Indiana Tribüne, Volume 1, Number 9, Indianapolis, Marion County, 12 October 1878 — Page 7
I n d i a n a T r i b ü ne
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ul üer Erzählung von Friedrich Friedrich. (Fortsetzung.) In einer geschützten Bucht lag das große Boot des Vogtes, dorthin wandte er. sich mit seinem Bruder und Auste, der mit sei nem steifen Beine kaum mitzukommen 'im Stande war. Heinrich schlob sich ihnen an. Bleib hier sprach der Vogt kurz. Ich begleite euch und. ich glaube auch, daß ihr mich nöthig haben' werdet gab Heinrich zur Antwort, denn es war kein leichtes Stück Arbeit, das Boot bei der hohen See aus der Bucht zu bringen. Mir brauchen Dich nicht bemerkte der Vogt in derselben kurzen Weise, da es nicht in seiner Absicht lag, den Sohn mitzuneh men. Du bist von dem Fieber noch zu angegriffen .Ich fühle mich völlig wohl und wieder gekräftigt rief der junge Mann und richtete seine mittelgroße Gestalt auf. Die selbe war nicht sehr stark gebaut, verrieth aber in jeder Bewegung Gewandtheit und Zähigkeit. 'Der Vogt ließ das Auge flüchtig über leinen Bruder hingleiten, als ob er aus dessen Gesichte lesen wolle, welchen Weg er einschlagen müsse, um den Sohn zurückzuhalten. Soll die Mutter und Tine vielleicht ganz allein dastehen, wenn wir nicht zurück kehren V sprach er dann. Heinrich blickte seinen Vater überrascht an, denn er hatte nie ein Wort der Besorg niß aus seinem Munde gehört, er wollte ihn bitten, zurückzubleiben und doch wagte er dies nicht, da die beiden Unglücklichen auf dem Schiffe sonst rettungslos verloren gewesen wären. Glaubst Du, daß die Fahrt so gefährlich ist?- fragte er. Ich sürchte keine Gesahr gab der Vogt zur Antwort und schritt weiter. Heinrich blieb zurück, er kannte den kaltblütigen Muth und die Gcschicklichkeit seines Vaters und war wenig besorgt. Der Vogt langte mit seinen beiden Begleitern in der Bucht an. Sie schoben das an einer Kette befestigte, am Strande liegende kleine Boot in das Wasier, sprangen hinein und ruderten zu dem vor Anker lie genden großen Boote deffen Deck wohl dreißig Menschen fasten konnte. Der An ker wurde gelichtet, die .Segel wurden auf gezogen. Auste stand am Steuer, er hatte eine feste Hand und kannte das Meer so genau wie der Vogt. Der Vogt reichte dem Knechte die Flasche mit Genever. Hier sprach er. ' Er wußte, daß er sich nun auf Auste fest verlaffen. konnte, derselbe würde nicht ge zuckt haben und wenn der Tod unmittelbar an ihn herangetreten wäre. Es war ein schweres Stück .Arbeit, das Boot durch die Brandung vor der Bucht zu bringen, mehr als einmal warsen die Wogen es zurück, allein der Vogt war zu Aust: getreten und hatte mit ihm das Steuer erfaßt, der Wind war stark genvb und gewaltsam, wie ein scheues Pferd, ivelches hoch aufbäumt, wurde das Boot durch die schäumende Brandung geführt. Lavirend fuhren sie auf das Wrack zu. Der Hauptmast desselben war gebrochen, näher kommend erkannten sie. daß ein Mann und eine Frau sich an das übrig gebliebene Ende des Mastes angebunden hatten, um nicht von den Wogen sortge risien zu werden, die fortwährend über das Deck hinschlugen und das Steuerende bereits halb vernichtet hatten. -Nur bis auf eine Entfernung vsn einigen hundert Fuß konnten sie sich dem Wracke nähern, wenn sie nicht Gefahr lausen wollten, selbst auf den Sand zu gerathen, obschon ihr unbeladenes Fahrzeug weniger tief ging. Sie refften die Segel ein-und ließen den Anker hinab. Das Schiff schaukelte heftig auf der stark be wegten See, allein der Anker hatte festen Grund gefaßt und die Kette war stark. Der Vogt und Jan zogen das kleine, an das Steuerende gebundene Boot heran, und mochte daffelbe auch wie eine leichte Nußschale heftig auf und nieder geschau seit werden, furchtlos sprangen sie hinein, ergriffen die Ruder und stießen es ab, während Auste. der mit seinem steifen Beine zu unbehilflich war, auf dem großen Boote zurückblieb und fast gleichgiltig sich. an den Ankerstuhl lehnte. Es war für die beiden Männer eine gefährliche und mühevolle Aufgabe, in dem kleinen Boote das Wrack zu erreichen, und es gehörten feste, sehnige Arme und ein kaltes Blut dazu, denn bald wurde das . schwache Fahrzeug von einer Woge tief niedergeworfen, so daß es Sekunden lang dem Auge entzogen wurde; geschickt lenkten die Ruderer es jedoch wieder auf eine andere Woge empor, um dann ous'S Neue hinabzugleiten. Der Schaum der Wellen spritzte ihnen in'sGesicht, sie empfanden es kaum, schweigend, gleichmäßig ruderten sie weiter, als ob es eine Spazierfahrt gegol ten hätte. . . Mit Mühe gelangten sie an die Seite des Wracks, welche gegen den Anprall der Wögen geschützt war, gewandt kletterte der Vogt auf das Deck, dessen Brüstung be reits fortgerissen war. Mit schwachem
Insel.
Freudenrufe begrüßte ihn der an den Mast gebundene Mann,' der Kapitän des Schis fes. 'Seine Hände waren zu erstarrt, um das Tau, welches er um sich und ein jun ges bleiches Mädchen, das er mit dem Arme umschlungen hielt und fest an sich preßte, geschlungen hatte, zu lösen, der Vogt zer schnitt daffelbe. Rettet zuerst meine Tochter !" rief der Kapitän, indem er losgelöst niedertaumelte, weil er nicht im Stande war, sich auf den erstarrten Füßen zu halten. Was haben Sie geladen V fragte der Vogt. Korn es ist Alles verloren gab der Kapitän zur Antwort. Der Vogt erfaßte das fast leblose junge Mädchen, trug es aus dem Decke, welches bei 'jedem Anprall einer Wöge heftig er schüttert wurde, bis zum Rande und ließ es in das Boot hinab, wo sein Bruder es in Empfang nahm.. Die Ladung des Schis fes verhieb ihm keine ergiebige Ernte, denn das Korn wurde von den Wogen sortge spült. . Dann kehrte er zurück um den Kapitän
zu holen. Retten Sie erst diesen Kasten rief der selbe, indem er auf einen kleinen Kasten von Eisenblech deutete, der gleichfalls am Mastende angebunden war. Der Vogt folgte der Weisung, er zerschnitt das fes feinde Tauende und sein Auge leuchtete auf, als er den Kasten emporhob, derselbe war schwer, sehr schwer. Er reichte densel ben seinem Bruder. Halt ihn fest!" rief er und der besorgte Ton seiner Stimme verrieth deutlich, daß nach seiner Ueberzeugung der Kasten etwas sehr Werthvolles enthielt. Sicher wurde der Kasten unter der Bank des Bootes ge borgen. Der Kapitän hatte sich bis zum Rande des Schiffes fortbewegt, so nahe der Ret tung, schien er den Augenblick, in welchem er von dem zitternden Decke hinabgelaffen wurde, kaum erwarten zu können. Der Vogt erfaßte ihn, um ihn hinabzureichen, sein Bruder hatte bereits die Arme zu ihm ausgestreckt, da fuhr eine Sturz welle über das Deck hin; um durch. sie nicht Hinabgeriffen zu werden, ließ der Vogt den Halberstarrten und Hilflosen hinabgleiten, die Welle trieb das Boot fort, und ehe Jan den Herabfallenden noch erfaffen konnte, hatte eine Woge ihn be reits sortgeriffen. Noch einmal tauchte der Unglückliche in der Nähe auf und 'streckte hilfesuchend die Arme empor, Jan wollte ihm ein Ruder zureichen, allein der Vogt rief : Laß ihn, wir werden genug zu thun haben, uns selbst zu retten !" Die nächste Woge riß den Fremden aus dem schützenden Bereiche des Wracks, der wilde Schwall der Fluthen ersaßte ihn. er war rettungslos verloren, v Mit Mühe gelang es dem Vogte, in das Boot zurückzukehren, das Untergehen eines Menschenlebens hatte sein Blut nicht einen Augenblick lang schneller fließen machen es war einFremder, u. skineBrust kannte schon seit langen Jahren das Gefühl des Mit leids nicht mehr.. Das junge Mädchen hatte den Unter gang ihres Vaters nicht mehr gesehen.. In demselben Augenblicke, in dem es in das Boot hinabgelaffen wurde, hatte das Be wußtsein es verlaffen. Die beiden Männer kümmerten sich nicht um die Ohnmächtige, sie hatten freilich jetzt auch keine Zeit dazu, denn sie mußten alle Kraft einsetzen, um zu dem großen Boote zurück zu gelangen, Sturzwellen er g offen sich mehr als einmal über sie, füll ten das Boot mit Waffer und drohten es zum Sinken zu bringen, wenn sie nicht bald ihr Ziel erreichten Wo ist der Kasten?" fragte der Vogt, ohne mit dem Rudern inne zu halten. Unter der Bank lautete die Antwort, Er ist schwer fuhr KlaaS fort. T Der vor ihm sitzende Bruder nickte zu stimmend mit dem Kopfe. Sie ruderten weiter. . Als sie an dem großen Boote anlangten, hoben sie zuerst die Ohnmächtige auf Deck, dann kletterte der Vogt empor und ließ sich von Jan ben Kasten reichen. Allste wollte ihm helfen, allein unwillig-stieß er ihn zu rück. 1 ' ' Der ist schwer bemerkte der. Knecht und über sein aufgedunsenes Gesicht glitt ein grinsendes Lächeln. Ohne zu antworten, trug der Bögt den Kasten in die enge und dumpfe Kajüte, die kaum für wenige Personen Platz bot. Jan war auf Deck geklettert und band das kleine Boot am Steuerende fest. Erst jetzt fanden die Männer Zeit, sich mit der noch immer Bewußtlosen zu U schästigen, welche Auste auf dem Decke nie dergelegt hatte, da ihre Kleider vollständig durchnäßt waren. Sie hatte ein feines, hübsches, bleiches Gesicht. Ihre Augen waren geschloffen, allein in ihren blaffen Zügen lag ein um Erbarmen flehender Ausdruck, dem selbst die harten Männer sich nicht ganz verschließen konnten. Jan kniete neben ihr nieder und rieb ihr die kalte, naffe Stirn und die Schläfen mttBranntwein, er flößte ihr einige Tropsen in den Mund und rieb die erstarrten Hände. Der Vogt stand halb in Gedanken ver sunken daneben. Die bleichen Züge der Ohnmächtigen schienen ihm nicht fremd zu sein, sie hatten Aehnlichkeit mit einem ihm
bekannten Gesichte, aus welches er sich in deß nicht besinnen konnte. Der Knecht trat hinzu. Was wvlltJhr mit dem jungen Dinge?" fragte er mit rohem Grinsen. Wenn eö im Meere läge, würde es hinüber gehen, ohne es gewahr zu werden Die Augen halb schließend, ließ er den Blick verschmitzt über den Vogt und dessen Bruder hingleiten, um ans ihren Mienen zu lesen, ob sie nickt dasselbe dächten, was er ausgesprochen hatte. Beide schwiegen, als ob sie seine Worte nicht gehört hätten. Wollt Ihr den schweren Kasten sür das junge Ding, welches doch kaum mit dem Leben davon kommen wird, ausheben?" fuhr der Knecht mit leiserer Stimme sort, als befürchte er, daß die Wogen ihn hören könnten. Es lag in dem fast flüsternden Tone sei ner Stimme, in seinem verschmitzten Grin sen etwas Dämonisches. Er hatte freilich schon viel erlebt und wußte, daß die beiden Männer, die er kaum als seine Herren an erkannte, obschon er ihr Knecht war, vor einer Gewaltthat nicht zurückschreckten. Hier, mitten auf dem Meere, gab es keinen Zeugen außer ihm, und seine Zunge schwieg, weil er wußte, daß ihm Niemand so viel Genever und Rum geben werde, als der Vogt, und mehr verlangte er vom Le ben nicht mehr. Der Vogt wandte den Kopf zur Seite und blickte ihn finster an. Schweig ! rief er so heftig, daß Auste unwillkürlich erschreckt zurückfuhr. Er kannte diesen Blick des Vogtes und wußte, daß der geringste Wiederspruch den Zorn desselben zum Ausbruch bringen werde. Diesen Zorn aber fürchtete er. Jan hatte seine Bemühungen um die Bewußtlose fortgesetzt, endlich bewegte sie sich. E? hob ihren Kopf empor und flößte ihr einen Schluck Rum ein. Sie schlug die Augen auf und richtete sich langsam in die Höhe. Wo bin ich V fragte sie, sich ängstlich umblickend, denn die beiden harten Ge sichter der Männer waren wenig Zutrauen einflößend. Gerettet gab Jan zur Antwert. Und mein Vater?" fuhr die. Fremde fort. Jan schwieg und wandte unwillkürlich den Kops zur Seite, um nicht in die ängst lich blickenden und fragenden Augen sehen zu müffen. Und mein Vater?" wiederholte die Un glückliche. -Dort gab Jan zur Antwort und zeigte mit der Hand aus das wild bewegte Meer. Eine Stürzwelle. entriß ihn uns Das junge Mädchen stieß einen lauten und verzweiflungsvollen Schrei aus, dann sank sie wie leblos zurück. . . Dieser eine Schrei war für den Vogt wie ein Stich in die Brust, er klang ihm wie ein schwerer Vorwurf. Er sträubte sich dagegen und wollte ihn nicht in sich aufkommen lasten. Mach die Segel klar, sonst kehren wir selbst nicht zurück!" ruf er mit befehlender Stimme. Der Himmel war wieder düsterer gewor den und im Westeu stieg ein schweres Wetter auf, welches leicht einen neuen Sturm mit sich bringen konnte. Jan gehorchte , schweigend. Mit dem, Knechte wand der Vogt den Anker empor, dann trat er selbst an das Steuer. Die Rückfahrt war weniger ge sährlich, wenn sie die.Bucht erreichten, ehe das Wetter losbrach. . Setzt alle Segel auf !" rief er.
In weitem Bogen mußte das Schiff eine Sandbank umfahren, um zur Bucht zu ge langen, er hatte deshalb selbst das Steuer ergriffen, um diesen Bogen so weit als möglich abzuschneiden. Fast in gerader Richtung hielt er auf die Bucht zu. ' Jan schien sich nicht darum zu kümmern, er hatte sich wieder dem unglücklichen Mäd chen zugewandt. Kopfschüttelnd blickte Auste - auf den Bogt, er begriff die Unvorsichtigkeit, mit welcher derselbe auf die Sandbank zu steuerte, nicht. ' Wir werden auslausen sprach er. Schweig rief der Vogt mit rauhem Tone, ohne ihn anzublicken. Sein Auge war fest auf einen Punkt der Insel gerich tet, er wußte, daß er sich der Sandbank in äußerst gefährlicher Weise näherte, allein erkannte die Ausdehnung derselben genau und berechnete sicher den Wafferstand der erst vor kurzer Zeit eingetretenen Ebbe und den geringen Tiefgang des ungeladenen Bootes. Zu jeder anderen Zeit würde er der Gefahr, derer trotz alledem ausgesetzt war, auögewichen sein, jetzt schien ihm Alles daran zu liegen, die sichere Bucht möglichst bald zu erreichen. Und er erreichte sie. Schnell ließ er den Anker nieder. Das Einreffen .der Segel überließ er seinem Bruder und dem Knechte. Als ob er die Zeit des Landenö nicht erwarten könne, löste er das kleine Boot und zog es heran. Steigt hinabZ" befahl er dem Knechte und feinem Bruder. Dann erfaßte er die fast Leblose und ließ sie in das Boot hinab. Er selbst folgte ihr sofort. Den Kasten flüsterte Auste ihm zu, allein es traf ihn ein so finsterer und dro hender Blick des Vogteö, daß er schweigend daS Ruder ergriff. In wenigen Minuten näherten sie sich
dem Strande, wo Heinrich sie ewartete.
Das Boot konnte nicht bis zum Lande an lausen. Der Vogt sprang hinaus, das Waffer reichte ihm bis über die Kniee, allein er schien es kaum zu bemerken. Von Jan unterstützt, hob er die Unglückliche aus dem Boote, trug sie aus seinen Armen durch das Waffer aus den Strand und dann weiter dem Hause zu. Heinrich, deffen Auge mit Ueberraschung und Jntereffe auf den hübschen, bleicyen Zügen des hilflosen Mädchens ruhten, bot seine Unterstützung an. Der Vogt ant wartete nicht und schritt weiter, der starke Mann schien die Last kaum zu empfinden. Heinrich wandte sich Jan und dem Knechte zu, welche das Boot an den! Strand zogen. Wo ist der Mann, der auf dem Schiffe war?" fragte er. Jan zeigte schweigend auf das Meer. Ertrunken?" rief Heinrich. Seid ihr zu spät gekommen?" Eine Sturzwelle riß ihn fort," entgeg netc der-Knecht. Konntet ihr ihn nicht retten?" fuhr Heinrich sort. , Jan schüttelte schweigend mit dem Kopse. Er hat einen anderen Kurs eingeschlagen !" rief der Knecht, deffen starre Augen deutlich verriethen, wie viel er getrunken hatte. An der Insel wird er auch landen und ich denke heute noch ; die nächste Fluth wird ihn bringen, er bedarf keiner Hilfe mehr Unwillig wandte sich Heinrich von dem Rohen ab. Er begriff nicht, daß sein Va ter diesen halb stumpfsinnigen, boshaften Menschen, der fast jeden Tag betrunken war, in seinem Dienste behielt und seinem Laster nicht entgegentrat. Er hatte frei lich keine Ahnung davon, wie viel des Knechte? Zunge verrathen konnte. Der Vogt hatte die Fremde, bis in das Haus getragen und in dem Zimmer auf der Holzbank niedergelegt. Seine Frau und Tine empfingen die fast Ohnmächtige nicht mit freundlichen Blicken, an ihren bleichen Wangen sahen sie, wie sehr dieselbe der Hilfe bedürfte, und sie Hatten wenig Lust, eine Fremde zu pflegen. Es war für sie eine unangenehme Last, die ihnen auf gebürdet wurde. Das Zimmer war kalt, da das Kamin feuer keine Wärme verbreitete, die Hände der hilflos Daliegenden waren eisig kalt, ihre Kleidung war völlig durchnäßt. Der Vogt befahl, sie in eine der beiden Wand kojen in das Bett zu bringen. Die Vogtin blickte ihren Mann erstaunt an. Das ist Tine's Bett entgegnete sie. Sie vermochte den Gedanken kaum zu fasten, daß eine Fremde, , eine Schiffbrü chige, in dem Bette ihrer Tochter liegen sollte. Bringt sie in das Bett wiederholte der Vogt kurz. Durch den Einwurf und den Blick ihrer Mutter ermuthigt, trat Tine vor die. Koje hin. Hier hinein kommt keine Fremde!" rief sie und ihr unschönes Gesicht nahm einen noch härteren Avsdruck als gewöhnlich an. Des Vogtes Auge zuckte, seine buschigen Brauen zogen sich zusammen. Weshalb nicht?" fragte er, während sein Gesicht sich zu einem spöttischenLächeln verzog. Weil es mein Bett ist." entgegnete Tine trotzig. Von dieser Stunde an ist eö nicht mehr Dein Bett, Du wirst in ihm nicht wieder schlafen !" rief der Bogt und der Ton sei ner Stimme verrieth, daß es ihm ernst mit den Worten war. Klaas!" warf die Vogtin mahnend ein. Thut wie ich gesagt habe, bringt die Fremde in das Bett !" sprach der Vogt, jeder Einrede zuvorkommend. Dann verlieb er das Zimmer. Einen Augenblick lang blickten Tine und ihre Mutter sich erstaunt an .und preßten die Lippen erbittert aufeinander, sie wußten, daß sie gehorchen mußten,, denn wenn der Vogt auch überVieles gleichgültig hin weg sah und sich wenig um das kümmerte, was seine Frau und Tochter im. Hause thaten, was er anordnete, setzte er mit zä hem Trotze durch und wäre er darüber selbst zu Grunde gegangen. Schweigend begännen sie die Fremde auszukleiden und von dem naffen, kalten Zeuge zu befreien, sie brachten dieselbe in das Bett, allein von diesem Augenblicke an hatte das unglückliche bleiche Mädchen zwei erbitterte und unversöhnliche Feindinnen Ttne und ihre Mutter. Nach kurzer Zeit kehrte der Vogt in daS Zimmer zurück, gleich nach ihm traten Jan und Heinrich ein und warfen einen halb besorgten und halb neugierigen Blick auf das Bett, in welchem die Fremde mit ge schloffenen Augen lag. Tine und ihre Mutter saßen grollend am Feuer und starrten in die Flamme, über welcher der Keffel hing. Die Männer sprachen kein Wort. Es lag in dem Schweigen nach der gefahrvol len Fahrt etwas Düsteres und UnHeim lickes. Der Vogt trat zu der Fremden, welche regungslos dalag, die Hand derselben war noch immer kalt. Mach Thee !" befahl er seiner Frau. .Dieselbe gehorchte, wenn auch scheinbar sehr ungern und mürrisch. Der warme Trank schien der Unglückli
chen sehr wohl zu thun. DaS Leben kehrte langsam zurück, damit aber auch zugleich der Schmerz um den Tod ihres VaterS. Sie schluchzte heftig. Mehr als einmal blickte der Vogt halb ängstlich und halb besorgt nach dem Bette. Das Schluchzen hallte ihm laut im Ohr wieber, es klang ihm wie ein Vorwurf. Hatte er nicht den Tod deffen, um den das unglückliche Mädchen weinte, verschuldet? Derselbe hätte gerettet werden können, wenn er seinen Bruder nicht zurückgehalten hätte, ihm das Ruder zu reichen. Ein ihm bis dahin fremdes Gefühl pochte an seine Brust, er wäre gern an das Bett getreten und hätte der Weinenden ein beruhigendes Wort gesagt, allein er fürchtete sich, ihr in das Auge zu blicken. Komm sprach er zu seinem Bruder. Jan erhob sich, auch ihm schien es lieb zu sein, das Zimmer verlaffen zu können. Wohin wollt ihr?" fragte Heinrich.. An den Strand Ich werde mit Euch gehen Bleib hier entgegnete der Vogt und blickte zu der Weinenden. Gebt ihr etwas Rum in den Thee, damit sie erwärmt wird fügte er hinzu. Heinrich blieb. Er hatte denBlick seines Vaters verstanden, zugleich war ihm das finstere Gesicht seiner Mutter und Schwe ster nicht entgangen. Der Vogt und Jan gingen an den Strand, der mit denTrümmern des bereits halb vernichteten Schiffes reich gesegnet war, um diese Trümmer zu bergen. Kei ner von ihnen sprach ein Wort. Sie wird es kaum überwinden, daß sie ihren Vater verloren hat sprach Jan end lich. Der Vogt antwortete nicht. Er schritt in das Waffer, um eine angeschwemmte Kiste zu holen. Dieselbe war sür seine
Kräste fast zu schwer, dennoch versuchte er,' sie allein auf das Trockene zu bringen, nur um seinen Bruder nicht zu rufen, weil er aus deffen Worte nicht antworten mochte. Schweigend arbeiteten sie weiter. Sie fanden die Trümmer eines kleinen Bootes und zwei Todte am Strande, halb ängst lich näherten sie sich denselben, weil sie be fürchteten, den Leichnam des Kapitäns zu finden es waren zwei Matrosen, fremde Gesichter. Sie zogen die Todten näher an die Düne heran, wo die nächste Fluth sie nicht erreichen konnte. Was willst Du mit demKasten, der noch in demBoote steht, beginnen ?" fragte Jan endlich. Er ist dort gut aufgehoben gab der Vogt kurz zur Antwort. Soll ihn die Fremde daö Mädchen haben?" fuhr Jan fort. Sie hat das nächste Anrecht darauf." Der Vogt schwieg, zwei Gefühle kämpf ten in ihm. Er empfand Mitleid mit der Unglücklichen, seine Habsucht rief ihm zu, den Kasten, von dem außer seinem Bruder und Auste Niemand etwas wußte, zu be halten. Ich will erst sehen, was er bringt be gann er endlich. Wann sollen wir ihn holen ?" Er soll in demBnote bleiben, dort ist er sicher fuhr der Vogt fort. Heinrich darf nichts davon erfahren, denn der Jungehat sonderbare Ansichten. Er würde darauf dringen, daß ihn die Fremde erhalte. Es fragt sich ja, ob sie mit dem Leben davon kommt, wozu sollen denn Fremde bekom men, was wir gerettet haben. Wenn sie sich erholt, können wir immer noch thun. was wir wollen Jan nickte zustimmend mit dem Kopse, cr schien mit diesem Auswege ganz einver standen zu sein. Wann wollen wir den Kasten öffnen?" fragte er nach einiger Zeit. In der nächsten Nacht; auch Auste soll nichts davon erfahren lautete die Ant wort. , Die beidenMänner arbeiteten schweigend weiter. Es war kalt, dennoch schob der Vogt wiederholt den Hut empor, um den Schweiß von der Stirne zu wischen. Er hatte an dem, was das Meer an den Strand gespült, nicht die geringste Freude, er wandte sogar den Blick vom Meere ab. denn es war ihm, als ob er aus den Wel len zwei Arme nach Hülfe winkend empor ragen sehe, die des Kapitäns. Nach mehreren Stunden kehrten sie zum Hause zurück. Als sie in das Zimmer tra t?n, saß die Fremde aufrecht in dem Bette da, ihre großen blauen Augen waren fra gend und doch mit dem Ausdrucke unsag baren Schmerzes auf sie gerichtet. Der Vogt trat zu ihr. Haben Sie den Leichnam meines Va ters gesunden ?" sragte sie. Nein Ist eine Möglichkeit vorhanden, daß er gerettet ist?" forschte die Unglückliche wei ter. Klaas Aaken wagte nicht, zu antworten. denn er wußte, wie schmerzlich die Antwort in das Herz des Mädchens anschneiden werde. Verneinend schüttelte er mit dem Kopfe. ' O Gott, keineMöglichkeit ! Also todttodt!" rief die Fremde verzweiflungsvoll und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Wie ein Angeklagter stand der Vogt mi halb gesenktem Kopfe da, der Ruf dieses Mädchens durchzuckte ihn. Er. wollte sich emporraffen und gegen die Schwäche, die ihn überkam, wappnen, sein hartes Herz hatte ja nie Mitleid empfunden, sobald er indeffen den Blick aus die zarte Gestalt deö
MödchenS richtete, war feine Kraft wieder
geschwunden. Er erfaßte ihre' Hand und zog sie langsam von den weinenden Augen nieder, er rückte einen. Schemel an dasBett und setzte sich. Die Fremde, welche kaum zwanzigJahre zählen konnte, nannte ihren Namen,.sie hieß' Marie Wybrand. Unter Thränen und durch ihre Schwäche häufig unterbrochen, erzählte fie.daß das gescheiterteSchiff Eigenthum ihresVaterö gewesen sei. Seit dem sie vor zwei Jahren ihre Mutter ver loren, habe sie ihren Vater, deffen einziges Kind sie gewesen sei und der mit unsagba rer Lttbe an ihr gehangen, auf allen seinen Fahrten begleitet. Er habe in New York auf eigene Rechnung eine Ladung Getreide aufgenommen, um sie nach Deutschland zu bringen. Er habe ihr. gesagt, daß dieses seine letzte Fahrt sein solle, er wolle die La dung und sein Schiff, welches schon sehr alt sei, daS er aber doch noch für sehr tüchtig' gehalten habe, 'verkaufen und sich dann mit lhr in irgend einer Stadt'an der Nordsee niederlassen, um den Rest seines Lebens in Ruhe hinzubringen. Die Ueber fahrt sei eine glückliche gewesen, erst im Kanäle habe ihn der Sturm überrascht. Die Labung sei für Emden bestimmt ge wesen. Zwei Tage lang habe er in der See gekreuzt, weil ihm die Gefahr der Sandbänke beim Einlaufen in. die EmS wohl bekannt gewesen sei. In demSturm sei das Schiff leck geworden und habe ihn genöthigt, sobald als möglich einen Hasen zu erreichen. Er habe sich entschlossen, , trotz des Sturmes und trotzdem kein Loot. senboot sich habe blicken laffen, in die EmS einzulaufen. Ein Mast sei von dem Sturme sortgeriffen worden und das habe die Leitung des ohnehin lecken Schiffes noch erschwert. Er sei mit dem Fahrwaffer vertraut gewesen, der Leuchtthurm auf Borkum habe ihm als Wegweiser gedient. Die Nacht sei hereingebrochen. Trotz des Sturmes habe er seit zwei. Tagen das Steuer selbst geführt. Da habe er rechts ein zweites Licht erblickt, und in dcmGlau ben, daß es das Licht eines Feuerschiffes sei, habe er den Kurs mehr rechts gehalten. Da sei das Schiff auf dem Riffe aufgclau fen und von dem Sturme getrieben so hef tig. daß es stch sofort mit Waffer gefüllt habe. Daß das Schiff verloren sei, dar über sei er keinen Augenblick im Zweisel gewesen, er habe an den Verlust desselben kaum gedacht, sondern sei nur auf ihre Rettung bedacht gewesen. Die Bedienung, fünf Matrosen, hätten, sobald das Schiff aufgelaufen sei, nicht länger an derPumpe Stand gehalten, sondern seien in wilder Hast auf das Boot zugestürzt, um sich zu retten. Sie hätten vor dem Hereinbrechen des Abends die Insel gesehen und die feste Hoffnung gehegt, dieselbe zu erreichen. Ihr Vater sei entschloffen gewesen, auf dem Schiffe auszuharren, er habe die Ueber zeugung gehabt, daß es bis zum Morgen aushalte und dann gerettet werde. Er habe dies den Matrosen vorgestellt, allein die Furcht habe ste taub gemacht, sie hät ten sich in dem schwachen Boote der sturmischen See anvertraut. Sie sei allein mit ihrem Vater auf dem Schiffe zurückge blieben. Daffelbe habe sich schnell'völlig mit Wasser angefüllt. Um auf dem Decke den Sturzwellen widerstehen zu können, habe ihr Vater, sie und sich selbst an den Rest des gebrochenenMastes fest gebunden. So hätten sie die lange.Nacht in unsagba rer Angst verbracht. Woge auf Woge habe sich über sie ergoffen und bei jedem Anprall derselben sei daS Schiff erzittert und habe gedroht, völlig vernichtet zu wer den. Um sie gegen die Kälte des WafferS und vor Erstarren zu schützen, habe ihr Vater sie fest an sich gepreßt und fortwäh rend ihre Stirn und ihre Hände gerieben. Sie habe die Furcht vor dem Tode verlo ren gehabt und denselben herbeigewünscht, nur um von den Qualen erlöst zu werden. Da sei endlich der neue Tag hereingebro chen, er habe sie die nahe Insel erkennen lassen und der schwache Lebensfunke sei wieder angesacht. Sie hätten mit angst. lich pochendem Herzen das Boot zu ihrer Rettung nahen sehen, da Sie sank, laut schluchzend in daS Bett zurück und war nicht im Stande, weiter zu erzählen, und sie brauchte auch nichts mehr zusagen, denn was nun geschehen war, hatte der Vogt ja selbst erlebt und er sah vor sich das erstarrte, blaffe Gesicht des Kapitäns, er sah deffen Augen, er hörte deffen Stimme, mit der er ihn bat, zuerst seine Tochter zu retten, er sah ihn dann von der Sturzwelle seinen Händen entris sen in demMeere untergehen weiter wagte sich selbst seine Erinnerung nicht. Er strich mit der harten Hand über die Stirne hin, als könne er dadurch ein Bild verwischen, welches sich ihm fest, fest.eingegraben hatte. ' (Fortsejung folgt.) , M and II0TI0IIS, Wholesale and Hetail Unser Waarenlager ist ganz neu aForttrt und erhalte vi? täglich neue Qaarev. zu niedrigere Preisen als je zuvor. Clias.. Hayer & Co., 20
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