter," wiederholte Jan noch ein mal. .Mein Vater war Vogt auf der kleinen Nordsee.Jnsel R.," fuhr der Vogt fort. Allmächtiger Gott!" unterbrach er sich und sprang auf. Das Schriftstück entsank seiner Hand, aus seinem Gesichte schien jeder Blutstropfen gewichen zu sein. Auch Jan war aufgesprungen und blickte seinen Bruder mit starren Augen an. Die breite Brust des Vogtes rang nach Athem,
l es schien eine Last auf ihr zu ruhen, die sie mit furchtbarer Gewalt zusammenpreßte.
Und es war eine schwere schwere Last, denn der Mann, der am Tage zuvor durch ihn, auf seinen Ruf hin den Tod gefunden hatte, war sein Bruder gewesen ! Klaas, Klaas, was haben wir gethan !" rief Jan mit verzweiflungsvoller Stimme. Der Vogt schien ihn nicht zu hören,-er rang noch immer nach Athem, er preßte die Hand auf die Stirne und sein kräftiger, schwerer Körper sank wie ein morscher, .ge brochener Stamm auf die harte Bank in der Kajüte hin. Er war der Mörder sei nes Bruders geworden! - Das Licht hatte der Vgt. als er erschreckt aufgesprungen war, zu Boden geworfen, es war verlöscht, das schwache Licht, wel ches die von dem schaukelnden Schiffe lang sam hin und her bewegte Laterne verbrei tete, warf bewegliche, unheimliche Schatten in den engen Raum. Diese Schatten lie sen langsam an der Kajütenwand empor bis zu der niedrigen Decke und schienen dann wieder hinabgleitend sich .unter der Bank und in dem Winkel zu verlieren. Und der schwache Lichtschimmer glitt über die blanken Goldstücke in dem Kasten hin, welche jetzt weniger glänzten. Und die Wogen draußen warfen das kleine Boot an die Schiffswand, das klang so hohl, so pochend, als solle das Gewissen der beiden Männer, welches so lange geschlafen, wach gepocht werden. Der Vogt und Jan rührten stch nicht, wie völlig gebrochen' saßen sie da, nur ihr schweres keuchendes Athmen war in dem engen Raum vernehmbar. Ihre Erinnerung war viele Jahre zurückgeeilt. Sie hatten einen Bruder gehabt, der im Alter zwischen ihnen beiden stand, ein sri scher, heiterer und lebenslustiger junger Mann, der mit ihrem und ihres Vaters verschloffenem, finstere Charakter wenig Ähnlichkeit hatte. Sein Charakter war das Erbtheil ihrer Mutter, die auf der ein samen Insel und bei dem finsteren Wesen ihres Mannes früh vergangen und gestor ben war. 'Frederik war Matrose geworden, und nur dann und wann, wenn er von einer längeren Seefahrt zurückgekehrt, in das väterliche Haus gekommen, ohne jedoch für das abgeschloffene Wesen und den harten
Sinn seines Vaters und seiner Brüder ein Verständniß zu gewinnen. Freidenkend, war ihm von Jugend auf das Strandrecht wie ein Raub an Unglücklichen erschiene und manchen Kampf hatte er deshalb mit seinem Vater und seinen Brüdern gehabt, und dies hatte ihn auch früh aus dem väterlichen Hause und von der Insel ver trieben. Wieder war er von einer langen Reise heimgekehrt und hatte zwei Monate lang Urlaub. Er besuchte die Seinigen, denn nach der kleinen Insel, auf der er geboren war und sich als Knabe getummelt hatte, zog es ihn immer wieder zurück. In fer nen Ländern, umgeben von der prächtig sten und großartigsten Natur,' inmitten der tropischen, wundervollen Pflznzenwelt, er faßte ihn stets ein sehnsüchtiges Verlangen nach dem kleinen Eilande in der Nordsee, aus dem es keinen Baum, und außer dem niedrigen Sanddorne nicht 'einmal einen Strauch gab. Er sehnte sich nach dem ein förmigen Strande, der wie eine große Sandbank weit in das Meer hinausragte und bei jeder Fluth auf lange Strecken hin unter Waffer stand er sehnte sich nach den weißen Dünen, jenen Hügeln aus feinem Sonde, in dem nur der Dünenhafer seine spärlichen grünen Stengel trieb, in den der Fuß stets tief einsank. Es war die Erinne rung der glücklichen Knabenzeit, die in ihm nachhallte. Es war seine Absicht gewesen, nur wenige Tage auf der Insel zu bleiben, allein aus den Tagen wurden Wochen. Es lebte in dem Hause seines Vaters eine Verwandte, ein hübsches, junges Mädchen, welche die Wirthschaft führte, und sie war es, die ihn zurückhielt. Sie hatte auf sein Herz einen tiefen Eindruck gemacht und kam ihm freundlicher entgegen als feinen beiden Brüdern, vor denen er freilich in den Au gen eines .jungen Mädchens durch seinen heiterenSinn und sein gewandteres Wesen viel voraus haben mußte. Seine Brüder, welche die Verwandte liebten, blickten mit finsteren Augen aus ihn, selbst sein Vater schien es ungern zu sehen, daß er dem jungen Mädchen Ans merksamkeiten erwies, allein in der glück lichen Harmlosigkeit der Jugend bemerkte er dies kaum, denn er hatte nur Augen für das Mädchen. Da kam der Groll seiner Brüder gegen ihn durch eine besondere Veranlassung zum Ausbruche. An dem Riffe war ein Schiff gescheitert, eS war eine mit Holz beladene Bark, welche von Norwegen kam. In dem Augenblicke, als das Schiff aufgefahren war, war die geringe Bedienung nach dem Boote ge stürzt, um sich zu retten, eine einzige mäch tige Sturzwelle hatte Alle, außer dem Ka pitän und einem Matrosen, vom Deck ge spült. Beide hatten sich dann in dem Boote nach der Insel gerettet und waren von dort am folgenden Tage nach dem Festlande übergesetztem vondort Hülse zurBergung der Ladung zu holen. Die Bark saß zwar fest im Sande und es war wenig Hoffnung vorhanden, daß sie wieder flott gemacht werden könne, ollein sie war noch ziemlich neu und stark genug, den Wogen für längere Zeit Trotz zu bieten, wenigstens so lange, bis die Ladung geborgen war. Mit finsteren Blicken hatten Frederiks
Vater und Brüder dies Alles verfolgt. Gelang das Bemühen des Kapitäns, wurde die Ladung geborgen, dann gab es keine Ernte für den Strand, auf welche sie mit Zuversicht gehofft hatten. Da waren kaum eine Stunde später, als der Kapitän mit dem Matrosen zum Fest lande übergesetzt war, Klaas und Jan zu dem gestrandeten Schiffe gefahren, und ihre Absicht war für Frederik kaum ein Geheimniß geblieben. Sie wollten das zerstörende Werk der Wogen unterstützen, damit ehe die Hülfe kam, wenigstens der größte Theil der Ladung von den Wogen fortgerissen und als Strandgut an die In sei geworfen werde. Fredelik hatte seine Brüder begleiten wollen, sie wiesen ihn schroff zurück. Er sah sie durch sein Glas aus dem gestrande ten Schiffe anlangen, was sie dort vornah men, vermochte er nicht zu erkennen, allein daß seine Befürchtung nicht umsonst ge Wesen war, bemerkte er schon kurze.Zeit nachher. Das Schiff schien sich etwas zur Seite zu neigen, die Wogen fanden Ein gang in dasselbe und riffen einen Theil der Ladung mit sich. Klaas und Jan kehrten zur Insel zurück und warfen ihrem Vater einen Verständniß vollen Blick zu. Wenige Stunden später war der Strand mit der angeschwemmten Ladung des Schiffes bedeckt. Frederiks Vater und seine Brüder waren eisrig bemüht, das Strandgut zu bergen. Frederik war entrüstet darüber. Als sie gegen Abend zum Hause zurückkehrten, sprach er seine Entrüstung offen aus. Ein heftiger Streit entspann sich, Frederik be schuldigte seine Brüder offen, daS Schiff angebohrt zu haben, er wußte ja, daß sie es gethan hatten, da fielen Beide über ihn, warfen ihn nieder und mißhandelten ihn in der rohesten Weise. Der lang gehegte Groll gegen ihn ließ sie kein Mitleid em pfinden. Und sein Vater stand daneben und wehrte den Rohen nicht, das junge Mädchen, besten Herz er eworben zu ha ben wähnte, sah es und eilte ihm nicht zu Hülfe. Als die Brüder ihren Zorn gekühlt hat ten, ließen ste ihn hilflos liegen und traten mit seinem Vater und der jungen Ver. wandten in das Haus ein. . Er war übel zugerichtet und glaubte sterben zu müffen, sein ganzer Körper war von den Rohen zerschlagen, heftiger aber noch als die Schmerzen brannte das Ge sühl in ihm, daß weder sein Vater noch die, Welche er so innig liebte, ein Wort gespro chen hatten, um seine Brüder zurückzuhal ten. Was hatte er ihnen gethan? War seine Entrüstung nicht eine gerechte ? Regungslos blieb er liegen, denn er war kaum im Stande sich zu rühren. Die Nacht brach herein. Da raffte er sich end lich auf und schleppte sich zu der Bucht, wo das kleine Boot lag. Die letzten Kräfte zusammenraffend schob er es in dasWaffer und stieg hinein, denn er hatte nur daö eine Verlangen, fort, fort von der Insel. Sein Versuch, in dem schwachen Boote und mit seinen schwachen Kräften stch dem Meere anzuvertrauen, um das Festland zu erreichen, war mehr als tollkühn, was hatte er indcffen zu befürchten? Er wollte hun dertmal lieber den Tod in den Wellen sin den. als die noch einmal wiedersehen, die kein Mitleid mit ihm gehabt hatten. Sein tollkühnes 'Wagniß gelang, die kühle .Seelust stärkte ihn; als der Morgen des kommenden Tages hereinbrach, hatte er das Festland erreicht, um die Insel und die Seinigen nie widerzusehen. So wie es gewesen war, stand Alles in der Schrift. Der Todte hatte nichts ver schwiegen und nichts übertrieben. Ich habe die Meinigen nie wiedergese hen hieß es weiter in der Schrist, um jede Beziehung mit ihnen abzubrechen, habe ich meinen Namen Aaaken mit Wy
brand vertauscht. Mein Leben ist ein glück liches gewesen. Einige Jahre nach jenem Vorfalle, der mich für immer vonderJnse fern hielt, lernte ich Deine Mutter kennen und gewann ihr Herz. Wie glücklich ich mit ihr lebte, brauche ich Dir nicht zu sa gen, sie hat mir nur einen einzigenSchmerz bereitet, das war in der Stunde, als sie starb, und diesen Schmerz werde ich wohl nie überwinden. Suche das Andenken an ste in Dir festzuhalten, und Dir kann ich keinen besseren Wunsch zurufen, als : ,werde wie Deine Mutter ! Mein. Vater ist seit Jahren todt, sollte Dich dasGeschick je mit einem meiner beiden Brüder zusam menführen, dann hege keinen Groll gegen ihn; was sie mir einst angethan, ist ja zu meinem Glücke ausgeschlagen, sage ihnen, daß ich ihnen längst vergessen habe und ihnen ein gleiches Glück wünsche, wie ich gefunden habe!" Als der Vogt nach geraumer Zeit das Schreiben wieder emporgehoben und wei ter gelesen hatte, ließ er aufs Neue die Hand niedersinken, als er diese letzten Zei lenlas. . Sein Bruder, dem er einst ein so großes Unrecht zugefügt, hatte ihm und seinem Bruder vergeben, er wünschte ihnen sogar Glück und sie sie hatten ihn ermordet! Dieser Wunsch, der so ausrichtig gemeint war, klang ihm wieHohn in'ZOHr. Konnte er denn noch auf Glück.rechnen? In dieser Stunde wurde er gewahr, daß er nie glück lich gewesen war. Er hatte die, welche sein Bruder einst geliebt hatte, geheirathet, sie war sein Weib, allein an ihrem kaltenHer zen war sein harter Sinn noch mehr er härtet. Sie hatten in Vielem übereinge
stimmt, gemeinsam hatten sie, durch Hab sucht geleitet, Gut aus Gut zusammenge rafft, aber wirklich glücklich waren sie nicht gewesen. . . . - Stunden lang befanden sich die Brüder bereits in der engen Kajüte. Jan saß schweigend da, den Ksps auf die Hand gestützt und vor stch hinstarrend. War er nicht eben so schuldig wie sein Bru der? - Was soll nun werden ?" fragte er end lich. Ich weiß es nicht," gab der Vogt zur Antwort. Sein Kopf war so dumpf und schwer, als ob er nicht mehr im Stande sei, einen Gedanken zu fassen. Sie darf es nie erfahren, daß sie die Tochter unseres Bruders ist bemerkte Jan. W-eshalb nicht?" Würde sie eS verschweigen, würde sie uns nicht als nahe Verwandte begrüßen und würde dann nicht Auste erfahren, daß der der, welchen wir nicht gerettet haben, unser Bruder war?" Du hast Recht, ich werde diese Schrist vernichten, kein Auge soll sie je wieder lesen !" rief derVogt und hielt die aus meh. reren Bogen bestehende Schrift an das Licht. Hell flackerte das Papier auf, einer der brennenden Bogen entglitt seinerHand und fiel unter die Bank, weder er nochJan achteten darauf, ihre Augen waren starr auf die Flamme des Papiers, welches er noch in der Hand hielt, geheftet, denn die Flamme verzehrte jetzt ein Geheimniß, um welches nur ste allein wußten, welches nur ihre Lippen verrathen konnten. Unter der Bank lag mit Theer getränk tes Werg,, daneben stand ein Kübel mit Theer, mit dem ste dasBoot anstrichen und wasserdichtmachten, das Werg fing von dem niedergefallen . brennenden Papier Feuer und loderte kaum eine Sekunde spä ter hell auf. Erschreckt sprang der Vogt zurück. Die Gefahr, welcher das Schiff ausgesetzt war, wenn es nicht gelang, die Flamme sofort zu löschen, verhehlte er sich keinen Augenblick lang. - Schon füllte dichter Qualm den engen Raum. Hole Wasser !" schrie der Vogt seinem Bruder zu Jan sprang empor und stürzte aus der Kajüte, er ließ die Thür in der Hast offen. Der hereindringende Wind ließ das Werg noch heller auflodern. Der Vogt verlor die Besinnung nicht, er wollte dieFlamme die noch nicht groß war, aber bereits an demTheerkübel emporleckte, austreten, in der Hast stieß er mit dem Fuße den Kübel um, der Theer ergoß stch über die Erde, über seine Stiefel und ein Flammenmeer umgab ihn in demselben Augenblicke. Hastig wollte er sich nicder beugen, um den Kasten mit dem Golde zu retten, die Flamme schlug zu ihm empor und versengte sein Gestcht. er mußte aus dem engen Raume fortstürzen, um sich selbst zu retten. DichterRauch und Flam men drangen ihm nach, seineStiesel brann ten hell. Allmächtiger Gott !" rief Jan, die Gefahr erkennend. Der Vogt riß ihm denKübel mit Wasser auö der Hand, um sich dasselbe über die Füße zu gießen. Er taumelte, von dem Qualm halb erstickt, und mußte stch an ei nem Tau halten, um nicht niederzusinken. .Wasser Wasser!" rief er. in diesem Augenblick selbst zur Hilse unsähig. Mit vor Erschrecken zitternden Händen ließ Jan den Kübel an einem Tauende in's Meer hinab und zog ihn wieder empor, er schüttete ihn in die mit Macht aus der Ka jüte schlagende Flamme, allein dieselbe schien dadurch noch mehr angefacht zu wer den. Der Vogt raffte sich gewaltsam zusam
men und mit der Kraft der Verzweiflung unterstützte er seinen Bruder. Die Hülfe war zu schwach. Schon brach die Flamme auS dem durch die Hitze auseinander ge triebenen Dache der Kajüte und bahnte dem Winde einen Weg, das Feuer noch stärker anzufachen. Bald liefen die Flammen über daS Deck hin, das ganze Innere des Schiffes war eine Gluth, Rettung war nicht mehr möglich, es galt jetzt für die beiden Männer, das kleine Boot zu errei chen, sonst waren sie selbst verloren. Mitten durch die auslodernden Flam men und den erstickenden Qualm mußten sie sich stürzen, .um das Boot zu erreichen, und fast ohnmächtig langten sie in ihm an. Der Vogt feuchtete das versengteGesicht mit Wasser an, dann stießen sie schnell ab, um nicht von einem niederstürzenden Schiffs theile oder eine Rae getroffen zu werden. In einer Entfernung von ungefähr fünf zig Schritten hielten sie die Ruder an. Keiner von ihnen sprach ein Wort. Die Flamme des brennenden Schiffes flackerte laut prasselnd hoch auf und war? einen feurigen Schein in die dunkle Nacht hin ein, auf die unheimlich glänzenden Wogen und auf die bleichen, vom Schreck entstell ten Gesichter der beiden Männer. (Fortsetzung folgt.) Ein Dieb schlich neulich in eine Ge Würzhandlung und erwischte ein Packet mit ungesähr 10 Psund Kaffee. Gerade als er damit aus der Hauöthüre ging, begegnete ihm der Herr des Hauses. Dieser glaubte, er habe solches im Laden gekauft und sagte im Vorübergehen zu ihm : Besuchen Sie mich bald wieder
Eine EulensriegelSage. G.'gen die Mitte des 14. Jahrhunderts,
kam ein lustiges, schalkhaft spitzbübisches? Bürschchen aus Prag geeenWien gezogen.' Sem Nanzlem aus dem Rllcken, betrat er den Stephansplatz, packte dort einen ehr samen alten Herrn am Arme, sührte den Erstaunten, sich willenlos Ergebenden vordas Kirchenthor, hielt seinen Zeigesinger' . vielsagend aus dle Nasenspitze u. verharrte in tieser, starret Betrachtung des einen von den beiden Thürmen. Noch heutzutage genügt viel weniger in Wienuvi eine ungeheure Menschenmenge auf emem Flecke zu sammeln. Zuerst bleibd Einer stehen, dann Mehrere und sofort bis zur Unmöglichkeit des DurchdringenS; es ist also begreiflich, daß auch damals binnen kurzer Zeit eine Menschenmenge stch her andrängte und zuletzt fragen mußte, was: denn hier eigentlich geschehen sei. Seht sagte endlich der Jüngling zu seinem Nachbar, den er noch immer in der Klammer hielt, ich bin ein Fremder und habe da eine Erfahrung gemacht, die Ihr als Einheimischer und mit Euch noch viele ' Wiener nicht bemerkten. Es ist meine Pflicht, Euch Alle auf diejeMerkwürdigkeit aufmerksam zu machen. Seht, wie vor) theilhaft es ist, daß der'Thurm da nur ei nen Spitz) und keinen Rausch hat, denn wenn er umfiele, machte er einen er schrecklichen Lärm 1 . Die Wiener, stets fröbliche Kumpane, dankten lachend dem sonderbaren Cicerone;' aber der Begleiter meinte kopsschüttelnd: Jüngelchen, du hast noch mehr solcher Schalkstreiche in deinem witzigen Köpflein; wie heißest du ?" Der Till Eulenspiegel bin ich ausMölln im Lauenburglchen. Und Ihr, geehrter Herr?" . : ; Ich bm MeisterUlrich, Rektor der Bür gerschule zu Sankt Stephan seht, wirste hen vor dem Hause." O, da bin ich ja gerade an den rechten Mann gekommen. Hört, ich beabsichtige in Wien die sämmtlichen Professoren zu einem Wettstreite aufzufordern. Ich ver' pflichte mich, jede wie immer gearteteFrage des hochpreislichen Kollegiums fachkundig und unwiderleglich zu beantworten, fordere aber dann auch das Gleiche .bei Beant- - Wartung meiner Fragen." .3b? seid unaemein kübn V rief der m Rektor'überrascht. Ich werde übrigens Euer Begehr den hochgelehrtenHerren vor legen und Ihr werdet Bescheid erhalten. Wo kehrt Ihr ein?" In der Lücke (engen Gaffe) vor dem Kärenerthurm.") Es geschah wie der Rektor versprochen. An einem bestimmten Tage wurde Tyll Eulenspiegel vor das Kollegium gefordert. Er erschien, bestieg den Lehrstuhl und der Rektor begann : . Wie viele Waffertropfen enthält das Meer V haltet die Flüsse aus." antwortete Eu lenspiegel, welche stch in das Meer ergie ßen, dann will ich es messen, berechnen und Eure Aufgabe bis cwf den tausendsten Theil eines Tropfens lösen." Wie viele Tage," fragte der Rektor weiter, sind vergangen von Adam's Zei ten her bis auf diesen Tag ?" Sieben," war vie Antwort, und wenn, diese sieben Tage verlausen sind, so heben sich andere sieben wieder an und das währt so.fort bis an daS Ende der Welt Wo ist der Mittelpunkt der Well?" Da, wo Ihr sitzt. Wenn Ihres nicht glauben wollt, so messet nach und Ihr werdet sinden, daß kein Strohhalm daran fehlt. Aber nun, würdigerRektor, erlaubt auch mir eine Frage. Wie könnt Ihr den Zugwind auf dem Stephansplatze in zwei gleiche Theile scheiden?" Hm," antwortete nachdenklich der Rek tor, hierzu ist erforderlich, daß ich zuvor die Natur des Windes und deffen Kraft er (rftCjfkA V i L a 2 a ttü mW 4 aC ä9 a UiUjC, UUßlUJ Ul( UlllCluuJC, IV uher er kommt, ob er mit gleichartigenThei" len gemischt ist ; daß ich mich überzeuge, ob er von seinem Ursprünge' in grader Linie oder stumpfen Winkeln ausgehe ; daß ich die Witterung und den Dunstkreis unter suche, ob Sturm oder Wirbelwinde in der oberen Luft vorhanden sind ; daß ich das zu Wenig und zu Viel des Zugwindes ausmeffe; daß ich" Viel zu viel Weitschweifigkeiten!" un terbrach ihn Eulenspiegel. Um den Zug wind auf dem Stephansplatze in zwei gleiche Theile zu scheiden, braucht Ihr nur nach einem Schlüffelloche zu sehen, haltet die Nase daran, und vom durchziehenden Winde wird in jedes Nasenloch gleich viel fahren ; somit ist der Wind in zwe; gleiche Theile getheilt." , ) Uralter Autdruck für: angeheitert dom Weine. ) Ein Andenken an Thll Eulensp:e?el's Nnwesenhtit in Wien bildet daö aus der Wicken, Feldgasse, Ecke der Sofiengsse vom Bildhauer Schönthaler gebaute Wohnau, dessen Erker von dem Schalke im raittelallrcllchen Kostüme, die Schellenkappe auf dem Kopse, getragen wird. ES wird unS mitgetheilt, dab hell blaue Strümpfe diesen Winter in -Mode kommen werden. Damen indeß, die nicht auS Schlitten zu fallen beabsichtigen, brau chen kein Geld darin anzulegen. Ein Bierwirth hat in den letzten Iah ren so viel Schulden in den Schornstein geschrieben, daß der Rauch nicht mehr hin durch kaun!
-
